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Wissenschaft

25.03.2013 - KULTURGESCHICHTE

"Die Asche wird zerstreut irgendwo"

von Josef Tutsch

 
 

Zu verkaufen: Grabmonument
auf dem Zentralfriedhof Wien
Bild: Josef Tutsch

Zum Begräbnis immer dieselben Kirchenchoräle, mit Orgelbegleitung, und wenn’s ganz „individuell“ sein soll, dann vielleicht das „Ave Maria“ von Bach/Gounod? Die Zeiten scheinen vorbei zu sein. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Hamburger „Gesellschaft für Bestattungen und Vorsorge“ eine Liste der beliebtesten Trauerhits. Auf Platz 1 landete „Time to Say Goodbye“ von Sarah Brightman, auf 2 „Geboren um zu leben“ von der Band Unheilig. Auch „My way“ von Frank Sinatra und „Highway to Hell“ von AC/DC schafften es unter die Top Ten. Das einzige Stück des „klassischen“ Repertoires, das da mithalten konnte: eben das „Ave Maria“.'

Eine Individualisierung der Bestattungsriten, wenn man so will, oder genauer (schließlich kommt die „moderne“ Trauermusik in aller Regel als Konserve von der CD): mehr Auswahlmöglichkeiten unter den kulturell vorgeprägten Mustern. Jedenfalls ein unüberhörbares Anzeichen, dass sich in der Bestattungskultur in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten einiges geändert hat. Rainer Sörries, Kunsthistoriker an der Universität Erlangen und Direktor des Museums für Sepulkral- (oder Begräbnis-)kultur in Kassel, und die Kulturwissenschaftlerin Barbara Happe von der Universität Jena sind der Entwicklung der Trauer- und Beisetzungsriten jetzt in zwei Neuveröffentlichungen nachgegangen.

Happe schätzt, dass in Deutschland heute noch 80 Prozent aller Verstorbenen eine namentlich gekennzeichnete Ruhestätte erhalten. Eine Sitte, die aber erst vor etwa zwei Jahrhunderten allgemein üblich wurde, als außerhalb der Ortschaften Friedhöfe mit viel Platz für Reihengräber angelegt wurden. Die Obrigkeiten begründeten diese Reform damals mit der Furcht vor Leichengift und Verwesungsgeruch. Die weltanschaulichen Voraussetzungen hatte drei Jahrhunderte zuvor die Reformation geschaffen. Martin Luther löste die Bindung der Gräber an die Reliquien der Heiligen, die für Jahrhunderte christlicher Frömmigkeit selbstverständliches Gebot gewesen war. Es sei ungehörig zu glauben, das Begräbnis an geweihter Stätte trage etwas zum Seelenheil bei, formulierte 1526 eine Synode im nordhessischen Homberg. „Es ist ganz einerlei, ob jemand auf freiem Feld oder auf einem Kirchhof beerdigt wird.“ Luther selbst meinte angesichts der ungepflegten Zustände auf dem Wittenberger Friedhof einmal scherzhaft, seinetwegen könne er auch „in der Elbe oder im Wald liegen“.

Als der unbestrittene intellektuelle Kopf des deutschen Protestantismus wurde Luther dann doch in der Wittenberger Schlosskirche begraben. Das Bestreben, den Rang des Verstorbenen noch im Grabe zu demonstrieren, hat sich durch allen sonstigen Wandel hindurch gehalten. Bereits im Mittelalter legten Adlige und hohe Kleriker Wert darauf, nicht wie alle anderen vor den Kirchenmauern, sondern im Inneren der Gotteshäuser bestattet zu werden. Man verband diese Abgrenzung gern mit einer Bescheidenheitsgeste. Er wolle „von allen Kirchenbesuchern mit Füßen getreten werden“, verordnete 996 der normannische Herzog Richard Ohnefurcht.

