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18.11.2013 - RELIGIONSGESCHICHTE

Eine Epoche des Experimentierens

Das Badische Landesmuseum Karlsruhe präsentiert den religiösen Pluralismus der Spätantike

von Josef Tutsch

 
 

Grabstein einer Anhängerin der
Isis, aus Bari, um 100 n. Chr.
Bild: Badisches Landesmuseum
Karlsruhe

Was wäre gewesen, wenn ... Eine Frage, die sich niemals sicher beantworten lässt und die uns dennoch immer wieder in Atem hält, selbst dann, wenn es um lange zurückliegende Epochen geht. Wie, fragte 1882 der Religionshistoriker Ernest Renan, hätte sich die Welt weiterentwickelt, wenn das Christentum im 4. Jahrhundert nach Christus aufgrund irgendwelcher zufälliger Ereignisse in seiner Ausbreitung gehindert worden, also nicht zur Staatsreligion des Römischen Reiches aufgestiegen wäre? Seine Antwort: "Die westliche Welt wäre mithrasgläubig geworden."

Das ist keineswegs auszuschließen. Der Mithras-Kult war damals eine sehr ernsthafte Konkurrenz zum Christentum, sogar mit dem Vorteil, dass er nicht im Konflikt mit den Behörden stand. Er war allerdings nicht die einzige Konkurrenz; auch die Mysterien um Isis und Serapis zählten viele Anhänger. Der Berliner Althistoriker Alexander Demandt erwägt im Katalog zur aktuellen Ausstellung "Imperium der Götter" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe eine andere Entwicklungslinie: Wäre das Christentum gescheitert, hätte sich vermutlich keine dieser Religionen allgemein behaupten können, auch nicht die Erlösungsreligion des Manichäismus, die sich seit dem 3. Jahrhundert von Iran aus verbreitete. "Dazu wäre erst der Islam fähig gewesen."

Die römische Kaiserzeit, stellt Demandt fest, war eine "religionsgeschichtliche Experimentierphase". "Dutzende von Glaubensrichtungen und Weltanschauungen warben um Anhänger, und lange war unklar, welche sich durchsetzen würde." Das Badische Landesmuseum präsentiert jetzt diesen religiösen "Pluralismus" in einer großen Sonderausstellung: 400 Objekte aus den großen Museen Europas, vor allem Götterstatuen und -statuetten - der "alten" Götter, die seit Jahrhunderten in Rom oder Griechenland verehrt wurden -  der "neuen", aus dem Orient "zugewanderten".

Am Anfang, erzählt Museumsdirektor Harald Siebenmorgen, stand der Plan einer Ausstellung über den Mithras-Kult, von dem das Museum zwei große Altäre aus Grabungen in Mitteleuropa besitzt. Aber bald wurden die Wissenschaftler von der Idee gefesselt, dem Besucher eine komparatistische Ausstellung zu bieten - und ihn ein wenig eben auch auf eine Phantasiereise zu entführen: Was wäre, wenn ..

Mitte des 3. Jahrhunderts, schätzen die Historiker, hingen von den 50 Millionen Einwohnern des Römischen Imperiums etwa fünf Millionen dem Christentum an, weitere fünf Millionen den dem Isis- oder dem Mitras-Kult oder einem der übrigen Mysterienkulte, die von Tod und Auferstehung eines Erlösergottes handelten. Eine beachtliche Zahl, wenngleich die große Mehrheit weiterhin den alten römischen oder griechischen oder gallischen Göttern opferte. Im Zentrum der Karlsruher Ausstellung stehen zwei Architekturwiedergaben im Maßstab 1:1: das Mithräum von S. Maria Capua Vetere bei Caserta in Kampanien, und - sozusagen als Repräsentant der langfristig erfolgreicheren Konkurrenz - die Kammer einer christlichen Katakombe.

Welcher Art die Zeremonien waren, die in einem Mithräum abliefen, lässt sich heute kaum noch vermuten. Jedenfalls wurde ein gemeinsames Mahl abgehalten, mit Fleisch und Brot und Wein. Der Kirchenvater Tertulllian meinte um 200 nach Christus, im Mithras-Kult habe der Teufel das Sakrament der Eucharistie nachgeäfft. Aber wahrscheinlich hat in dieser Hinsicht weder der Mithras-Kult das Christentum kopiert noch gar umgekehrt; solche Mahlzeiten gehörten zu vielen Kulten der antiken Welt. Aus eigenem Besitz zeigt das Museum die mithräischen Kultreliefs aus Osterburken und aus Heidelberg-Neuenheim. Dargestellt ist der zentrale Mythos des Mithras-Kults, die Tötung eines Stiers durch den Gott. Ein solches Bild stand sicherlich in jedem Mithräums, ähnlich wie in christlichen Kirchen die Altäre mit Bildern von Geburt oder Tod oder Auferstehung des Erlösers.

