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21.10.2014 - DEUTSCHE LITERATUR

Aufbruchsfreude, Untergangsvisionen, Zerfallsanalysen

Der Erste Weltkrieg in der Deutung deutscher Schriftsteller der klassischen Moderne

von Josef Tutsch

 
 

„Der Krieg war ausgebrochen … In unserem Deutschland, das ist gar nicht zu leugnen, wirkte er ganz vorwiegend als Erhebung, historisches Hochgefühl, Aufbruchsfreude, Abwerfen des Alltags, Befreiung aus einer Welt-Stagnation, mit der es so nicht weiter hatte gehen können, als Zukunftsbegeisterung, Appell an Pflicht und Mannheit, kurz als heroische Festivität.“ Als Thomas Mann seinem Serenus Zeitblom, der Erzählerfigur im „Doktor Faustus“, in den 1940er Jahren diese Worte in den Mund legte, betrachtete er den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive des Zweiten; der Romancier, der selbst 1914 dieser Begeisterung erlegen war, machte sich nichts mehr vor: Wenn andere Völker diesen „Kurzschluss des Schicksals“ als „grand malheur“, als „Katastrophe“ empfanden, dann hatten sie Recht.

Das Wort von der Katastrophe des Ersten Weltkriegs ist längst Allgemeingut geworden. 1954 brachte Golo Mann es auf, indem er diesen Krieg als „Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete; 1979 verlieh ihm der amerikanische Historiker George F. Kennan in der Form „the great seminal catastrophe of this century“ die Weihe der internationalen wissenschaftlichen Community. Aber bereits bei den Zeitgenossen war die Katastrophen-Metapher allgegenwärtig, wenngleich nicht speziell auf den Weltkrieg bezogen. „Wir waren ja alle Anhänger der Katastrophen-Theorie“, meinte Jahrzehnte später im Rückblick der Schriftsteller Arnolt Bronnen, der in den 1920er Jahren zeitweise mit „linken“, zeitweise mit „rechten“ Ideen geliebäugelt hatte, „wir sahen den völligen Niederbruch unserer Zivilisation, unserer Kultur voraus.“

Letztes Jahr veranstalteten die Germanisten der Ludwig-Maximilians-Universität München gemeinsam mit dem Letzebuerger Literaturarchiv in Mersch (Luxemburg) eine internationale wissenschaftliche Tagung über den Katastrophen-Diskurs im Umkreis des Ersten Weltkriegs. Die Wahl der Tagungsstätte Luxemburg war eine Reverenz gegenüber dem kleinen Land in der Mitte Europas, das mit den Ursachen und Auslösern des Krieges nicht das Geringste zu tun hatte und dennoch sein Opfer wurde. Gleich zu Beginn hatten deutsche Truppen das neutrale Großherzogtum ebenso wie das benachbarte Königreich Belgien besetzt; 1917 flogen französische Geschwader Luftangriffe gegen die luxemburgische Industrie, weil der Verdacht bestand, sie könnte auch den Deutschen dienen.  

Der Erste Weltkrieg, stellen die Herausgeber des Sammelbandes gleich in der Einleitung fest, markiert in der Geschichte des Katastrophenbegriffs eine Zäsur. Zuvor war dieses Konzept für natürlich verursachte Extremereignisse verwendet worden - „klassisches“ Beispiel: das Erdbeben von Lissabon 1755. Mit dem Weltkrieg wurde nun „erstmals ein rein künstliches, von Menschen verursachtes Ereignis in die Metapher der Katastrophe gefasst“.

Einer der Aufsätze im Band, der des Basler Germanisten Alexander Honold über ein Sprechstück von Alfred Döblin, 1920, das sich mit dem Untergang der „Lusitania“ im Mai 1915 befasst (die Kaiserliche Marine hatte den britischen Passagierdampfer im Rahmen eines „uneingeschränkten U-Boot-Krieges versenkt, setzt hinter diese Aussage allerdings ein Fragezeichen. Bereits 1912 hatte Gerhart Hauptmann in seinem Roman „Atlantis“ das Sinken eines Ozeandampfers nach Havarie mit einem Wrack geschildert – Hauptmann hatte sein Werk lange vor dem Untergang der Titanic im April 1912 geschrieben. In den folgenden Jahren wurden Schiffsuntergänge zur Signatur der ganzen Epoche.

