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12.10.2013 - ALTAMERIKANISTIK

Das Römische Reich der Neuen Welt

Das Linden-Museum Stuttgart zeigt die Kultur der Inkas

von Josef Tutsch

 
 

Maisbiertrinker (Ethnolo-
gisches Museum, Berlin)
Bild: A. Dreyer

Gold, Gold und nochmals Gold ... Als im September 1532 einige hundert spanische Soldaten von einem Stützpunkt an der peruanischen Pazifikküste aus in das Reich der Inkas eindrangen, konnten sie auf reiche Beute hoffen. Der Traum ging sehr rasch in Erfüllung: In der vergeblichen Hoffnung, dem Tod zu entgehen, ließ der letzte Inka-Herrscher Atahualpa als Lösegeld drei Räume mit Edelmetall füllen. In seiner Erzählung „Das Gold von Caxamalca“ hat der Schriftsteller Jakob Wassermann das Geschehen eindrucksvoll geschildert.

Geblieben ist von all dem Gold des Inka-Reiches nur wenig. Der größte Teil wurde zu Barren geschmolzen, landete in spanischen Münzprägestätten, trug dazu bei, die Kriege in Europa zu finanzieren, und ruinierte ganz nebenbei die spanische Volkswirtschaft. Eine Rache des untergegangenen Reiches an seinen Eroberern, wenn man so will. Das Linden-Museum in Stuttgart zeigt jetzt in einer großen Ausstellung ein umfassendes Bild dieser Inka-Kultur – Schätze, von denen die Konquistadoren damals über ihrer Gier nach dem glänzenden Metall kaum etwas zur Kenntnis genommen haben werden. Am ehesten noch von der Religion, die als „Heidentum“ verabscheut wurde.

Es ist die erste große Ausstellung in Europa über die Kulturen des Andenraums, die sich ganz auf die Spätphase, das Imperium der Inkas im 15. und 16. Jahrhundert, konzentriert. In nur drei oder vier Generationen hatte das kriegerische Völkchen aus dem Tal von Cusco seine Herrschaft über den gesamten Andenraum ausgebreitet. Etwa zweieinhalbhundert Ausstellungsstücke sind in Stuttgart zu sehen; als Leihgeber treten das Museo Nacional de Arqueologia, Antropologia e Historia in Lima und das Museo de América in Madrid, ebenso auf wie das British Museum in London und die großen Museen Mitteleuropas auf. Der Besucher sieht kunstvoll geformte Gefäße und farbenfreudig gemusterte Textilien, die vom Alltag in diesem Reich zeugen, aber ebenso zur politischen Repräsentation oder zu kultischem Gebrauch dienen konnten. In manchen Fällen lässt sich sogar über die Bedeutung der Muster etwas sagen: Offiziere der Inka-Armee trugen als Zeichen ihres Ranges einen Umhang mit Schachbrettwürfelung.

Ja, und auch Gold ist dabei, etwa eine Krone aus dünnem Goldblech, die vermutlich einem lokalen Machthaber gehörte. Statuetten aus Gold oder Silber oder Ton, die Priester und Adlige und Soldaten und vor allem Tiere zeigen, beweisen, dass die Inka auch eine figurative Kunst ausgebildet haben. Ein besonders beliebtes Material für diese Figürchen: die Spondylus-Muschel, die nur in den warmen Gewässern vor der Küste Ecuadors vorkommt.

In der Inka-Elite von Cusco muss es erheblichen Bedarf nach dieser Muschel gegeben haben. Ein Prestigesymbol: Wahrscheinlich, erfährt der Leser aus dem Katalog, lag darin ein wichtiger Grund, sich bis an den Pazifik auszubreiten. Aber da muss vieles vorläufig Spekulation bleiben. Die Inkas haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Oder wenn die Muster auf den Textilien und die „Quipus“, die berühmten Knotenschnüre, vielleicht doch eine Art von Schrift waren, können wir sie nicht lesen.

Knotenschnur (Linden-Museum, Stuttgart)
Bild: A. Dreyer
 
Die Alt-Amerikanistik tut sich bis heute schwer – sowohl mit der Deutung dieser „Schrift“, wenn es denn eine war, als auch mit der Annahme, es könnte eine Hochkultur ganz ohne Schrift gegeben haben. Sicher ist, dass sich mit den Schnüren hohe Zahlen festhalten ließen, vor allem über Lagerbestände und Abgabenzahlungen. An einer dicken Hauptschnur hängen dünnere Nebenschnüre; durch die Anordnung der Knoten, die Farben, die Materialien wurden vermutlich auch Inhalte bezeichnet. Die spanischen Eroberer nahmen die Quipus anscheinend eher als Magie denn als Mittel der Verwaltung wahr. 1583 wurden sie als „heidnisch“ verboten.

