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13.04.2013 - KULTURWISSENSCHAFTEN

Verstrickt in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe

Kultur, Kulturphilosophie, Kulturwissenschaften - die Welt des freigestellten Menschen

von Josef Tutsch

 
 

Vergessener Kulturwissenschaf-
ter: Ibn Khaldoun, Denkmal in
Tunis - Bild: Kassus/Wikipedia

Was ist das eigentlich – „Kultur“? Und was sind „Kulturwissenschaften“? Seit etwa zwei oder drei Jahrzehnten vollzieht sich in jenem Spektrum, das man früher „Geisteswissenschaften“ nannte, eine stille Revolution. 1956 noch hatte der englische Physiker C. P. Snow das Gegeneinander der „two cultures“ beklagt, der schöngeistigen Geisteswissenschaftler und Literaten einerseits, der Naturwissenschaftler und Techniker andererseits. 1985 dann stellte der Berliner Soziologe Wolf Lepenies fest, es habe sich inzwischen doch längst eine dritte wissenschaftliche „Kultur“ etabliert, die der Sozialwissenschaften. Inzwischen ist das Schlagwort „Kulturwissenschaften“ in aller Munde; viele mitteleuropäische Universitäten haben bereits Institute und Studiengänge mit diesem Titel eingerichtet.

Ein Fach – oder vielmehr eine ganze Fächergruppe – im Wandel. Dazu gehört natürlich auch die Reflexion über den zentralen Begriff: Zusammen mit mehr als einem halben Hundert Kollegen hat der Philosoph Ralf Konersmann von der Universität Kiel jetzt ein „Handbuch der Kulturphilosophie“ vorgelegt. Und dazu gehört ebenso die Suche nach den Vorgängern der neuen kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweise: Eine Forschergruppe um das Kulturwissenschaftliche Institut Essen hat einen Sammelband über „Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften“ herausgebracht.

„Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften“ ... Gut hundert Texte werden besprochen, von Homers „Odyssee“ bis zu Büchern, die in jüngster Zeit in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden wie Judith Butlers „Gender Trouble“ oder Ulrich Becks „Risikogesellschaft“. Homer – ein „Kulturwissenschaftler“? Zumindest ein Dichter, wie der Direktor des Essener Instituts, der Politikwissenschaftler Claus Leggewie feststellt, der Themen behandelt hat, die auch in modernen „kulturwissenschaftlichen“ Arbeiten immer wieder im Mittelpunkt stehen, etwa die Migration oder das Vater-Sohn-Verhältnis.

Ein Großteil der Beiträge jedoch handelt tatsächlich von wissenschaftlichen „Klassikern“. Das Spektrum reicht von Hegels „Phänomenologie des Geistes“ bis zu Sigmund Freuds „Traumdeutung“, von Adam Smith’ „Wohlstand der Nationen“ bis zu Rudolf Ottos Studie über „Das Heilige“, von Bronislaw Malinowskis „Argonauten des westlichen Pazifiks“ bis zu der „Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ von Peter L. Berger und Thomas Luckmann – dieser Buchtitel von 1966 ist längst zum geflügelten Wort geworden. Die Zusammenstellung scheint zunächst auf eine ziemlich bunte Addition von Philosophie, Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Ökonomie und Religionsgeschichte hinzudeuten – was darin ist eigentlich das spezifisch „Kulturwissenschaftliche“?

Die Herausgeber zitieren in ihrer Einleitung den amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz: Der Mensch sei „ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe“. Eine unmittelbar einleuchtende Definition, die jedoch die Frage offen lässt, was damit aus dem Bereich der „Kultur“ noch ausgeschlossen bleibt. Schließlich haben selbst Naturwissenschaftler und Techniker es in ihrem Tun mit „Bedeutungsgeweben“ zu tun.

Prometheus, Gemälde von
Gustave Moreau, Musée Gustave
Moreau, Paris - Bild: Wikipedia
Die Forscher vom Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen haben darauf verzichtet, die Fragen, die sich da auftun, in einem wissenschaftstheoretischen Essay zu behandeln. Von der anderen Seite her nähert sich Ralf Konersmanns „Handbuch der Kulturphilosophie“ dem Problem. Nur „Momentaufnahmen einer vielstimmigen Diskussion“, betont Konersmann. Bereits Platons Dialog „Protagoras“ lässt sich als eine „Kulturphilosophie“ interpretieren: Prometheus stiehlt den Göttern die Kunst des Feuers und die Wissenschaft, damit das „nackte, unbeschuhte, unbedeckte, unbewaffnete Wesen“ Mensch sein Leben fristen kann.

In Platons Mythos scheint jene Wertung durchzuscheinen, die bis weit in die Neuzeit hinein bestimmend geblieben ist: Kultur als eine „zweite Natur“ sei der „ersten“, eigentlichen, unterlegen, bloß ein Ersatz. In der Moderne, so Konersmann, habe sich dieses Verhältnis umgekehrt: „Für die Kulturphilosophie ist die Kultur nichts Zweites und Zweitrangiges sondern etwas Unvergleichliches und Erstes: die Welt des freigestellten Menschen“.

