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14.05.2014 - KULTURGESCHICHTE

Eine Kulturgeschichte des Meeres

von Josef Tutsch

 
 

Welche Farbe hat das Meer? Blau natürlich, antworten wir spontan - "so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume", schrieb einst Hans Christian Andersen in seiner "Kleinen Seejungfrau". Aber da stocken wir auch schon. Hat dieses "Blau" etwas mit der äußeren Wirklichkeit, mit Physik, zu tun? Die alten Ägypter, berichtet der Bremer Literaturwissenschaftler Dieter Richter in seiner soeben erschienen Kulturgeschichte des Meeres, sprachen vom "großen Grünen" oder auch vom "großen Schwarzen". In der frühen griechischen Poesie war die Vielfalt der Farben noch größer. Die Dichter nannten das Meer "schwarz", "grau", "dunkelbraun", "bläulich-grün" oder auch "weinfarben", also dunkelrot.

Irgendwie objektiv scheint das Blau des Meeres also nicht zu sein. Vielleicht spiegelt sich in unserer Sehgewohnheit ja eher eine Sehnsucht nach den unbegrenzten Weiten, die ein wolkenloser Himmel ahnen lässt, und das mag eine sehr moderne Projektion sein, womöglich bloß von Landbewohnern, in sicherem Abstand zu stürmischen Küsten. Bei den Völkern des Altertums ist davon nichts zu finden; die Farben für das Meer waren eher düster. Jahrhunderte lang, schreibt Richter, galt "der Tod auf See als besonders schimpflicher Tod", schreibt Richter, "der Leichnam im Meer, eine Beute der Fische oder irgendwo an Land gespült, als ein Unbestatteter und damit als einer, dessen Seele die ewige Ruhe versagt blieb."

In der Geschichte von der Sintflut wird erzählt, wie Gott einmal - ein einziges Mal - das Werk des dritten Schöpfungstages, die Scheidung des trockenen Landes vom Wasser, wieder rückgängig machte. Ob in dieser Erzählung historische Katastrophen wiedergegeben sind, wird sich wohl niemals klären lassen. Sicher ist: Menschliche Kultur nahm ihren Ausgang von der Zähmung des Wassers, seiner Nutzbarmachung. "Dein Salzwasserbrunnen soll ein Süßwasserbrunnen werden", zitiert Richter ein Schöpfungslied aus dem alten Mesopotamien. Ein biblischer Psalm brachte den Gedanken in die Form eines Heldenliedes auf Jahwe als siegreichen Kämpfer gegen die dämonischen Mächte des Ozeans: "Du hast zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer".

Aber dieses Kämpferische, die Abwehr der Bedrohung, ist nur die eine Seite der Medaille; die andere ist eine Faszination. Richter erzählt, dass er 2010 an der Mole einer apulischen Hafenstadt den Graffito fand: "Wer das Meer liebt, wird immer frei sein." Ob der Sprayer, fragt Richter, wohl Baudelaire, Heine, Nietzsche oder Neruda gelesen hat? Oder Jules Verne, seinen Roman von Kapitän Nemo, der in den Unendlichkeiten des Ozeans seine "Freiheit" von moralischen Ordnungen sucht? Oder wenigstens die "Odyssee"? "Nichts Schrecklicheres ist mir bekannt als die Schrecken des Meeres", klagt Homers Held - aber immer wieder wurde dieses Gedicht, sozusagen gegen den Strich, auch als das große Lied von der Faszination durch das Meer gelesen.

Schrecken und Faszination zugleich. Bereits der syrakusanische Dichter Moschos im 2. Jahrhundert vor Christus konnte das Grauen des Meeres einige Verse lang vergessen oder verdrängen: "... regt sich mir süßes Verlangen im schüchternen Herzen; das Festland ist nicht länger mir lieb, mehr lockt mich das heitre Gewässer." Eine gefährliche Verlockung freilich, wie bereits Homers Odysseus wusste, als er dem Gesang der Sirenen lauschte, durch Fesseln davor gesichert, ihrem Ruf zu folgen.

