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06.03.2014 - KULTURGESCHICHTE

"Sonne, Mond und Sterne haben wir so gerne"

Die Faszination des Weltraums heute

von Josef Tutsch

 
 

Andromeda-Galaxie
Bild: Adam Evans/Wikipedia

"Sonne, Mond und Sterne haben wir so gerne", heißt es im Kinderlied. Der Sternenhimmel übt aber nicht nur auf Kinder seinen Zauber aus; 1788 fasste der Philosoph Immanuel Kant das Phänomen in die Worte: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüte mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir." Der "Anblick einer zahllosen Weltenmenge", meinte Kant, "vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit", das moralische Gesetz dagegen erhebt meinen Wert unendlich, indem es mir "ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben" offenbart.

Forscher der Universität Leipzig haben vor zwei Jahren im Rahmen einer Studium-universale-Vorlesungsreihe die Frage gestellt, wie es um diese Faszination heute bestellt ist, in einer Zeit, in der die Sterne, wenigstens in einem kleinen Randbereich, "erfahrbar", also mögliches Ziel unserer Reisen geworden sind. Man könnte meinen, diese neuen Möglichkeiten hätten das Weltall gründlich entzaubern müssen. Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin setzte so etwas voraus, als er nach seiner Rückkehr aus der Erdumlaufbahn zu den Reportern sagte, er habe dort oben keinen Gott angetroffen.

Aber es geht auch anders. Die Astronauten von Apollo 8, daran erinnert der Herausgeber des Sammelbandes, der Anglist Elmar Schenkel, im Vorwort, lasen während ihrer Mondumrundung den Menschen auf der Erde den biblischen Schöpfungsbericht vor. Zwei getrennte "Schubladen" unseres Bewusstseins? Der Heidelberger Physiker Ernst Peter Fischer blickt in seinem Beitrag zum Sammelband zurück auf die Geburt der modernen Wissenschaft in Europa, also die Epoche von Kopernikus, Galilei und Kepler. Vom Standpunkt des "Normalmenschen" aus betrachtet war das Ergebnis eine Spaltung des Menschen in Sinnlichkeit und Begrifflichkeit. Wir sehen, dass die Sonne morgens im Osten aufgeht und abends im Westen untergeht, und vertrauen doch zugleich den Astronomen, die uns versichern, dass es vielmehr die Erde ist, die sich dreht. Schenkel: "Seit Kopernikus in den Himmel geblickt hat, leben wir in zwei Welten", der des "Erkennens" und jener des "Erlebens".

Inzwischen hat sich diese Spaltung in mancher Hinsicht noch verschärft. Die Drehung der Erde um die Sonne kann man zwar nicht sehen, sich aber doch anschaulich vorstellen; das ist bei Einsteins Relativitätstheorie nicht der Fall. Die Zahl der Sterne im Universum wird auf ein paar Trilliarden geschätzt - können wir auf Anhieb sagen, wieviel Nullen eine solche Zahl hat? Im Zentrum unserer Milchstraße vermuten die Astronomen "Dunkle Materie", die sich aber leider nicht beobachten lässt. Und was befindet sich "jenseits" dieses Universums - vielleicht weitere "Universen", von denen wir aber wahrscheinlich nie etwas wissen können?

Lutz Clausnitzer, Lehrer für Mathematik, Physik und Astronomie, plädiert in dem Sammelband dafür, der Astronomie auch im Schulunterricht größeren Raum zu geben: An deutschen Schulen sei astronomische Bildung zur Zeit "eine völlig freiwillige Angelegenheit" und erreiche daher "letzlich nur einen kleinen Teil der Schüler". In der ehemaligen DDR war das partiell anders, allerdings aus höchst fragwürdigen Gründen. Die Leipziger Theologin Gisa Bauer hat den populärwissenschaftlichen Band "Welltall - Erde - Mensch" analysiert, der zwischen 1954 und 1974 in 22 Auflagen insgesamt etwa vier Millionen Mal gedruckt wurde, als "Jugendweihebegleitbuch". Der Gedankengang darin vollzog sich nach dem schlichten Muster "Juri Gagarin war im Weltraum und hat dort keinen Gott gesehen."

