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Kultur

26.04.2021 - DEUTSCHE LITERATUR

Es trat aus meiner Leier das erste Mal ins Licht

Vor 150 Jahren der Dichter Christian Morgenstern geboren

von Josef Tutsch

 
 

Christian Morgenstern
Bild: Wikipedia

An die 80 cm hoch, braun bis goldbraun, dämmerungsaktiv; bewegt sich auf seiner vierhöckrigen Nase und ernährt sich von Asphodelen und jungen Tatzelwürmern. Vorkommen in Mitteleuropa, aber sehr selten geworden, wahrscheinlich ausgestorben.

Literaturkenner werden es gleich bemerkt haben: Bei dem Tier, das vor einigen Jahren in der Zeitschrift „Natur + Kosmos“ mit diesen Worten beschrieben wurde, handelt es sich um das Nasobem, wissenschaftlich „Nasobema procedens Mor.“, auch als „Nasobema lyricum“ bekannt. 1905 hatte der Dichter Christian Morgenstern seine „Entdeckung“ in den „Galgenliedern“ an die Öffentlichkeit gebracht: „Es steht noch nicht im Brehm. Es steht noch nicht im Meyer und auch im Brockhaus nicht. Es trat aus meiner Leier zum ersten Mal ins Licht.“

Am 6. Mai 1871, vor 150 Jahren, wurde Christian Morgenstern in München geboren. Nonchalant stellte der Spross einer Malerfamilie, deren Vertreter wie selbstverständlich „realistisch“ gearbeitet hatten, in seinen Versen alles auf den Kopf, was bis dahin im allgemeinen Bewusstsein Sprache und Dichtung ausgemacht hatte. Nicht mehr die äußere Wirklichkeit – oder doch etwas ihr Ähnliches, eine Erfindung, die den Anschein der Wahrscheinlichkeit für sich hatte – gab den Stoff ab, sondern gerade umgekehrt: Der Dichter imaginierte eine völlig neue „Wirklichkeit“. Ein Vorgang, der einige Jahre nach den „Galgenliedern“ in der bildenden Kunst seine Parallele fand: Spätestens 1913 malte Wassily Kandinsky seine ersten abstrakten Bilder.

Inzwischen haben die Zoologen Morgensterns Einfall längst unter ihre Fittiche genommen. 1957 erschien von dem Karlsruher Forscher Gerolf Steiner die Studie „Bau und Leben der Rhinogradentia“; Übersetzungen ins Französische, Englische, Italienische und Japanische folgten.

Heute dient das Buch Zoologiestudenten dazu, über die Gesetzmäßigkeiten der biologischen Evolution zu reflektieren. Leser des Artikels in „Natur + Kosmos“ hatten es allerdings relativ leicht, den Scherz zu durchschauen: Asphodelen und Tatzelwürmer gehören ebenfalls nicht ins real vorhandene Tierreich, sondern in die griechische Mythologie und die alpenländische Sage. 1976 fand das Nasobem einen Nachfolger in Loriots Steinlaus, einem scheuen, kleinen Nagetier, das sich von Steinen ernährt.

Und das Nasobem blieb nicht das einzige Experiment dieser Art in Morgensterns Werk. In dem Gedicht „Das große Lalula“ befreite sich die Sprache selbst von der Verpflichtung, überhaupt irgendetwas Sinnvolles auszusagen: „Kroklokwafzki? Semenemi! Seiokrontro - prafriplo: Bifzi, bafzi; hulalemi ...“ Das Gedicht „Fisches Nachtgesang“ hat gar keine Klanggestalt mehr, sondern ist stumm; das Druckbild besteht aus einer Abfolge von geraden und nach gebogenen Strichen, ähnlich jenen Zeichen, mit denen in der Verslehre die langen und die kurzen Silben angedeutet werden.

Morgenstern entwickelte sogar die Idee, den Augen- und den Gehörsinn künstlerisch durch den Geruch zu ersetzen: „Palmström baut sich eine Geruchs-Orgel und spielt drauf v. Korfs Nieswurz-Sonate“, so war 1910 im Nachfolgeband der „Galgenlieder“, dem „Palmström“. Alles bloß „höherer Blödsinn“, was Morgenstern, der ansonsten als Feuilletonist und Übersetzer aus dem Norwegischen arbeitete, da zu Papier brachte, vergleichbar einem studentischen Commersbuchulk?

