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Wissenschaft

28.07.2014 - GESCHICHTE

von Josef Tutsch

 
 

Falschmünzer, Freidenker und Verschwörer


Ein Blick in den gesellschaftlichen Untergrund zwischen Reformation und Revolution 
 

Mit welchem Ereignis begann eigentlich die europäische Neuzeit? Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus 1492, meinen viele. Oder mit der Reformation Martin Luthers 1517. Oder mit jener technischen Neuerung, die Luthers raschen Erfolg erst möglich machte, der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1450. Es käme aber auch eine ganz andere, weniger erfreuliche Technik in Frage: das Schießpulver. Die erste Anwendung in großem Maßstab erfolgte 1495 in Neapel. Unter dem von französischen Truppen besetzten Castel Nuovo ließen die spanischen Belagerer eine Mine explodieren und zwangen die Franzosen dadurch zum Abzug. 

Diese militärische Aktion aus dem Untergrund machte, wie der Historiker Andrew McKenzie-McHarg in dem neu erschienenen Sammelband über „Räume des Untergrunds in der Frühen Neuzeit“ darstellt, bei den Zeitgenossen ungeheuren Eindruck. Die Angst, „unterminiert“ zu werden, wurde zu einer Leitvorstellung – vielleicht muss man schon sagen: zu einer Obsession – der folgenden Jahrhunderte, erst recht nachdem die Pulververschwörung 1605 in London gezeigt hatte, wie gefährlich diese Technik auch innenpolitisch werden konnte. Britische Katholiken hatten versucht, den protestantischen König Jakob I. mit dem gesamten Ober- und Unterhaus in die Luft zu sprengen.

Der für die Stabilität der Gesellschaft bedrohliche Untergrund – zunächst in einem ganz wörtlichen Sinn, dann aber auch als Metapher für alles Verborgene: Seit 2008 arbeitet am Forschungszentrum Gotha ein Graduiertenkolleg „Untergrundforschung“; die Ergebnisse mehrerer Tagungen, die sich mit der Frühen Neuzeit beschäftigten, sind nun als Sammelband erschienen. Es ist ein wahrhaft bunt zusammengewürfeltes Personal, das die Forscher in diesem „Untergrund“ ausgemacht haben und nun in den zwei Dutzend Beiträgen vorstellen: Münzfälscher und Geheimagenten, Protestanten, die ihre Lesefähigkeit vor den Behörden verbergen mussten, um nicht der Ketzerei verdächtigt zu werden, und Juden, die den Anspruch erhoben, der lang erwartete Messias des Volkes Israel sein. Und immer wieder wurde von den „Etablierten“ damals der Verdacht ausgesprochen, sie alle seien dabei, die Gesellschaft in die Luft zu sprengen.

Auf den Titel haben die Herausgeber ein Gemälde von Georges de la Tour, um 1635, gesetzt: Ein offenbar recht naiver junger Herr wird von einem Spielerpaar weidlich ausgenommen. Während die junge Frau tiefe Einblick ins Dekolletee erlaubt, manipuliert ihr Kumpan die Karten. Solche Kriminalität bildet aber nur  einen kleinen Ausschnitt des Panoptikums, das da vor dem Leser entfaltet wird. Es gab, wie heutzutage auch, durchaus Übergänge aus dem „Untergrund“ in die „große“ Welt. Abenteurer, die sich auf dem Gebiet der Geheimdiplomatie oder der Spionage (die Grenzen waren fließend) verdingten, versuchten gelegentlich, auf eigene Faust große Politik zu betreiben. Das ging in der Regel allerdings nicht gut aus. So endete der Ungar Johann Michael Klement, der am preußischen Hof insgeheim Kontakte zur Unterstützung eines Aufstands gegen die habsburgische Herrschaft knüpfen wollte,  1720 in Berlin am Galgen, wie der Erfurter Kulturwissenschaftler Alexander Schunka berichtet.

Und der französische Graf Alexander von Bonneval, der zunächst unter bourbonischer, dann unter habsburgischer Flagge diente und sich schließlich an den osmanischen Hof in Konstantinopel begab, entging zwar Mordbefehlen aus Venedig und Wien, starb jedoch 1747 im Exil und als Muslim. Wie freiwillig oder unfreiwillig diese Karriere verlief, muss offen bleiben, schreibt der Wiener Historiker Hermann Stockinger. In seinen letzten Lebensjahren streckte Bonneval angeblich Fühler nach Rom aus, um durch Vermittlung des Papstes eine sichere Rückkehr zu erreichen.

Freimaurer-Initation, Frankreich, 1745
Bild: Vargalanna/Wikipedia

 
Noch eine Schnittlinie zwischen verachtetem oder verdrängtem und allemal auch gefürchtetem Untergrund und gesellschaftlicher Anerkennung: die Magie. Sie war das bevorzugte Tätigkeitsgebiet einer religiösen Minderheit, der Juden. Mit gutem Grund: Juden waren, sofern sie nicht etwa versuchten, Christen zu ihrer Religion zu bekehren, nicht der kirchlichen Gerichtsbarkeit unterworfen. Jedoch waren alle Versuche, die Christen von der Beschäftigung mit dieser angeblich bloß „jüdischen“ Kunst der Magie abzuhalten, erfolglos. Von dem italienischen Maler Pietro della Vecchia. 17. Jahrhundert, so der Harvard-Historiker Daniel Jütte, sind mehrere Bilder erhalten, wie Juden unter den Augen eines staunenden christlichen Publikums ihre magischen Künste darbieten.

Ganz und gar verschlossen für fremde Blicke war der gesellschaftliche Untergrund eben keineswegs. 1790 berichtete der italienische Hochstapler Alessandro Cagliostro vor der römischen Inquisition von seinen Erfahrungen mit einem geheimen Orden auf einem Landsitz bei Frankfurt: „Mit einem brennenden Licht stiegen wir miteinander ungefähr 14 bis 15 Treppen unter die Erde hinab und kamen in ein in die Runde gebautes Zimmer, in dessen Mitte ein Tisch stand.“ „Sodann folgte eine Eidformel, die in schrecklichen Ausdrücken abgefasst war, deren ich mich nicht erinnern kann, und die Verpflichtung enthielt, alle despotischen Monarchen zu vernichten.“

Inwieweit diese Schilderung zuverlässig ist, darf man bezweifeln; vielleicht wollte Cagliostro sich bei der Inquisition bloß als Informant wichtig machen. 1790 – die Ereignisse in Frankreich hatten den Mächtigen Europas bewusst gemacht, dass im Untergrund allerlei Minen bereit lagen, die jederzeit explodieren konnten. Welche Träume von einer anderen, besseren Gesellschaftsordnung (und natürlich auch von eigener Macht und Herrschaft) am Vorabend der Revolution in den intellektuellen Kreisen Europas kursierten, lässt ein Dokument aus dem Illuminatenorden ahnen, jener bis heute geheimnisumwitterten Organisation, die im Deutschland der 1770er und 1780er Jahre groß angelegte Reformpläne entwickelte. Ein gewisser Carl Kröber zur Situation in Hachenburg, Westerwald, im Jahr 1782: „Hier stehen also die Angelegenheiten des Ordens gut. Der Graf ist mit lauter Illuminaten umgeben … Alles gehört uns … Wenn sich die Brüder allenthalben so gesetzt hätten, so kommandierten wir die Welt.“

Oder die vielen Prediger, die in der Nachfolge Martin Luthers das Christentum reformieren wollten. Der Erfurter Professor für Wissenskulturen der Neuzeit Martin Mulsow, Direktor des Gothaer Forschungszentrums, nennt in seinem Beitrag als Beispiel den Heidelberger Adam Neuser. Anfang der 1560er Jahre fühlte er sich durch die Wendung des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. zum Calvinismus mehr und mehr ins Abseits gedrängt und reagierte mit vertiefter theologischer Reflexion, die in der radikalen Ablehnung eines zentralen christlichen Dogmas mündete, des Glaubens an die Dreifaltigkeit. Nach einer abenteuerlichen Flucht durch halb Europa konvertierte Neuser in Konstantinopel zum Islam, bot sich allerdings bald dem kaiserlichen Hof in Wien als Doppelagent an.

Sicherlich hätte Neuser viel lieber eine neue Religion oder Konfession begründet; aber ihm fehlten die Mittel. Der Pariser Historiker Jean-Pierre Cavaillé bietet einen Beleg, dass religiöse – oder in diesem Fall eigentlich anti-religiöse – Heterodoxie auch durch sexuelle Abweichungen nahegelegt sein konnte. 1641 fanden sich im Nachlass des französischen Schriftstellers Jean-Jacques Bouchard sowohl Lobpreisungen des Homosexualität als auch das, was man damals „Libertinage des Geistes“ nannte: freigeistige Angriffe auf Kirche und Glauben, bis hin zu einem – vielleicht nur spielerischen, vielleicht aber auch sehr ernst gemeinten – Atheismus. 

Besonders pikant daran: Bouchard lebte in Rom, im Schatten der päpstlichen Kurie. Es dauerte dann aber noch ein volles Jahrhundert, bis solche abweichenden Meinungen und Haltungen aus dem „Untergrund“ hervortreten konnten, es dauerte sogar anderthalb Jahrhunderte, bis sie sich revolutionär äußern konnten. Als sich der alternde Goethe in den Jahren um 1810, 1811 daran machte, seine Memoiren zu schreiben, meinte er in einer Selbstinterpretation von „Faust I“, er habe bereits als junger Mensch „ in die seltsamen Irrgänge geblickt, mit welchen die bürgerliche Sozietät unterminiert ist“. 

Georges de La Tour: Die Falschspieler,
1635 (Louvre/Paris)
Bild: Bibi Saint-Pol/Wikipedia

 
Das könnte natürlich eine Projektion sein: Die seelischen Abgründe, die der junge Goethe in der Gretchentragödie dargestellt hatte, wären von ihm erst im Nachhinein gedanklich mit der Revolution verknüpft worden. Aber McKenzie-MacHarg zitiert einen Brief Goethes an den schweizerischen Philosophen Johann Caspar Lavater von 1781: „Unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken miniert.“

Die vielleicht wichtigste Frage, die sich dem Leser aufdrängt, muss der Sammelband unbeantwortet lassen: Hatte der „Untergrund“ der Frühen Neuzeit, über die allgegenwärtige Metapher des Unterminierens hinaus, etwas Spezifisches, das ihn vom Mittelalter einerseits, der modernen Zeit seit der Französischen Revolution andererseits unterscheidet? Eine Frage, die sich auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung wahrscheinlich kaum beantworten lässt. Der „Untergrund“ war bislang, wenn man von derart auffälligen Phänomenen wie Alchemie oder „Ketzerei“ absieht, nicht gerade das Lieblingsfeld der historischen Forschung. Es sind denn auch beinahe durchweg unbekannte oder vergessene Figuren, die in den Beiträgen vorgestellt werden.

Beinahe … Der französischen Ex-Jesuit Abbé Augustin Barruel berichtete 1801 in seinen „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus“, ein leibhaftiger König habe im Gespräch mit ihm seine Sympathien für den weltanschaulichen Untergrund, für die religiöse Subversion offenbart. Diese Nachricht ist durchaus glaubwürdig; 1775 schrieb Friedrich II. von Preußen in einem Brief an Voltaire: „Das Gebäude der Unvernunft im Stillen und ohne Geräusch untergraben, heißt es nötigen, von selbst einzustürzen.“ Wie ernst mag der König solches Kokettieren mit einem Kollaps der Religion gemeint haben? Barruel zufolge rückte er davon gleich wieder ab, nachdem ihm klar geworden war, dadurch könnten auch die Throne Europas, einschließlich seines eigenen, unterminiert werden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Kriminelle – Freidenker – Alchemisten. Räume des Untergrunds in der Frühen Neuzeit,
herausgegeben von Martin Mulsow unter Mitarbeit von Michael Multhammer,
Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2014, ISBN 978-3-412-20922-3, 54.90 € [D], 56.50 € [A]


Mehr im Internet:

Untergrund - Wikipedia 
scienzz artikel Frühe Neuzeit 

 

 

 

 

 

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