Grabeskirche St. Josef in Aachen
Bild: Maxgreene/Wikipedia
 
Mit den neuen Friedhöfen, die außerhalb der Orte im 19. Jahrhundert angelegt wurden, berichtet Happe, verfolgten die Obrigkeiten oft jedoch das Ziel, unter ihren Untertanen bürgerliche Gleichheit herzustellen. Manchmal wurden Monumente aus Stein oder Eisen ausdrücklich verboten. Wohl mit begrenztem Erfolg; begüterte Familien schafften es immer wieder, sich inmitten der Reihengräber eine prachtvolle Anlage zu errichten. Aber auch die Ärmeren wollten das Grab ihrer Angehörigen wenigstens mit Holzpfählen namentlich kennzeichnen. Wie der Philosoph Michel Foucault festgestellt hat, verbreitete sich dieses Bedürfnis jedoch erst im 19. Jahrhundert, also zu einer Zeit, da der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Leibes nicht mehr selbstverständlich war; da sollte der Name auf dem Grabkreuz den Angehörigen einen emotionalen Ausgleich schaffen. Einen Höhepunkt an sozialer Distinktion, so Happe, brachte ausgerechnet die „sozialistische“ DDR hervor. Seit den 1960er Jahren wurden für die Masse der Bevölkerung Urnengemeinschaftsanlagen propagiert; für besonders verdiente Genossen, deren Vorbild im Gedächtnis bleiben sollte, wurden weiterhin repräsentative Ehrengräber angelegt.

Eine Sitte, die im 19. Jahrhundert in antikirchlichen Kreisen aufkam, hat sich inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft durchgesetzt: die Feuerbestattung. Das Mittelalter hatte darin etwas Heidnisches gesehen. Die beiden großen christlichen Kirchen haben sich denn auch schwer damit getan, die Feuerbestattung zu akzeptieren; die evangelische Kirche in Deutschland vollzog diesen Schritt offiziell 1920; die katholische Bischofskonferenz stellte noch 2005 fest, das Erdbegräbnis sei „die vorrangige und bevorzugte Form der Bestattung“. Dabei hatte bereits 1898 hatte der katholische Theologe Hermann Schell nüchtern festgestellt: „Die Art der Totenbestattung ist ganz unabhängig von dem Glauben an die Auferstehung des Fleisches.“ Inzwischen ist auch die katholische Kirche umgeschwenkt. In Deutschland, so Happe, gibt es heute nicht nur Urnengemeinschaftsanlagen auf Friedhöfen, sondern sogar eigene „Urnenkirchen“: Kirchen, die für die Aufnahme von Aschenurnen umgewidmet wurden.

Einen radikalen Bruch mit der Tradition vollzog der Dichter und Architekt Max Frisch, als er 1991 verfügte: „Die Asche wird zerstreut irgendwo.“ Irgendwo – bei Frisch wird das der Wald gewesen sein; beliebt ist auch die hohe See. Aber Happe bringt auch ein prominentes Beispiel dafür, dass dem Trend zur Anonymisierung vehement widersprochen wird. In seinem Roman „Karte und Gebiet“ hält der französische Autor Michel Houellebecq, der sich selbst als Atheisten bezeichnet, ein Plädoyer für das Erdbegräbnis und eine namentlich gekennzeichnete Grabplatte, auch für Haustiere: „Der Mensch war nicht Teil der Natur, er hatte sich über die Natur erhoben, und auch der Hund hatte sich, seit er zum Haustier geworden war, über sie erhoben.“

„Der Tod gehört mir“, hat Happe ihre Studie überschrieben – Individualisierung jedenfalls in dem Sinn, dass das Angebot an Bestattungsformen, aus welchem sich auswählen lässt, größer geworden ist. Ob der Wille des Verstorbenen einerseits, die Wünsche der Angehörigen andererseits, da immer harmonisch zusammenlaufen? Und dann auch die Wünsche der „Organisatoren, oft also nach wie vor der christlichen Kirchen? Reinhard Sörries hat sich mit der Geschichte der Trauerriten befasst Viele Bräuche werden bis heute penibel beachtet, obwohl ihr ursprünglicher Sinn vergessen ist. Die Leichname werden mit den Füßen voran aus dem Haus getragen – ihr Blick soll auf das Grab gerichtet sein. In anderen Fällen dagegen wie bei Trauerkleidung und Trauerzeiten haben die alten Vorschriften ihre bindende Kraft verloren. Von Traditionalisten werden Abweichungen zwar gern als das Ende der Kultur beklagt; aber da ist Vorsicht angeraten, schreibt Sörries, viele Sitten sind gar nicht so alt: Etwa die Trauerfarbe Schwarz hat sich erst seit dem 18. Jahrhundert allgemein durchgesetzt.

