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25.11.2013 - KULTURGESCHICHTE

"Die Feinheit der florentinischen Luft"

Die Bundeskunsthalle Bonn präsentiert den "genius loci" der Stadt Florenz

von Josef Tutsch

 
 

Benvenuto Cellini: Perseus,
um 1553 (Bargello, Florenz)
Bild: Foto Scala, Florenz/
Min. Beni e Attività Culturali)

Es ist eine der Grundfragen der Kulturgeschichte: Warum hatte die italienische Renaissance - und damit die europäische Neuzeit - gerade in Florenz ihren Ursprung? Als sich Mite des 16. Jahrhunderts der Biograph der italienischen Renaissancemaler, Giorgio Vasari, um eine Antwort bemühte, griff er zu der alten Redefigur des "genius loci", des produktiven Ortsgeistes: Am Ursprung der Renaissance habe "die Feinheit der florentinischen Luft" gestanden, "die fortwährend scharfsinnige und feine Geister hervorbringt". Und wie brachte die "Luft" dieses Werk zustande? "Indem sie ihnen (den Geistern), was die Natur zumeist nicht vermag, durch die gegenseitige Nachahmung und die Vorbilder, welche die guten Meister zu allen Zeiten bieten, den letzten Rest rostiger Ungeschliffenheit und Plumpheit wegnimmt". Drei Jahrhunderte später nahm Jacob Burckhardt in seiner "Kultur der Renaissance in Italien" seine Zuflucht zur selben Metapher und verwies auf die "gesunden Luftverhältnisse" in der Arno-Stadt, wo "man von Jugend auf gewohnt war, den Genius und die Willenskraft siegen zu sehen".

Was immer man von solchen Erklärungen halten mag: Das Ergebnis, eben die Florentiner Renaissance, ist unbestreitbar. Heute besuchen Jahr für Jahr rund zehn Millionen Touristen die toskanische Metropole; die UNESCO hat die gesamte Innenstadt zum Weltkulturerbe erklärt. Die Bundeskunsthalle präsentiert jetzt den "genius loci" von Florenz in einer großen Ausstellung: mehr als 300 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Handschriften und Buchdrucke, Kleidungsstücke, Möbel und Medaillen usw. usf. "Florenz!" ist die Ausstellung überschrieben. Das Ausrufezeichen wirkt etwas marktschreierisch, mag aber vielmehr ein Ausdruck argumentativer Hilflosigkeit sein angesichts des Phänomens Florenz, das seit Generationen als Wunder empfunden wird; die Interpunktion soll, heißt es im Katalog, "die Kraft der Evokation" ausdrücken, "welche die Besucher zur Imagination einer Reise einlädt".

Es handelt sich auch nicht um die erste "Reise" der Bundeskunsthalle in eine italienische Stadt oder Region. Vorangegangen sind Ausstellungen über Venedig und Neapel, über den Vatikan und Sizilien - allesamt "mythische" Orte, die zum Träumen verführen, selbst wenn man sie noch gar nicht besucht hat. Eine Stadtinszenierung - wie ein Wahrzeichen wirkt das Modell der Kuppellaterne des Doms Santa Maria del Fiore, das vielleicht von dem Architekten Filippo Brunelleschi persönlich gefertigt wurde.

Den Anfang der Ausstellung bildet ein Gemälde von Domenico di Michelino, 1465: der Dichter Dante Alighieri, zu seiner Rechten die drei Jenseitsreiche, die er in der "Göttlichen Komödie" geschildert hatte, zu seiner Linken eine Stadtvedute von Florenz mit der riesigen Domkuppel. Michelino malte sein Bild als eine Art Ersatz-Grabmal: Der Dichter war im Exil gestorben, im Groll gegen seine Heimatstadt; Ravenna weigerte sich, die Gebeine herauszugeben. Beinahe am Schluss steht wiederum ein Bild mit Dante. Vier Jahrhunderte nach Michelino portraitierte Domenico Petarlini den Dichterfürsten auf einem Hügel über dem Meer, wie er schwermütig in Gedanken versunken ist - wohl über das Schicksal seiner Heimatstadt, die immer wieder von Bürgerkriegen zerrissen wurde.

Zu Petarlinis Zeit war der "Mythos" Florenz längst in das kollektive Gedächtnis der Gebildeten Europas eingebrannt. Noch Goethe hatte davon nichts gewusst, als er 1786 Italien bereiste: "Die Stadt hatte ich eilends durchlaufen, den Dom, das Baptiaterium. Hier tut sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, an der ich nicht verweilen will ... Ich eilte so schnell heraus als hinein." Eine Generation später war der französische Schriftsteller Stendhal einem Nervenzusammenbruch nahe, weil er vor der Unmöglichkeit verzweifelte, bei seinem Aufenthalt all die berühmten Stätten der Architektur, Skulptur und Malerei gründlich besichtigen zu können.

Filippino Lippi: sog. "Tondo Corsini", um
1482 - Bild: Sammlung Ente Cassa di
Rispiarmo, Florenz
 
Ganz so isoliert und rätselhaft, wie frühere Generationen gemeint haben, steht das Phänomen der Florentiner Renaissance heute nicht mehr da; Ausstellungskurator Bernd Roeck hebt das Vorbild der niederländischen Malerei hervor: "Von den Malern des Nordens mit ihrer mikroskopischen Kunst konnten die Italiener lernen, wie man realistisch, 'nach der Natur', malte." Davon hatte Burckhardt noch keine Vorstellung. Bloß eine Fußnote der Wissenschaftsgeschichte dürfte der Streit um ein Triptychon von 1422 bleiben, das aus der Kirche San Giovenale in Cascia bei Florenz in die Ausstellung gekommen ist. Man müsste freilich das Arabische beherrschen, um den Zusammenhang nachvollzieen zu können. Der Orientalist Rudolf Sellheim wollte im Heiligenschein der Madonna das muslimische Glaubensbekenntis lesen, freilich in Spiegelschrift: "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet". Inzwischen meinen die Kunsthistoriker jedoch, dass sich der Maler Masaccio lediglich durch das Arabische zu einer ornamentalen Pseudo-Schrift inspirieren ließ.

Aber in Bonn geht es ja auch nicht um einzelne Kunstwerke, das Thema ist die Stadt selbst. Dem Besucher vermittelt sich der Eindruck, dass die Übersetzung "Geist" für "genius loci" vielleicht etwas irreführend ist; manchmal halfen sehr handfest materielle, auch gewaltsame Maßnahmen diesem Geist auf die Sprünge. Da findet sich ein Erlass des Stadtrates aus dem Jahre 1419: Den Seidenwebern wurde bei Androhung der Todesstrafe verboten, die Stadt zu verlassen.

Florenz wollte seine Stellung in der Seidenweberei, die es sich in Italien nur mit Lucca und Venedig teilen musste, eben um jeden Preis verteidigen. Kostbare Stoffe zeigen Proben von dem Textilhandwerk, dem die Stadt ganz wesentlich ihren Wohlstand verdankte. Zu enormem Reichtum verhalf ihr dann das Bankgewerbe. In der Ausstellung ist ein Blatt aus der Korrespondenz zwischen dem Bankier Lorenzo de' Medici und seinem Mitarbeiter Giovanni Lanfredini zu sehen. Oder eigentlich die Grundlage, durch welche diese Korrespondenz überhaupt erst möglich wurde: Das Blatt zeigt einen Chiffrier- oder Dechiffriercode. Wie die Medici, nachdem sie offiziell die Regierung übernommen hatten, ihr Regiment vor der Bevölkerung mit Festivitäten zu schmücken verstanden, davon gibt ein riesiger Wandteppich etwas zu ahnen: eine Darstellung des "calcio" vor der Kirche Santa Croce. Diese Vorläuferform von Fußball oder Rugby war nicht bloßes Freizeitvergnügen, sondern zweifellos auch politische Repräsentation.

Natürlich fehlen auch große Kunstwerke nicht. Aus den Uffizien ist eines der berühmtesten Bilder von Sandro Botticelli an den Rhein gekommen, "Minerva und der Kentaur", um 1485. Die Deutung ist bis heute umstritten; vermutlich wollte der Maler die Zähmung, quasi die "Kultivierung" der wilden Triebe durch die Vernunft, darstellen - das Bild hing im Schlafgemach der Gemahlin eines Medici-Prinzen. Einen weiteren Höhepunkt der Ausstellung bildet Benvenuto Cellinis Bronzegruppe "Perseus und Medusa", um 1553. Der Künstler selbst hat den Guss in einer weltberühmt gewordenen Passage seiner "Vita" so dramatisch wie nur irgend möglich dargestellt.