Die „Galgenlieder“ entstanden seit 1895 zunächst für den Eigenbedarf in Morgensterns Berliner Freundeskreis. Der Galgenberg war ein beliebtes Ausflugsziel nahe Potsdam. Man zelebrierte ironisch-makabre Rituale wie das Durchschneiden des Lebensfadens bei Puppen und sang dazu Morgensterns Lieder. Als 1901 der Schriftsteller Ernst von Wolzogen das literarische Kabarett „Überbrettl“ begründete, fand sich Morgenstern bereit, dort seine Werke vorzutragen. Erst der Erfolg dort brachte ihn 1905 dazu, seine Verse in den Druck zu geben. „Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre“, schrieb er im Vorwort.

Morgensterns ernsthaftere Dichtungen sind gegen diese „Grotesken“ niemals angekommen. Später pflegte der Dichter seinen Versen gern einen tieferen Sinn unterzulegen, vor allem, nachdem er sich im Winter 1908/09 der Anthroposophie Rudolf Steiners zugewandt hatte. Aber da ist natürlich Vorsicht angebracht: Will man Morgensterns Sprachspiele weltanschaulich deuten, darf man nicht spätere Lektüren in das Frühwerk hineintragen. Sicher ist, dass der Dichter, als er die „Galgenlieder“ verfasste, viel von dem gelesen hatte, was auch bei Steiner die Grundlage seines Denkens ausmachte, von den mystischen Schriften eine Jakob Böhme bis zu den Romanen eines Lew Tolstoi. 

Rekonstruktion des Hufeisens aus den 
"Galgenliedern" - Bild: Fonzy/Wikipedia


Am wichtigsten für Morgenstern wurden jedoch die beiden großen „unakademischen“ Philosophen des 19. Jahrhunderts, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. 1901 hatte er ein Drama über Savonarola in Angriff genommen, einen Vorläufer der Reformation, der 1498 in Florenz auf dem Scheiterhaufen gestorben war. Morgensterns Notizen belegen, dass er Nietzsches Psychologie des Ressentiments imn Sinn hatte: „Savonarola. Ein Décadent in seiner Zeit. Feine, reizbare, krankhafte Natur, sich am Übermut des Lebens rächend.“ „Sein Durst nach Macht, verhüllt in seine Sehnsucht, die Welt zu verbessern.“

Wenige Jahre später legte Thomas Mann in seinem einzigen Drama „Fiorenza“ die Figur des „Helden“ Savonarola ganz ähnlich an. Einen Nietzsche-Aphorismus setzte Morgenstern den „Galgenliedern“ auch als Motto voran: „Im echten Manne ist ein Kind versteckt: Das will spielen.“ Er selbst sprach von seiner Dichtung als von einem „Spiel- und Ernst-Zeug“. „Ein Klang, ein Wort, eine Wendung regen die Vorstellung an“, hat der Literaturwissenschaftler Wolfgang Kayser das poetische Verfahren resümiert. Und das trifft ins Zentrum: Die Verse spielen mit Worten und Klängen, Formen und Gedanken. Spätere Schriftsteller und Komiker von Joachim Ringelnatz über Erich Kästner bis Heinz Erhardt sind in Morgensterns Fußstapfen getreten.

Die Literaturhistoriker haben sich viel Mühe gegeben, eine Ahnenreihe von Morgensterns Sprachkunst zu erstellen. Vielleicht am verblüffendsten: der Roman „Geschichtsklitterung“ von Johann Fischart, 1575, eine deutsche Nachdichtung von Francois Rabelais' „Gargantua“, die in monströsem Ausmaß Synonym auf Synonym häufte, um den Reichtum der deutschen Sprache zu demonstrieren. In dieser Wucherung ließ Fischart, so Kayser, eine Welt entstehen, „in der es von Ungeheuerlichem wimmelte“ - der Vergleich mit den Bildern von Hieronymus Bosch liegt nahe.

Daneben wirken Morgensterns kurze Gedichte bei aller Phantastik aber doch recht übersichtlich. Näher verwandt erscheinen die Nonsense-Verse von Edward Lear, dem „Klassiker des Limericks“, oder die Romane von Lewis Carroll („Alice im Wunderland“) und natürlich die Bildergeschichten von Wilhelm Busch. Und immer wieder verband Morgenstern mit dem Sprachspiel einen wahrhaften Exzess an pseudo-grammatischer und pseudo-logischer Regelhaftigkeit. Nur ein Beispiel: Der Werwolf bittet einen Dorfschullehrer darum, ihn zu beugen: „des Weswolfs“, „dem Wemwolf“, „den Wenwolf“. Vor der weitergehenden Bitte, ihn auch in die Mehrzahl zu setzen, muss der Lehrer passen: „Zwar Wölfe gäbs in großer Schar, doch ‚Wer‘ gäbs nur im Singular.“

