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06.07.2012 - TOURISMUS
Von Flöhen verzehrt, von Wirten übers Ohr gehauen
Italien als Traum und als Wirktlichkeit - die "Grand Tour" und ihre Kehrseite
von Josef Tutsch
 | | Vesuv-Ausbruch 1760/61
Radierung nach Zeichung
von Pietro Fabri
Bild: Wikipedia
| | | "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn? Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht ..." Seit Jahrhunderten sind Millionen von Mitteleuropäern über die Alpen nach Italien gezogen, viele von ihnen mit Goethes Versen auf den Lippen. Aber mit Sehnsuchtszielen ist das so eine Sache ... "Reise nur nicht Anfang August", empfahl Heinrich Heine den Lesern seiner "Reisebilder" 1829, "wo man des Tags von der Sonne gebraten und des Nachts von den Flöhen verzehrt wird." 1834 widmete der Berliner Schriftsteller Gustav Nicolai diesem Kontrast ein zweibändiges Buch. Er gab seinem Reisebericht "Italien, wie es wirklich ist" den Untertitel "Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen".
Italien, wie es "wirklich" war, wurde für viele Reisende im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zum Ort einer großen Desillusionierung – das zeigt der Sammelband, den jetzt die Kunst- und Architekturhistoriker Joseph Imorde, Universität Siegen, und Erik Wegerhoff, Technische Universität München, herausgebracht haben. Passend zu dieser Neuveröffentlichung hat der Verlag Wagenbach eine Studie neu herausgebracht, die der italienische Anglist Attilio Brllli in den 1990er Jahren über die "Grand Tour" erstellt hat – die Sitte der Adels- und Bürgersöhne aus dem nördlichen Europa, eine Bildungsreise nach Italien zu absolvieren.
Der Brauch kam zunächst in der englischen Aristokratie des 16. Jahrhunderts auf. Zweck war es, dass sich die jungen Leute in der Fremde in die höfischen Sitten einübten und mit den Standesgenossen auf dem europäischen Kontinent in Kontakt traten, ganz allgemein die "Welt" kennen lernten und jene Stätten wirklich zu sehen bekamen, die man sonst aus den antiken Schriftstellern kannte. Der Ablauf der Tour, stellt Brilli fest, blieb Jahrhunderte lang gleich. In einem der Häfen am Ärmelkanal schiffte man sich ein, möglicherweise sogar mit eigener Kutsche. Nach einem Aufenthalt in Paris oder Versailles ging die Route über Lyon an die provenzalische Mittelmeerküste, wo man sich nach Italien einschiffen konnte. Oder manche nahmen ihren Weg über die Schweizer Alpenpässe.
Es war sozusagen Pflicht, zu Weihnachten oder zu Ostern in Rom zu sein, um die Feierlichkeiten am päpstlichen Hof mit zu erleben – für die jungen Engländer, die in der Regel ja Anglikaner waren, die Gelegenheit, eine fremde – und wohl auch als befremdlich erlebte – religiöse Welt zu studieren. Zwischen Weihnachten und Ostern freilich lockte der Karneval in Venedig ... Die Grand Tour diente den Jugendlichen, je nachdem wie die Eltern dazu standen, eben auch dazu, sich in fleischlichen "Sünden" zu erproben. Von Rom aus reisten viele noch weiter nach Neapel und manchmal – damals ein großes Abenteuer – nach Sizilien. Auf der Rückfahrt besuchte man noch die eine oder andere Residenz in Österreich und Deutschland sowie die Niederlande. Sowohl die Schweizer Alpen als auch der romantische Rhein verdanken ihre Beliebtheit seit dem 18. Jahrhundert vor allem diesen reisenden Engländern.
Natürlich fanden die englischen Aristokraten ebenso wie ihre späteren Nachahmer aus Frankreich und Deutschland Unterkunft bei den italienischen Standesgenossen. Unannehmlichkeiten gab es dennoch. Die Reiseratgeber, berichtet Brilli, empfahlen, unterwegs immer geladene Pistolen in Reichweite mitzuführen, zum Schutz gegen die Straßenräuber. Als die Mode der "Grand Tour" im 18. Jahrhundert auch in nicht ganz so gut betuchten Kreisen Verbreitung fand, werden sich die Probleme gehäuft haben. "Dreckige Laken" haben Imorde und Wegerhoff ihren Sammelband überschrieben, und tatsächlich, die Klage über den Schmutz in den Herbergen durchklingt wie ein cantus firmus die Reiseberichte.
