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19.05.2013 - MUSIKGESCHICHTE

"Das Publikum wird herzlich gebeten, nach Schluss der 'Meistersinger' nicht zu singen"

Richard Wagner und die Deutschen - zum 200. Geburtstag

von Josef Tutsch

 
 

Richard Wagner (1813-1883),
Gemälde von Cäsar Wottlich,
1882 - Bild: Reiss-Engelhorn-
Museen Mannheim

Fast 78 Jahre und kein bisschen weise ... Fünf Tage lang saß Winifred Wagner dem jungen Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg gegenüber und redete und redete ... Vor allem über ihre Freundschaft mit „Wolf“ alias Adolf Hitler. „Wenn Hitler heute hier zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer.“

Im Jahre 1975, drei Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches, bekannte eine alte Dame ihre Sympathie für den “Führer“. Sie entschuldigte sich nicht, beteuerte bloß, sie sei ihr Leben lang völlig unpolitisch gewesen. „Ich bin im Stande, den Hitler, den ich kenne, vollkommen zu trennen von dem, was man heutzutage ihm alles zur Last legt.“ Ihr Sohn Wolfgang, der sich gemeinsam mit Bruder Wieland seit 1945 bemüht hatte, Bayreuth und die Familie Wagner vom Ruch des Nazismus zu befreien, zuckte mit den Achseln, als das Interview in den Kinos zu sehen war: „Sie ist nun mal meine Mutter.“ Für die letzten Jahre ihres Lebens erteilte er Winifred Zutrittsverbot zu den Festspielen.

Bayreuth und die Politik ... Oder auch: Richard Wagner und die Deutschen ... Pünktlich zum 200. Geburtstag des Komponisten am 22. Mai hat der Historiker Sven Oliver Müller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin einen Abriss dieser Beziehungsgeschichte heraus gebracht. Eine politische Geschichte – damit will der Historiker nicht dem Dirigenten Christian Thielemann widersprechen, der einmal festgestellt hat: „Einen Quartsextakkord kann ich weder antisemitisch noch philosemitisch, weder faschistisch noch sozialistisch noch kapitalistisch spielen.“ Aber, so Müller, „verlässt man die Position der Werkimmanenz und blickt auf die Rezeptionsformen in den Inszenierungen und im Publikum, dann fällt das Urteil anders aus.“

Das „Leitmotiv“, wenn man so sagen darf, findet sich in einer Szene aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Der Protagonist Diederich Heßling erlebt eine Aufführung des „Lohengrin“. „’Das ist die Kunst, die wir brauchen!’ rief Heßling aus. ‚Das ist deutsche Kunst!’ Denn hier erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt ... Der kriegerische Unterbau und die mystischen Spitzen, beides war gewahrt.“

In Müllers Resümee: „Richard Wagner gab dem Adel, den bürgerlichen Eliten, aber auch dem Kleinbürgertum Mittel an die Hand, ihre Weltbilder zu bestätigen. Seine Ideen dienten als Chiffren, nationale Überlegenheit zu kommunizieren, sie intellektuell legitimierbar und emotional erfahrbar zu machen.“ Das Wort „kommunizieren“ ist dem Historiker vielleicht etwas unglücklich in die Feder geflossen, beinahe möchte man meinen: phrasenhaft; aber mit seinem Anklang an die christliche Kommunionsfeier passt es perfekt zu Wagner. Als Igor Strawinsky 1912 die Festspiele besuchte, war er verschreckt: „Ist die ganze Bayreuther Aufmachung nicht wirklich eine unbewusste Nachahmung des kirchlichen Ritus?“

Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses
1876 mit "Rheingold" - Bild: Wikipedia

Von wegen „unbewusst“ – Wagner sah seine eigenen „Gesamtkunstwerke“ nicht nur ästhetisch, sondern vielmehr religiös; er wollte nicht bloß Künstler sein, sondern Erlöser. Erlöser vor allem der deutschen Nation: von der politischen Zersplitterung und von der Herrschaft des Geldes, von den Einflüssen „fremder“ (damals sagte man: „welscher“) Kultur und – das vor allem – vom Judentum.

