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07.09.2013 - KULTURGESCHICHTE

Spiele mit einem Alter ego

Das Zeremeoniell des Inkognito an den Höfen der Frühen Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Der Zar als Zimmermann:
Denkmal Peters des Gros-
sen in Zaandam/Holland
Bild: Heidas/Wikipedia

Im Juli 1697 war am brandenburgischen Hof in Berlin ein russischer Offizier mit Namen Petr Michajlow zu Gast. Kurfürst Friedrich III. ließ ihn mit außergewöhnlicher Höflichkeit behandeln. Zeremonienmeister Johann von Besser notierte ins Hofprotokoll, wenn es um Seine Majestät den Zaren persönlich gegangen wäre, hätte alles nicht herrlicher und prächtiger ablaufen können.

Der Offizier war tatsächlich Zar Peter, später „der Große“ genannt. Am Berliner Hof wusste jeder Bescheid; aber alle spielten den Unwissenden. Am 27. Juli lüftete der „Altonaer Relations-Courier“ das Geheimnis dann auch für die breite Öffentlichkeit. Als Peter Anfang August in Zaandam ankam und bei einem Schmied Quartier nahm, um sich mit modernen Schiffbautechniken zu befassen, war seine „Inkognito“-Reise längst allbekannt.

„Inkognito“ ... Das italienische Wort heißt wörtlich übersetzt „unerkannt“; der Duden gibt aber noch eine weitere, etwas freiere Übersetzung an: „unter fremdem Namen“. An den Fürstenhöfen der frühen Neuzeit war das Inkognito nicht der Versuch, in die Anonymität zu flüchten, sondern ein hochkomplexes, festreguliertes Spiel: Der Träger „nimmt einen anderen Namen an und bekundet so seine Absicht, für eine gewisse Zeit eine andere Person zu sein, eine andere soziale Rolle spielen zu wollen", definiert der Kölner Historikr Volker Barth in seiner jetzt erschienenen Studie über die Geschichte des Zeremoniells

Joseph von Eichendorff hat das Prinzip in den 1830er Jahren in seinem Entwurf für eine Puppenspiel auf den Punkt gebracht: „Der König nennt Graf sich und lächelt ein wenig, wir aber verneigen uns untertänig und lächeln, als ob wir’s glauben; er tut, als glaubt’ er, dass wir’s glauben ...“ Bei Bedarf bestand immer die Möglichkeit, doch wieder in die „eigentliche“ Rolle zu springen. 1767 weigerte sich Papst Clemens XIII., einen gewissen „Grafen von Falkenstein“ zu empfangen. Kaiser Joseph II. musste sein Inkognito vorübergehend ablegen.

Das Motiv des Identitätstausches gehört zur Weltliteratur. Homers Odysseus wechselt immer und immer wieder seine Identität; in den „Märchen aus Tausendundeiner Nacht“ begibt sich der Kalif Harun al-Rashid gelegentlich verkleidet in das Leben der Großstadt Bagdad; in den Artus-Romanen des hohen Mittelalters verwandeln sich die ruhmreichen Helden der Tafelrunde gern in einfache, unbekannte, aber ebenso tapfere Ritter. Den Höhepunkt der Erzählung bringt jedes Mal der Augenblick, wenn die Maske oder das Visier abgelegt wird und der Held sein „Ich bin’s“ spricht.

Vielleicht waren es solche literarischen Vorbilder, aus denen heraus sich im späten Mittelalter das höfische Inkognito-Zeremoniell entwickelte. Frühe Belege hat Barth in den Heiratssitten des regierenden Adels gefunden. 1389 beobachtete König Karl VI. von Frankreich verkleidet, wie seine Verlobte Isabeau de Bavière in Paris einzog; die Wächter wehrten seine Versuche, sich der Zukünftigen zu nähern, recht handgreiflich ab, da sie ihren König nicht erkannten.

Graf Falkenstein alias Kaiser Joseph II.
hilft einem Bauern beim Pflügen, in Slawi-
kowitz/Mähren (zeitgenösssiches Flugblatt)
Bild: Wikipedia

Ob sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat, muss offen bleiben. Jedenfalls gab Karl selbst sie bei den anschließenden Feierlichkeiten in großem Kreis zum Besten. Offenbar wollte er kundtun, seine dynastisch arrangierte Heirat sei eben doch eine Sache der Liebe. Ludwig XIV. wiederholte diese „Inkognito-Aufwartung“ 1660 bei seiner Hochzeit mit der spanische Infantin Maria Theresia. Es wurde, so Barth, „eine angebliche Ungeduld Ludwigs inszeniert, die seine persönliche Zuneigung jenseits diplomatischer Interessen symbolisierte“.