Heute hat das Schwarz seine Selbstverständlichkeit eingebüßt. Bei der Trauerfeier wie bei der Grabstätte ist Individualisierung die Parole unserer Zeit. Freilich – in dem durch die Kultur, und das heißt heute vor allem: durch die Massenmedien vorgegebenen Rahmen. Es hat sich, nachdem die christlichen Kirchen bereits im 19. Jahrhundert ihr Monopol auf die Gestaltung der Trauerfeier verloren haben, sogar ein neuer Berufszweig herausgebildet, dessen Vertreter einen einmaligen, unwiederholbaren Ablauf garantieren wollen: die „Trauergestalter“ oder, allgemeiner, „Ritualdesigner“. Dabei kann, so Sörries, „der Grundsatz vom Ritual als einem stets gleichbleibenden Handlungsablauf“ auf den Kopf gestellt werden – mit Chansonabend oder Rallye oder Gartenfeuerwerk. Oder eben auch einer engen Anlehnung an herkömmliche christliche Feiern. Eine weltliche Bestattungskultur neu zu entwickeln, ist eben schwierig, war es auch früher schon. Die Freidenkerfriedhöfe aus dem 19. Jahrhundert, stellt Sörries fest, unterscheiden sich kaum von kirchlichen Anlagen, nur dass manche Symbole fehlen und am Eingang vielleicht steht „Schafft hier das Leben gut und schön, kein Jenseits ist, kein Auferstehn“ (so im Berliner Bezirk Pankow).

Blumenschmuck auf dem Münchner West-
friedhof - Bild: Usien/Wikipedia

Auch der generelle Verzicht auf Trauerbekundungen kann heute eine Alternative sein. Früheren Generationen war es selbstverständlich, sich in die gewohnten Rituale zu fügen, schon deshalb, weil in den Alltagssorgen häufig gar keine Zeit blieb, über Alternativen nachzudenken. Der Tod eines Familienmitglieds war weniger ein emotionales als ein arbeitsorganisatorisches und wirtschaftliches Problem. Häufig kam es vor, so Sörries, dass Familien sich verschuldeten oder verschulden mussten, um aller Welt eine „standesgemäße“ Trauer demonstrieren zu können. 

„Selbst wenn jemand nicht das Gefühl der Trauer erlebte, so verordnete die Konvention ein bestimmtes Verhalten“, fasst Sörries die Trauerrituale der Vergangenheit zusammen. Ist dergleichen heute wirklich ausgestorben? So ganz und gar vielleicht doch nicht.  2009 nach dem Tod von Robert Enke trugen alle Spieler der Bundesliga Trauerflor. Wie viele Menschen mögen 1861 in Großbritannien dem Aufruf von Queen Victoria gefolgt sein, um den verstorbenen Prinzgemahl Albert Trauer zu tragen? Damals wurde in großer Stückzahl eine Jet-Kette hergestellt, 49 Steine mit Messing- Verschluss. Sörries hat sie als Angebot im Internet gefunden, Preis 24 €.  Deutlich aufwendiger, aber eben auch individueller ist das Angebot, das eine Schweizer Firma seit einigen Jahren offeriert: Aus menschlicher Asche wird ein Diamant hergestellt, Kosten je nach Größe zwischen 5.000 und 15.000 €. Ob die Form der Trauer um Angehörige, die mit einem solchen „Schmuckstück“ möglich wird, sinnvoll sein kann, steht auf einem anderen Blatt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Barbara Happe: Der Tod gehört mir. Die Vielfalt der heutigen Bestattungskultur und ihre Ursprünge,
Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-496-02856-7,
29,95 €
Reiner Sörries: Herzliches Beileid. Eine Kulturgeschichte der Trauer,
Primus Verlag, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-89678-860-3,
24,90 €


Mehr im Internet:
scienzz artikel Rituale
scienzz artikel Tod und Begrübnis


Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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