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29.11.2012 - PARAPSYCHOLOGIE

Unregelmäßigkeiten im magnetischen Feld

Ein Streifzug durch Theorie und Praxis des Paranormalen

von Josef Tutsch

 
 

Gespenster-"fotografien" waren
im 19. Jahrhundert in Mode
(um 1865) - Bild: Wikipedia

„Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio“, heißt es in Shakespeares „Hamlet“: Der Prinz versucht seinem skeptischen Freund die Einsicht nahe zu bringen, dass die Erscheinung des toten Königs vielleicht doch etwas anderes sein könnte als bloß eine Sinnestäuschung.

Die Frage ist heute ebenso in der Diskussion wie vor vierhundert Jahren, als Shakespeare sein Stück schrieb. Im Jahr 2000, berichtet die Schweizer Schriftstellerin Olivia Natascha Kleinknecht in ihrem jetzt erschienen Buch über die „Macht der Dinge“, versuchte der englische Psychologe Richard Wiseman die berühmten Spukerscheinungen in Hampton Court, einer früheren königlichen Residenz bei London, aufzuklären. Von einigen hundert Probanden behauptete mehr als die Hälfte, beim Durchqueren des Schlosses „relevante Erfahrungen“ gemacht zu haben: brüske Temperaturwechsel, das Wahrnehmen von Tönen oder Gerüchen, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Die merkwürdigen Empfindungen traten immer wieder an denselben Stellen im Schloss auf. Angeblich zeigten physikalische Messungen an genau diesen Punkten „Unregelmäßigkeiten im magnetischen Feld“.

Aber natürlich bleibt die Interpretation umstritten. Kleinknecht bietet einen bunten Streifzug durch die Geschichte des „Paranormalen“. Im Alltagsleben halten auch Menschen, die dergleichen – theoretisch formuliert – empört von sich weisen würden, Dinge quasi für „mächtig“: ein Taschentuch des Papstes, eine Haarlocke von Elvis Presley, einen Slip von Paris Hilton, einen Tennisball von Roger Federer, um nur einige von Kleinknechts Beispielen zu nennen.

„Fetische“ nennen wir dergleichen. In den 1880er Jahren entwickelten die Pariser Psychiater um Alfred Binet die Theorie des sexuellen Fetischismus, wo an die Stelle des „normalen“, aber womöglich unerreichbaren Sexualobjekts irgendein Gegenstand tritt, der mit der Person in Beziehung steht. Einige Jahrzehnte zuvor hatte Karl Marx entdeckt, dass die Ware über ihren Gebrauchswert hinaus eine fetisch-artige Macht hat, und das Geld, indem es die Eigenschaft besitzt, alles zu kaufen, quasi allmächtig ist.

Erklärungen, die sich mit einem modernen, empirisch-naturwissenschaftlich bestimmten Weltbild vertragen. Den Gedanken, Dinge könnten von sich aus, ohne Vermittlung unserer Psyche, so etwas wie ein „Gedächtnis“ oder eine „Macht“ haben, belächeln wir dagegen. Skeptiker gab es übrigens auch früher schon. Kleinknecht zitiert den römischen Philosophen Cicero, der einmal meinte, Wasser diene zwar dazu, den Körper zu waschen, Unreinheiten der Seele könne man aber durch noch so viel Wasserströme nicht weg waschen.

Demonstration von Telekinese, Foto-
grafie von Édouard-Isidore Buguet,
1875 - Bild: Wikipedia
Aber auf das Ganze der Ideengeschichte gesehen, sind solche Stimmen eher die Ausnahme; erst seit der europäischen Aufklärung konnten sie die „andere“ Auffassung in den Untergrund drängen. Bleiben wir beim Beispiel Wasser: Im christlichen Sakrament der Taufe wird ihm, in Verbindung mit dem heiligen Wort, eine Kraft zugesprochen, die sich nicht in Psychologie erschöpft. Gar nicht zu reden vom Kult heilkräftiger Reliquien, wie er in allen Religionen verbreitet ist, oder vom Glauben an die Macht der Bilder – noch heute pilgern Millionen Gläubige zu wundertätigen Marienbildern. Sozusagen von der Kehre her bekräftigen die Bilderverbote in manchen Religionen wie dem Islam den alten Glauben. Kleinknecht: „Ein Bilderverbot macht nur Sinn, wenn man Bilder fürchtet, wenn sie wirken, wenn sie mächtig sind.“

Da stehen zwei Perspektiven gegeneinander: eine innere, vor allem innerreligiöse, die den Bildern, den Reliquien, den Sakramenten eine eigene Kraft zubilligt, und eine von außen, die sich in psychologischen und soziologischen Erklärungsmustern versucht – mit mehr oder weniger Erfolg. „Wunder geschehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern im Gegensatz zu dem, was wir von der Natur wissen“, führt Kleinknecht einen Satz des Kirchenvaters Augustinus an.