Galatea, von Raffael, 1512
Bild: Herrick/Wikipedia

Bei den Völkern der Antike hatte der Schrecken jedoch eindeutig ein Übergewicht. In der griechischen Mythologie stand das Meer unter der Herrschaft des zürnenden Gottes Poseidon und war von allerlei Monstern bevölkert; die anmutigen Nereiden spielten bloß eine Nebenrolle. Zwei Jahrtausende später, in der Malerei der Renaissance und des Barocks, hat Poseidon oder Neptun seine Herrschaft an eine der Nereiden, die schöne Galatea, abgegeben. Ihr Auftritt in der "Klassischen Walpurgisnacht" von Goethes "Faust II" ist ein Höhepunkt des gesamten Dramas: "Im Farbenspiel von Venus' Muschelwagen, kommt Galatee, die Schönste, nun getragen ..." Neptun selbst wurde zur Brunnenfigur in Schlossgärten und auf Stadtplätzen degradiert; er durfte nun das süße, das sozusagen gezähmte Wasser verwalten.

Sehr merkwürdig: Die Faszination scheint gerade in jener Zeit die Oberhand über den Schrecken gewonnen zu haben, als der Blick sich vom geographisch begrenzten Mittelmeer weg zu den Weltmeeren öffnete. Dabei kann gerade das Mittelmeer doch nicht nur schrecklich sein, sondern auch heiter, nicht nur bedrohlich, sondern auch segensreich. Hegel nannte es vor zwei Jahrhunderten das "Herz der Alten Welt", "das Bedingende und Belebende derselben". Sowohl der biblische Monotheismus als auch die phönizische Erfindung des Alphabets, sowohl die griechische Idee der Volksherrschaft als auch die römische Rechtskultur wurden über dieses Meer "universalisiert". Von seiner logistischen und ökonomischen Bedeutung zu schweigen. "Das Leben des römischen Volkes hängt täglich vom unsicheren Spiel des Meeres und der Stürme ab", sagt Kaiser Tiberius im 1. Jahrhundert nach Christus in einer Rede vor dem Senat.

Etwa um 1500 verlor das Mittelmeer seine zentrale Bedeutung für Europa an die Ozeane. Die deutsche Geschichte, vermerkt Richter, wurde nicht zuletzt dadurch bestimmt, dass dieses Land an den Weltmeeren nur sehr begrenzt Anteil hat, so wenig wie am Mittelmeer. Es hat einige Anläufe gegeben: die Züge mittelalterlicher Kaiser nach Italien, das Handelsnetz der Hansestädte in Nord- und Ostsee im späten Mittelalter, das koloniale Abenteuer Brandenburgs um 1700 in Westafrika, die ehrgeizigen Pläne Kaiser Wilhelms II., sein Reich zur marinen Weltmacht aufzurüsten ("Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser"), die schließlich in den Ersten Weltkrieg führten.

Auch in der deutschen Literatur, stellt Richter fest, spielt das Meer keine große Rolle. Theodor Storm und Thomas Mann haben ihm gelegentlich Episoden gewidmet; zum zentralen Thema wurden die Abenteuer auf den Meeren lediglich bei zwei Autoren: Friedrich Gerstäcker und B. Traven. Als Theodor Fontane 1880 mit dem Fährboot nach Norderney übersetzte, schrieb er an seine Frau Emilie: "Die Fahrt war sehr schön und dauerte zwei Stunden. An die von Capri nach Sorrent reicht sie aber doch nicht." "Es war das unerfreuliche Schicksal von Nord- und Ostsee, stets mit dem Mittelmeer verglichen zu werden", bilanziert Richter ein wenig larmoyant und stellt eine Notiz von Adalbert Stifter daneben, der 1857 in Triest zum ersten Mal auf das Meer traf: "Alle Dinge, welche ich bisher von der Erde gesehen hatte, Alpen, Wälder, Ebenen, Gletscher etc. versinken zu Kleinigkeiten gegenüber der Erhabenheit des Meeres."

"Erhabenheit": Das war die Kategorie, mit der Moderne versuchte, auch die Schrecken des Meeres ästhetisch zu fassen. 1743 phantasierte der hamburgische Barockdichter Barthold Hinrich Brockes (vielleicht zum ersten Mal in der Literaturgeschichte) von einer Fahrt in die Tiefsee: "Mich überfällt ein schneller Schauder, ich fühl ein innerliches Grausen ..." Kurz und knapp formulierte es Friedrich Schiller 1797 in seiner Ballade vom "Taucher": "Da unten aber ist's fürchterlich."