Das Inkognito war Teil eines umfassenden Rituals von Verkleidungsspielen, mit denen der regierende Adel sich präsentierte. 1662 ließ Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen seinen Sohn und dessen Braut bei den Hochzeitsfeiern als Mohr und Mohrin auftreten. Das gesellige Vergnügen, interpretiert Barth, „verband sich mit einer symbolischen Erniedrigung des Thronfolgers, der zu Respekt für den regierenden Fürsten und zur Bescheidenheit im Hinblick auf die zukünftigen Aufgaben gemahnt wurde“. Aber immer mit der Anwartschaft auf eine zukünftige Thronbesteigung. Wahrscheinlich, vermutet Barth, standen hinter solchen Demutsbekundungen sogar theologische Gedanken: In Christus hatte die Gottheit Menschengestalt angenommen, sein irdisches Leben war sozusagen (der Ausdruck stammt von dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard) ein „göttliches Inkognito“.

In der realen Geschichte der frühen Neuzeit griffen die Herrscher vor allem dann gern zum Inkognito, wenn sie auf Reisen gingen und mit anderen gekrönten Häuptern in Kontakt traten. Es gehe nicht eigentlich um eine Aufhebung des Zeremoniells, betonte der sächsische Schriftsteller Julius Bernard von Rohr 1728/29 in seiner „Ceremoniel-Wissenschaft“, sondern vielmehr um eine spezielle Spielart. Als 1732 der preußische König Friedrich Wilhelm I. in Prag Kaiser Karl VI. besuchen wollte, gab es Streit über die Frage, ob der Kaiser dem König die Hand reichen solle – die althergebrachte Hierarchie stand auf dem Spiel. Am Ende einigte man sich darauf, dass die Zusammenkunft abseits der Öffentlichkeit auf einem Landgut stattfand, eben „inkognito“.

Bei den Komplikationen, die das höfische Protokoll mit sich brachte, war es kein Wunder, dass viele Monarchen damals die ausgeklügelten Zeremonien mehr und mehr als Hindernis empfanden. Friedrich II. von Preußen erhob „das Inkognito in Preußen von der zeremoniellen Ausnahme zum Regelfall“ und verordnete, bei seinen Reisen dürfe ihn niemand „mit Aufzügen, Ehrenpforten, Paradierung der Bürgerschaft, Lautung der Glocken, Lösung des Gewehrs, Blasen von den Türmen“ „incommodieren“.

Joseph II. folgte diesem Vorbild und nutzte das Inkognito, sein Ansehen zu steigern, sich – ganz wörtlich – „populär“ zu machen. In den Anekdoten entstand das Bild eines Kaisers, der sich schlitzohrig unter das Volk mischte, um dessen unverfälschte Meinung zu hören. Dabei wird die wahre Identität des „Grafen von Falkenstein“ in aller Regel kein Geheimnis gewesen sein, unterstellt Barth. Anders wollte es natürlich die Anekdote. Bei seinem Besuch in Paris, wurde erzählt, sei Joseph von einem Kutscher brüsk zurückgewiesen worden: Er warte auf den Kaiser und könne deshalb gerade keine „gewöhnlichen“ Fahrgäste befördern.

König Frederik VIII. von Dä-
nemark - Bild: Wikipedia
 
Im Laufe des 19. Jahrhunderts löste sich dieses Inkognito-Zeremoniell mehr und mehr auf. Es ging nun wirklich in der Hauptsache darum, dass die Monarchen, wie der Schriftsteller Johann Christoph Gottsched es bereits 1751 ausdrückte, „die Süßigkeiten des Privatstandes schmecken“ wollten. Elisabeth („Sissi“) von Österreich ließ gelegentlich ihre Friseuse, die ihr wohl etwas ähnlich sah, die Kaiserin mimen, damit sie selbst später unbemerkt entschwinden konnte.

