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Wissenschaft

23.04.2013 - PHILOSOPHIE

Als die Wahrheit erfunden wurde

von Josef Tutsch

 
 

Michel Foucault (1926-1984)
Bild: Wikipedia

„Man müsste die Geschichte der Denksysteme unternehmen“, begründete der französische Philosoph Michel Foucault 1969 seine Kandidatur für einen Lehrstuhl am Collège de France. Foucault wurde gewählt; von 1970 bis zu seinem Tod 1984 stellte er dort seine aktuellen Forschungsprojekte vor – ohne Anwesenheitspflicht für die Studenten, wohlgemerkt: Es wurden keine Scheine ausgegeben. „Auf dreihundert Sitzplätzen pferchten sich fünfhundert Leute“, berichten Augenzeugen, „sogen noch den letzten Freiraum auf.“

Von den meisten Vorlesungszyklen liegen Mitschnitte auf Cassettenrecorder vor. Nicht so aus dem Wintersemester 1970/71, Foucaults ersten Veranstaltungen am Collège. So hat es nach dem Tod des Dozenten noch fast drei Jahrzehnte gedauert, bis auf Grund der vorläufigen Manuskripte so etwas wie ein „Text“ dieser ersten Vorlesungsreihe erstellt werden konnte.

„Der Wille zum Wissen – so lautet der Titel, den ich den Vorlesungen in diesem Jahr gegeben habe“: Ob Foucaults Zuhörer bei diesem ersten Satz bereits ahnten, wie radikal der Redner mit dem Obertitel „Geschichte der Denksysteme“ Ernst machen würde? Es ging nicht etwa um Geschichte der Weltbilder oder der Weltanschauungen, sondern um das Denken selbst. Foucault vertrat nicht mehr und nicht weniger als die These, dass auch die Wahrheit, der Inbegriff des Unwandelbaren, ihre Geschichte hat.

Zum Paradebeispiel nahm Foucault die Entwicklung des Gerichtsverfahrens im antiken Griechenland. In den homerischen Epen etwa versucht der Richter, der angerufen wird, nicht etwa, eine „objektive“ Wahrheit festzustellen; er fordert von den streitenden Parteien einen Eid. „Wenn der Schwörende einen falschen Eid geleistet hat, läuft er Gefahr, dass der Zorn der Götter ihn vernichtet, aber das ist weder eine sichere noch eine automatische Folge.“ Andere Quellen bezeugen, dass an die Stelle des Wahrheitseides auch das Gottesurteil treten konnte, die physische Probe.

Der Unterschied zu unserem modernen Verständnis eines gerechten Verfahrens könnte nicht größer sein. Heutzutage will der Richter eine objektive Wahrheit herausfinden, also etwa durch Zeugenaussagen das enthüllen, was wirklich geschehen ist. Den Übergang zeigt die Geschichte von Ödipus, wie der Dichter Sophokles sie drei Jahrhunderte nach Homer auf die Bühne gebracht hat: Ödipus will die Wahrheit herausfinden, wer eigentlich seinen Vater Laios umgebracht hat. Im Mythos ist dieser Wille zum Wissen sehr praktisch begründet – das Verbrechen hat „Unreinheit“ über die Stadt Theben gebracht. Foucault: „Die Wahrheit erlaubt es, die Grenzen zwischen Reinem und Unreinem zu bestimmen.“

Friedrich Nietzsche 1882,
Fotografie von Gustav-
Adolf Schulze
Bild: Wikipedia

„Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“: Dieser Satz, mit dem der Philosoph Aristoteles ein Jahrhundert nach Sophokles seine „Metaphysik“ einleitete, kommt uns heute beinahe selbstverständlich und banal vor. Genau das stellte Foucault in dieser Vorlesung in Frage – die Erkenntnis sei „nicht Teil der menschlichen Natur“, sondern eine „Erfindung“. Im 19. Jahrhundert war Friedrich Nietzsche diesem Verdacht vorangegangen: „In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden.“

Diese Historisierung der Wahrheit, die auch Foucaults spätere Schriften, einige Jahre nach diesem Vorlesungszyklus, beherrscht, hat ihm viel Kritik eingetragen. Musste sich eine solche „Geschichte der Denksysteme“ nicht in einen Selbstwiderspruch verstricken? Auch eine Geschichte der Wahrheit ist unvermeidlich Wahrheitssuche – der Historiker kann sich nicht auf einen Standpunkt außerhalb, sozusagen jenseits dessen stellen, was da vor zweieinhalbtausend Jahren „erfunden“ wurde. À propos erfunden: Auch die Geschichtsschreibung entstand in jener Zeit zwischen Homer und Aristoteles.

Auf ein ethisches Problem hat der kanadische Philosoph Charles Taylor aufmerksam gemacht. Er hielt Foucault die fatalen Konsequenzen vor, die aus einer Auflösung der Wahrheit in historische Umstände folgen müsse: Es gebe dann keinen Standpunkt mehr, über ein Besser oder Schlechter zu urteilen, damit entfalle auch die Legitimation, sich für irgendetwas einzusetzen.

War Foucault bereit, diese Konsequenz in Kauf zu nehmen? Der Philosoph war ein enttäuschter, sozusagen abgefallener „Linker“; der jetzt veröffentlichte Vorlesungszyklus wurde kaum zwei Jahre nach der 68er „Revolution“ in Paris gehalten. Der Herausgeber des Vorlesungstextes, Daniel Defert, der bis zum Tod des Philosophen 1984 dessen Lebensgefährte war, macht im Nachwort darauf aufmerksam, dass in Foucaults Denken weiterhin eine Frage wirksam war, die – weniger reflektiert als in Foucaults Vorlesung – auch die rebellische Jugend angetrieben hatte. Sie kann jedoch in jedem Denken, gleich ob „rechts“ oder „links“, Sprengkraft entfalten: Wer ist es, der da eine „Wahrheit“ vortragen will? Aus wessen Perspektive also wird diese „Wahrheit“ gesehen und gewollt?


Neu auf dem Büchermarkt:
Michel Foucault: Über den Willen zum Wissen. Vorlesungen am Collège de France 1970-1971,
gefolgt von Das Wissen des Ödipus,
aus dem Französischen von Michael Bischoff,
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-58587-0, 42,95 € [D], 44,10 € [A], 57,90 sFr


Mehr im Internet:
Michel Foucault - Wikipedia   
scienzz artikel Foucaults Vorlesungen über Gouvernementalität 
scienzz artikel Philosphie des 20. Jahrhunderts


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über
Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied vonscienzz communcation

 

 

 

 

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