Einer Epoche, die auf ihren Untergang hinsteuerte – und durch den Untergang hindurch vielleicht auf einen neuen Anfang. 1919 brachte Kurt Pinthus die Gedichtsammlung „Menschheitsdämmerung“ heraus. Eines der Gedichte darin: „Krieg“ von Georg Heym, entstanden 1911: „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief ...“ Heym, schreibt die Germanistin Anke Bosse von der Universität Namur, stattete den Krieg mit den Attributen des strafenden Gottes im Alten Testament aus, „Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh'“, lautet der Schlussvers – Gomorrha, die Stadt der Sünde, die von Gott vernichtet wurde.

Heinrich und Thomas Mann
Bild: Atelier Elvira, München
 
Das war drei Jahre vor dem Ausbruch des Weltkriegs. Als Pinthus das Gedicht in seinen Band aufnahm, musste es auf den Leser als Vision wirken. Natürlich war sich der Herausgeber bewusst, dass der Weltkrieg, real betrachtet, ein innerweltliches Geschehen war. Dennoch stellte sich auch Pinthus mit seiner Sammlung in die uralte Tradition der „apokalyptischen“ Literatur. „Menschheitsdämmerung“ - das spielte auf die altnordische „Götterdämmerung“ an.

Die Sammlung traf den Nerv der Epoche. 1922 wurde eine Neuauflage fällig. In einem neu geschriebenen „Nachwort“ bemühte sich Pinthus um eine rückblickende Deutung dieser Melange von realem Geschehen und kosmischen Bezügen, die ihm selbst inzwischen vielleicht etwas unheimlich geworden war: Das Buch sei „ein Zeugnis von tiefstem Leid und tiefstem Glück einer Generation, die fanatisch glaubte und glauben machen wollte, dass aus den Trümmern durch den Willen aller sofort das Paradies erblühen müsse.“ „Die Peinigungen der Nachkriegszeit haben diesen Glauben zerblasen.“

Das Paradies? Dem einen oder anderen Leser wird ein Buch in den Sinn gekommen sein, das 1918 herausgekommen war, der „Geist der Utopie“ von Ernst Bloch. Ein höchst verwirrender Text. In einer eigenwilligen Deutung von Karl Marx predigte Bloch, wie der Berliner Kulturwissenschaftler Olaf Briese es nennt, einen „mystisch-metaphysischen Anarchismus“, der merkwürdigerweise auch noch deutsch-nationalistisch geprägt war: „Wir suchen nach dem deutschen Menschen“. Die soziale Revolution war nur Teilaspekt einer Erlösung, die am Ende auf die „Verneinung jeglicher materiellen Existenz“ hinauslaufen sollte. „Diese Welt ist ein Irrtum und nichtig, hat vor der absoluten Wahrheit kein anderes Recht als ihren Untergang“, schrieb Bloch in einer zweiten Fassung 1923.

Während der Krieg mit all seinen Grausamkeiten abgelehnt wurde, galt die Katastrophe selbst mit dem „Sprung ins göttliche Mysterium“ für Bloch als etwas Positives – wie immer sich der Autor das gedacht haben mag. Das Wort „Katastrophe“ hat der Philosoph allerdings eher gemieden, Briese vermutet, weil es in der zeitgenössischen Publizistik politisch-konkret besetzt war. Seit etwa 1900 wurde es in sozialistischen Kreisen als Synonym für einen zu erwartenden Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems benutzt; Briese: „Der junge Bloch lehnte solche ökonomisch-deterministischen Zugänge als 'äußerlich' ab.“ Andererseits bezeichneten Konservative die Niederlage der Mittelmächte und die Beseitigung der Monarchien nach dem Ende des Weltkriegs als „Katastrophe“.

Und noch ein Fall, dass Schriftsteller den Ersten Weltkrieg in ein viel umfassenderes Katastrophen-Szenario der Moderne hineinstellten. Für Hermann Broch, so der Medienwissenschaftler Lars Koch von der Technischen Universität Dresden, war das Massensterben im Krieg das besonders deutliche Symptom eines historischen Prozesses von Wertezerfall und Sinnverlust. Die Handlung der Romantrilogie „Die Schlafwandler“ mündete tatsächlich in den Krieg; aber die „Kriegskatastrophe“ vermerkte Broch einmal, sei „nur ein Nebenmotiv, ein Nebensymptom“. „Das Wesentliche liegt im Durchbruch des Irrationalen, liegt in der ethischen Problematik, liegt in der Auflösung der alten Werthaltungen.“

Da war Heinrich Manns Ansatz im Roman „Der Untertan“ wesentlich konkreter, aber, wenn man so will, auch bescheidener. 1945 meinte Mann in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“, der Weltkrieg sei ihm damals, als er das Buch vollendete, also im Frühsommer 1914, bereits als „nah und unausweichlich“ erschienen.  Ob sich der Romancier da nicht etwas viel an visionärer Kraft zugeschrieben hat, mag offen bleiben. Wolfgang Staudtes Romanverfilmung von 1951 konnte deutlicher werden als der Roman selbst. „Nur auf dem Schlachtfeld wird die Größe einer Nation mit Blut und Eisen geschmiedet“, variiert der Held Diederich Heßling eine Rede von Kaiser Wilhelm II. - der Himmel verfinstert sich, resümiert der Kölner Germanist Michael Braun, man hört Donner und sieht Blitze, eine dramatische Marschmusik ertönt.

Gottfried Benn - Bild: DHM

Zurück in die Zeit des 1. Weltkriegs. Oder zunächst in die späte Aufklärung. In seiner „Kritik der Urteilskraft“ hatte Immanuel Kant über das Gefühl des Erhabenen reflektiert: Es stelle sich beim Menschen angesichts der Übermacht von Naturphänomenen ein – zum Beispiel auch bei „Naturkatastrophen“, wie man heute sagen würde. Und dann fügte Kant einen nach heutigen Maßstäben sehr befremdlichen Satz an: „Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich.“

Genau hier, schreibt der Luxemburger Germanist Georg Mein, setzte Ernst Jünger mit seinem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ ein. Er beschrieb den Krieg „als ein Naturphänomen“, verwendete bereits im Titel mit „Gewitter“ eine Metapher aus der Natur. Viele Leser haben dieses Spezifikum des Jüngerschen Stils als skandalös empfunden. Aber Jünger ließ jede nationalpatriotische Emphase nach dem Muster „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“ vermissen. Georg Mein: „Die Soldaten kämpfen allein um des Kampfes willen, motiviert allein dadurch, die jeweilige Schlacht zu gewinnen, sie zu überleben.“

Welch ein Abstand zu jener anderen Form von Begeisterung, die Thomas Mann erfasste, der in seinen „Gedanken im Kriege“, September 1914, einerseits die Grausamkeiten als „Heimsuchung“ fürchtete, andererseits vom Krieg jedoch eine „Reinigung, Befreiung“ erhoffte: „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler, nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte!“ Wiederum das Motiv, dass die Katastrophe halb und halb – oder mehr als halb – sogar ersehnt wurde. Die Germanistin Antje Büssgen von der Katholischen Universität Löwen hat jedoch ein Beispiel gefunden, dass ein deutscher Dichter von der allgemeinen Begeisterung im Sommer 1914 völlig unberührt blieb: Von Gottfried Benn sei keine einzige kriegsbegeisterte Zeile überliefert, sondern im Gegenteil viel Sarkasmus. Aus einem Brief vom 27. Juli, Benn war gerade als Arzt in den Kriegseinsatz beordert worden: „Ich bin in Eile. Ich muss in den Krieg und bin nicht ausgerüstet … Gut Blut! Gut Hades!“

In seinem Prosastück „Das moderne Ich“, Herbst 1918, befasste sich Benn ausführlich mit den Ursachen der Kriegeskatastrophe. Und er wies die Verantwortung dem „Darwinismus“ zu (genauer: dem „Sozialdarwinismus“), als einer logisch unzulässigen und ethisch inakzeptablen Übertragung biologischer Erkenntnisse auf Gesellschaft und Geschichte. Der Weltkrieg, brachte Benn seine Ursachenanalyse auf eine Formel, sei „auf einer falschen naturwissenschaftlichen Grundlage, sozusagen irrtümlich entstanden“.

Zweifellos eine perspektivisch verengte, argumentativ zugespitzte Sicht der Dinge. Und andererseits doch wieder repräsentativ für so viele Dichter und Schriftsteller der „klassischen“ Moderne: In ihrer Wahrnehmung traten die politischen Zusammenhänge und die ökonomischen Hintergründe gegenüber der Ideengeschichte zurück. Büssgen: „Die humane Katastrophe des Ersten Weltkriegs erwies sich in Benns Krisenanalyse als Folge einer ersten, grundlegenden Katastrophe, die kultureller Natur war.


Neu auf dem Büchermarkt:
Der Erste Weltkrieg als Katastrophe. Deutungsmuster im literarischen Kontext, herausgegeben von Claude D. Conter, Oliver Jahraus, Christian Kirchmeier, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2014, ISBN 978-3-8260-5391-7, 40,- €


Mehr im Internet:
Katastrophe - Wikipedia  
Von der Sintflut bis Fukushima - scienzz, 8.9.2014  
scienzz artikel Deutsche Lieteratur der Moderne  

 

 

 

 

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