Ja, einer der größten Komponisten der Musikgeschichte erging sich in seinen theoretischen Schriften in einem ungehemmten Antisemitismus. Freilich – dieser „Bayreuther Antisemitismus“ bezog sich ursprünglich weniger auf biologische als auf moralische und kulturelle Aspekte. Aber Wagner brachte seine Ressentiments auch auf die Bühne. Alberich, Mime und Hagen im „Ring des Nibelungen“, Beckmesser in den „Meistersingern“, Kundry im „Parsifal“ – alles Judenkarikaturen. Müller vermutet, dass es gerade diese gehässigen „Inszenierungen von Feindbildern“ waren, diese „ästhetischen Chiffren von Verrätern, Versagern, Lügnern“, die Hitler an Wagners Musikdramen faszinierten.

Und umgekehrt konnte Hitler sich leicht mit Wagners positiven Figuren identifizieren. Vor allem mit Lohengrin, dem Urbild eines charismatischen Führers, der blindes und grenzenloses Vertrauen verlangt. Lohengrins Weisung an Elsa „Nie sollst du mich befragen!“ entspricht, so Müller, präzise der Forderung Hitlers an die „Volksgenossen.“ „Wer den Charismatiker als Menschen kennen lernen will, verkennt seinen Rang.“

Winifred Wagner wird sich im Einklang mit Schwiegervater Richard gefühlt haben, als sie während des Zweiten Weltkriegs die Wichtigkeit der „Meistersinger“ im gegenwärtigen Kampf der „abendländischen Kulturwelt mit dem destruktiven Geist des plutokratisch-bolschewistischen Weltkomplotts“ betonte. Wahrscheinlich sah Winifred in solchen Ausfällen auch gar keinen Widerspruch zu ihrer betont unpolitischen Haltung. Müller: „Manche Wagnerianer reihten die antisemitischen Äußerungen ihres ‚Meisters’ als vermeintliche Selbstverständlichkeiten ein in Wagners Lehre über Pessimismus, Ästhetizismus und Tierschutz.“

Eine solche „Selbstverständlichkeit“ scheint für das Haus Wagner vor allem die Jahrzehnte lang immer wieder betonte Abwehr von Politik gewesen zu sein. „Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir, von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen“, erklärten die Enkel Wieland und Wolfgang Wagner 1951 auf einem Handzettel zur Wiedereröffnung – es war das Gebot der Stunde, den „Grünen Hügel“ von der „braunen“ Vergangenheit zu befreien. „Hier gilt’s der Kunst“ zitierten Wieland und Wolfgang die „Meistersinger“.

Joseph Goebbels und Werner von Blomberg
bei den Bayreuther Festspielen 1937
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia

Ungewollte Kontinuität – 1933 war zu lesen: „Auf ausdrücklichen Wunsch des Herrn Reichskanzlers wird gebeten, innerhalb des Festspielhauses von Kundgebungen, die nicht dem Werk Richard Wagners gelten, abzusehen.“ Und 1924 ließ Richards Sohn Siegfried per Anschlag verkünden: „Das Publikum wird herzlich gebeten, nach Schluss der ‚Meistersinger’ nicht zu singen.“ Das Deutschlandlied zu singen, war gemeint. Siegfried zitierte ebenfalls die „Meistersinger“: „Hier gilt’s der Kunst!“ Die „reine“ Kunst gegen Politik, offenbar eine recht wandelbare Grenzziehung. Als „politisch“ wurde, vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik Deutschland, immer wieder all das abgewehrt, worüber man sich hätte streiten können – nur das Werk des „Meisters“ sollte allen Streits enthoben sein.

Und ganz unverständlich ist diese Haltung nicht; Richard Wagners welthistorische Bedeutung liegt nun mal in dem, was Thielemann pointiert als die „Quartsextakkorde“ bezeichnete. Aber kann man sein „Werk“, seine Musikdramen, abtrennen von all dem Unerfreulichen, was uns sonst bei seinem Namen in den Sinn kommt – von seinem Charakter, den Thomas Mann einfach „schäbig“ nannte, von seinem unerträglichen Hang zur Selbstinszenierung, von der Unlogik und dem Schwulst, die in seinen theoretischen Schriften wahre Triumphe feiern, von seinen schlicht inakzeptablen weltanschaulichen Festlegungen? Und dann von seiner „Wirkung“, die dem Werk ja offenbar nicht von außen zugekommen ist, sondern in der Persönlichkeit seines Schöpfers angelegt war?