Den Scheitelpunkt dieser Entwicklung bezeichnet Jean-Jacques Rousseau. Unter „Rousseauismus“ versteht man konventionell die Auffassung, das durch Künste und Wissenschaften gebildete Kulturwesen sei bloß die Karikatur des wahren, unverbildeten Menschen; aber die Kieler Philosophin Hjördis Becker weist darauf hin, dass Rousseau selbst nicht im geringsten daran dachte, diesen Prozess umkehren zu wollen. Vielmehr müsse man „das Eisen in der Wunde stecken lassen, damit der Verwundete nicht beim Herausziehen verblute“, schrieb er in seinem berühmten Brief an Voltaire 1755.

Die Auflösung der traditionellen Rangfolge von Natur und Kultur deutete sich bereits ein Jahrhundert zuvor bei Blaise Pascal an: „Ich fürchte sehr, dass die Natur selbst nur eine erste Gewohnheit sei, wie die Gewohnheit eine zweite Natur.“ Pascal „fürchtete“ noch; im 20. Jahrhundert prägten Berger und Luckmann das Wort von der „gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“. Und ganz ähnlich revidierte der Ethnologe Claude Lévi-Strauss die Auffassung von Natur und Kultur als zwei getrennten Gegebenheiten: Diese Trennung selbst sei eine Schöpfung der Kultur.

Nur konsequent, dass die Herausgeber der „Schlüsselwerke“ auch einen Klassiker des modernen Romans aufgenommen haben, Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, das Buch über den „Möglichkeitssinn“, die Kunst, „das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das, was nicht ist“, weil es ja „ebenso gut sein könnte“. Kultur ist ganz wesentlich eben auch Phantasie.

Freilich – man sollte sich hüten, in den Kulturbegriff zuviel Emphase hineinzulegen. Der Soziologe Max Weber stellte vor mehr als hundert Jahren nüchtern fest, nicht nur die Religion oder das Geld seien Kulturphänomene, sondern auch die Prostitution. Man darf hinzufügen: auch Krieg und Kriminalität. „Die Ausübung von Gewalt“ gehöre zu den „zentralen Bestandteilen menschlicher Kultur“, so der Berliner Philosoph Rudolf Wansing im „Handbuch“, aber eben auch „die Anstrengungen, sie einzudämmen, zu lenken oder zu verhindern“.

Klassiker der Kulturphilosophie:
Ernst Cassirer (1874-1945)
Bild: Wikipedia
Der breiten Öffentlichkeit in unserer Zeit wird bei den Wort „Kultur“ denn auch nicht zuletzt Samuel Huntingtons Buchtitel einfallen, „The Clash of civilizations“. Und daran ist jedenfalls soviel richtig, dass „Kultur“ in der historischen Wirklichkeit im Plural vorkommt, in „Kulturen“. Im „Handbuch“ warnt der Hildesheimer Philosoph Ernst Elberfeld davor, die Kulturphilosophie auf die „westliche“ Denktradition zu verengen. Und in den „Schlüsselwerken“ bespricht der Kölner Islamwissenschaftler Stefan Weidner, sozusagen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hegel und Marx und Freud, einen Klassiker der muslimischen Geschichtsschreiung, die „Muqaddima“ des arabischen Gelehrten Ibn Khaldun aus dem 14. Jahrhundert. Eine „Entzauberung der mittelalterlichen Weltvorstellungen des Islams“, so Weidner über die „Muqaddima“ – Aufklärung also avant la lettre, vier Jahrhunderte vor Voltaire und Rousseau.

Ob sich diese reichlich euphorische Einschätzung halten lässt, mag hier offen bleiben. Navid Kermani vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen hat den „Schlüsselwerken“ einen Essay über „Orientalistik als Kulturwissenschaft“ angefügt. Im Unterschied zur üblichen „Islamwissenschaft“, ist gemeint – während die Wissenschaften von der westlichen Kultur nach Disziplinen gegliedert sind, von der Soziologie über die Musik bis zur Theologie, wird die Kultur des Nahen Ostens unreflektiert der Dominanz der islamischen Religion untergeordnet, beinahe als wollte die westliche Wissenschaft den muslimischen Fundamentalisten Recht geben.

Zurück zu den systematischen Fragen der Kulturphilosophie. Kultur sei „die Welt des freigestellten Menschen“, formuliert Konersmann. Das Adjektiv „freigestellt“ greift auf den platonischen Mythos von Prometheus zurück, der den Mensch als „nackt“, als ein Mängelwesen charakterisiert hatte, und wertet diese Nacktheit ins Positive um. Das kann natürlich kein Losgelöstsein von allen Traditionen bedeuten. Der Bochumer Kulturphilosoph Volker Steenblock zitiert den Klassiker der Kulturphilosophie im 20. Jahrhundert, Ernst Cassirer: In allen Kulturbereichen sei ein beständiger Kampf zwischen Tradition und Traditionskritik festzustellen. Und den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski: „Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; würde die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell, befänden wir uns wieder in den Höhlen.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Handbuch Kulturphilosophie,
herausgegeben von Ralf Konersmann,
Verlag J. B. Metzler, Stuttgart – Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02369-8, 59,95 €
Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften,
herausgegeben von Claus Leggewie, Darius Zifonun, Anne Lang, Marcel Siepmann, Johanna Hoppen,
transcript Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-1327-8, 25,80 €


Mehr im Internet:
scienzz artikel Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften 
scienzz artikel Philosophiegeschichte


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über
Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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