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Wissenschaft

25.10.2014 - RELIGIONSGESCHICHTE

Eine Wiederkehr der Religionen?

von Josef Tutsch

 
 

Der rasante Aufstieg der radikal-sunnitischen Bewegung „Islamischer Staat“ in Syrien und Irak hat es uns wieder drastisch vor Augen geführt: Die Trennung von Religion und Staat, wie sie sich in den westlichen Ländern eingespielt hat (ob nun radikal durchgeführt wie in Frankreich, ob mehr auf Kooperation angelegt wie in Deutschland), ist keineswegs selbstverständlich. Hat Europa, universalhistorisch betrachtet, da womöglich einen „Sonderweg“ eingeschlagen? Und ist das Modell „Säkularisierung“, das vor wenigen Jahrzehnten noch so unwiderruflich erschien, tatsächlich das letzte Wort der Geschichte?

„Traditional religions went public“, schrieb der spanisch-amerikanische Religionssoziologe José Casanova in einer Studie 1994 und berief sich auf so unterschiedliche Phänomene wie die islamische Revolution im Iran 1979, die katholisch geprägte Gewerkschaft Solidarność, die dem kommunistischen Regime in Polen von 1980 an einen zähen und am Ende erfolgreichen Widerstand entgegensetzte, die Rolle der katholischen Kirche im Kampf gegen Militärdiktaturen Lateinamerikas oder die Mobilisierung eines protestantischen Fundamentalismus in den Präsidentschaftswahlen der USA. Eine „Deprivatisierung“ der Religion, wie Casanova es ausdrückte – und das nur wenige Jahre, nachdem die 1968er Bewegung in vielen westlichen Ländern einen neuen Säkularisierungs- oder Privatisierungsschub gebracht hatte.

Thomas M. Schmidt und Annette Pitschmann, zwei Religionsphilosophen von der Goethe-Universität Frankfurt am Main, haben die aktuelle Diskussion zum Thema „Säkularisierung“ jetzt gemeinsam mit mehr als zwei Dutzend weiteren Sozial- und Religionswissenschaftlern, Theologen und Philosophen zusammengefasst; das Themenspektrum in dem Sammelband reicht von den „Klassikern“ der Säkularisierungstheorie – Beispiel: Max Weber – über Jürgen Habermas' vielbeachtete Friedenspreisrede 2001 zum Thema „Glauben und Wissen“, kurz nach dem Terroranschlag auf das World Trade Centre in New York, bis zu aktuellen Kontroversen über Religion und Gewalt, Religion und Menschenrechte.

Wie das in den historischen Wissenschaften oft so geht: Entwicklungen in der Gegenwart legen es nahe, auch die Vergangenheit neu zu reflektieren. Vor hundert Jahren konnte Max Weber noch eine recht eindeutige Analyse vorlegen: „Es ist das Schicksal unserer Zeit mit der ihr eigenen Rationalisierung und Intellektualisierung, vor allem Entzauberung der Welt, dass gerade die letzten und sublimsten Werte zurückgetreten sind aus der Öffentlichkeit.“ Dahinter sah Weber einen Jahrtausende überspannenden Prozess wirksam, der in der altjüdischen Prophetie einerseits, der altgriechischen Wissenschaft andererseits einsetzte und in der Neuzeit in den reformierten Protestantismus mündete – und schließlich in die säkularisierte Welt von heute.

Erste Zweifel, ob sich das Verhältnis von Religion und Moderne wirklich so einfach bestimmen lässt, kamen bereits in den 1960er Jahren auf. Der amerikanische Soziologe Thomas Luckmann stellte die These auf, die Religion sei in der Moderne nicht eigentlich verschwunden, sie habe sich bloß aus den Institutionen in die Privatsphäre verflüchtigt, sei damit quasi „unsichtbar“ geworden. Für viele Phänomene in den westeuropäischen Ländern wirkt dieses Modell einer „unsichtbaren Religion“ auch recht plausibel. Damit lässt sich erklären, dass die Zahl der Kirchenaustritte weiterhin hoch bleibt, andererseits aber gleichzeitig ein Boom  von „spirituellen“ Einstellungen verschiedenster Art zu verzeichnen ist, einschließlich der Aufnahme fernöstlicher Religionsformen im Westen.

