Berlin, den 25.05.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

06.11.2013 - KULTURWISSENSCHAFT

Nofretete ist kein Einzelfall

Zwischen Venezuela und dem Elbtal - Interessenkonflikte um das kulturelle Erbe

von Josef Tutsch

 
 

Venezuela-Stein im Berliner
Tiergarten
Bild: kamahele/Wikipedia

Seit 1999 liegt im Berliner Tiergarten ein etwa dreißig Tonnen schwerer Felsbrocken, den die venezolanische Regierung damals dem deutschen Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld überlassen hatte. Kraker wollte durch die Aufstellung solcher Steine von allen fünf Kontinenten in der Nähe des Brandenburger Tores die Verbundenheit der Menschen in aller Welt symbolisieren. Aber vorerst hat der amerikanische Felsen eher für Unfrieden gesorgt. Im Juni 2012 forderten Indianer vom Stamm der Pemón in einer Demonstration vor der deutschen Botschaft in Caracas die Rückgabe des Steins; der Präsident des nationalen Instituts für Kulturerbe in Venezuela, Raúl Grioni, stellte sich bei einem Besuch in Berlin hinter die Forderung: Es handle sich um einen heiligen Stein, den wegzugeben die frühere Regierung kein Recht gehabt habe.

Man sieht: Die Berliner Nofretete-Büste, deren Rückkehr an den Nil ägyptische Behörden seit Jahr und Tag fordern, ist kein Einzelfall. Wenn für eine soziale Gemeinschaft solche Objekte mit ideellen Werten behaftet sind, wenn sich in solchen Gegenständen die eigene Geschichte und Identität sozusagen materialisiert, dann heften sich daran leicht handfeste Ansprüche und Interessenkonflikte. Bei den „Denkmälern“ muss es sich nicht um spektakuläre Objekte handeln. Markus Tauschek, Ethnologe an der Universität Kiel, berichtet in seiner soeben erschienen Studie über die Problematik des scheinbar so harmlosen Begriffs „Kulturerbe“ von einem Fall aus der eigenen Lebenspraxis. 2008 trug das Landesamt für Denkmalschutz Schleswig-Holstein den Campus und das Sportforum der Universität Kiel ins Denkmalbuch des Landes ein. Die Organe der Universität legten heftigen Protest ein. Sie befürchteten, eine lebendige Fortentwicklung der Hochschule werde blockiert. Der Allgemeine Studentenausschuss erging sich sogar in Ideologiekritik: Die Landesregierung wolle nicht nur die Gebäude, sondern auch die sozialen und politischen Verhältnisse auf dem Stand der 1960er und 1970er Jahre konservieren. Ein Argument, das sich übrigens sehr rasch gegen seine Urheber wenden könnte: Die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, dass große Stätten der Studentenrevolte damals wegen ihres Erinnerungswertes für denkmalwürdig und erhaltenswert erklärt werden.

Für die UNESCO-Liste „The World Cultural and Natural Heritage“ wurde der Kieler Universitätscampus bislang noch nicht vorgeschlagen; aber Interessenkonflikte um das gemeinsame Erbe der Menschheit gibt es auch in dieser Liste zuhauf. 2009 wurde dem Dresdner Elbtal der Welterbestatus wieder aberkannt, nachdem die Behörden und zumindest Teile der Bevölkerung auf einen Brückenbau aus wirtschaftlichen Gründen nicht verzichten wollten; Hochhäuser in der Nähe des Kölner Doms und im Umkreis der Wiener Innenstadt führten zu Protesten, ebenso Windräder neben der Eisenacher Wartburg. Die Weltgemeinschaft, wurde in diesen Diskussionen vorausgesetzt, dürfe erwarten, dass die Anwohner des Denkmals die Fortentwicklung ihrer Region entsprechend anpassten, auch mit ökonomischem Verzicht.

Die Konflikte werden noch härter, wenn zumindest bei einem Teil der Anwohner oder Interessierten die Planungen all dem, was wir unter „Denkmalschutz“ verstehen, stracks zuwiderlaufen: so bei der Zerstörung der monumentalen Buddha-Statuen in Bamiyan, Afghanistan, 2001, und der Mausoleen in Timbuktu, 2012, beides aus religiöser Intoleranz heraus. Denkmalschutz ist keine Selbstverständlichkeit, stellt Tauschek klar. Der früheste Beleg ist ein Erlass von Papst Paul III., der 1524 in Rom eine Behörde zur Erhaltung antiker Denkmäler gründete. Im 18. Jahrhundert folgte in Deutschland das eine oder andere Fürstentum. Erst im 19. Jahrhundert wurde Denkmalschutz in großem Umfang zum Programm der öffentlichen Hand – offenbar eine Reaktion auf die Verlusterfahrungen, die mit der Modernisierung einhergingen.