Neil Armstrong 1969 auf dem Mond
Bild: NASA/Wikipedia

Der Schritt des Menschen in den Weltraum galt als eine Art "Anti-Gottesbeweis"; die Frage, inwieweit es womöglich bloße Metapher ist, wenn der "Himmel" der Religion denselben Namen trägt wie der Himmel, den wir sehen, wurde gar nicht erst aufgeworfen. 1958 folgerte der Leipziger Philosoph Rudolf Rochhausen aus dem Sputnik-Flug: "Außerhalb des menschlichen Bewusstseins gibt es keine geistigen Kräfte." Bauer hat - leider ohne die genaue Quelle zu nennen - sogar ein "Glaubensbekenntnis des Materialismus" ausgegraben, das 1960 von der SED propagiert wurde: "Ich glaube an den Menschen, den allmächtigen Schöpfer aller Werke, und an die Technik, die alles beherrscht ..." Usw. usf., in hoch komischer, aber durchaus ernst gemeinter Anlehnung an die christlichen Glaubensbekenntnisse, bis hin zur Schlussformel "an ein besseres Leben, eine herrliche Zukunft und an den ewigen Bestand der Materie".

Bauer gibt keine Auskunft, wie Rochhausen seine rigorose Feststellung mit den Spekulationen über außerirdische Intelligenz in Einklang gebracht hat, die ja auch in der "sozialistischen" Science fiction beliebt waren. Bereits 1922, berichtet Schenkel, hatte der sowjetische Schriftsteller Alexej Tolstoi in seinem Roman "Aelita" die Idee entwickelt, die Oktoberrevolution auf den Mars zu exportieren. Ob Tolstoi die Schrift seines französischen Kollegen Bernard de Fontenelle "Über die Vielzahl der Welten" aus dem Jahr 1686 kannte?  "Alexander der Große wäre untröstlich gewesen, wenn er eine Welt gesehen hätte, die er nicht erobern konnte", scherzte Fontenelle und behauptete, Aristoteles habe seinem Schüler aus diesem Grund verschwiegen, dass der Mond bewohnt ist.

Die Expansion der Menschheit in den Kosmos - und umgekehrt die Erwartung von allerlei Heil oder Unheil durch Außerirdische - ist seit Fontenelle zu einem Lieblingsthema der Literatur geworden. Und auch der Populärwissenschaft: "Es gibt immer Leute, die lieber von Aliens abstammen als von Affen", zuckt der Osnabrücker Politikwissenschaftler Rainer Eisfeldt die Achseln. Fremde Sterne bieten eine ideale Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste; das zeigte sich bereits im Oktober 1938, als Orson Welles' Hörspielversion von "Krieg der Welten" - es war eine Zeit drohender Kriegsgefahr - eine Panik auslöste. Oder mit umgekehrter Tendenz: Im selben Jahr wie die Untergangsphantasie von H. G. Wells, die hierfür die Vorlage lieferte, erschien der Roman "Auf zwei Planeten" von Kurd Laßwitz. Hier belehren die Marsianer die Irdischen, dass sie vielleicht doch Chancen auf eine friedliche Zukunft haben.

Auf der anderen Seite ergeht sich die Menschheit in technologischen Phantasien von der Urbarmachung anderer Gestirne. "Terraforming" lautet das neue Stichwort - Eisfeld zitiert den Gründer der amerikanischen "Mars Society", den Ingenieur Robert Zubrin: "Wen es uns gelingt, die Bedingungen auf dem Mars denen der Erde anzugleichen, wird der Beweis erbracht sein, dass sich selbst die Welten des Himmels dem Willen einer intelligenten Menschheit unterordnen müssen." Das klingt dem viel belächelten Satz Gagarins gar nicht so unähnlich - und auch nicht jener rätselhaften Aussage der Schlange im biblischen Paradies: "Ihr werdet sein wie Gott." Es sei kein Zufall, meint Schenkel, dass die Anfänge der Science fiction im 19. Jahrhundert zeitlich mit dem Niedergang der etablierten Religion damals zusammenfielen.