Ohne diese Knotenschnüre wäre die Verwaltung des riesigen Reiches kaum möglich gewesen. Mit ihrer Hilfe konnten Meldeläufer in wenigen Tagen Informationen über Tausende Kilometer lange Strecken überbringen; die Gesamtlänge des Straßennetzes schätzen die Archäologen auf 40.000 Kilometer. Eine Struktur, die frappant an das Römische Reich der Antike erinnert – nur dass in dessen Zentrum das Mittelmeer mit seinen Seewegen lag. Die Stuttgarter Ausstellung ließ sich durch das ausgedehnte Meldesystem der Inkas für ihr Kinderprogramm inspirieren: Gemeinsam mit einem „Chasqui“, einem Botenläufer, können die kleinen Besucher das Inka-Reich durchstreifen. Auch die Tragkraft von Tieren wurde genutzt; davon lassen die kleinen Lama-Figürchen in der Ausstellung ahnen, gefertigt aus Goldblech oder Silberblech oder Spondylus. Sogar eine kleine Karawane ist zu sehen: zwei Lamas vorweg, es folgt ein Gepäckträger mit Hund. Welche Bedeutung wohl mag ein Zaumzeug gehabt haben, in das Lamapfoten und Lamaohren eingeknotet waren? Vielleicht handelte es sich um eine Opfergabe, um dem Gott der Lamas zu danken. Auch Vögel hatten in der Vorstellungswelt der Inkas ihre symbolische Dimension. Die Ausstellung zeigt einen stilisierten Papageienkopf, der vermutlich als Aufsatz auf einen Pfosten oder Stab gesteckt wurde.

Um 1438 hatte sich die Herrschaft der Inkas noch auf die Gegend von Cusco und rund um den Titicacasee beschränkt. Als 1532 die Spanier kamen, reichte die Inka-Macht vom südlichen Kolumbien bis ins mittlere Chile und nach Osten bis weit ins Tiefland des Amazonas. Das Motiv für diese Expansion scheint primär ökonomisch gewesen zu sein: das Streben nach dem Besitz exotischer Güter, die als besonders wertvoll galten, meint der Archäologe David Oschige Adams, und nennt als Beispiel eben die Spondylus-Muschel. Im Verlauf der Eroberungen – auch das erinnert wiederum an das römische Reich der Antike – wurden die Götter der unterworfenen Völker in das Pantheon der Inka integriert. Solidarität mit der Zentrale versuchte man durch den Grundsatz „Divide et impera“ herzustellen: Eine soeben unterworfene Ethnie wurde sogleich zum Krieg gegen ihren Nachbarn eingesetzt, mit dem man ja immer schon verfeindet war. Stabil war dieses Imperium allerdings nicht; oft wurde nach dem Tod eines Inka-Herrschers das zuvor ausgehandelte „Bündnis“ prompt wieder aufgekündigt, das Gebiet musste erneut erobert werden.

Dabei, schreibt der Berliner Ethnologe Jürgen Golte im Katalog,  wird die Inka-Herrschaft, die eine gemeinsame Infrastruktur über weite Räume herstellte, auch für die Unterworfenen nicht ohne Nutzen gewesen sein. Rekonstruktionen in der Ausstellung vermitteln einen Eindruck, wie die königliche Residenz Cusco, das politische Zentrum des Reiches, und die „Provinzmetropolen“ ausgesehen haben könnten. Die heute berühmteste aller Ruinenstätten aus der Inka-Zeit, berichten die nordamerikanischen Archäologen Kylie Quave und Brian S. Bauer, war jedoch keine Stadt, sondern vielmehr ein Landsitz: ein Ort des Vergnügens und der Erholung für die Herrscherfamilie.

Die für moderne Betrachter befremdlichte Seite der Inka-Kultur: In den letzten Jahrzehnten wurde Belege für Menschenopfer gefunden, vor allem als Gletschermumien auf den Andengipfeln. Vorzugsweise wurden offenbar Kinder und Jugendliche als Opfer auserwählt – besonders wertvolle Gaben für die Götter, vermutet die Bonner Ethnologin Kerstin Nowack. In einem Fall bot ein lokaler Herrscher seine eigene Tochter an, um damit die Unterstützung der Inkas für seine Position zu gewinnen.