Protest vor der Dresdner Frauen-
kirche - Bild: wimox/Wikipedia

 
Reiseführer von heute haben, wenn sie ehrlich sein wollen, oft viel Mühe, den Touristen zu vermitteln, dass die im 19. Jahrhundert so liebevoll wiederhergestellten mittelalterlichen Bauten oft mehr die damalige Vorstellung vom Mittelalter wiedergeben als das Mittelalter selbst. Für das 20. Jahrhundert lassen sich ähnliche Beispiele finden. Wie vielen Besuchern der Warschauer Altstadt mag bewusst sein, dass es sich um eine Rekonstruktion nach der totalen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg handelt? Die UNESCO hat sie als einzigartiges Beispiel einer solchen Rekonstruktion in ihrer Welterbeliste aufgenommen. Auch Braunschweig hat seit 2007 sein Welfenschloss zurück. Es wird als Einkaufszentrum genutzt; man „shoppt“ im Schloss. Bei einem Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses in Berlin wird man kaum noch originales Steinmaterial wiederverwenden können, was die Frage aufgeworfen hat, ob die originalgetreu wiederherzustellende Fassade nicht doch irgendwie „gelogen“ wäre. Aber bemisst sich die „Authentizität“ eines kulturellen Erbes an der Echtheit der Steine? Noch ein Beispiel: Beim Wiederaufbau der Michaeliskirche in Hildesheim nach dem Zweiten Weltkrieg stand fast kein „originales“ Material zur Verfügung. Die Kunsthistoriker beteuern jedoch, der Eindruck von frühmittelalterlicher Kirchenbaukunst sei so „authentisch“ wie kaum sonst wo auf der Welt.

Die Schwierigkeiten werden nicht geringer, wenn es sich nicht um materielle Objekte handelt, sondern um immaterielle Traditionen. Seit 2003 nimmt die UNESCO auch flüchtige Güter („intangible“ heißt es im Englischen) in ihre Liste auf, vom Karneval der belgischen Stadt Binche bis zum Vimbuzu-Heilungstanz in Malawi. Soweit solche Traditionen bedroht sind, hat die UNESCO lebenserhaltende Maßnahmen gefordert. Aber bereits bei durchaus lebenskräftigen Traditionen tun sich Schwierigkeiten auf. Tauschek verweist auf eine Studie zum Fronleichnamsfest im katalanischen Berga, wo gleich nach der UNESCO-Entscheidung lokale Brauchtumsaktivisten nicht nur die Vermarktung in die Hand nahmen, sondern auch ein Monopol auf „authentische“ Interpretation für sich beanspruchten.

„Immaterielles Erbe ist für die UNESCO das, was die ausübenden Akteure selbst als für ihre kulturelle Identität repräsentativ erachten“, schreibt Tauschek. 2010 wurde im Bayerischen Landtag ein Dringlichkeitsantrag der Freien Wähler behandelt, die Staatsregierung solle sich für eine „Stärkung der bayerischen Kultur und ihrer charakteristischen, überlieferten Eigenschaften“ einsetzen, „insbesondere im musikalischen und darstellerischen Bereich sowie im Bereich des Brauchtums“. 2011 konnte das deutsche Bäckerhandwerk die Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner für einen, freilich eher zaghaften, Versuch einspannen, das traditionelle Brot als Weltkulturerbe deklarieren zu lassen. Das sind nicht bloß ideelle Ansprüche. 1973 forderte der bolivianische Außenminister in einem Brief an die UNESCO, die Folklore der Andenvölker vor ökonomischer Ausbeutung zu schützen. Anlass war der Welthit „El condor pasa“ von Simon & Garfunkel. Im Sinne des westlichen Urheberrechts hatten die beiden Künstler nichts Anstößiges getan. Sie hatten traditionelles, nicht weiter geschütztes Material übernommen und mit ökonomischem Erfolg verwertet; die halbe Kunst- und Kulturgeschichte besteht aus solchen Übernahmen. Dass Repräsentanten dieser Tradition mit dem Anspruch auftreten würden, als legitime Erben am Erfolg partizipieren zu können, ahnten sie nicht.

