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18.07.2012 - ARCHITEKTUR

Leuchttürme in der Stadt

Von Medina bis Köln - vierzehn Jahrhunderte Moscheenbau

von Josef Tutsch

 
 

Minarett der "Blauen Moschee" in
Istanbul
Bild: Giov. Dall'Orto/Wikipedia

"Der Bau von Minaretten ist verboten." Im November 2009 wurde dieser Satz durch eine Volksinitiative der Schweizer Bundesverfassung hinzugefügt. Die Juristen streiten sich, ob dieses Verbot die Religionsfreiheit, die in den internationalen Menschenrechtspakten festgelegt ist, unangemessen einschränkt. Wörtlich genommen betrifft der Satz ja nicht die Religionsausübung selbst, sondern "nur" die Möglichkeit der muslimischen Gemeinschaften, mit den Türmen, wie sie traditionell zu einer Moschee dazugehören, im Stadtbild Präsenz zu zeigen. Und dann natürlich auch die Möglichkeit, durch den Ruf der Muezzine von den Minaretten herab zum Gebet aufzurufen.

Architektur hat ihre politische Seite, das gilt auch für Bauten mit religiösem Zweck, erst recht dann, wenn die Religion, die da bauen will, von großen Teilen der Bevölkerung irgendwie als "fremd" empfunden wird. Die Bewohner des Orients werden das nicht anders gesehen haben, als Europäer vor einem halben Jahrtausend dort die ersten christlichen Kirchen errichteten. Zum Glück kann Fremdheit ja auch neugierig machen. Lorenz Korn, Professor für Islamische Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Bamberg, hat jetzt eine kleine Architekturgeschichte der Moschee vorgelegt. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen, dass die Neubauprojekte für Moscheen in den nächsten Jahrzehnten in Mitteleuropa zunehmen werden.

Und die Minarette sind zweifellos die auffälligsten Elemente einer Moschee. Freilich – sie sind erst im Verlauf der Architekturgeschichte hinzugekommen; im Koran ist davon nicht die Rede. Aus der Heiligen Schrift des Islams, betont Korn, gehen drei Erfordernisse für einen Moscheebau hervor: eine klare Abgrenzung des Raums gegenüber der Umgebung, die Ausrichtung nach Mekka und eine Waschmöglichkeit für die Betenden, um die rituelle Reinheit zu gewährleisten. Aus den literarischen Quellen lässt sich die Moschee rekonstruieren, die Mohammed selbst in den 620er Jahren in der Oase von Medina errichtete. Es war ein quadratischer Hof von etwa 54 Meter Seitenlänge, mit einem Schattendach, das die Betenden vor der Sonne schützte. In dem Komplex hatte der Prophet auch seine Wohnung.

Vielleicht zwei Generationen nach Mohammeds Tod wurde diese erste aller Moscheen mit Ecktürmen ausgestattet. Welche antiken Türme als Vorbilder gedient haben könnten, ist unklar; Korn vermutet, dass die architektonische Gestaltung vor allem durch die Leuchttürme beeinflusst wurde, zum Beispiel den Pharos von Alexandria, den berühmtesten Turm der antiken Welt. "Die Funktion des Minaretts war von der eines Leuchtturms nicht sehr verschieden: Es zeigte weithin den Standort einer Großen Moschee an." "Vor allem aber wurde der Ort, an dem es sich erhob, als Herrschaftsgebiet des Islam gekennzeichnet."

Wann Mondsicheln oder eine Kombination von Mondsichel und Stern als Minarettbekrönung aufkamen, lässt sich ebenfalls nicht mehr klären. Den rituellen Bedürfnissen kamen diese Türme jedenfalls entgegen: Die Gebetsrufer erhielten einen Ort, von dem aus ihre Stimme weit in die Umgebung schallen konnte – ein Umstand, der mit zum Erfolg jener Schweizer Volksinitiative beigetragen haben mag. Korn berichtet, dass man sich manchmal auch mit einer Plattform auf dem Moscheedach behalf. Viele kleine Moscheen, etwa in den Hinterhöfen mitteleuropäischer Städte, kommen bis heute ohne große Minarette aus und fallen im Stadtbild nicht weiter auf.

Hof der Großen Moschee von Kairouan
Bild: Vince Crawley/Wikipedia

Die beiden bekanntesten Sakralbauten der islamischen Welt, die Kaaba in Mekka und der Felsendom in Jerusalem, sind übrigens keine Moscheen; sie dienen nicht dem vom Koran vorgeschriebenen Freitagsgebet und kommen also ohne Minarette aus. Unnötig zu sagen, dass die Kalifen und Sultane in den Türmen das geeignete Mittel herrschaftlicher Repräsentation fanden. Istanbul, die Hauptstadt des ehemaligen Osmanischen Reiches, verdankt seine eindrucksvolle Silhouette vor allem den vielen Minaretten. Vom religiösen Zweck der Moschee her sind zwei Elemente im Innern aber eigentlich viel bedeutsamer: der erhöhte Platz für den Vorbeter, eine Art Thronsitz oder Lesekanzel, und die Gebetsnische in Richtung Mekka.

Die Deutung dieser Nische ist umstritten. In der hellenistisch-römischen Welt standen Götter-, Heroen- oder Kaiserstatuen in solchen Nischen; in jüdischen Synagogen wurden die Thora-Rollen darin aufbewahrt. Korn meint, den Sinn der Nische in einem Koranvers zu finden: Das Licht Gottes sei "mit einer Nische zu vergleichen, mit einer Lampe darin". Mittelalterlichen Darstellungen zufolge waren die Nischen denn auch regelmäßig mit Lampen ausgestattet. Die Konzentration der Beter auf ein Licht, vor einem oft dekorativ, aber abstrakt gestalteten Hintergrund, wird den Vorstellungen der Theologen von einer "richtigen" Frömmigkeit entsprochen haben.

