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Wissenschaft

12.12.2012 - SOZIOLOGIE

Ein Spiel mit dem Feuer

Das Pariser "College des Sociologie" am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

von Josef Tutsch

 
 

Georges Bataille
Bild: Institut francais Vienne

„Die Leute wollte ich kennen lernen, die das geschrieben hatten“, berichtete der Literaturwissenschaftler Hans Mayer 1988 in seiner Autobiographie „Ein Deutscher auf Widerruf“ über seine Zeit im französischen Exil ein halbes Jahrhundert zuvor. „Die“ – das waren Georges Bataille, Roger Caillois und Michel Leiris; durch einen Artikel in der „Nouvelle revue francaise“ war Mayer auf die drei Soziologen aufmerksam geworden, die 1937 in Paris das „Collège de Sociologie“ gegründet hatten.
 
Das Collège arbeitete nur zwei Studienjahre lang; im Herbst 1939, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde es nicht wiederaufgenommen. Trotz dieser kurzen Zeit – „nur wenige intellektuelle Gruppierungen des 20. Jahrhunderts haben international eine vergleichbare Wirkung entfaltet“, schreiben die Berliner Romanistin Irene Albers und der Grazer Soziologe Stephan Möbius; in Deutschland wäre zum Vergleich die „Frankfurter Schule“ um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu nennen. Albers und Möbius haben jetzt die Sammlung von Dokumenten aus dem Umkreis des Collège de Sociologie, die der Romanist Denis Hollier von der New York University 1977 zusammenstellte, in deutscher Übersetzung als Suhrkamp-Taschenbuch herausgebracht.
 
Was faszinierte deutsche Emigranten wie Hans Mayer oder auch Walter Benjamin an diesem Institut? „Das Collège de Sociologie versteht sich wesentlich als ein Organ für Forschungen und Studien“, erklärten Bataille, Caillois und Leiris im Oktober 1937; es war kurz nach dem Münchner Abkommen. Bei drei Soziologen ist diese Selbstbeschreibung nicht weiter verwunderlich; doch sie wollten sich die Möglichkeiten vorbehalten, „eventuell mehr zu sein: ein Herd von Energie“. Die beiden folgenden Sätze klingen beinahe wie ein schmerzlicher Verzicht wider Willen: „Das Collège ist kein politisches Organ. Jedes seiner Mitglieder hat die Meinung, die ihm gefällt.“
 
Kurzum: Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs träumten die drei Intellektuelle den alten Philosophentraum, politisch wirken zu können. Wenigstens in der Problemanalyse waren sie sich sogar einig: Dass die westlichen Demokratien sich zu keiner energischen Antwort auf Hitlers Provokationen aufrafften, erklärten sie für ein „Zeichen der Entkräftung“. Und in dieser Entkräftung wiederum sahen sie eine Folge der „Entwicklung des bürgerlichen Individualismus“: hin zu „Menschen, die keine tieferen Gründe zum Kämpfen haben und sich deshalb vor dem Kampf, egal welchem Kampf, feige zeigen müssen wie Schafe, die sich bewusst mit dem Schlachthof abgefunden haben“.
 
Bataille, Caillois und Leiris knüpften an den französischen Soziologen Émile Durkheim an, der ein halbes Jahrhundert zuvor den Begriff der „Anomie“ entwickelte hatte, übersetzt etwa: Nichtvorhandensein einer Gesetzlichkeit. Wenn die Individuen, so Durkheims Gedanke, nicht mehr von einem kollektiven moralischen Bewusstsein, einer Art Kollektivgewissen, beherrscht seien, bestehe die Gefahr, dass die soziale Ordnung auseinanderbreche. Die Collégiens wandten Durkheim Analyse auf ihre Gegenwart an: Der „aufgeklärte“, radikal individualistische, quasi „atomistische“ Charakter der Gegenwartsgesellschaft mache sie anfällig für faschistische Propaganda. Und unfähig zu energischem Widerstand.
 
Die Themen, die in den zwei Jahren des Collège vorgetragen wurden – immer im Angesicht der deutschen Bedrohung – und sich jetzt in dem Sammelband finden, lassen gerade in ihrer Vielfältigkeit ahnen, dass die Arbeit ein Fragment geblieben ist. Bataille referierte über die Soziologie der Kirchen und der Armeen, Caillois entwickelte eine Theorie des Festes. Der Anthropologe Anatole Lewitzky hielt einen Vortrag über den Schamanismus, der Schriftsteller Pierre Klossowski über die antike Tragödie, sein Kollege Denis de Rougemont über „die Künste der Liebe und des Krieges“. Usw. usf. Auch Hans Mayer beteiligte sich an dem Programm: „Die Riten der politischen Geheimbünde im romantischen Deutschland“ – ein Kapitel aus der Vorgeschichte des Nationalsozialismus.
 

