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10.07.2012 - GESCHICHTE/POLITIK

Alternative zu Handwerk, Ackerbau und Fischfang

Piraterie und ihre Bekämpfung - von Odysseus bis zur Operation "Atalanta"

von Josef Tutsch

 
 

Piratenflagge mit Totenkopf
Bild: 4028mdk09/Wikipedia

"Noch nie bin ich so unentschieden gewesen; ein Augenblick, eine Kleinigkeit mag entscheiden." Goethe war sich, nachdem er im Februar 1787 Neapel erreicht hatte, unschlüssig: Sollte er nach Sizilien weiterreisen? Oder von Neapel gleich nach Rom zurück? Die Insel lockte ihn unwiderstehlich, sie galt als Ersatz für das damals noch viel schwerer erreichbare Griechenland. Aber es gab da ein Risiko: Regelmäßig wurden die Schiffe zwischen Neapel und Palermo von nordafrikanischen Piraten gekapert, Besatzung und Passagiere in die Sklaverei verschleppt.

Goethe in die Sklaverei verkauft ... Der Dichter wird erleichtert gewesen sein, als er wieder in Neapel zurück war. Ein Vierteljahrhundert später kursierte auf dem Wiener Kongress die Zahl von angeblich 50.000 Europäern, die jenseits des Mittelmeers als Sklaven gehalten würden; zu einer gemeinsamen Aktion der europäischen Staaten kam es jedoch nicht. 1817 tauchten algerische Piraten sogar an der Nordseeküste auf. Hamburger Kaufleute gründeten einen "Antipiratischen Verein", um mit privaten Mitteln Kriegsschiffen auszurüsten, die den Handel zur See schützen sollten.

Piraterie – ein Phänomen, das wahrscheinlich ebenso alt ist wie die Seefahrt selbst. In Roman, Oper und Film wird es romantisiert – von Gioacchino Rossinis "Italienerin in Algier" über Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" bis zu "Fluch der Karibik", bislang vier Teile, mit Johnny Depp; in Deutschland und in Österreich hat sich eine Partei den Namen "Piraten" zugelegt. Aber die Lage am Horn von Afrika hat uns bewusst gemacht, dass Verklärung da völlig fehlgeht. 2008 sah sich die Europäische Union veranlasst, auf der Grundlage einer UN-Resolution mit einer Marineoperation gegen die Piraterie vor der somalischen Küste vorzugehen. Die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg nahm die EU-Aktion zum Anlass, das Phänomen Piraterie in einer Vorlesungsreihe zu behandeln. Die Beiträge sind jetzt als Sammelband erschienen.

"Atalanta" benannte die EU ihre Operation. Der Name spielt auf eine Episode aus dem Peloponnesischen Krieg an. 431/430 vor Christus, berichtet der Historiker Thukydides, wurde die bis dahin unbewohnte Insel Atalante in der Ägäis von den Athenern zu einer Festung ausgebaut: "Zweck war es, zu verhindern, dass Seeräuber Plünderungsoperationen gegen die Insel Euboia unternehmen." Eine quasi polizeiliche Maßnahme? Tatsächlich, schreibt der Althistoriker Burkhard Meißner von der Bundeswehr-Hochschule in Hamburg in seinem Beitrag zum Sammelband, verpflichtete Athen immer wieder andere Städte, ihre Häfen für Piraten zu sperren.

Allerdings – Piraten, das waren immer nur die anderen; immer wieder nutzten die griechischen Stadtstaaten Seeräuber als eine Art von Hilfstruppen. Bereits dem Historiker Thukydides fiel aber auf, dass sich die Verhältnisse gegenüber der frühgriechischen Welt, wie sie Homer etwa in seiner "Odyssee" schilderte, verändert hatten. Damals sei der Beruf des Piraten "noch nicht stigmatisiert worden, sondern verschaffte im Gegenteil nicht geringes Ansehen". Meißner: "Die Tätigkeit des Seeräubers stellte tatsächlich eine Alternative zu der des Ackerbauern oder Handwerkers dar."