Aber wer sind diese „Erben“? In einem Gutachten zu dem Pemón-Stein kam der Berliner Ethnologe Bruno Illius zu dem Schluss, die Protestler vor der deutschen Botschaft in Caracas hätten in der Kultur dieser indigenen Gruppe keineswegs die repräsentative Stellung, die sie für sich beanspruchten; womöglich seien sie von den venezolanischen Kulturpolitikern vorgeschoben worden. Die mythischen Vorstellungen und rituellen Praktiken, aus deren Zusammenhang der Stein angeblich herausgerissen worden sei, habe es niemals gegeben. Geschichte ist eben nicht nur das, was „wirklich“ geschehen ist, sondern auch die Art, wie es uns erscheint. Diese Probleme sind uns aus der abendländischen Ideengeschichte nur allzu gut bekannt, ein Aspekt, den Tauschek weitgehend ausgeblendet hat. Die ersten Christen setzten sich selbst als geistige Erben der alttestamentlichen Verheißungen an die Stelle des Volkes Israel; in seinem Buch über Ludwig Feuerbach erhob Friedrich Engels 1886 den Anspruch: „Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der klassischen deutschen Philosophie.“

Karneval in Binche
Bild: Marie-Claire/Wikipedia
 
Erbansprüche, die nicht unmittelbar ökonomisch gemeint waren, aber doch auf ideelle und im Ergebnis auch politische Herrschaft zielten. Die UNESCO-Konvention hat sich bemüht, die ideelle „heritage“ von jeder materiellen „property“ zu trennen, vielleicht ja ganz einfach aus der Befürchtung heraus, sonst würde eine solche Vereinbarung niemals zustande kommen. In der Realität jedoch, betont Tauschek, sind symbolische und ökonomische Nutzung von Kultur vielfältig verschränkt. Am Checkpoint Charlie konnten Berlin-Touristen einen solchen Fall 2004 beobachten. Einem cleveren Geschäftsmann war die Idee eingefallen, Schauspielstudenten als Mauersoldaten posieren zu lassen – fehlte nur noch die originalgetreu vorgeführte Verhinderung eines Fluchtversuchs.

Lebendiger Geschichtsunterricht? Oder eine Verhöhnung der Opfer? Die schwierigeren Probleme eines historischen Erbes bietet zweifellos die NS-Diktatur. Tauschek berichtet, dass eines der ehrgeizigsten Projekte nationalsozialistischer Geschichts-„wissenschaft“ oder vielmehr Geschichtspolitik vollständig fehlte, als sich im März 2013 das Bremer Focke-Museum in einer großen Ausstellung mit der deutschen Archäologie im Dritten Reich befasste: Die Ausgrabung der Wikingersiedlung in Haithabu bei Schleswig hatte die angebliche Kontinuität von den alten Germanen bis zum Dritten Reich „wissenschaftlich“ untermauern sollen. Aber die Museumsverantwortlichen in Haithabu weigerten sich, Ausstellungsstücke nach Bremen zu entleihen. Begründung: Man wolle nicht mit der NS-Geschichte verknüpft werden. Die Dauerausstellung, die seit 2010 in Haithabu selbst zu sehen ist, inszeniert, so Tauschek, „ein buntes Alltagsleben einer uns heute fremden Welt“ – was den heutigen Erkenntnisstand zum frühen Mittelalter angeht, sicherlich durch und durch seriös, aber ohne jede Reflexion der Geschichte, die mit diesem „Erbe“ verknüpft war.

In der Regel freilich haben Erbestätten, ob mit oder ohne UNESCO-Siegel, heute viel trivialere Probleme. Nicht nur in Venedig, sondern auch zum Beispiel in Bamberg wird eine „Übernutzung“ durch Touristen beklagt. Mehr als zwei Millionen Gäste pro Jahr in einer Stadt von 70.000 Einwohnern – das dürfte bedeuten, dass die Einheimischen an manchen Sommertagen in der Innenstadt in die Minderheit geraten. Tauschek zitiert einen Zeitungsbericht von 2011 über ein Kieler Ehepaar, das von 900 Stätten auf der UNESCO-Liste bereits über 400 „abgehakt“ hatte. Fußballfans kennen etwas Ähnliches unter dem Begriff „Groundhopping“, als „Sammlung“ möglichst vieler Stadien bei Ligaspielen. Es ist wie bei anderen Sammelleidenschaften auch: Das Ziel lautet, wie utopisch auch immer, Vollständigkeit.


Neu auf dem Büchermarkt:
Markus Tauschek: Kulturerbe. Eine Einführung,
Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-496-01484-3, 24,95 €



Mehr im Internet:
Erbe, Erbschaft, Vererbung - scienzz 31.05.2013 
scienzz artikel Umgang mit Geschichte


Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet