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Wissenschaft

17.10.2014 - WISSENSCHAFTSTHEORIE

Aktuelle Diskussionen zur Wissenschaftstheorie der Ideen-, Geistes- und Kulturgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm Dilthey
Bild: DHM/Wikipedia

Totgesagte leben länger, vielleicht gilt das auch für Methoden und Theorieansätze im Wissenschaftsbetrieb. In den 1960er und 1970er Jahren war es groß in Mode, die „Geistesgeschichte“, die vor allem in der deutschen Philosophie und Literaturwissenschaft Generationen lang den Ton angegeben hatte, in Bausch und Bogen zu verwerfen und statt dessen die „Sozialgeschichte“ zu proklamieren. Geistesgeschichte galt als hoffnungslos veraltet; der Wortbestandteil „Geist“ konnte sogar den Eindruck erwecken, da werde unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Beschäftigung mit Literatur oder Kunst eine „idealistische“ Philosophie à la Hegel vertreten, mit Spekulationen über den „Weltgeist“ oder, schlimmer noch, über „Volksgeister“.

Natürlich ging die Diskussion auch nach dieser Wende zur Sozialgeschichte weiter. Was tun Wissenschaftler eigentlich, wenn sie Goethes „Faust“ analysieren oder Kants „Kritik der reinen Vernunft“, wenn sie die Entstehung der Demokratie im antiken Athen zu rekonstruieren versuchen oder die Formulierung der Menschenrechte in der Aufklärung? In den letzten Jahrzehnten machten Begriffe wie „Intellectual History“ und „History of Ideas“, „Archéologie du savoir“ und „Diskursanalyse“ die Runde, „Ideen-“, „Begriffs-“, „Wissens-“, „Mentalitäts-“ und natürlich „Kulturgeschichte“,  nicht zu vergessen: „Historische Anthropologie“. Eine verwirrende Pluralität. Der Erfurter Philosoph Martin Mulsow und der Berliner Anglist Andreas Mahler haben jetzt gemeinsam einen Reader über diesen Komplex herausgebracht, den man früher „Geistesgeschichte“ nannte, ein gutes Dutzend Texte von Wilhelm Dilthey, dem großen Theoretiker der Geisteswissenschaften im späten 19. Jahrhundert, bis zu aktuellen Reflexionen über „Kulturgeschichte“ oder „Intellektualgeschichte“, wie auch immer.

Diltheys Anliegen, referieren die Herausgeber des Sammelbandes, war es, über ein Verstehen des individuellen Seelenlebens hinaus „überindividuelle geistige Einheiten“ zu erkunden, „Typen epochenspezifischer Weltanschauung“ erlebend nachzuvollziehen. Das Problem, dass geisteswissenschaftliche Erkenntnis bei einem vagen Erahnen stehen bleiben müsste, ist nicht zu übersehen. Bei Diltheys Nachfolgern wird diese Schwachstelle noch deutlicher. Mahler und Mulsow nennen als Beispiel Hermann August Korff mit seinem einst viel gelesenen Werk „Geist der Goethezeit“ aus den 1920er Jahren: Nur „durch eine ideengeschichtliche Betrachtung“ sei „unsere klassisch-romantische Dichtung wesenhaft  zu erleuchten“.

Ja, was ist das „Wesen“ einer literarischen Epoche? Der Spott der Sozial- und Wirtschaftshistoriker ein halbes Jahrhundert später über diese „Geistesgeschichte“ war recht wohlfeil. Während Korff seinen „Geist der Goethezeit“ schrieb, hatte der Soziologe Karl Mannheim aber bereits eine viel radikalere Frage gestellt. Ist nicht jedes Denken unvermeidlich ideologisch,  muss es nicht illusorisch sein, eine Möglichkeit von Erkenntnis außerhalb der jeweiligen sozialen Bedingungen zu postulieren?

Wissenssoziologie als universaler Ideologieverdacht … Niemand weiß, wie sich die Geistesgeschichte in Deutschland unter dem Eindruck von Mannheims Kritik weiterentwickelt hätte; Mannheim musste wie so viele andere ins Exil gehen. Während sich große Teile der deutschen Geisteswissenschaften in den 1930er Jahren mehr oder weniger willig dem Nationalsozialismus dienstbar machten, entwickelte in den USA der Historiker und Literaturwissenschaftler Arthur O. Lovejoy mit seiner „History of Ideas“ einen Neuansatz. In der Tradition der pragmatistischen Amerikas setzte er sich von allen metaphysischen Spekulationen ab, ohne deshalb den Anspruch auf eine Geschichtsschreibung der großen Linien grundsätzlich aufzugeben.

Einen anderen Neuansatz, der im deutschsprachigen Raum zunächst ein wenig von der damals modischen Sozialgeschichte überschattet wurde, versuchte in den 1960er Jahren der Cambridger Historiker Quentin Skinner. An Dilthey und seinen Nachfolgern kritisierte er, sie hätten bei der Suche nach dem „Wesen“ die Sprechabsicht der einzelnen Autoren allzu eilfertig übergangen. Skinner forderte, wie Mahler und Mulsow zusammenfassen, eine „genaue Verortung“ der Zeugnisse in den sprachlichen Konventionen der Zeit, „eine akribische Kontextualisierung im sprachlichen Umfeld“. „Aus bisher ahistorisch gelesenen Autoren gilt es historische Zeitgenossen zu machen, die in politischen Debatten Stellung bezogen, mit Absicht zu bestimmten Themen schwiegen oder in sprachliches Neuland vorstießen.“

Michel Foucault - Bild: Wikipedia

 
Von anderen Voraussetzungen her als Skinner problematisierte gleichzeitig in Frankreich Michel Foucault die Geistes- oder Ideengeschichte. Seine „Archäologie des Wissens“ sollte alle „Kontinuitäten“ und „Totalisierungen“ aufbrechen; statt Widersprüche zu glätten, Unterschiede zu harmonisieren und Entwicklungen in ihrer scheinbaren Logik nachzuzeichnen, wollte Foucault gerade die Inkohärenzen und Diskontinuitäten in der Ideen- und Sinnproduktion der Geschichte aufzeigen.

Mahler und Mulsow haben – und da liegt eine empfindliche Leerstelle dieses Sammelbandes – die Frage, was diese Neuformulierungen der alten „Geistesgeschichte“ jenseits der „reinen“ Wissenschaft, also für die historische und politische Kultur bedeuten müssen, ausgeklammert. Ist das eigentlich noch „unsere“ Geschichte, die bei Foucaults Archäologie des Wissens, bei Skinners akribischen Kontextualisierungen übrig bleibt? 1960 hatte der Philosoph Hans-Georg Gadamer in seinem Buch „Wahrheit und Methode“ eine Theorie vorgelegt, wie sich alte Texte für uns „übersetzen“ lassen. Für uns – in Gadamers Perspektive war die Geistesgeschichte nicht nur Wissenschaft, sondern vor allem der lebendige Traditionsstrom, in dem wir leben.

Wissenschaftstheoretisch nicht ganz so ambitioniert wie Foucault nahm der Historiker Reinhart Koselleck 1972 das Projekt eines Lexikons „geschichtlicher Grundbegriffe“ in Angriff. Kosellecks Gedanke: Nicht nur die Realien der Geschichte, sondern ebenso die Semantik der Begriffe, mit denen diese Realien erfasst werden, hat sich vielfach gewandelt. Zum Beispiel das Wort „Bürger“; um 1700 bezeichnete es einen Stadtbewohner, um 1800 einen Staatsbürger, um 1900 einen Menschen, der weder zum Adel noch zum Proletariat zu rechnen war. Das mag in diesem Fall ziemlich trivial erscheinen, hat jedoch bei komplexeren Ausdrücken wie „Nation“ oder „Säkularisierung“ zweifellos schon zu vielen ahistorischen Missverständnissen geführt.

Von der zusätzlichen Komplikation, dass sich über die Bedeutung solcher Begriffe hinaus auch – und nicht zuletzt – die Wertungen wandeln, ganz abgesehen. Der Philosoph Hans Blumenberg hat seit den 1970er Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass ein großer Teil unserer Sprache nicht aus fest konturierten Begriffen besteht, sondern aus „uneigentlichen“ Redeweisen, aus Metaphern und Gleichnissen. Ganz nebenbei liegt in diesem Gedanken auch eine partielle Rehabilitierung der älteren Geistesgeschichte, die uns heute in ihren Aussagen oft so schrecklich vage vorkommt. Eine „uneigentliche“ Wissenschaft, wenn man sie an der Exaktheit der Mathematik oder Physik misst. Wenn es um Wissen geht, erscheint die Metapher zweifellos als Störung, nur – wie bereits der französische Dichter Paul Valéry feststellte, sind uns Erkenntnisse, die sich präzise formulieren lassen, oft herzlich gleichgültig, während unser Interesse gerade dem Unsagbaren gilt.  

Wie grundlegend sich seit Dilthey das Verständnis von „Geist“ gewandelt hat, zeigt schlagartig ein Aufsatz des britischen Historikers Peter Burke von 2008, Titel: „Die Kulturgeschichte intellektueller Praktiken“. In der Wortprägung „intellektuelle Praktiken“ sind theoretische Ideen und praktisches Verhalten (sowie implizit auch mentale Einstellungen) miteinander in Synthese gebracht. Von der Bindung dieser geistigen Phänomene an Materielles ganz abgesehen: In den Kulturwissenschaften, stellen Mahler und Mulsow fest, ist die Einsicht gereift, „dass mit materiellen Objekten auch Ideen und Praktiken wandern, die an sie gebunden sind – oder Ideen und Praktiken entstehen, die in der Konfrontation mit den 'fremden Dingen' bei ihrer Ankunft in der Zielkultur nötig werden“.

Hans-Georg Gadamer - Bild:
Leena Ruuskanen/Wikipedia

Neuere Studien, so die beiden Herausgeber, belegen, dass die sprunghafte Entwicklung von Medizin, Pharmakologie und Botanik im Holland des 17. Jahrhunderts durch den Ostasienhandel begünstigt wurde. Hängt womöglich auch der gleichzeitige Aufschwung der Arabischstudien und der Bibelphilologie in Holland mit dem Fernhandel zusammen? Anscheinend wurde der neue Blick auf die Aussagen der Bibel zur Geschichte der Welt tatsächlich durch die wachsende Kenntnis der exotischen Tierwelt mit angeregt. Noch eine Frage: Ging mit dem Transport hugenottischer Techniken, genauer: der Keramikherstellung, aus Frankreich nach Nordamerika auch ein Transfer hugenottischer Ideen einher?

„Die gegenwärtige Lage ist unübersichtlich, aber erfrischend vielgestaltig“, resümieren Mahler und Mulsow die aktuelle Diskussion über Geistes-, Ideen-, Kulturgeschichte usw. „Was blüht, ist eine eklektische Praxis“ - einschließlich sozial-, wirtschafts-, politisch-historischer Ansätze aller Art. Die beiden Forscher deuten sogar an, die Prinzipienstreitigkeiten der früheren Philosophiegeschichte wie zum Beispiel Materialismus gegen Idealismus könnten sich erübrigt haben: Längst seien „alte vermeintliche Gegensätze von Geistigem und Materiellem“ seien „durch komplexe Ansätze“ ersetzt worden. Zur Zeit kann keine einzelne wissenschaftstheoretische Konzeption mit Aussicht auf Erfolg eine Monopolstellung für sich beanspruchen. „Anything goes“, wenn man so will. Aber natürlich weiß niemand, welche neuen Ansätze zu Theorie und Methode der Geisteswissenschaften morgen auf den „Markt“ kommen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Texte zur Theorie der Ideengeschichte,
herausgegeben von Andreas Mahler und Martin Mulsow,
Philipp Reclam 2014 (Reclams Universal Bibliothek Nr. 19144), ISBN 978-3-15-019144-6, 12,- €



Mehr im Internet:

Geisteswissenschaften - Wikipedia
scienzz artikel Theorie der Geschichtswissenschaften 

 

 

 

 

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