Kultrelief des Mithras, Ende 3. Jahrhundert
Bild: Museo Nazionale Romano - Terme di
Diocleziano

Bis heute umstritten ist die Frage, wie ausgerechnet der uralte iranische Gott Mithra oder Mithas dazu kam, sich zu einer der beliebtesten Mysteriengottheiten der späten Antike zu verwandeln. Anhänger waren in der Hauptsache Männer; die früher beliebte These, der Mithras-Kult wäre so gut wie ausschließlich eine Sache des Militärs gewesen, gilt inzwischen jedoch als widerlegt. Eine andere Gottheit, die sich einige Jahrzehnte später von Syrien aus über die gesamte Mittelmeerwelt verbreitete, wurde tatsächlich vor allem von Soldaten verehrt: "Jupiter Dolichenus". Die Statuen zeigen ihn auf dem Rücken eines Stiers stehend; aber ansonsten wurde dieser Gott gründlich "romanisiert", bis hin zum Namen.

Die vielleicht größte Überraschung für die Besucher in Karlsruhe stammt jedoch nicht aus der späten Antike, sondern aus dem hohen Mittelalter. Vor einigen Jahren wurde im Kardinalspalast neben der Kirche Santi Quattro Coronati in Rom ein Freskenzyklus aus der Mitte des 13. Jahrhunderts freigelegt. Dargestellt ist im Kreis von Allegorien der Tugenden und der Laster unter anderem ein Stierbezwinger. Der Künstler muss antike Vorlagen gekannt haben. Dabei war der Mithras-Kult doch bereits Ende des 4. Jahrhunderts verboten worden.

Eine ganz andere Form des Weiterlebens zeigt sich bei den Isis-Mysterien. Manche von den Statuetten der ägyptischen Göttin mit ihrem Kind, die in der Ausstellung zu sehen sind, erinnern frappant an christliche Madonnen - da darf man durchaus einen Zusammenhang vermuten. In der griechisch-römischen Welt wurde Isis gern mit der Liebesgöttin Aphrodite oder Venus identifiziert. Ihr Gatte Serapis, der sich aus dem altägyptischen Osiris entwickelt hatte, wurde als "der unbesiegbare Weltenherrscher" gepriesen, identisch mit Zeus und dem Sonnengott Helios.

Darstellungen ihres Sohnes Harpokrates, der dritten Figur in dieser "Trinität", bieten ein hübsches Beispiel, wie leicht wir vor solchen Götterbildern Missverständnissen aufsitzen. Das göttliche Kind (Karlsruhe zeigt unter anderem die berühmte Statue, die 1741 in der Villa Hadriana in Tivoli bei Rom gefunden wurde) führt den rechten Zeigefinger zum Mund. Das wurde bereits im alten Rom als Schweigegestus interpretiert; Harpokrates wurde zum Gott des Schweigens. In Wirklichkeit handelt es sich um einen "Lutschfinger": Kinder im alten Ägypten lutschten nicht am Daumen, sondern am Zeigefinger. 

Isis war übrigens nicht die einzige orientalische Muttergöttin, die im Römischen Reich Karriere machte. Bereits seit 204 vor Christus ist in Rom der Kult der "Magna Mater" aus Kleinasien belegt. Christliche Schriftsteller behaupteten später, die Initianden (das Wort kennt kaum jemand) seien darin mit dem Blut eines Stiers "getauft" worden. Zweifellos hatten sie gute Gründe, auch in diesem Kult eine Konkurrenz zu fürchten. Der "Tag des Blutes" und der "Tag der Heiterkeit", mit dem die Anhänger der Großen Mutter im Frühjahr den Mythos von Tod und Neubelebung ihres Geliebten Attis begingen, war der Abfolge von Karfreitag und Ostern nicht ganz unähnlich.

In Karlsruhe ist eine Attis-Statue aus Trier ausgestellt. Der Bezug zu Christus würde noch deutlicher, wenn der Hirtenstab in der Linken nicht verloren wäre. Das Motiv des Guten Hirten - es lässt, anders als man gern glauben möchte, nicht unbedingt auf einen christlichen Auftraggeber schließen. Díe Vatikanischen Museen in Rom haben eine Hirtenfigur mit einem Schaf auf den Schultern zu der Ausstellung beigetragen. Ein Christus? oder vielleicht ein Hermes, der auch als "Schafträger" bezeichnet wurde?  Die Frage muss offen bleiben.

