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10.05.2013 - BRAUCHTUM

Zwischen Friedenskampf und Floristikwirtschaft

Allerlei Muttertage und Vatertage, Männertage und Frauentage

von Josef Tutsch

 
 

Muttertagskarte von 1916
Bild: Wikipedia

In unserer modernen Zeit, sagen böse Zungen, hätten die Floristenverbände jene Funktion übernommen, die früher von den Kirchen ausgefüllt wurde: durch Feiertage das Jahr zu gliedern. Und es ist nicht ganz falsch, für den Blumenhandel gibt es erstens den Muttertag am 2. Sonntag im Mai, zweitens den Valentinstag am 14. Februar und drittens, viel weniger beachtlich, den Rest des Jahres.

Beinahe könnte man auf den Gedanken verfallen, die Floristen hätten diese beiden Hochfeiertage neu erfunden; aber ganz so war es doch nicht. Valentin geht auf Bräuche in der englischen Aristokratie der frühen Neuzeit zurück; der Muttertag entsprang vor gut hundert Jahren einer zunächst ganz und gar privaten Initiative. Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, veranstaltete die amerikanische Methodistin Anna Maria Jarvis ein „Memorial Mother’s Day Meeting“. Sie knüpfte damit an eine Tradition an, die ihre Mutter Anna Maria Reeves Jarvis bereits 1865 begründet hatte: An „Mother’s Day Meetings“ tauschte sie sich mit anderen Müttern zu aktuellen Fragen aus.

Bald nach jener Feier 1907 kam Anna Maria auf die Idee, einen „offiziellen“ Muttertag zu schaffen. Es wurde ihr Lebensziel oder jedenfalls das Ziel ihrer ersten Lebenshälfte. Und die Briefe, mit denen sie Politiker und Geschäftsleute, Kirchen und Verbände bombardierte, hatten sehr rasch Erfolg. 1914 flaggten aufgrund einer Resolution des Kongresses alle öffentlichen Gebäude in den USA zum „Muttertag“ am 2. Sonntag im Mai; bereits 1912 war eine „Mother’s Day International Association“ gegründet worden, um den Tag weltweit zu verbreiten. 1917 sprang der Muttertag in die Schweiz über, 1923 nach Deutschland, 1924 nach Österreich.

Ironie der Geschichte: Der Begründerin wurde die Institutionalisierung und Kommerzialisierung des Muttertages bald zuviel; die zweite Hälfte ihres Lebens widmete sie dem Versuch, diesen Tag wieder aus dem Kalender zu streichen. Vergebens – vor allem die Floristenverbände hatten längst das Potential erkannt. In Deutschland war es tatsächlich so, dass der Verband Deutscher Blumengeschäftsführer 1923 die Einführung des Muttertags in die Hand nahm. „Ehret die Mütter!“ war in allen Blumenläden zu lesen – dass die Ehrung „durch die Blume“ ausgedrückt werden sollte, verstand sich da von selbst.

1933 nahm der Nationalsozialismus den Tag in Beschlag. Der 2. Sonntag im Mai wurde zum staatlichen Feiertag erklärt; auf „Mütterweihen“ wurde das gewünschte Frauen- und Mütterbild propagiert. 1938 führte das Regime für kinderreiche Mütter das „Ehrenkreuz“ ein – ein Orden, der in Deutschland alle bevölkerungspolitischen Bemühungen nachhaltig desavouiert hat. Inzwischen ist der Muttertag wieder mehr eine Sache der Floristen als der Politiker. 2007, besagt eine Statistik, wurden in Deutschland in der Woche vor dem Termin 130 Millionen Euro für Schnittblumen ausgegeben; hinzu kommen allerlei Süßigkeiten.

Muttertagstorte  - Bild: Josef Türk
jun./Wikipedia

Einen international einheitlichen Termin für den Muttertag hat es nie gegeben; statt des 2. Sonntags im Mai sind zum Beispiel auch der Frühlingsanfang am 21. März und das Fest Mariae Himmelfahrt am 15. August gebräuchlich. Und es kennzeichnet den weltanschaulichen Pluralismus unserer Zeit, dass der Muttertag Konkurrenz hat – das unterscheidet ihn von den kirchlichen Feiertagen in früherer Zeit. 1909 wurde in den USA von Frauen der „Sozialistischen Partei“ erstmals ein „Frauentag“ begangen, der die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht vertreten sollte; im folgenden Jahr wurde die Idee durch die sozialistische Politikern Clara Zetkin nach Europa übertragen. Im Ersten Weltkrieg verschob sich der Schwerpunkt auf Aktionen gegen den Krieg.

