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kultur

17.07.2017 - ENGLISCHE LITERATUR

Eine leichte Hand, die Alltagsdingen den Reiz des Besonderen abgewinnt

Vor 200 Jahren verstarb die Schriftstellerin Jane Austen

von Josef Tutsch

 
 

Jane Austen - Bild: Wikipedia


Keiner ihrer Romane erschien mit ihrem Namen auf dem Titelblatt. Die englische Schriftstellerin Jane Austen scheute die Öffentlichkeit. Wenn Besucher kamen, pflegte sie die Manuskripte rasch zu verdecken. So wusste außerhalb des Familienkreises kaum jemand vom poetischen Werk der Autorin, als sie am 18. Juli 1817, vor 200 Jahren, im Alter von nur 41 Jahren in Winchester verstarb.

Heute können zumindest in England ein oder zwei ihrer Bücher nicht fehlen, wenn nach den bedeutendsten Romanen der Weltliteratur gefragt wird. Eine Reihe von Verfilmungen für Kino und Fernsehen haben Romane wie „Vernunft und Gefühl“ oder „Stolz und Vorurteil“ inzwischen auch bei einem literarisch weniger interessierten Publikum bekannt gemacht. „Die junge Dame hat ein Talent, die Verwicklungen, die Gefühle und die Charaktere des alltäglichen Lebens zu beschreiben, das für mich zu dem Wunderbarsten gehört, das ich je getroffen habe“, vermerkte der Schriftsteller Walter Scott in seinem Tagebuch. Man glaubt, bei dem erfolgsverwöhnten Kollegen ein wenig Neid heraus zu hören: „In der Kunst der großen Effekte macht mir von meinen Zeitgenossen so leicht keiner was vor, aber die leichte Hand, die gewöhnlichen Alltagsdingen und -menschen den Reiz des Besonderen abgewinnt, ist mir gänzlich versagt.“

Tatsächlich, in den sechs großen Romanen, die Austen in den Jahren von 1811 bis 1818 herausbrachte, finden sich keine mittelalterlichen Ritter und keine heroischen Rebellen wie Scotts Ivanhoe oder Waverley; das Personal bilden Landadel und gehobenes Bürgertum der englischen Provinz, eben in der Zeit um 1800 – jenes Milieu, das Austen, der Tochter eines anglikanischen Pfarrers aus Südengland, vertraut war. Es gibt keine sensationellen Begebenheiten, keine zerstörerischen Leidenschaften. Von den politischen, sozialen und intellektuellen Umwälzungen ihrer Zeit scheinen die Figuren keine Notiz zu nehmen. Scheinen – aber darin liegt, modern gesprochen, ein gut Teil Verdrängung. In einem der Romane kommt das Gespräch wie durch Versehen auf den Sklavenhandel, dem eine Figur ihren Reichtum verdankt. Die Runde verfällt in „tödliches Schweigen“.

Und immer wieder kreist die Handlung um ein einziges Thema: den bürgerlich-kleinadligen Heiratsmarkt. „In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss“, beginnt der Roman „Stolz und Vorurteil“, 1813. „Gilt“ ... Austen hat die Konventionen ihrer Gesellschaft niemals ausdrücklich in Frage gestellt; aber der Satz lässt ahnen, dass solche Konventionen auch ganz anders sein könnten, obwohl sie „in der ganzen Welt“ gelten und zwar „als unbedingte Wahrheiten“.

Immer und immer wieder geht es darum, dass die jungen Mädchen „Ausschau halten“, im Spannungsfeld von „Vernunft und Gefühl“, wie Austen ihr erstes veröffentlichtes Werk 1811 programmatisch betitelte. Sie wusste, wovon sie schrieb. 1802 hatte sie einen Heiratsantrag abgelehnt. Sie blieb ihr Leben lang von der Großzügigkeit der Familie abhängig. Mag sein, dass sie zu dem Schluss gekommen war, diese Abhängigkeit sei erträglicher als jene von einem ungeliebten Ehemann. Jedenfalls war sie bemüht, sich und ihren Lesern nichts vorzumachen: Das erhoffte Liebesglück einerseits, ökonomische Sicherheit und Standeszugehörigkeit andererseits waren lebensklug gegeneinander abzuwägen. „In der Tat ein sehr hübsches Paar. Wie groß ist sein Vermögen?“, fragt eine ihrer Romanfiguren.