Bild: Michel-Georges Bernard/Wikipedia

Ein Nebeneinander der verschiedensten Themen – aber mit einer gemeinsamen Fragestellung: Wie kommt eine Gesellschaft – und dann erst recht eine individualistische Gesellschaft – zu gemeinschaftlichem Handeln? Bataille, Caillois und Leiris prägten für diese Frage den Begriff „sociologie sacrée“, „Sakralsoziologie“. Das Wort erklärt sich wiederum aus Durkheims religionssoziologischen Studien: in vormoderner, vorbürgerlicher Zeit hatten sich die verbindenden und verbindlichen Emotionen vor allem in religiösen Ritualen gezeigt.
 
Doch über die soziologische Analyse hinaus suchten die Collégiens, die politisch übrigens eher links standen, nach einer Therapie für die „Krankheit“ ihrer Gegenwart: die Unfähigkeit, auf den Faschismus zu reagieren. Ihr Vorschlag muss heute befremden. Albers und Moebius: „Den sichersten Schutz vor dem um sich greifenden Faschismus sahen sie in der Schaffung von frei wählbaren Gemeinschaften, die durch den sakralen Kern (darunter fallen für sie die Erfahrungen der kollektiven Ekstase, Feste, Mythen) zusammengehalten werden.“
 
Also eine „Resakralisierung der Gesellschaft“. Da kommt nicht erst dem Leser von heute der Verdacht, das Collège wolle den Teufel mit Beelzebub austreiben. In eine ähnliche Richtung dachten bereits manche der deutschen Emigranten damals. So antwortete der Kultursoziologe Paul Ludwig Landsberg, Schüler des Philosophen Max Scheler, bei einer der Diskussionen auf die Frage, was die Deutschen mit dem Collège denn tun würden, wenn sie demnächst vielleicht Paris besetzten: „Sie werden seine Mitglieder erschießen lassen und das Collège erhalten.“
 
Es war ein Spiel mit dem Feuer. Hätte das Collège länger arbeiten können, wären die Collégiens selbst vermutlich zu dem Schluss gekommen, dass ihre Träume nicht aufgehen konnten. Hätten sie sich überhaupt auf die Inhalte der „Resakralisierung“, die neuen Mythen, einigen können? Der Philosoph Alexandre Kojève, der einen Vortrag über Hegel zu dem Programm beitrug, machte noch auf ein anderes Problem aufmerksam: Zumindest sich selbst würden die Möchte-gern-Religionsstifter von ihrer neuen Religion ausschließen – niemand glaubt an Mythen, die er selbst erfunden hat.

Ein Punkt, der bereits Platon, den Urvater aller Träume vom Philosophenkönig, beschäftigt haben muss. Der Anthropologe Pierre Mabille ging ironisch auf Abstand zum Collège: Dort würden Tempel und Zirkus miteinander verwechselt. Und, darf man hinzufügen, für das eine wie das andere Unternehmen wären die modernen Sozialwissenschaften schlecht gerüstet.

Diese Kritik am „Collège de Sociologie“ hat sich nach dem Weltkrieg gerade in Deutschland fortgesetzt. In den 1980er Jahren analysierte Jürgen Habermas einen der Wortführer des Collège, Bataille, als einen irrationalen und „jungkonservativen“ Denker; vor einigen Jahren verdächtigte der Literaturwissenschaftler Peter Bürger in seinem Buch „Der Ursprung des postmodernen Denkens“ die Collègiens, sie hätten den Widerstand gegen den Faschismus mit der Übernahme faschistischer Methoden der Massenerregung erkaufen wollen.

Darüber gerät die Frage, die Bataille, Leiris und Caillois aufwarfen, leicht in den Hintergrund: Kommen demokratische Gesellschaften ohne emotionale Formen der Vergemeinschaftung aus – also bloß mit „Legitimität durch Verfahren“, wie es der Soziologe Niklas Luhmann ausgedrückt hat? Oder, wie Habermas sagen würde, durch rationalen, „herrschaftsfreien“ Diskurs? Das Grundgesetz hat das Problem bekanntlich zu lösen versucht, indem es die Menschenwürde und die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ der Disposition jeder demokratischen Mehrheit entzogen hat – von „Mythen“ keine Rede. Eine Krise wie in den 1930er Jahren blieb den westeuropäischen Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg bislang erspart.
 

Neu auf dem Büchermarkt:
Das Collège de Sociologie 1937-1939,
herausgegeben von Denis Hollier,
suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-29549-6, 20,00 € [D], 20,60 € [A]


Mehr im Internet:
Collège des Sociologie - Wikipedia 
scienzz artikel Soziologie 


Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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