Illustration zu "Moby Dick"
Bild: A. Burnham Shute/
Wikipedia

Aber nicht erst die Tiefsee, bereits das flache Meerwasser am Strand galt als gefährlich. Bis weit in die Neuzeit hinein war es eine große Ausnahme, dass jemand zum Vergnügen im Meer schwamm. Als dem römischen Kaiser Augustus von seinen Ärzten Bäder im Meer verordnet wurden, ließ er sich von Sklaven Meerwasser schöpfen und in seine Villa bei Baia transportieren. Bis ins 18. Jahrhundert vertraten viele Mediziner sogar die Lehre, dass das Wasser des Meeres die Haut gefährlich zusammenziehe und austrockne.

Dann freilich trat eine andere Gefahr in den Vordergrund: dass das öffentliche Baden gegen die Gebote der Schicklichkeit verstoße. 1775 berichtete der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg von seinem Besuch im englischen Badeort Margate: "Man besteigt ein zweirädriges Fuhrwerk ... Während der Fuhrmann nach der See fährt, kleidet man sich aus ... Wenn der ausgekleidete Badegast alsdann die hintere Tür öffnet, so findet er ein sehr schönes dichtes leinernes Zelt, dessen Boden die See ist, in welche die Treppe führt." Richter hat eine Badeordnung von 1827 für die Bäder der Provinz Salerno gefunden: Die Badehäuschen dürften nicht einsehbar und müssten streng nach Geschlechtern getrennt sein. Sofern zwei oder mehr Personen - desselben Geschlechts, wie sich versteht - gemeinsam ein Häuschen benutzten, müssten die Herren Hosen tragen, die Damen Hemden.

Ob heutige Touristen, ob nun am Mittelmeer oder auf Südseeinseln, sich beim Liegen am Strand wohl über die Metapher des Meeres in der Philosophie und Theologie und Literatur der Jahrhunderte Gedanken machen? Etwa die erbauliche Geschichte vom Kirchenvater Augustinus und dem Knaben, der mit einem Gefäß das Meer ausschöpfen wollte - eben wie Augustinus mit seinem beschränkten Verstand die Geheimnisse des dreifaltigen Gottes. Das träumerische Sich-Versenken in die Weiten und Tiefen des Meeres ist seit der Romantik ein Hauptmotiv der Lyrik geworden: "ich aber lag am Randes des Schiffes und schaute, träumenden Auges, hinab in das spiegelklare Wasser und schaute tiefer und tiefer ...", Heinrich Heine in einem Gedicht von der Nordsee. Freilich nicht ohne ironische Brechung: "Das Fräulein stand am Meere und seufzte lang und bang, es rührte sie so sehre der Sonnenuntergang ..." Auch von Heinrich Heine.

Verändert es eigentlich unsere Wahrnehmung des Meeres, dass dieses Wasser heutzutage längst nicht immer mehr "spiegelklar" erscheint, sondern durchaus schmutzig? Hat der Tsunami im Indischen Ozean von 2004, eine der größten Naturkatastrophen in der Menschheitsgeschichte, das Schreckliche, Bedrohliche des Meeres gegenüber dem Heiteren in unserem Bewusstsein wieder mehr in den Vordergrund gerückt? Oder die Erwartung, dass einige Südseeinseln wegen der Erderwärmung in absehbarer Zeit unter den Fluten verschwinden werden?

Fragen, die sich wohl erst mit einigem historischem Abstand beantworten lassen. Die Wiederholung der Sintflut ist seit jeher eines der beiden Bilder, in denen sich die Menschheit das Ende von Welt und Geschichte vorgestellt hat. "Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut", schrieb der expressionistische Dichter Jakob van Hoddis 1911 unter dem Titel "Weltende". Doch das andere Bild, das vom großen Weltenbrand, ist viel häufiger; in der biblischen Tradition stand Gottes Versprechen aus dem Buch Jeremia der Vision einer neuen Sintflut entgegen: "Ich habe den Sand als Grenze für das Meer gesetzt, als ewige Schranke, die es nicht überschreiten kann." Nur ein Satz des griechischen Philosophen Aristoteles setzte einen leisen Zweifel in die Zuversicht, die daraus abzuleiten war: "Nicht für alle Zeiten bleibt dies hier Land und jenes dort See, sondern Meer entsteht, wo jetzt trockenes Land ist, und wo jetzt Meer, dort bildet sich wieder Land."


Neu auf dem Büchermarkt:

Dieter Richter: Das Meer. Geschichte der ältesten Landschaft,
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2014
ISBN 978 3 8031 3648 0, 24,90 €



Mehr im Internet:

Meer - Wiikipedia 
scienzz artikel Kulturgeschichte der Natur   

 

 

 

 

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