"Stolz und Vorurteil", Titelblatt
der Erstausgabe von 1813
Bild: Wikipedia


Solche Abgründe in dem scheinbar bloß spielerischen Erzählton der Autorin sind der Literaturkritik erst in den letzten Jahrzehnten aufgefallen. Wenn man den im Grunde recht einförmigen Handlungsablauf der Romane betrachtet, wird deutlich: Für junge Mädchen gab es in dieser Gesellschaft nur einen einzigen Weg zu gesellschaftlicher Respektabilität:  den, eine „gute Partie“ zu machen. Aus einer begrenzten Zahl von gesellschaftlich „möglichen“ Anwärtern musste der „Richtige“ gewählt werden; das ist die Aufgabe, die sich den jungen Heldinnen in Austens Erzählungen immer wieder stellt.

Es war eine Zeit, in der in intellektuellen Kreisen der Gedanke an weibliche Gleichberechtigung kontrovers diskutiert wurde. 1792, Jane Austen war kaum siebzehn Jahre alt, hatte Mary Wollstonecraft ihre Streitschrift „Verteidigung der Rechte der Frau“ herausgebracht.  Austen hat sich wohl gehütet, in ihren Romanen solche Thesen darzubieten. Die Probleme sind jedoch immer gegenwärtig; gerade in ihren Überlegungen zur Partnerwahl zeigen sich Austens junge Mädchen als selbstbewusste, den Männern keineswegs unterlegene Geschöpfe.

Eine scheinbar rein private, unpolitische Welt, doch beschrieben vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege; Großbritannien hatte sich der Vorherrschaft Frankreichs über den europäischen Kontinent zu erwehren. 1798 hatte der deutsche Schriftsteller Friedrich Schlegel ausgesprochen, dass beides zusammengehört, die Umwälzungen in der großen Politik und die Bildung des Einzelnen: Neben der Französischen Revolution seien die Philosophie eines Johann Gottlieb Fichte und ein Roman Goethes, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, „die größten Tendenzen des Zeitalters“. Schlegel: „Wer an dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution wichtig scheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Geschichte der Menschheit erhoben.“

In Goethes Roman, der 1795/96 erschienen war, ging es um die Bildung eines jungen Mannes. Austens Romane anderthalb oder zwei Jahrzehnte später schufen dazu das weibliche Pendant. Wie eng die private Welt in ihren Romanen mit der Zeitgeschichte verknüpft ist, wird dem Leser erst klar, wenn er sich vergegenwärtigt, worüber Jane Austen, die doch Tochter des englischen Landpfarrers aus Hampshire war, gerade nicht geschrieben hat: Es fehlt jeder metaphysische Rahmen, wie er eine Generation zuvor noch selbstverständlich gewesen war. Der Weg zu einem richtigen Verhalten, die Bildung eines Charakters wird nicht mehr theologisch begründet. Eine weltanschauliche „Revolution“, um mit Schlegel zu reden. Und an dieser Stelle zeigt sich sogar eine Verwandtschaft zu jenem Philosophen Fichte, von dem die Schriftstellerin Austen vielleicht nicht einmal den Namen kannte: In ihren Romanen ist die Ethik rein „autonom“ gedacht.

Dabei gibt es keine dramatischen Redeschlachten zwischen den Romanhelden, auch die ironischen Einschübe der Erzählerfigur wirken niemals belehrend, vermitteln dem Leser vielmehr eine spielerische Distanz zum Geschehen und zu den Charakteren. Alles ist in reine Erzählung und Konversation aufgelöst, in einem Maße, wie es sonst nur wenigen Schriftstellern der Weltliteratur gegeben war. Es gelang Austen, die gefühlvollen Sittengemälde eines Samuel Richardson zwei Generationen zuvor von aller Sentimentalität zu befreien, aber auch die oft recht grobschlächtige Komik eines Henry Fielding humorvoll zu verfeinern. Sie selbst wollte ihre Schriften wohl auch gar nicht so wichtig nehmen. Sie könne kein wirklich ernstes Werk schreiben, versicherte sie einmal in einem Brief, selbst dann nicht, wenn ihr Leben daran hinge; sie müsse über sich selbst und über andere lachen können.


Mehr im Internet:
Jane Austen -Wikipedia
scienzz artikel Englische Literatur

 

 

 

 

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