Ein fester Termin war zunächst nicht vorgesehen; der wurde erst 1921 in der Sowjetunion eingeführt, wo man an eine Streikaktion von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernfrauen am 8. März 1917 in Sankt Petersburg erinnern wollte. Wie das mit Feiertagen so geht: In der DDR sei der Frauentag „zu einer Art sozialistischem Muttertag“ geworden, kritisierte 1977 die feministische Zeitung „Courage“. Außerhalb des sowjetischen Machtbereichs wurde der 8. März niemals so richtig populär, nicht einmal, nachdem die UNO ihn 1975 als „Internationalen Frauentag“ proklamiert hatte.

Und noch ein Frauentag: Seit 1981 organisieren Menschenrechtsorganisationen Jahr für Jahr am 25. November einen „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ – von Beschneidung über Zwangsheirat bis zu ökonomischer Benachteiligung. In der feministischen Bewegung macht sich allerdings ein tiefes Misstrauen gegen den politischen Sinn solcher Aktionstage breit. Alice Schwarzer 2010: „Machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer!“

Ein Appell, der den vielen „Tagen“, die in unserer Gegenwart an die Stelle der Heiligenfeste im Mittelalter getreten sind, aber keinen Abbruch tut. So gibt es seit einigen Jahren gleich zwei „Männertage“: einen „Weltmännertag“, der seit 2000 an jedem 3. November auf besondere gesundheitliche Risiken für das männliche Geschlecht aufmerksam machen will, und seit 1999 den „Internationalen Männertag“ am 19. November, der sich ebenfalls der Gesundheit verschrieben hat, aber auch der „Verbesserung des Geschlechterverhältnisses“ und der „Förderung von Gleichberechtigung“.

An Popularität können beide Männertage es bei weitem nicht mit dem Vatertag aufnehmen, der keinerlei Organisation hinter sich hat – außer allenfalls der Getränkeindustrie. In Deutschland erreicht der Alkoholkonsum am Vatertag einen Jahreshöhepunkt, vergleichbar allenfalls mit Karneval und Fastnacht; die Zahl der durch Alkohol verursachten Verkehrsunfälle soll dreimal so hoch liegen wie im Durchschnitt.

Kutschfahrt zum Vatertag
Bild: Lienhard Schultz/Wikipedia

Als Termin bot sich Christi Himmelfahrt an, nachdem dieses Fest in Deutschland zum arbeitsfreien Tag geworden war; ein Bezug zum christlichen Glauben ist da nicht zu erkennen. In Österreich wird der Vatertag am zweiten, in den USA, wo er seit 1974 sogar offizieller Feiertag ist, am dritten Sonntag im Juni gefeiert; Italiener und Spanier begehen ihren Vatertag am 19. März, dem Fest des hl. Joseph. Russland verbindet seinen Vatertag mit einem patriotischen Anlass: dem „Tag des Verteidigers des Vaterlands“; dahinter verbirgt sich der frühere „Tag der Roten Armee“.

Und genauso vielfältig ist die Art, diesen Tag zu begehen. In den katholischen Mittelmeerländern handelt es sich um einen Familientag. Nordamerikanische Väter widmen sich der Aufgabe, ihren Kindern das Leben in den glorreichen Zeiten der Pioniere nahe zu bringen, die sich in den endlosen Weiten der Prärie, an einer wandernden Grenze der Zivilisation, bewähren mussten.

Eine Sehnsucht, die auch im dicht bevölkerten Mitteleuropa lebendig geblieben ist. Ende des 19. Jahrhunderts kam in den rapide wachsenden Großstädten wie zum Beispiel Berlin der Brauch auf, dass die Männer – also Väter wie Junggesellen – an einem sonnigen Frühlingstag zu irgendeiner Kneipe in die Vorstadt hinauszogen, gemeinsam, aber eben ohne Frauen oder Freundinnen. Sinn war die Einübung der Jüngeren in die Sitten oder Unsitten von "Männlichkeit", also gemeinsames Trinken und Rauchen und natürlich das Reden über die Weiblichkeit. Oft blieb es nicht beim Reden; der Tag mündete in einem Bordellbesuch.


Mehr im Internet:
scienzz artikel Rund um den Mai 
scienzz artikel Der kleine Unterschied 



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über
Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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