Die Konkurrenz mit dem Christentum in den eroberten Gebieten wirkte inspirierend auf die muslimische Baukunst. Eine Quelle aus dem 10. Jahrhundert erzählt, wie Kalif al-Walid den Jerusalemer Felsendom plante: "Die "Ausschmückung der christlichen Kirche verdrehte so manchem den Kopf", der Kalif fürchtete, "dass sie die Herzen der Muslime überwältigen könnte". Der Felsendom ist das klassische Beispiel für einen muslimischen Kuppelbau – wie die Türme eine Übernahme aus der antiken Architektur. Für Moscheen beinahe verpflichtend wurde die Kuppel jedoch erst um 1400, zunächst vor allem im iranischen Raum. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken wurde die Kuppelmode nochmals beflügelt. Das Werk des osmanischen Hofarchitekten Sinan im 16. Jahrhundert, so Korn, sei nur aus seiner Konkurrenz mit der spätantiken Hagia Sophia verständlich, die von den Eroberern zur Hauptmoschee ihres Reiches umgewandelt wurde.

Ein historischer Rückbezug über fast ein Jahrtausend hinweg, noch dazu auf eine Architektur, die aus einer anderen Religion heraus entstanden war ... À propos Sinan: Seine Selimiye-Moschee in Edirne, Thrakien, hat nicht ein einziges Minarett, sondern gleich vier. Die Hagia Sophia erhielt ebenfalls vier Minarette – der Zweck kann nicht gewesen sein, dass vier Muezzine gleichzeitig ihren Ruf ertönen ließen. Längst nicht alles an einem Moscheebau, erläutert Korn, ist durch den kultischen Zweck verursacht. Eher ist zu unterstellen, dass die Architekten für ihre Auftraggeber, die Sultane, möglichst prunkvoll bauen wollten. 

Korn geht nicht auf die Pseudo-Moscheen ein, die seit dem 18. Jahrhundert europäische Schlossparks so malerisch beleben – ein bekanntes Beispiel findet sich in Schwetzingen. Im 19. Jahrhundert ließ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Potsdam ein Dampfmaschinenhaus in Form einer Moschee bauen; noch Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in Dresden eine Tabakfabrik, die sich als Moschee verkleidete. Wie überhaupt Korns Geschichte der muslimischen Sakralarchitektur die Frage interreligiöser und interkultureller Wirkungen ziemlich ausklammert – vielleicht steckt in den Kirchenbauten, die das Gesicht Europas so nachhaltig prägen, ja das eine oder andere Element aus muslimischem Erbe? Zumindest hinsichtlich der Gotik ist über einen solchen Einfluss ja viel spekuliert worden.

Selimiye-Moschee in Edirne, von Bau-
meister Sinan
Bild: Nevit Dilmen/Wikipedia

Umgekehrt hat es, wie Korn ausführt, europäische Einflüsse im 19. Jahrhundert reichlich gegeben. Nur ein einziges Beispiel: Die Ortaköy-Moschee in Istanbul wirkt auf den Betrachter wie ein Zitat der Grand Opéra Napoleons III. in Paris. Und im 20. Jahrhundert hat sich die Moschee-Baukunst in Djakarta wie in Riyad der Moderne geöffnet. Ebenso auch im Westen, vom muslimischen Standpunkt aus betrachtet also in der "Diaspora". Die Moschee, die 1995 in Rom eingeweiht wurde, gilt als ein wegweisender Bau der Postmoderne.

Aber spätestens, wenn eine muslimische Gemeinde im Stadtbild einen repräsentativen Anspruch erheben will, kommt es oft zum Konflikt. Aktuelles Beispiel: Köln-Ehrenfeld. Der Journalist Ralph Giordano bezeichnete den Moscheebau in Köln als "Zeichen der Landnahme auf fremdem Boden". Sind die "typisch muslimischen" Minarette, die Moscheebauten auch im Westen in aller Regel beigegeben werden, als Demonstration eines Hoheitsanspruchs zu verstehen, wie Giordano suggeriert? Der Entwurf der Architekten Paul und Gottfried Böhm, schreibt Korn, signalisiert eigentlich eher Offenheit: "Der Wechsel von Beton- und Glasflächen mit unregelmäßigen Konturen lässt die Kuppel wie aufgebrochen erscheinen."

Unwahrscheinlich, dass Bedenken gegen Moscheebauten, wie sie auch in Köln zum Ausdruck kamen, dadurch zerstreut werden könnten. Wenn man Bewohner europäischer Städte zu ihrer Meinung über Moscheebauprojekte befragt, heißt es immer wieder: Und wie steht es mit Kirchenbauten in muslimischen Ländern? Über die Predigten, die unter dieser Kuppel im Freitagsgebet gehalten würden, sei aus der baulich Gestalt ohnehin nichts abzuleiten, stellt Korn fest – und konstatiert damit auch eine unübersteigbare Grenze der architekturhistorischen Betrachtung.


Neu auf dem Büchermarkt:
Lorenz Korn: Die Moschee. Architektur und religiöses Leben,
Verlag C. H. Beck, München 2012, ISBN 9783 406 6332 4, 8,95 €


Mehr im Internet:
Moschee - Wikipedia 
scienzz artikel Architektur
scienzz artikel Religiöse Kunst 


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

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