Angesichts der ungeheuren Entfernungen war es zwangsläufig, dass die literarische wie die populärwissenschaftliche Phantasie sich darauf stürzte, der Lichtgeschwindigkeit nahe zu kommen und sie zu übertreffen. Oder womöglich die scheinbar zwangsläufige Reihenfolge von Vergangenheit und Zukunft auf den Kopf zu stellen. Längst nicht alles ist so spielerisch und humoristisch wie Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis". Aber zum Glück liegt wenigstens der Mars ja gleich nebenan. Hand aufs Herz, was wollen wir dort eigentlich? Eine mögliche Antwort hat Zubrin gegeben: "Die humanistische Zivilisation des Westens wurde aus der Expansion geboren und kann nur in expandierendem Zustand existieren. In einer nicht-expandierenden Welt wären Freiheit, Kreativität oder Fortschritt nicht mehr gewährleistet."

Wie beruhigend angesichts unserer Umweltprobleme: Vielleicht haben wir noch ein paar Planeten in Reserve ... Dass die Zivilisierungsaufgabe bei dieser Expansion, meint Eisfeld, "Raffgier, rücksichtsloser Ressourcenausbeutung und Gewaltanwendung" begleitet war, hat Zubrin ausgeblendet, die Frage, ob die westliche Welt ihre Freiheit wirklich nur auf diesem Weg garantieren kann, nicht einmal ernsthaft gestellt. Es ist immer wieder verblüffend, mit welcher Selbstverständlichkeit wir dazu neigen, unsere historisch bedingten Zufälligkeiten ins Unendliche zu projizieren. Die Kapsel von Voyager 1 führt eine Schallplatte mit sich, auf der Musik von Bach und Beethoven und Chuck Berry konserviert ist. Woher nehmen wir eigentlich die Vermutung, dass die Außerirdischen nicht nur über die geeigneten Abspielgeräte verfügen, sondern auch an dieser Art Musik Geschmack finden?

Die Außerirdischen sind da: E. T. bei
Madame Toussaud, London
Bild: Denis Bourez/Wikipedia

 
Noch verblüffender: Auf der Schallplatte sind Grußbotschaften in etwa 60 Sprachen enthalten. Das erinnert an die Dolmetscher für asiatische Sprachen, die Columbus bei seiner Überfahrt über den Atlantik mitführte, weil er glaubte, nach Indien zu reisen. "Man geht kaum fehl in der Annahme", schreibt Eisfeld, "dass die Botschaften eher für die Erde bestimmt waren als für die Sterne." "Zahlreiche Bewohner unseres Planeten sollten auf anschauliche Weise für die Erforschung des Weltalls begeistert werden" - woran, nebenbei gesagt, ja auch viel Geld und eine Menge Arbeitsplätze hängen.

Wenn es um aufwändige wissenschaftliche Expeditionen geht, steht es mit der Faszination durch den Weltraum ja vielleicht doch nicht so selbstverständlich, wie man glauben könnte. Der Philosoph Hermann Lübbe hat einmal die Frage gestellt, was der breiten Öffentlichkeit aus der technisch doch so bewundernswerten ersten Umrundung des Mondes 1959 an Erkenntnisgewinn geblieben ist. Seine Antwort: Der Mond sieht hinten so ähnlich aus wie vorn auch. Der Rest ist Sache von Spezialisten.

Wer weiß, vielleicht hat der französische Schriftsteller Cyrano de Bergerac den Ausgang zukünftiger Reisen durch den Weltraum in seinem Mondroman 1657 ja vorweggenommen: Die Bewohner des Mondes führen einen Ketzerprozess gegen einen reisenden Menschen, der die unsinnige Behauptung aufgestellt hatte, die Erde sei von intelligenten Wesen bevölkert. Am Ende muss der Ketzer seinem Irrtum abschwören.


Neu auf dem Büchermarkt:
Sonne, Mond und Ferne. Der Weltraum in Philosophie, Politik und Literatur, herausgegeben von Elmar Schenkel und Kati Voigt,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-631-64081-4,
Preis 39,95 € 

 

 

 

 

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