Die entscheidende Wegstellung für das neuzeitliche, wenn man so will „mechanistische“ Denken sieht Kleinknecht nicht erst in der Aufklärung, sondern bereits in der Reformation: Luther, Zwingli und Calvin verbannten die Heiligkeit aus der Welt der äußeren Dinge, der Kontakt der Gläubigen mit Gott wurde eine Sache der reinen Innerlichkeit. Eine Entwicklung, die in der Geschichte des Christentums übrigens lange vorbereitet war: In ihrer Auseinandersetzung mit außerchristlichen Kulten führte die Kirche seit jeher einen Kampf gegen die „Vergötzung“ äußerer Dinge. Ein Jahrhundert nach der Reformation trennte die Philosophie eines René Descartes dann auch in der metaphysischen Theorie radikal zwischen Geist und Materie.

Dennoch - immer wieder haben Naturwissenschaftler versucht, das Okkulte – religiös gesprochen: die „Wunder“, technisch gesagt: die „paranormalen“ Phänomene – in ihre Theorien hineinzuholen. Im Zeitalter der Romantik entwickelten etwa die Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Arthur Schopenhauer komplexe Argumentationen, um okkulte Phänomene erklären zu können. Berühmt wurde der Fall der sogenannten „Seherin von Prevorst“, Friederike Hauffe, deren paranormale Leistungen 1829 der Arzt und Schriftsteller Justinus Kerner protokollierte. Kerner zufolge konnte Hauffe in Seifenblasen Vorgänge sehen, die sich an entfernten Orten zutrugen, und mit Toten kommunizieren. Natürlich genügten Protokolle allein nicht den Ansprüchen exakter Wissenschaft: Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Mode auf, Geistererscheinungen photographisch zu dokumentieren.

Nur ein oder zwei Beispiele aus dem 20. Jahrhundert: Die Parapsychologen Hans Bender und W. H. C. Tenhaeff beobachteten das holländische Medium Gerard Croiset, das vorhersagen konnte, wer in einer bestimmten Theateraufführung auf Platz X sitzen würde – und das, bevor die betreffende Person sich entschieden hatte, an diesem Abend ins Theater zu gehen. Croiset wurde von der Polizei des öfteren zur Aufklärung von Verbrechen herangezogen. 1967/68 ging der „Rosenheimspuk“ durch die Medien: In den Räumen einer Anwaltskanzlei konnte eine 19-jährige Büroangestellte die Deckenlampen schwingen und die Telefone klingeln lassen.

Illustration zu Oscar Wildes "Gespenst
von Canterville", von Frederick Henry,
1887 - Bild: Wikipedia
Sinnestäuschungen aller Beteiligten? Oder schlicht ein Schwindel? Das ist natürlich von Fall zu Fall zu klären. Kleinknecht selbst lässt über ihre Position keinen Zweifel: „Paranormale Fähigkeiten sind kein Hokuspokus. Etliche seriöse Wissenschaftler haben sie in Labor-Experimenten nachgewiesen.“ In unserer Zeit haben Physiker wie Wolfgang Pauli und Pascual Jordan diskutiert, ob die Quantenphysik womöglich eine Grundlage für parapsychologische Modelle liefern könnte – das Internet ist voll von Spekulationen in diese Richtung. Für die moderne Physik haben Begriffe wie „Materie“ und „Kausalität“ ihre scheinbare Selbstverständlichkeit verloren.

Mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumt ... Nun ja, die Geschichte hat gezeigt, dass vieles, was frühere Generationen sich kaum träumen konnten, dann doch möglich und wirklich wurde – Mondlandungen und Atomkraftwerke und Internet ... Deutet sich in den Gedanken moderner Physiker womöglich eine Renaissance der Idee von dem „Gedächtnis“ der Gegenstände und von der „Macht“ der Dinge an? Wissenschaftliche Modelle, zitiert Kleinknecht die amerikanische Physikerin Lisa Randall, seien wie Modelle auf dem Laufsteg: Sie wechseln, und die einfallsreichsten ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich – natürlich auch mit der Finesse, dass die „Modeschöpfer“ ihre Einfälle voneinander abschauen.

Freilich – auch bei den Kreationen auf dem Laufsteg hängt der Erfolg noch von einem anderen Faktor ab: von der Fähigkeit der Modelle, sich im Alltag des Publikums zu bewähren. Und da steht dem Einzug der Parapsychologie in den Kreis der allgemein anerkannten Wissenschaften ein Hindernis im Wege: In diesem Bereich funktioniert der Grundsatz nicht, dass Phänomene am ehesten dann als erklärbar gelten können, wenn man sie auch technisch herzustellen vermag. Kleinknecht: „Paranormale Erfahrungen lassen sich nicht beliebig steuern.“

Beispiel Croiset: Bei seinen Arbeiten für die holländische Polizei lag seine Erfolgsquote nur bei 20 Prozent. 20 Prozent – immerhin. Der amerikanische Quantenphysiker David Bohm, berichtet Kleinknecht, liebäugelte einmal mit der Idee, ob die Kaffeetasse, aus der wir gerade trinken, vielleicht unsere Gedanken speichern könnte. Wissenschaftlich akzeptiert wird diese Idee vermutlich erst dann, wenn es uns gelingt, die Gedanken aus der Tasse wieder abzulesen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Olivia Kleinknecht: Das Gedächtnis von Gegenständen oder die Macht der Dinge,
Königshausen & Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-3-8260-4862-3, 49,80 €


Mehr im Internet:
Parapsychologie - Wikipedia 
scienzz artikel Esoterik und Magie  


Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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