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"Bear-leader", Karikatur von Pier Leone Ghezzi über englischen Rei- senden und ihre Hauslehrer, 1725 Bild: Wikipedia
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Und dann der nächtliche Lärm in den Städten und die allgegenwärtige Gefahr, übers Ohr gehauen zu werden ... "Angeekelt", schreiben Imorde und Wegerhoff, schauten die Touristen auf das Italien und die Italiener ihrer Gegenwart – und standen zugleich in größter Andacht vor den Zeugen der Vergangenheit. Gut möglich, dass die Unannehmlichkeiten des Reisealltags in den Berichten, die sie nach der Heimkehr veröffentlichten, noch kräftig übertrieben wurden, eben um das "Opfer", das man mit der Bildungsreise brachte, um so strahlender ins Licht zu setzen. Die Desillusionierung steigerte sich, als viele Intellektuelle aus dem westlichen Europa in den 1830er Jahren am Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken teilnahmen. Die Nachfahren Homers und Platons könnten weder lesen noch schreiben, notierte der entsetzte Fürst von Pückler-Muskau.
Besonders ärgerlich: Die Fremdenführer, denen die Reisenden sich anvertrauen mussten. Der Kunsthistoriker Fritz Emslander zitiert eine ganze Reihe von Quellen, in denen diese "ciceroni" als ebenso unwissend wie geschwätzig erscheinen. Und als geldgierig ohnehin. An einem Kratersee bei Neapel wurde den Besuchern ein wahrhaftiges "Wunder" präsentiert: Der Führer setzte einen Hund in eine Grotte und ließ ihn in den Gasen dort ersticken – bis er, in den See geworfen, wieder zum Leben erwachte. Empfindsame Reisende bezahlten die Führer für die Unterlassung des grausamen Experiments. Irgendwann sickerte dann durch, dass die Hunde geschickt dressiert waren.
Was suchten die Bildungsreisenden in Italien? Sie wollten nachsehen, ob noch alles vorhanden sei, was die Reisebücher als merkwürdig erwähnten, schrieb Heinrich Heine ironisch. In den Worten der Germanistin Uta Schürmann: Sie verhielten sich als "Besucher eines Museums". "Vor allem die sakralen Bauten wurden ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt", sie wurden aus ihren realen Bezügen gelöst und "durch die Brille der Bildung" betrachtet. Oder eigentlich: durch das, was die Reisehandbücher als Bildung vorgaben.
Man kann fragen, ob sich diese "Musealisierung" überhaupt hätte vermeiden lassen. Man sieht nur, was man weiß, lautet ein beliebter Spruch, der die Notwendigkeit begründen soll, eine Reise durch Lektüre vorzubereiten. Die Bildungsreisenden damals waren auf die Hinterlassenschaften des klassischen Altertums sehr gut vorbereitet, auch auf die Zeugnisse der Renaissance, auf das Italien der Gegenwart dagegen gar nicht. Goethes "Italienische Reise" erweckt den Eindruck, dass der Dichter das, was ihm nicht gefiel, schlicht mit Desinteresse bedachte. Als Charles Dickens ein halbes Jahrhundert später ebenfalls Rom besuchte, ging diese Strategie nicht mehr auf; vielleicht war die Imagination des Altertums nicht mehr lebendig genug, um die Gegenwart zu überspielen. Die Stadt erschien Dickens als "ein Haufen Ruinen", überfüllt mit lärmenden Bewohnern und dummen Besuchern.
Vor allem die italienische Form des Katholizismus erregte bei den oft protestantischen Besuchern Befremden. Die Literaturhistorikerin Charlotte Kurbjuhn zitiert die "Briefe über Kalabrien und Sizilien" von Johann Heinrich Bartels, 1786, der sich in Messina über "ein Verzerren aller Gesichtsmuskeln, ein Aufsperren und Verdrehen der Augen, ein leidenschaftliches Stöhnen" bei diesen Andachtsübungen mokierte. Dabei "lag mehr Physisches zugrunde, als man vielleicht glaubt", schrieb Bartels – verdrängte Sexualität, würde man heute sagen. Vollends das Blutwunder des hl. Januarius in Neapel, die regelmäßige Verflüssigung einer Blutreliquie, motivierte manche Reisenden, in ihren späteren Berichten eine Art Kulturkampf auszutragen.