Man muss es wohl, wenn man nicht aus der Musik- und Theatergeschichte aussteigen will. „Ich hasse Wagner, aber auf den Knien“, soll Leonard Bernstein einmal gesagt haben; der amerikanische Jude wusste, dass der „Meister“ ihm womöglich das Dirigieren seiner Musik untersagt hätte. Begreiflich, dass es in Israel heute noch Widerstände gibt, wenn jemand Wagners Musik auf der Bühne oder im Konzertsaal aufführen will.

Ist das überhaupt möglich – sich Wagners Kompositionen total zu verschließen? Seine Musik wurde immer wieder mit einer Droge verglichen: Man verfällt ihr leicht. Müller vermutet einen Zusammenhang mit dem, was man die „unendliche Melodie“ genannt hat. Wagner hat sie aus der italienischen Bel-canto-Oper übernommen; auch bei Bellini oder Donizetti meint der Hörer, diese Melodie könnte niemals ihr Ende finden. Der deutsche Komponist radikalisierte das Verfahren noch – und verwehrte es damit dem Publikum, vor dem Aktschluss den Sängern seinen Beifall kundzutun. Gerade der Applaus jedoch ermöglicht es dem Zuhörer, zur emotional erregenden Musik einen rationalen Abstand zu gewinnen.

Turmbläser zur Pause
Bild: Andreas Praefcke/Wikipedia

Inzwischen hat die Kommerzialisierung der klassischen Musik auch den Komponisten Wagner sozusagen eingeebnet. 2005 kam eine CD heraus „Walking mit Wagner“ – der Walkürenritt diente einem „Warm Up“, Isoldes Liebestod einer „Relaxation“. „Normalisierung“, im Sinne der Standards, wie sie sonst im modernen Opernbetrieb gelten, auch bei den Festspielen: Seit 2008 wird jedes Jahr eine der Aufführung als Public Viewing auf einen öffentlichen Platz oder in die Kinos der Stadt übertragen. Es gab Geschrei von einigen „Wagnerianern“. Aber im Grunde werden doch gerade solche Massenmedien Wagners eigenen Vorstellungen gerecht. Sein Publikum sollte „das Volk“ sein, nicht bloß Adel, Politik und Finanzwelt.

Ob er glücklich gewesen wäre mit der „Popularisierung“, die das Dritte Reich den Festspielen angedeihen ließ? 1939 bis 1944 wurden jeweils einige Tausend Soldaten, Rüstungsarbeiter und Krankenschwestern nach Bayreuth abgeordnet. Bevorzugtes Stück: „Die Meistersinger“, Wagners Oper von einem idealen deutschen Staat. Es kennzeichnet die Vieldeutigkeit von Wagners Gedankenwelt, dass seine „romantische Demokratie“, wie Thomas Mann das utopische Konstrukt bündig genannt hat, antiliberal und antisemitisch und am Ende auch antidemokratisch gedacht war – eben als „Volksgemeinschaft“.

Vielleicht hat Bundespräsident Walter Scheel die treffendsten Worte zum Thema „Wagner und die Deutschen“ gefunden. Bei seiner Ansprache zum hundertjährigen Jubiläum der Festspiele bekannte er, kein „Wagnerianer“ zu sein. Das hätte man ihm vermutlich noch verziehen. Aber was Scheel dann vortrug, meint Müller, war für Altwagnerianer schlimmer, als wenn er gegen Wagner gewettert hätte. Er stellte den „Meister“ ganz sachlich in die Reihe der großen Opernreformer des 19. Jahrhunderts, neben Giuseppe Verdi und Modest Mussorgski, seine Ideen in die deutsche Geistestradition mit all ihren Fatalitäten. Wagner wurde relativiert und historisiert, seiner angemaßten Erlöserrolle entkleidet: „Bayreuths Geschichte ist ein Teil der deutschen Geschichte. Seine Irrtümer sind die Irrtümer unserer Nation gewesen.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Sven Oliver Müller: Richard Wagner und die Deutschen. Eine Geschichte von Hass und Hingabe,
C. H. Beck, München 2013, ISBN 978 3 406 64455 9, 22,95 € [D], 34,90 sFr, 23,60 € [A]


Mehr im Internet:
Richard Wagner - Wikipedia 
scienzz artikel Musiktheater 
scienzz artikel Kulturgeschichte Mitteleuropas


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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