Piratenromantik: Tyrone Power und Mau-
reen O' Hara in "The Black Swan"
Bild: Trailer screenshot /Wikipedia

Oder zu der des Fischers, würden manche Einwohner am Horn von Afrika wohl ergänzen. Ähnliche Umstände spiegeln sich in den isländischen Sagas des hohen Mittelalters wider. Der Schifffahrtshistoriker Detlef Ellmers zitiert einen Bericht über einen Wikinger-Häuptling auf den Orkneys: "Den Winter über verbrachte er zu Hause, wo er um die achtzig Leute auf seine Kosten unterhielt". Auf "seine" Kosten ... Dass er die Grundlagen hierfür in den Sommermonaten durch Seeräuberei erbeutet hatte, erregte keinen Anstoß. Nicht dass die Wikinger damals zwischen Handel und Piraterie gar keinen Unterschied gezogen hätten. Aber es war bloß eine Unterscheidung verschiedener Rollen, in die man schlüpfen konnte. Aus der berühmten "Egils Saga": "Er war ein großer Seefahrer, mal auf Wikingerzug, mal auf Kauffahrt."

Es hat andere Regionen und Epochen gegeben, in denen Piraterie beinahe unmöglich war, zumindest allgemein als verbrecherisch angesehen wurde. Zum Beispiel die Mittelmeerwelt etwa vom 1. Jahrhundert vor bis zum 3. Jahrhundert nach Christus: Mit dem römischen Reich hatte sich ein einziger politischer Akteur durchgesetzt, der alle Konkurrenten mit dem Stigma der Illegitimät belegte. Ganz unproblematisch steht es mit dieser Wertung freilich nicht. Der Kirchenvater Augustinus hat die Anekdote von der Begegnung zwischen Alexander dem Große und einem inhaftierten Seeräuber überliefert. Auf den Vorwurf, er mache das Meer unsicher, antwortet der Pirat: "Weil ich’s mit einem kleinen Fahrzeug tue, heiße ich Räuber. Du tust’s mit einer großen Flotte und heißt Imperator."

Ihr "goldenes Zeitalter" hatte die Seeräuberei um 1700. Von den Regierungen in Paris, Amsterdam und London, berichtet der Historiker Michael Kempe, erhielten Privatunternehmer Kaperbriefe, die sie vor allem gegen spanische Schiffe einsetzten. Von Neufundland bis Indonesien, mit Schwerpunkten in der Karibik und um Madagaskar, konnten die Piraten zeitweise eine ganz eigene weltumspannende Ökonomie ausbilden. Nach ihrer eigenen Etablierung als Kolonialmächte jedoch begannen Franzosen, Holländer und Engländer selbst damit, die Piraterie zu bekämpfen. Treibende Kraft für diesen Umschwung, so Kempe, war zunächst allerdings nicht eine der europäischen Nationen, sondern das indische Mogulreich, das von den Engländern forderte, seinen Handel im Indischen Ozean zu schützen, und dafür Handelsprivilegien bot. Die Piraten, schreibt Kempe, gefährdeten auf Dauer die wirtschaftlichen Interessen Englands in Ostindien.

Selbst in Europa, stellen die Herausgeber des Sammelbandes, Sabine Todt und Volker Grieb, fest, wurde Piraterie bis ins 19. Jahrhundert auch von den Regierungen gern praktiziert und nur bei anderen verurteilt. 1813 noch brachte Dänemark ein "Patent betreffend die Kaperfahrt" heraus. Todt und Grieb: "Piratische Aktivitäten wurden bewusst als staatlich legitimiertes Kriegsinstrument eingesetzt."

Recht oder Unrecht, bloß eine Frage der Perspektive? Mephisto in Goethes "Faust" will es so sehen. "Man hat Gewalt, so hat man Recht ... Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen." Todt und Grieb machen darauf aufmerksam, dass gerade zu jener Zeit, als Goethe diese Verse schrieb, der Kampf der seefahrenden Nationen in Europa gegen die sogenannten "Barbaresken", die Piratenstaaten des Maghreb, seinen Höhepunkt erreichte. 1830 entsandte Frankreich seine Kriegsflotte nach Algier. Damit griff Paris der Entwicklung des Völkerrechts allerdings weit voraus. Erst 1856 wurde durch eine Seerechtsdeklaration die Kaperei allgemein geächtet.

