Berlin, den 24.05.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

26.08.2013 - ZEITGESCHICHTE

"Miteinander am Tisch der Brüderlichkeit"

Vor 50 Jahren hielt Martin Luther King seine Rede "I have a dream"

von Josef Tutsch

 
 

Martin Luther King bei seiner
Rede "I have a dream"
Bild: Wikipedia

„I have a dream ...“ ... Ein Satzanfang, der sich vielen Millionen Menschen eingeprägt hat. „Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können ...“

Für den 28. August 1963 hatten mehrere amerikanische Bürgerrechts-organisationen zu einem „Marsch für Arbeit und Frieden“ aufgerufen. Etwa 250.000 Menschen folgten dem Ruf und forderten vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., das Ende der rassistischen Diskriminierung. Der Protest richtete sich nicht gegen die Bundesregierung in Washington, sondern gegen die Regierungen einiger der „Südstaaten“. Die Proklamation, mit der Präsident Abraham Lincoln im amerikanischen Bürgerkrieg die Befreiung der Sklaven in den Staaten der Sezession verkündet hatte, lag gerade hundert Jahre zurück; aber nach wie vor setzten die Behörden wie auch große Teile der Bevölkerung einer rechtlichen und sozialen Gleichstellung der Schwarzen zähen Widerstand entgegen.

Ebenso zäh jedoch bemühten sich schwarze wie weiße Bürgerrechtler, den Abbau der Diskriminierung voranzutreiben. Auch Präsident John F. Kennedy stand auf ihrer Seite und ließ gerade ein neues Gesetz ausarbeiten. Vielleicht verdankte Kennedy ja bereits seinen knappen Wahlsieg zwei Jahre zuvor seiner aufgeschlossenen Haltung: Durch persönlichen Kontakt zu einem Richter hatte er bewirkt, dass King gegen Kaution aus einer Untersuchungshaft entlassen wurde. 

Kennedy stand freilich vor demselben Problem wie Lincoln ein Jahrhundert zuvor: Ohne einen verfassungspolitisch durchaus problematischen Eingriff in die Autonomie der Einzelstaaten ging es nicht. Von einer Massenkundgebung befürchtete Kennedy zunächst eine Verschärfung der Konfrontation, sowohl auf der Straße als auch in den politischen Gremien. Um die schwarzen Teilnehmer nicht durch allzu viele Polizisten mit weißer Hautfarbe zu provozieren, wurde eine große Zahl von Ordnern ausgebildet. Am Ende funktionierte die inoffizielle Zusammenarbeit: Die Kundgebung verlief friedlich.

Die Veranstalter hatten eine Menge Showstars aufgeboten, von Joan Baez über Mahalia Jackson bis zu Bob Dylan. Den Höhepunkt bildete jedoch die Rede des Baptistenpastors Martin Luther King. Hundert Jahre nach Lincoln, sagte King, „ist der Neger immer noch nicht frei. Hundert Jahre später ist das Leben des Negers immer noch verkrüppelt durch die Fesseln der Rassentrennung und die Ketten der Diskriminierung. Hundert Jahre später schmachtet der Neger immer noch am Rande der amerikanischen Gesellschaft und befindet sich im eigenen Land im Exil.“

Und King forderte, das Versprechen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 müsse nun endlich auch für die Schwarzen gelten: „Als die Architekten unserer Republik die großartigen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung schrieben, unterzeichneten sie einen Schuldschein, zu dessen Einlösung alle Amerikaner berechtigt sein sollten. Dieser Schein enthielt das Versprechen, dass allen Menschen –  ja, schwarzen Menschen ebenso wie weißen — die unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und der Anspruch auf  Glück garantiert würden.“

Das Lincoln Memorial am 28. August
1963 - Bild: US Government/Wikipedia

Tatsächlich, die Väter der Unabhängigkeitserklärung 1776 – damals war die Sklaverei in den Kolonien, die sich von der britischen Krone losgesagt hatten, eine sozial anerkannte Institution – sprachen von „allen Menschen“; inwieweit damit auch die schwarzen Sklaven (und übrigens auch die indianischen Ureinwohner) gemeint sein könnten, darüber schwiegen sie sich aus.

Im Nachhinein darf man auch fragen, ob bei dem „Streben nach Glück“ mehr an irdisches Wohlergehen gedacht war oder mehr an das Heil der Seele im Jenseits. Die folgenden Generationen haben diesen Gedanken eher materiell gewendet, und wie selbstverständlich wurde zum Streben der Erfolg mitgedacht. Millionen Auswanderer suchten in den USA ihr Glück, im Glauben, dort habe jeder die Chance, es durch eigene Arbeit zu etwas zu bringen. Vom Tellerwäscher zum Millionär – 1931 kam der Ausdruck „American Dream“ auf.