Noch ein Bronzewerk, "Christus und der ungläubige Thomas" von Andrea Verocchio, 1483 vollendet: Christus erlaubt dem Jünger, die Finger in seine Seitenwunde zu legen und demonstriert damit seine leibhaftige Auferstehung. Die Gruppe, schreibt einer der Kuratoren der Ausstellung, Gerhard Wolf, im Katalog, sollte über ihren religiösen Gehalt hinaus die Tätigkeit des Florentiner Handelsgerichts symbolisieren, das die Seriosität des Geld- und Warenverkehrs gewährleistete - da darf man vergleichend wohl an den Spruch auf den amerikanischen Dollarnoten denken, "In God we Trust".

Domenico di Michelino: Allegorie zu
Dantes "Göttlicher Komödie", 1465
Bild: Opera di S. Maria del Fiore/
Archivio storico e fototeca, Florenz
 
Eine Verschränkung von Religiösem und Weltlichem, wie sie für diese Übergangsphase zwischen Mittelalter und Neuzeit typisch war. In vielen Fällen lässt sich heute kaum noch nachvollziehen, welche Anspielungen auf das Zeitgeschehen in den Kunstwerken enthalten waren. Dass die Medici, nachdem sie zu Lenkern der "Republik" Florenz aufgestiegen waren, sich in Benozzo Gozzolis Fresko vom Zug der Heiligen Drei Könige verewigen ließen, ist jedem Florenz-Besucher bekannt. Mit so manchem Stück, das jetzt in Bonn zu sehen ist, könnte es sich ähnlich verhalten. Etwa die "Anbetung der Könige" von Zanobi di Benedetto Strozzi, gemalt um 1433, noch vor der Etablierung der Medici. Gut möglich, dass reiche und ehrgeizige Handelsherren, indem sie das Bild stifteten, auch sich selbst ein Denkmal setzten.

Manche Stücke sind in der Ausstellung ganz anders, sozusagen "originaler" zu sehen, als man sie aus älteren kunsthistorischen Bildwerken kennt. 2006 wurde in Washington eine Büste des Lorenzo de' Medici, entstanden irgendwann um 1500, restauriert. Unter Schmutz und Übermalungen kamen leuchtende rot- und blauviolette Farben zum Vorschein, außerdem sehr fein aufgemalte Pupillen, Wimpern und Barthaare. Eine Art Pendant bildet das Portrait des ersten Herzogs aus der Medici-Familie eine Generation später, Alessandro. Bei vielen Zeitgenossen handelte sich Alessandro den Ruf eines Tyrannen ein; aber vom Hofmaler Vasari ließ er sich als Heilsbringer darstellen, welcher der Stadt den lang ersehnten Frieden garantierte - die Ruhe eines Kirchhofs, hätte Schillers Marquis Posa gesagt.  

Nach und nach war es den Medici gelungen, die "relativ offene und wettbewerbsorientierte Oligarchie", wie der Freiburger Historiker Volker Reinhardt es im Katalog formuliert, in eine Alleinherrschaft zu transformieren. Andererseits - unbestreitbar hatte das Mäzenatentum der Medici an der Renaissancekunst ganz wesentlichen Anteil. Und auch am Aufschwung der Wissenschaften in der frühen Neuzeit. Der Ausstellungsbesucher sieht eine Replik des Teleskops, mit dem Galileo Galilei die Jupitermonde entdeckte.

Und mehr nebenbei bringt die Ausstellung auch eine Ehrenrettung jener Dynastie, die den Medici nach deren Aussterben 1737 nachfolgte, des Hauses Habsburg-Lothringen. Einige der Großherzöge praktizierten eine aufgeklärte Politik, wie sie damals in Europa ihresgleichen suchte. In der Ausstellung ist das Edikt nachzulesen, mit dem Peter Leopold 1786 die Todesstrafe aufhob - eben in jenem Jahr, in dem Goethe durch Florenz reiste. Gleichzeitig wurden die Folterwerkzeuge öffentlich verbrannt. 


Ausstellung:
Florenz!,
bis 9. März 2014 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn



Neu auf dem Büchermarkt:
Florenz!,
herausgegeben von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn
Hirmer Verlag, München 2013, ISBN 978-3-7774-2089-9, 49,90 € [D], 51,30  [A], 64,30 CHF



Mehr im Internet:
Florenz!, in der Kunst- und Ausstellungshalle, Bonn 
scienzz artikel Italienische Renaissance

 

 

 

 

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