Muster vom Hochzeitsumhang einer Frau
(British Museum, London) - Bild: M. Row
 
Nein, leben möchte in dieser Gesellschaft wahrscheinlich kein Mensch von heute. Oder womöglich doch? In den 1920er Jahren hatte der französische Wirtschaftswissenschaftler Louis Baudin in puncto Arbeitsorganisation frappante Ähnlichkeiten zwischen dem Inka-Reich und der jungen Sowjetunion festgestellt. Daran dürfte sein, dass die Inkas, vielleicht mehr noch als ihre Vorgängerkulturen, nicht nur eine effektive Organisation der landwirtschaftlichen Arbeit aufbauten, sondern auch – jedenfalls unterhalb der herrschenden Kaste – um eine egalitäre Verteilung der produzierten Güter. Baudins Buch hatte ungeahnten Erfolg: Noch in den 1970er Jahren schwärmten manche Kreise der Studentenbewegung vom „Sozialismus“ in den Anden – bevor die Konquistadoren das angebliche Paradies zerstörten.

Mit der Invasion von Francisco Pizarro und seinen Soldaten brach das Herrschaftssystem binnen weniger Monate zusammen. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass ein Streit um die Krone gerade eine Krise ausgelöst hatte; wie zu erwarten war, verbündeten sich auch manche der unterworfenen Völkerschaften mit den Eindringlingen. Technische Faktoren kamen hinzu: etwa die Eisenhelme und Harnische der Spanier – sie schützten die Soldaten unvergleichlich viel besser als die Baumwollmützen und –jacken der Inkakrieger.

Dass die Bevölkerung in den folgenden Jahrzehnten dezimiert wurde, lag jedoch weniger an Gewaltmaßnahmen als an den eingeschleppten Krankheiten. Und dann wohl auch an der Art, wie die spanische Verwaltung das bislang bereits angewandte System der Zwangsarbeit mitsamt Zwangsumsiedlungen dauerhaft etablierte. Dadurch, so die Alt-Amerikanstin Peggy Goede Montalván vom Linden-Museum, waren die Bauern nach einer Rückkehr auf ihr eigenes Land zu sehr geschwächt, um noch erfolgreich Ackerbau betreiben zu können.

Bemerkenswert, wie sehr die spanischen Vizekönige dennoch versuchten, den Anschein politischer Kontinuität herzustellen. Wenige Jahrzehnte nach der Eroberung wurden Porträts von den Inka-Herrschern in Auftrag geben; so kann der Besucher in Stuttgart den letzten Inka-König Atahualpa gleich neben Pizarro bewundern – beinahe gewinnt man den Eindruck, der eine würde die Zeremonialaxt als Herrscherzeichen an seinen Nachfolger weiterreichen.

Rigoroser war da oft die christliche Kirche, die die heiligen Stätten der Inkas, darunter den Sonnentempel von Cusco, plündern und zerstören ließ. Im Rückblick wird jedoch gerade in der religiösen Kunst die Kontinuität deutlich. Die Stuttgarter Ausstellung zeigt ein Holzkreuz aus dem 17. oder 18. Jahrhundert – die Balken sind genau mit jenen Mustern geschmückt, die zuvor die Inka-Adligen als Zeichen ihres geheiligten Ranges auf ihren Gewändern tragen durften. In einer Darstellung der göttlichen Dreifaltigkeit aus dem späten 18. Jahrhundert steht die Jungfrau Maria nicht, wie es abendländischer Ikonographie entsprechen würde, auf einer Mondsichel, sondern auf dem Vollmond – die christliche Muttergottes hatte sich sozusagen mit der Mama Quilla, der Mondgöttin der Inkas, verbunden.


Ausstellung:
Inka – Könige der Anden,
Große Landesausstellung 2013 Baden-Württemberg,
bis 16. März 2014 im Linden-Museum Stuttgart,
vom 11. April bis zum 23. November 2014 im Ausstellungszentrum Lokschuppen Rosenheim



Neu auf dem Büchermarkt:
Inka – Könige der Anden,
herausgegeben von Doris Kurella und Inés de Castro,
Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-8053-4657-3, 29,90 €

 

Mehr im Internet:
Ausstellung Inka - Könige der Anden
Inka - Wikipedia   
scienzz artikel Geschichte Amerikas  

 

 

 

 

 

 

 

 

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