Ein besonders bemerkenswertes Beispiel für „öffentliche Versteckspiele“, die im Grunde weder öffentlich noch ein Spiel sein wollten, bot Ludwig II. von Bayern, der „Märchenkönig“. Oft reiste Ludwig tatsächlich in aller Heimlichkeit; er versuchte, vor den Regierungsgeschäften zu flüchten. Dabei verstand er es durchaus, sein diplomatisch organisiertes Inkognito als „Graf von Berg“ zu nutzen, nämlich als ein Mittel, „politische Pflichten zu minimieren und private Vergnügungen zu maximieren“. Während 1867 bei Ludwigs Aufenthalt in Paris Kaiser Napoleon III. den König in seinem Hotel aufsuchen wollte, vermutlich um über ein Bündnis gegen Preußen zu verhandeln, spazierte der Graf von Berg durch die Straßen von Paris – schließlich konnte niemand von ihm erwarten, dass er die Pflichten eines Königs von Bayern erfüllen würde.

Die „Süßigkeiten des Privatstandes“ ... Am 14. Mai 1912 brach auf dem Hamburger Gänsemarkt ein älterer Herr nach einem Schlaganfall zusammen. „1,65 groß, graues Haar, dito Schnurrbart, dunkelgrauer Jackettanzug, dunkler Überzieher, schwarzer steifer Hut, Schnürstiefel“, veröffentlichte die Polizei in einer Depesche, nachdem der Unbekannte auf dem Transport ins Krankenhaus verstorben war. Der Direktor des Hotels Hamburger Hof konnte aufklären: Es handelte sich um einen dänischen Grafen namens Kronborg. Einen Tag später stellte sich heraus, dass der „Graf Kronborg“ in Wirklichkeit Frederik VIII. war, regierender König von Dänemark. In „strengstem Inkognito“, schrieb der „Hamburger Correspondent“, sei es ihm möglich gewesen, „das Treiben der Weltstadt in all seinen Nuancen zu genießen“. Mit den „Nuancen“ waren die Bordelle in der Nähe des Gänsemarktes gemeint.

Der König hatte ein Vorrecht in Anspruch genommen, das damals die meisten europäischen Länder den Angehörigen der regierenden Häuser einräumten: Trotz der modernen Passgesetze hatten sie weiterhin das Recht, neben ihren echten Namen „Inkognitonamen“ zu führen. Aber dieses Inkognito diente inzwischen eben privaten Bedürfnissen. Einen Vorläufer darf man vielleicht in August dem Starken sehen, der seine Titel als Kurfürst von Sachsen und später König von Polen zeitweise ablegte, wenn er seine Maitressen aufsuchte. Das ältere höfische Zeremoniell spiegelte sich dagegen noch in der Sitte, dass die Prinzen der europäischen Höfe in ihrer Jugend wenigstens einmal den venezianischen Karneval besuchten, und zwar „inkognito“. Das hieß nicht unbedingt, dass sie eine Maske getragen hätten, um nicht erkannt zu werden; im Gegenteil, in der Regel bat man förmlich darum, nicht mit dem richtigen Namen angesprochen zu werden.

Ganz ausgestorben ist das „offizielle“ Inkognito bis heute nicht. Berühmtes Beispiel: Im Juli 1990 legten Bundeskanzler Helmut Kohl und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow bei ihren Verhandlungen über den Weg zur deutschen Einheit im Kaukasus Freizeitkleidung an – man wollte vor der Weltöffentlichkeit die Selbstverständlichkeit, die Normalität des Treffens demonstrieren; inzwischen ist diese Lockerheit bei den G8-Gipfeln schon wieder zur zeremoniellen Pflicht geworden.

Mit dem reduzierten Protokoll, resümiert Barth, stellen sich solche Arrangements in die Tradition des fürstlichen Inkognito-Zeremoniells, wie es vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert von den gekrönten Häuptern Europas zelebriert wurde. Aber es fehlt etwas ganz Wesentliches: die Verwendung eines Pseudonyms. In dieser Hinsicht ist das Inkognito heute zu einem Jedermannsrecht geworden, durch die Nicknames in den sozialen Netzwerken.


Neu auf dem Büchermarkt:
Volker Barth: Inkognito. Geschichte eines Zeremoniells,
Oldenbourg Verlag, München 2013, ISBN 978-3-486-75534-3, 29,80 €



Mehr im Internet:  
scienzz artikel Frühe Neuzeit  
scienzz artikel Politische Mechanismen


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über
Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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