Vom „Großen Gatsby“ bis zum „Tod eines Handlungsreisenden“ – die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts ist voll von Geschichten, die das Fragwürdige an diesem Traum demonstrieren. Wie sehr dieser Traum nicht zuletzt für viele Schwarze von vornherein illusorisch bleiben musste, wurde jedoch weitgehend verdrängt. Vor allem in den Südstaaten wurden selbst die juristisch handfesten Bestimmungen über das Wahlrecht und die Gleichbehandlung vor Gericht systematisch sabotiert, von Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt gar nicht zu reden. Erst in den 1950er Jahren konnte die Bürgerrechtsbewegung größere Teile der Bevölkerung, sowohl unter den Schwarzen wie unter den Weißen, mobilisieren.

King blieb in seiner Rede vor dem Lincoln Memorial jedoch nicht bei einer Anklage stehen, er fasste seine Forderung in eine versöhnliche Utopie: „Ich habe einen Traum ... dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt ... dass eines Tages in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern die Hände schütteln ..“ Und der Prediger Martin Luther King scheute sich nicht, die erhabenen Metaphern der Bibel vom messianischen Endreich in die Politik zu übertragen: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.“

Keine drei Monate später wich der Traum dem Entsetzen: Am 22. November 1963 wurde Präsident John F. Kennedy in Dallas ermordet. Unter seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson, konnte der „Civil Rights Act“ 1964 jedoch in Kraft treten. Im Senat hatten einige Mitglieder versucht, den Beschluss durch permanentes Debattieren über siebenundfünfzig Tage hinweg doch noch zu verhindern. Danach weigerten sich die Gouverneure von Alabama und Mississippi, das Gesetz (das in ihren Augen die Kompetenz der Einzelstaaten unzulässig antastete) anzuerkennen.

Der 28. August 1963 bildete den Höhepunkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Bald danach löste sie sich in mehrere Richtungen auf. Radikale Gruppen wie die „Black Panther“ wussten mit der Vision von einem Gemeinwesen, in dem Schwarz und Weiß keine Diskriminierung mehr begründen würden, nichts anzufangen, und wandten sich von Kings Pazifismus ab; Malcom X sagte ironisch, durch den Marsch, an dem sich auch mehrere zehntausend Weiße beteiligt hatten, sei ein schwarzer Kaffee mit weißer Milch verdünnt worden.

Gedenkstein am Lincoln Memorial
Bild: ProhibitOnions/Wikipedia

Und dann brachte der Vietnam-Krieg unter den Schwarzen Amerikas ebenso verschiedene und gegensätzliche Stellungnahmen hervor wie unter den Weißen. Dass King sich gegen den Krieg engagierte, trug ihm nicht nur die Aufmerksamkeit des FBI ein; auch die Spenden gingen drastisch zurück. Vor allem jedoch: Nach den Schwarzen hatten noch weitere Minderheiten entdeckt, wie sehr sie in ihren Chancen auf eine Verwirklichung des „American Dream“ benachteiligt waren – die indianischen Ureinwohner, die Hispanics, die Immigranten aus dem Nahen und dem Fernen Osten, die Feministinnen, die Schwulen und Lesben usw. usf., gar nicht zu reden von den ärmeren Schichten im weißen Bevölkerungsanteil. 

Weiterungen des Themas, die sich King wohl kaum bewusst machen konnte, als er seine Utopie von einer Gesellschaft der Freiheit – der wirklichen, nicht nur im Verfassungstext proklamierten Freiheit – entfaltete. Aber die Universalisierung war in seiner Konzeption angelegt; er sprach von dem Tag, „an dem alle Kinder Gottes — schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken — sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können: "Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!"
 
Ein Traum, eine Utopie – ob King wohl hoffte, die Verwirklichung noch selbst zu erleben? Am 3. April 1968 sagte er in einer Rede in Memphis. Tennessee, er habe wie einst Moses immerhin einen Blick ins Gelobte Land werfen dürfen ... Am Tag darauf wurde er ermordet.

Könnte King die USA von heute betrachten, müsste seine Bilanz zur Emanzipation der Schwarzen wohl recht zwiespältig ausfallen. Seit fünf Jahren amtiert im Weißen Haus ein Präsident, der väterlicherseits Afroamerikaner ist. Andererseits wurde gerade vor wenigen Wochen in Florida ein Wachtmann freigesprochen, der einen 17-jährigen Schwarzen erschossen hatte – anscheinend, ohne dass tatsächlich so etwas wie Notwehr vorgelegen hätte.

50 Jahre nach Martin Luther Kings „I have a dream“ befindet ich Amerika erneut in einer Rassismus-Debatte. Der New Yorker Prediger Al Sharpton hat das Empfinden vieler Afroamerikaner auf den Punkt gebracht: „Wir können einen schwarzen Mann ins Weiße Haus setzen, aber wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine geschützte Wohnsiedlung laufen lassen.“ Soziale Einstellungen und Verhaltensweisen sind eben viel schwer zu ändern als Gesetzesparagraphen; das hatte der französische Schriftsteller Alexis de Tocqueville schon lange vor der Sklavenbefreiung gesehen.


Mehr im Internet:
I have a dream - Wikipedia 
scienzz artikel Geschichte der USA


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über
Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet