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08.09.2014 - KULTURGESCHICHTE

Von der Sintflut bis Fukushima

Die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zeigen die Kulturgeschichte der Katastrophe

von Josef Tutsch

 
 

Ruine des Convento do Carmo
in Lissabon
Bild: Kylie Taylor/flickr

Niemals zuvor in der Kunstgeschichte wurden Sonnenuntergänge derart spektakulär bunt gemalt wie in den Jahren um 1820; die Gemälde von Caspar David Friedrich oder William Turner oder John Constable bilden bis heute das Entzücken der Kunstfreunde. War diese Buntheit bloß eine künstlerische Mode, Ausdruck einer romantischen Expressivität? Sicherlich nicht nur, antwortet der Historiker Daniel Krämer von der Universität Bern. Im April 1815 war östlich von Java der Vulkan Tambora ausgebrochen. Um den gesamten Globus verteilte sich in der Atmosphäre ein Gemisch aus festen und flüssigen Teilchen, Jahre lang war der Himmel wie von einem Dunstschleier bedeckt, die Farbeffekte, die sich daraus ergaben, müssen die Maler fasziniert haben.

Eine von vielen Arten des menschlichen Umgangs mit Katastrophen, die der Besucher in der neuen Ausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim kennenlernt, die gemeinsam mit dem Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“ der Universität Heidelberg und der Technischen Universität Darmstadt konzipiert wurde. 200 Exponate, von historischen Gemälden über wissenschaftliche Messinstrumente bis hin zu profanen Alltagsgegenständen beleuchten „die Grenzen sprengende Bandbreite kultureller Fähigkeiten und Möglichkeiten, auf tramatische Ereignisse zu reagieren“, heißt es im Begleitband. Besonders frappant: japanische Farbholzschnitte, die das Trauma der vielen Erdbeben auf der Inselgruppe zu bewältigen versuchen.

Vielleicht hat der eine oder andere Besucher ja den Tsunami im Indischen Ozean 2004 miterlebt und überlebt, vielleicht auch das Erdbeben im Nordosten Japans 2011, das die Reaktoranlage in Fukushima beschädigte. Oder, etwas weiter zurückliegend, aber mitten in Europa, die „Hamburgflut“ 1962 und die große Überschwemmung in Florenz 1966. Im Fall des Tambora 1815 ahnten die Menschen in Europa nicht einmal etwas davon, dass den Farbeffekten am Abendhimmel ein Naturereignis zugrunde lag, das im fernen Indonesien etwa 70.000 Menschen das Leben gekostet hatte; sie stellten auch keinen Zusammenhang mit den Missernten und Hungersnöten im „Jahr ohne Sommer“ 1816 her. 

In anderen Fällen, wenn das Naturereignis sich für alle sichtbar vor der eigenen Haustür abgespielt hatte, wurde es auch gleich zum Gegenstand politischer Bemühungen, Beispiel: das Hochwasser im östlichen Mitteleuropa 2002; viele Beobachter damals vermuteten, die Hilfsmaßnahmen und die über die Massenmedien vermittelte Präsenz von Spitzenpolitikern vor Ort hätten den Ausgang der folgenden Bundestagswahlen in Deutschland entscheidend beeinflusst. Vielleicht stand es mit solchen politischen Verwertungen schon vor zweitausend Jahren nicht viel anders. Der römische Historiker Sueton berichtet von Aktivitäten des Kaisers Titus zur Hilfe für die Opfer des Vesuvausbruchs 79 n. Chr. 

Sueton wollte das Bild eines „guten“ Herrschers zeichnen, der sich um die Sorgen seiner Untertanen kümmert und nach der Katastrophe die Ordnung wiederherstellt. In der zeitgenössischen Literatur findet sich aber auch das genaue Gegenteil. In den sogenannten „Sibyllinischen Orakeln“, vermerken Claudia Braun und Christoph Lind im Begleitband, machte ein unbekannter jüdischer Verfasser einen blutrünstigen Kriegsführer, der den Tempel in Jerusalem zerstörte, dafür verantwortlich, dass Gottes Zorn die Städte Pompeji und Herculaneum sozusagen lebendig begraben hatte. Dieser Kriegsführer war kein anderer als Titus.

Karl P. Brjullow: Der letzte Tag von Pom-
peji (Staatl. Museum, St. Petersburg),
um 1833 - Bild: Wikipedia

 
Gut möglich, dass solche Phantasien von einem drohenden göttlichen Strafgericht bereits lange vor dem Vulkanausbruch kursierten. Eine Wandkritzelei in Pompeji gibt die Worte „Sodom“ und „Gomorrha“ zu lesen – die beiden lasterhaften Städte, die der Bibel zufolge durch Feuer und Schwefel vernichtet wurden. Wollte da womöglich ein Sittenkritiker seine Sehnsucht nach einem reinigenden Feuer, nach der Apokalypse, kundtun? Im 19. und 20. Jahrhundert hat Dorothea Redepenning eine ganze Reihe Beispiele gefunden, dass Oper und Film einen Vulkanausbruch als Chiffre für den – ob nun ersehnten, ob befürchteten – sozialen Umsturz nutzten. 

Seine klassische, bis heute nachwirkende Form fand der Streit über die Ursachen natürlicher Katastrophen nach dem großen Erdbeben von Lissabon, 1755. Die katholische Kirche in Portugal, berichtet Liselotte Homering, rief zu Gebetsstunden und zu Bußtagen auf, protestantische Prediger in halb Europa dagegen behaupteten, das Erdbeben sei als Strafgericht über den gottlosen Katholizismus zu verstehen; Beweis: Das Beben fand am Allerheiligentag statt. Voltaire polemisierte in einen „Gedicht über die Katastrophe von Lissabon“ gegen die Ansicht, wir würden in der besten aller möglichen Welten leben; sein Widerpart Rousseau wendete die Frage zivilisationskritisch: Die Menschen seien selbst an ihrem Unglück schuld, weil sie sich vom einfachen, quasi erdbebensicheren Leben abgewandt hätten.

Ein Argument, das man auch auf Fukushima anwenden kann: Wenn nicht gerade dort ein Kernkraftwerk gebaut worden wäre … Oder wenn die fruchtbare Vulkanerde am Fuße des Vesuvs die Menschen nicht verführen würde, sich ausgerechnet da niederzulassen ... Durch Voltaires Roman „Candide“, der das Erdbeben als eine Grausamkeit der Natur gegen den Menschen mit menschlichen Grausamkeiten aller Art verband, ist „Lissabon“ seit nunmehr zweieinhalb Jahrhunderten das Referenzereignis für Katastrophen aller Art. Theodor W. Adorno setzte es in Parallele zum Holocaust des Nationalsozialismus: „Die überschaubare Katastrophe der ersten Natur war unbeträchtlich, verglichen mit der zweiten, die der menschlichen Imagination sich entzieht, indem sie die reale Hölle aus dem menschlich Bösen bereitete.“ 

Die Ausstellung in Mannheim beschränkt sich jedoch auf „natürliche“ Katastrophen. Oder, um genau zu sein, natürlich verursachte Katastrophen. „Katastrophen kennt allein der Mensch“, schrieb 1979 der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem Buch „Der Mensch erscheint im Holozän“, „die Natur kennt keine Katastrophen.“ Vulkanausbrüche, Erdbeben, Bergstürze, Sturmfluten, Flussüberschwemmungen und Tsunamis sind ebenso „natürlich“ wie ihr Ausbleiben auch. „Ob ein natürliches Extremereignis als Katastrophe verstanden wird, liegt nicht in der Natur, sondern hängt mit seinen Folgen für das Kulturwesen Mensch zusammen“, betonen die Ausstellungsmacher. 

Also mit der Wahrnehmung und Deutung solcher Ereignisse durch die Überlebenden und die Nachwelt. Oder heutzutage muss man eher schon von „Mitwelt“ reden; durch die moderne Medientechnik werden Nachrichten von weit entfernten Katastrophen in wenigen Augenblicken rund um den Globus bekannt. Der Begriff „Katastrophe“ stammt übrigens aus der spätantiken Literaturtheorie, er bezeichnete ursprünglich die Wendung in einem Drama. Dass seit der frühen Neuzeit allemal eine plötzliche Wendung zum Schlechten gemeint ist, geht ähnlich wie bei dem Wort „Desaster“ (= Unstern), das in den romanischen Sprachen und im Angelsächsischen gebräuchlich ist, wahrscheinlich auf die Astrologie zurück: Bestimmten „Wendungen“ am Sternenhimmel wurde ein unheilbringender Einfluss auf das irdische Geschehen zugeschrieben.

Hans Baldung Grien: Die Sintflut
(Histor. Museum, Bamberg),
1516 - Bild: Wikipedia

 
Die beiden Katastrophen, die für das Denken des Abendlandes archetypisch wurden, haben vielleicht niemals stattgefunden, die biblische Sintflut und der Untergang von Atlantis. Atlantis ist heute ein beliebter Name für Hotels, vermerkt der Kunsthistoriker Beat Wyss von der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ironisch, vor allem für besonders große und besonders teure Hotels: „Bei Platon (dem Erfinder der Sage) lernen wir, dass auch sein Atlantis mit Rekorden und Übergrößen zu tun hatte.“ Platons Warnung vor einem Niedergang der Sitten durch übermäßige Gewinnsucht trat in der späteren Atlantis-Überlieferung jedoch in den Hintergrund. 1627 verkehrte der englische Philosoph Francis Bacon die Untergangsgeschichte fortschrittsgewiss in eine Utopie des technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritts.

Vermutlich wäre Bacon sehr enttäuscht, wenn er heute sehen könnte, dass alte Rituale der Katastrophenvorbeugung und Katastrophenbewältigung weiter fortleben. Im peruanischen Cuzco wird Jahr für Jahr eine Christusfigur unter dem Namen „Herr der Erdbeben“ feierlich durch die Stadt getragen. Aber tatsächlich hat sich seit der Aufklärung die Wahrnehmung der Welt und der Natur für weite Bevölkerungsschichten drastisch geändert: Naturkatastrophen werden nicht mehr als göttliche Strafe aufgefasst, sondern als Ausdruck eines Konflikts zwischen Mensch und Natur. 

Einer Natur, die – je nach Sicht des Betrachters – dem Menschen unendlich überlegen ist und immer überlegen bleiben wird oder sich technisch vielleicht doch irgendwie bewältigen lässt. Selbst der Gedanke an einen Asteroiden- oder Meteoriteneinschlag, der dem menschlichen Leben auf der Erde den Garaus machen könnte, wie es einst den Dinosauriern widerfuhr, löst Forschungsprogramme und Forschungsphantasien aus. Von unverwüstlichem Optimismus zeigen sich natürlich Hollywoods Katastrophenfilme: Immer gelingt es dem Helden, seine kleinere Gemeinschaft vor dem allgemeinen Untergang zu retten. 

„Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das Mittagessen. - Ja: aber man holt es auf der Asche nach“, schrieb der Zyniker Friedrich Nietzsche. Am Ende hat die Banalität gegenüber der Katastrophe den längeren Atem. Und oft wird die Katastrophe dann zur Sage wie bei der Sintflut und bei Atlantis. Oder zum Bild: Im späten 18. Jahrhundert war der feuerspeiende Vesuv ein Lieblingssujet der Maler. Die Zeugnisse der menschlichen Tragödie im Jahre 79, die Archäologen damals auszugraben begannen, hinderten nicht daran, dass statt dessen nun die erhabene Urgewalt der Natur in den Vordergrund trat, das „Spektakel“, wie Valerie Hammerbacher es ausdrückt. 1781 kreierte der Landschaftsmaler Philip James de Loutherbourg in London eine Illusionsmaschine, die dem Publikum einen Vulkanausbruch „lebendig“ vorführte. Im Schlosspark von Wörlitz ließ sich Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau einen Vesuv en miniature bauen, der echtes Feuer spie. Seine Gäste waren entzückt.

Ein Stück lebensnäher wirkt „Little Giant“, ein historischer Feuerhydrant, der an einer Straßenkreuzung in San Francisco aufgestellt ist. Jedes Jahr am 18. April wird er vergoldet, zur Erinnerung an seine Rolle bei der Rettung des Viertels nach dem großen Erdbeben 1906. Große Unglücke können Gemeinschaften zusammenschweißen, das Zusammengehörigkeitsgefühl verdichtet sich dann gern in solchen Stücken. Gar so idyllisch sollte man sich die Gemeinschaftsbildung aber wohl nicht vorstellen; die Ausstellung zeigt den berühmt-berüchtigten Schießbefehl des Bürgermeisters von San Francisco, Eugene Schmitz, am Tag nach dem Beben: Die Polizei sei ermächtigt, „alle Personen zu töten, die beim Plündern oder beim Vollzug eines jeglichen anderen Verbrechens aufgefunden werden.“ Anderthalb Jahrhunderte zuvor hatte der Satiriker Voltaire sich im „Candide“ eine sehr viel makabrere Form der Katastrophenbewältigung einfallen lassen: „dass das Schauspiel einiger feierlichst auf langsamem Feuer verbrannten Menschen ein unfehlbares Mittel sei, die Erde am Beben zu hindern“.

Ausstellung:
Mensch – Natur – Katastrophe. Von Atlantis bis heute,
in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim,
7. September 2014 bis 1. März 2015



Neu auf dem Büchermarkt:
Mensch – Natur – Katastrophe. Von Atlantis bis heute,
herausgegeben von Gerrit Jasper Schenk, Monica Juneja, Alfried Wieczorek, Christoph Lind,
Schnell + Steiner, Regensburg 2014, ISBN 978-3-7954-2880-8, 34,95 €


Mehr im Internet:

 

 

 

 

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