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Das Forum Romanum 1787, vor den Aus- grabungen, von Albert Christoph Dies (Niedersächs. Landesmuseum, Hannover) Bild: Wikipedia
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Statt als ärgerlich oder lächerlich konnte diese fremde Welt aber auch als malerisch, als "pittoresk" empfunden werden. Etwa seit den 1770er oder 1780er Jahren, darauf wies bereits Attilio Brilli hin, wich das aufklärerische Bedürfnis, überall in der Welt die eine, einheitliche Menschennatur zu entdecken, der anderen Tendenz, das Fremde gerade in seiner Fremdheit zu würdigen, auch wenn man selbst sie kaum nachvollziehen konnte. Zum Beispiel das Forum Romanum mitten in Rom, einstmals das politische Zentrum der Mittelmeerwelt. Was die Reisenden dort wirklich fanden, war eine Kuhweide, die noch sichtbaren Ruinen mit christlichen Kirchen überbaut. Aber der Schriftsteller Karl Philipp Moritz schwärmte, nichts sei "reizender als der Anblick dieser Ruinen". Wegerhoff: "Die Größe der Vergangenheit diente immer öfter nur mehr als Kontrast, durch den die malerischen Qualitäten des Ruinenfelds umso deutlicher zum Ausdruck kamen".
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es mit dem malerischen Campo Vaccino bald danach zu Ende ging. 1800 begannen die systematischen Ausgrabungen; es entstand das Ruinengelände, wie es sich heute den Reisenden darstellt. Für viele Reisende wird es ein weiterer Anlass zur Enttäuschung gewesen sein: Was zu sehen war, konnte mit den mehr oder weniger phantasievollen Rekonstruktionen, die man aus Büchern kannte, nicht mithalten. 1833 fasste Gustav Nicolai seine Unzufriedenheit mit dem Italien der Gegenwart in einer langen Tirade zusammen: "Die Zudringlichkeit der Bettler, das täglich sich mehrmals wiederholende Abfordern der Pässe und der Zahlungen dafür, die Habsucht der Menschen überhaupt, die scheußlichen Speise, der Unflat, die Scharen von Flöhen und anderem Ungeziefer, die schlechten Lagerstätten ..."
Das 19. Jahrhundert erscheint im Rückblick als eine Epoche des immer wachsenden kulturellen Hochmuts der Deutschen gegenüber Italien. Bereits Wilhelm von Humboldt, der einige Jahre als preußischer Gesandter in Rom lebte, war nach eigenem Geständnis von Kunst und Altertum derart absorbiert, dass ihm die Anwesenheit von Römern in der Stadt kaum bewusst wurde. Ende des 19. Jahrhunderts rechtfertigte der Generaldirektor der Berliner Museen, Wilhelm Bode, seine Sammeltätigkeit in Italien – Imorde spricht von "Beutezügen" – mit dem Argument, die Kunstwerke müssten vor der ignoranten Bevölkerung in Sicherheit gebracht werden.
Der Kulturanthropologe Ludwig Woltmann ging 1905 noch einen Schritt weiter: Alle italienischen Genies von Giotto und Dante über Leonardo, Michelangelo, Raffael und Tizian bis zu Verdi seien "Germanen" gewesen, die italienische Kultur eine "eigenartige Leistung der eingewanderten germanischen Rasse". Für die nachrömische Zeit, resümiert Imorde, glaubten viele deutsche Reisenden der Jahrhundertwende, in Italien die großen kulturellen Leistungen der eigenen Kultur zu finden – verwaltet freilich von Schurken, die ihren Lebensunterhalt damit bestritten, Reisenden das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Neu auf dem Büchermarkt: Dreckige Laken. Die Kehrseite der ‚Grand Tour’, herausgegeben von Joseph Imorde und Erik Wegerhoff, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012, 12,90 € Attilio Brilli: Als Reisen eine Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: Die ‚Grand Tour’ Wagenbach Verlag, Berlin 1997/2012, 12,90 €
Mehr im Internet: Grand Tour - Wikipedia scienzz artikel Tourismus
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. |
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