Jugendweihe 1958 in Gera, mit Waler Ulbricht
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia
 
Zwei Trends, die man nicht gegeneinander verrechnen darf, warnte der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack 2009 in seiner Studie „Rückkehr des Religiösen?“. Wie Julien Winandy von der Goethe-Universität in dem Handbuch berichtet, scheint Pollacks Kollege Martin Riesebrodt in seinem Buch aus dem Jahr 2000, „Die Rückkehr der Religionen“ (ohne Fragezeichen) tatsächlich dieser Versuchung erlegen zu sein: Neben einigen anderen Faktoren nahm er unter anderem den wachsenden Markt für „Selbsthilfeliteratur“ als Indikator für eine steigende Macht des Religiösen.

Es sei auch  höchst fraglich, schreibt der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn in dem Sammelband, inwieweit sich solche Phänomene sinnvoll in die Rubrik „Religion“ einordnen lassen: Das Heilwissen der Hildegard von Bingen werde von seinem theologischen Hintergrund gelöst und allein für therapeutische Zwecke neu arrangiert, nicht wenige Zeitgenossen machten sich bloß um der psychischen „wellness“ wegen auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela.

Gesundheit wird zum „Religiosum“ umdefiniert … Oder gehörten und gehören solche Fragen einer sinnvollen Lebensführung für viele Menschen immer schon zu „ihrer“ Religion? Riesebrodt hat darauf hingewiesen, der Begriff von Religion werde unzulässig verkürzt, wenn man ihn auf Theologie reduziere  - also auf Glaubenssätze, die einem Großteil der „Laien“ überhaupt nicht bekannt seien. Je nachdem, wie eng oder wie weit der Religionsbegriff gefasst wird, muss natürlich auch die Deutung des Vorgangs „Säkularisierung“ unterschiedlich ausfallen, und ebenso die Interpretation möglicher Gegentendenzen.

Welche Bedeutung – und zwar unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, über den momentanen Event hinaus – ist eigentlich der Begeisterung beizumessen, die Papst Johannes Paul II. und seine beiden Nachfolger immer wieder erzeugen konnten?  Für die westlichen Länder kam  der Soziologe Heiner Meulemann im Jahr 2008 zu dem nüchternenSchluss: die Säkularisierungsthese lasse sich empirisch untermauern, die Vorstellung von einer religiösen Erneuerung in der Gegenwart jedoch nicht. Und in weltweitem Maßstab gelte weder das eine noch das andere:  Die Säkularisierung habe nur „in christlichen, nicht aber in muslimischen und hinduistischen/buddhistischen Gesellschaften stattgefunden“ – ein Umstand, der in der westlichen Öffentlichkeit früher gern übersehen wurde.

Das hindert freilich nicht daran, dass sich im einen wie im anderen Milieu fundamentalistische Reaktionen ausbilden. Riesebrodt interpretierte sowohl die shiitische Bewegung im Iran als auch den protestantischen Fundamentalismus in den USA gleichermaßen als Versuche, eine aktuelle Krise zu bewältigen, einen angeblichen Zerfall der Moral, einen „religiösen Identitätsverlust“, dem nur durch religiöse „Revitalisierung“ beizukommen wäre. Ein Unterschied ist allerdings schwer zu übersehen: Für die islamischen Gesellschaften kommt der drohende Identitätsverlust durch Säkularisierung sozusagen von außen, als westlicher Kultureinfluss, der mit wirtschaftlichem und politischem Niedergang in Verbindung gebracht wird.

Höhn weist darauf hin, dass dieses Thema für die europäischen Staaten längst auch einen innenpolitischen Aspekt hat: Im Namen der Religionsfreiheit fordern islamische Gemeinschaften eine eigene Gerichtsbarkeit, mit Konsequenzen jedenfalls für das Zivilrecht. Ob auch für das Strafrecht, wie Pessimisten bereits an die Wand malen, kann hier offen bleiben.

Begeisterung für den verstorbenen Papst Jo-
hannes Paul II. - Bild: Heiligenlexikon
 
Und Osteuropa, die Länder des zerfallenen Sowjetimperiums? Der real existierende Sozialismus hatte versucht, die Säkularisierung, als Entmachtung, wenn nicht Abschaffung der Kirchen, zwangsweise durchzuführen, durch staatlichen Oktroi.  Pollack hat festgestellt, dass in Russland der Glaube an Gott nach 1989 wieder deutlich zugenommen hat. Länder wie Polen dagegen gleichen sich nach einem „Hype“, den die katholische Kirche im Widerstand gegen den Kommunismus erlebte, dem Westen an, wenngleich sehr langsam. Da scheint die Säkularisierung noch gar nicht an ihr Ende gekommen zu sein. Und der westliche Lebensstil des „Laisser faire“ fördert sie anscheinend viel nachhaltiger als der verordnete Atheismus.

Perspektiven für die Zukunft? Der Religionssoziologe Casanova ist zu der Vermutung gekommen, in Europa hätten diejenigen Religionsgemeinschaften die besten Aussichten, die in der Vergangenheit am wenigsten durch Staatsnähe kompromittiert waren. Eine Angleichung an Nordamerika also, wo die institutionelle Trennung zwischen Staat und Kirchen seit jeher mit einem sehr hohen Einfluss der Religionsgemeinschaften in der Öffentlichkeit einher geht.

Vielleicht war es ja auch generell eine Schwachstelle der Religionssoziologie in der Vergangenheit, dass sie Säkularisierung primär als einen „Substraktionsprozess“ auffassen wollte, als Entwicklung hin zu einem „Weniger“ von Religiosität und Kirchlichkeit. 1966 sah sich der Philosoph Hans Blumenberg veranlasst, die „Legitimität der Neuzeit“ gegen ein solches Verständnis von Säkularisierung zu verteidigen: Die „Weltlichkeit“ der Moderne sei nicht ein Produkt illegitimer „Verweltlichung“, sie habe ihr eigenes Recht.

Dieses Argument trifft freilich nicht so sehr die Säkularisierungsthese selbst als bloß ihre anti-religiöse, quasi ideologische Verwertung. Max Weber selbst, darauf weist  Anter hin, beurteilte den Prozess gar nicht so euphorisch, wie gern geglaubt wird; er scheint sich nicht sicher gewesen zu sein, ob die Rationalisierung um den Preis eines Wert- und Sinnverlustes womöglich unangemessen teuer erkauft sei.

Von anderen Voraussetzungen her als Blumenberg lieferte 2007 der kanadische Philosoph Charles Taylor in seinem Werk „Ein säkulares Zeitalter“ eine „Gegenerzählung“ zu den gängigen Vorstellungen vom Säkularisierungsprozess. Eine „Entzauberung der Entzauberungstheorie“, schreibt Michael Kühnlein von der Universität Frankfurt im Sammelband. Vor allem entzauberte Taylor den heroischen Anschein, den sich manche Vertreter eines religionsfernen Denkens bis heute gern geben, indem sie kritisieren, Religion sei bloß das Ergebnis eines kindischen Mangels an Mut. Auch das Ideal, wir müssten Manns genug sein, um der Realität ins Auge zu schauen, sei eine Form der Tröstung, hielt Taylor dagegen, es schmeichle unserem Selbstwertgefühl.


Neu auf dem Büchermarkt:

Religion und Säkularisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch,
herausgegeben von Thomas M. Schmidt und Annette Pitschmann,
Verlag J. B. Metzler, Stuttgart – Weimar 2014, ISBN 978-3-476-02366-7, 59,95 € 



Mehr im Internet:

Säkularisierung - Wikipedia  
scienzz Artikel Religion in der Gegenwart  

 

 

 

 

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