Weihrelief für Attis, 2. Jahrhundert
Bild: Museo Ostiense, Ostia
 
Ein Nebeneinander verschiedenster Religionsformen. Ohne viele Diskussionen über die jenseitigen Dinge wurden "fremde" Götter immer wieder in das römische Pantheon aufgenommen; gern identifizierte man sie mit den alten römischen Göttern. Die Frage, was diese Kulte aus dem Orient eigentlich für viele Bewohner des römischen Reiches so attraktiv machte, beantwortete bereits der belgische Altertumswissenschaftler Franz Cumont 1906 mit dem Hinweis auf die Erlösungshoffnungen, die der alten römischen Religion fremd waren. Der Gedanke jedoch, eine Religion sei die "wahre", alle anderen müssten demzufolge irrgläubig sein, war der spätantiken Religionswelt bis ins 4. Jahrhundert hinein fremd.

Nur zwei Religionen verweigerten sich diesem Konsens: das Judentum und das Christentum. Beim Judentum, das wenigstens prinzipiell an ein eigenes Volk gebunden war, duldeten die römischen Behörden den Anspruch auf Exklusivität. Mit dem Christentum kam es immer wieder zum Konflikt. Nicht eigentlich aus religiösen oder theologischen Gründen, eher schon aufgrund des massiven Unmuts in Teilen der Bevölkerung gegen die Außenseiter. Die Christen schlossen sich von den traditionellen Kultgemeinschaften aus; sie stellten die freiwillige Gemeinschaft der christlichen Kirche über die angestammten Familienbande.

Bleibt die Frage, was eigentlich dem Christentum seinen Vorteil gegenüber den Isis-Mysterien oder dem Mithras-Kult verschaffte. Einen Punkt nennt der Erlanger Theologe Hanns Christof Brennecke in seinem Katalogbeitrag: Unter den Christen wurde eine Verantwortung für den Nächsten, eine Armen- und Krankenfürsorge gepredigt, wahrscheinlich auch praktisch geübt, wie sie die konkurrierenden Gemeinschaften anscheinend nicht kannten.

Natürlich spielte auch Gewalt eine Rolle; die Phase einer Duldung sowohl des Christentums als auch der alten heidnischen Kulte unter den Kaisern Galerius und Konstantin währte nur wenige Jahrzehnte. Bereits wenige Jahre nach Konstantins Tod forderte der frisch zum Christentum bekehrte Astrologe Firmicus Maternus die Kaiser auf, die heidnischen Tempel zu zerstören und die heidnischen Kulte auszumerzen. Demandt verweist darauf, dass das Christentum fast das gesamte 4. Jahrhundert hindurch die Staatsmacht hinter sich hatte. Die Geschichte wäre vermutlich anders verlaufen, wenn Kaiser Julian, der von einer Wiederherstellung des Heidentums träumte, nicht so früh verstorben wäre.

Zusammenhänge, die sich natürlich kaum "ausstellen" lassen. Dafür vermitteln Beispiele der Katakombenmalerei und von Sarkophagreliefs jedoch eine Ahnung davon, wie sich aus tastenden Versuchen nach und nach eine christliche Kunst entwickelte, die auch komplexe theologische Reflexionen darzustellen verstand. Da hatte es das Christentum vermutlich schwerer als seine Konkurrenten: Man konnte das biblische Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" nicht einfach streichen, man musste es neu interpretieren.

Wenigstens eine dieser Mysterienreligionen, die mit dem Sieg des Christentums im 4. Jahrhundert untergingen, erlebte anderthalb Jahrtausende später eine Art Wiedergeburt. 1764 wurde in Pompeji der Isistempel entdeckt und ausgegraben; in Europa brach eine wahre Isis-Manie aus. In Mozarts "Zauberflöte" 1791 tritt Sarastro als Haupt einer Priestergemeinschaft von Isis und Osiris auf. 1795 schrieb Friedrich Schiller seine Ballade "Das verschleierte Bild von Sais". "Kein Sterblicher hat meinen Schleier gelüftet" lautete die Aufschrift über dem Tempel der Isis zu Sais in Ägypten; so hatte Schiller es in einer zeitgenössischen Abhandlung über die Mysterien des Alten Orients lesen zu können. Die Selbstaussage der Isis "Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird" sollte, von einem säkular-philosophischen Standpunkt aus, das "Ich bin, der ich bin" des biblischen Gottes einholen und womöglich überbieten.


Ausstellung:
Imperium der Götter. Isis - Mithras - Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich,
bis 18. Mai 2014 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe



Neu auf dem Büchermarkt:
Imperium der Götter. Isis - Mithras - Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich,
herausgegeben vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe,
Konrad Theiss Verlag/Wissenschaftliche Buchhandlung, Darmstadt 2013
ISBN 978-3-8062-2871-7, 39,95 €



Mehr im Internet:
Imperium der Götter. Isis - Mithras - Christus, Kulte und Religionen im Römischen Reich, im Badischen Landesmuseum Karlsruhe
Mysterienreligionen - Wikipedia  
scienzz artikel Religion in der Antikel 

 

 

 

 

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