Da klingt eine Verzweiflung an der Sprache an, wie vor allem der Philosoph Fritz Mauthner sie damals mit geradezu wütender Emphase vortrug: „Zum Hasse, zum höhnischen Lachen bringt uns die Sprache durch die ihr innewohnende Frechheit. Sie hat uns frech verraten; jetzt kennen wir sie.“ Morgenstern hatte dieses Skepsis, ohne sich groß in philosophischen Reflexionen zu ergehen, bereits als Jugendlicher vorweggenommen. „Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort“, heißt es in einer Aufzeichnung von 1895. Morgenstern sprach von einer „völligen Willkür der Sprache“ und von der „Willkür unseres Weltbegriffs überhaupt“.

Als er Mauthners „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“, die ab 1901 erschienen, zu Gesicht kamen, durfte er sich bestätigt sehen. In der Dichtung dieser Jahrhundertwende stand er damit auch nicht allein. 1902 war von Hugo von Hofmannsthal der „Chandos-Brief“ erschienen. „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen“, formulierte Hofmannthal darin die „Krise“ seines Dichtertums, „über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Die Worte „zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“. 

"Fisches Nachtgesang"       
 Bild: Wikipedia
 


Hofmannsthal überwand die Krise, indem er einen festen Anschluss an die europäische Tradition suchte. Morgenstern dagegen setzte das Spiel mit der Sprache absolut. In den Schriften des spätmittelalterlichen Mystikers Meister Eckart hatte er einen Halt gefunden, der ihn vor der Verzweiflung bewahrte. „Zerbrich die Sprache“, gab er in einer Notiz Eckharts Position wider, „und damit alle Begriffe und Dinge; der Rest ist Schweigen.“ Morgenstern setzte hinzu: „Dies Schweigen aber ist – Gott.“

Die Hoffnung, durch die vorgefertigten Sprachfloskeln hindurch zu einer neuen, authentischen Sprache durchstoßen zu können, hat Morgenstern in seinem Spiel niemals aufgegeben: „Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur; man könnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungszeichen setzen, denn es ist überkommen, nicht im Augenblick des Entstehens geboren.“ Manchmal erinnert seine Kunst der scheinbar unsinnigen Pointe an die Sprüche in der japanischen Zen-Religion, etwa wenn der Reim als poetische Konvention die Oberhand über die geschilderte Realität gewinnt: „Ein Wiesel saß auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel. Wisst ihr, weshalb? [...] Das raffinierte Tier tat‘s um des Reimes willen.

Kein Wunder, dass Morgensterns Verse es zunächst schwer hatten, in den Bildungskanon der deutschen Literatur aufgenommen zu werden.  „Das Wasser rann mit Zasch und Zisch“ – da hörten manche Deutschlehrer bloß eine Albernheit heraus. Gelegentlich wandte sich Morgenstern auch der Zeitkritik zu. „Als Gott den lieben Mond erschuf ...“ Das Gedicht gibt sich als harmloser Merkvers: Der zunehmende Mond ähnelt, für deutsche Leser sehr bequem, dem Buchstaben „z“ der Frakturschrift, der abnehmende dem Buchstaben „a“. In den Schlussversen folgt ein böser, aber doch nicht allzu böser Schlag gegen die Deutschtümelei der wilhelminischen Epoche: „Befolgend dies ward der Trabant ein völlig deutscher Gegenstand.

Es gehört zum Charme von Morgensterns Lyrik dass man an ihnen so endlos über manches Weltanschauliche diskutieren kann, es aber keineswegs muss. Ein Satz aus dem „Palmström“ ist in den Redensartenschatz der deutschen Sprache eingegangen ist. „Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge und von einem Kraftfahrzeuge überfahren.“ Das Studium der Gesetzbücher bringt den Verunglückten zu der klaren Einsicht: „Wagen durften dort nicht fahren!“ Die Diskrepanz von Sein und Sollen – eines der tiefgehendsten aller philosophischen Probleme, das aber auch eine ganz banale Alltagserfahrung ist. In komischer Ineinssetzung von Norm und Realität kommt Palmström zu dem Ergebnis: „‘Nur ein Traum war das Erlebnis. ‚Weil‘, so schließt er messerscharf, ‚nicht sein kann, was nicht sein darf.‘“

 

 

 

 

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