Spanische Fregatte "Victoria" als Geleit-
schiff bei der "Atalanta"-Operation 
Bild: Hagen von Eitzen/Wikipedia

Und heute? Seit einigen Jahren gibt es in einem Winkel der Welt, am Horn von Afrika, eine Art "Renaissance" der Piraterie. Die Ursache ist leicht zu sehen: eine "Kombination von Armut und fehlender Rechtsdurchsetzung", schreibt der Rechts-wissenschaftler Andreas von Arnauld. Dabei, so Arnauld, sei die Armut durch den internationalen Handel durchaus mitbedingt: Ausländische Trawler hätten den einheimischen Fischern ihre Existenzgrundlage genommen. Dass es in dieser Region zur Zeit so etwas wie Staatlichkeit nicht gibt, eröffnet die Möglichkeit, auf anderem Wege zu Geld zu kommen.

Vermutlich trifft das, was der Historiker Stephan Selzer für die Piraten des späten Mittelalters an Nord- und Ostsee feststellt, ja ganz allgemein zu: "Nicht aus perverser Gewaltlust oder sozialer Ideologie, auch nicht für König, Volk oder Nation übten sie das Gewalthandwerk aus, sondern um des ökonomischen Gewinns willen." Oder, darf man hinzufügen, aus materieller Not – auch unter Piraten wird es immer die wenigen Reichen gegeben haben und jene vielen anderen, die kaum ihr eigenes Leben fristen konnten.

Das ändert nichts daran, dass es sich, vom Standpunkt des Rechtssystems her betrachtet, um Verbrecher handelt. Stellt die Operation "Atalanta" eine vertretbare und sinnvolle Antwort dar? Die Beiträge in dem Sammelband bleiben ausgerechnet in diesem Punkt eher zurückhaltend. Der evangelische Sozialehtiker Volker Stümke kommt zu dem Schluss, der militärische Kampf gegen Piraten sei "legitim, sofern er das geringere Übel darstellt", fügt jedoch gleich eine Einschränkung an: "Die Operation Atalanta scheint nur die eigenen Interessen der europäischen Akteure zu vertreten"; legitim wäre der Einsatz im Grunde aber nur dann, "wenn er ein Baustein zur nachhaltigen Stabilisierung Somalias wäre". "Solange die Bevölkerung die Warlords und die Piraten als geringeres Übel oder als einzige Chance auf einen hinreichend gesicherten Lebensunterhalt ansieht, wird ein militärischer Einsatz kaum erfolgreich sein."

Sehr plausibel, aber diese Aussage wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Wie bewerkstelligt man das – die "Stabilisierung Somalias"? Jene fatale "Kombination von Armut und fehlender Rechtsdurchsetzung" müsste aufgebrochen werden; Arnauld spricht etwas vage von einer "Stärkung lokaler Strukturen", die effektiver sein könnten als eine – zur Zeit vermutlich illusorische – zentrale Staatsgewalt. Aber selbst wenn man langfristig eine solche Entwicklung annimmt – die Frage, wie man heute mit den Piraterieaktionen der Gegenwart umgehen soll, bliebe damit immer noch offen.

Gibt es nach fast vier Jahren eigentlich eine Erfolgsbilanz von "Atalanta"? Also verlässliche Angaben, inwieweit die Überfälle infolge der Operation zurückgegangen sind? Bekannt ist, dass die betroffenen Firmen abseits der Öffentlichkeit für Besatzungsmitglieder und Passagiere auch weiterhin hohe Lösegelder zahlen. Das ist aus humanitären Gründen im Einzelfall zweifellos unvermeidlich, und Stümke vermag dem sogar einen weiteren positiven Aspekt abzugewinnen: die Piraten würden damit für das Wirtschaftswachstum in Somalia sorgen. Eine Ökonomie der Erpressung, wenn man so will. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben. Nicht nur, dass der Erfolg zu weiteren Erpressungen motiviert – die erbeuteten Gelder werden nicht zuletzt in Waffen investiert.


Neu auf dem Büchermarkt:
Piraterie von der Antike bis zur Gegenwart,
herausgegeben von Volker Grieb und Sabine Todt, unter Mitarbeit von Sünje Prühlen,
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-515-10138-7, 59,- € [D], 60,70 € [A], 82,60 sFr


Mehr im Internet:
Piraterie - Wikipedia 
scienzz artikel Gewalt


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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