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14.11.2014 - WISSENSCHAFTSTHEORIE

Jenseits der Alternative von technischer Verwertung und scheinbarer Zweckfreiheit

von Josef Tutsch

 
 

Auf seiner dritten Reise besucht Gulliver, der Held von Jonathan Swifts satirischem Roman, die Große Akademie von Lagado und lässt sich dort einige hundert aktuelle Forschungsprojekte vorstellen. Einer der Professoren entwickelt ein Verfahren, Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen, damit die Gärten auch in regnerischen Sommern nicht ohne Sonne bleiben; ein zweiter will menschliche Exkremente in die ursprüngliche Nahrung zurückverwandeln. Ein Forscher befasst sich mit dem Plan, durch Auswürfeln von Wörterkombinationen wissenschaftliche Bücher zu erstellen; ein anderer möchte zwischen den Vertretern verschiedener Meinungen Gehirnteile austauschen – das müsste doch zum Ende aller Parteistreitigkeiten führen.

Und Swift wusste auch schon, dass Wissenschaftler nicht ohne Geld auskommen; Gulliver wird immer wieder um Unterstützung angebettelt, “Forschungsförderung“, wenn man so will. An diesem Punkt tritt die Frage „Wozu Wissenschaft?“ auch heutzutage am offensten zutage: Politiker, die öffentliche Gelder in den Wissenschaftsbetrieb lenken, müssen sich vor dem Wähler und Steuerzahler rechtfertigen, gleich ob es um riesige Summen für Teilchenphysik und Gentechnologie und Forschungen zur Organtransplantation geht oder um vergleichsweise bescheidene Beträge für die Shakespeare-Philologie und für die Soziologie von Favelas in Brasilien. Bei Auftragsprojekten dagegen beantwortet sich die Frage nach dem „Wozu“ quasi von selbst, eben durch den „Auftrag“.

Im Alltagsgespräch, meint der Philosoph und Chemiker Joachim Schummer, stehen oft zwei sehr schlichte Sichtweisen gegeneinander: Die einen sagen, Wissenschaft habe einen Sinn nur als theoretische Vorstufe zu neuen Techniken; die anderen halten dagegen, Wissenschaft habe gar keinen Zweck außerhalb ihrer selbst, sie sei zweckfrei, ein Selbstzweck. Die eine wie die andere Alternative ist, näher betrachtet, nicht sehr befriedigend. Im ersten Fall müsste sich gleich die Frage anschließen, wozu wiederum diese wissenschaftlich begründeten Techniken gut sein sollen; im zweiten liegt allemal der Verdacht nahe, dass die Parole vom „Selbstzweck“ irgendwelche handfesten, möglicherweise illegitimen Interessen verschleiern soll.

Reine Erkenntnis, möglicherweise mit technischer Verwertung als einem unbeabsichtigten Nebenprodukt einerseits, bedingungslose Technikorientierung, vor allem im Interesse der Kapitalverwertung andererseits – Schummer verfolgt diese Entgegensetzung bis in die späte Aufklärung zurück. Immanuel Kant hatte den Geltungsanspruch mathematischer und naturwissenschaftlicher Aussagen streng unter dem Gesichtspunkt des Anspruchs auf „Wahrheit“ betrachtet, also abstrahiert von allen sozialen Bezügen. Man kann fragen, ob Kants Nachfolger immer so ganz der Gefahr entgangen sind, diese wissenschaftstheoretische Fragestellung mit einer Theorie des ganzen Menschen zu verwechseln. Bei Karl Marx wurde der „Idealismus“ materialistisch umgekehrt. In der „Deutschen Ideologie“ erklärte er, die Naturwissenschaft erhalte ihren Zweck „erst durch Handel und Industrie, durch sinnliche Tätigkeit des Menschen“;  Leo Trotzki verordnete der sowjetischen Wissenschaft die Aufgabe, „die Materie und Raum und Zeit, die von ihr untrennbar sind, dem Menschen untertan zu machen“. Schummer: „Fortan verschmolzen Naturwissenschaft und Technik begrifflich so miteinander, dass sie kaum noch zu unterscheiden waren.“

Übrigens nicht nur im real existierenden Sozialismus, sondern auch in vielen westlichen Industriestaaten.  In merkwürdigem Widerspruch hierzu pflegten die Wissenschaftspolitiker in Sonntagsreden gern die Theorie von der Wissenschaft als „Selbstzweck“. Um aus dieser unfruchtbaren Polarisierung zwischen technischem Zweck einerseits, angeblicher Zwecklosigkeit andererseits herauszukommen, schlägt Schummer vor, auf die Formulierung des einen, einzigen Zwecks von Wissenschaft zu verzichten und ein Miteinander verschiedener Zwecke anzunehmen, von der Schärfung unseres Denkvermögens durch wissenschaftliche Arbeit über die Orientierung in unserer Welt („Wer nichts fragt, bleibt dumm!“) bis zu dem, was man „Bildung“ nennt.

Labor im Institut für Biochemie der Uni-
versität Köln
Bild: Magnus Manske/Wikipedia

Natürlich spielt in diesem Gefüge auch die technische Verwertung des Wissens ihre Rolle; es ist ja auch nicht unwahrscheinlich, dass sie vor einigen tausend Jahren sogar am Anfang der Entwicklung von „Wissenschaft“ stand. Schummer betont jedoch, dass die Technik ihrerseits unter der Frage nach Zwecken steht, also unter der Reflexion auf Werte. Unter dem Ziel der „Weltverbesserung“, wenn man so will – mit der Komplikation, versteht sich, dass Menschen und Menschengruppen oft sehr verschiedene Vorstellungen von einer besseren Welt haben. Das wird bereits den alten Griechen bewusst gewesen sein. Sie erzählten von Thales, dem allerersten Philosophen, er habe einmal eine außergewöhnlich gute Olivenernte für den nächsten Herbst vorausgesehen und daraufhin alle verfügbaren Olivenpressen gemietet. Thales' Kunden haben die höheren Preise, die der geschäftstüchtige Philosoph verlangen konnte, vermutlich nicht als Fortschritt zu einer besseren Welt empfunden.

Thales späterer Kollege Aristoteles interessierte sich anscheinend weniger für Kommerzielles. „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“, schrieb er. Anders formuliert: Wissenschaft kommt einem Grundbedürfnis des Menschen entgegen; in diesem Sinn ist auch die Parole vom „Selbstzweck“ nicht so ganz abwegig. Selbstverständlich war Aristoteles' Position jedoch niemals. Schummer zitiert den Schriftsteller Plutarch, der um 100 nach Christus die Neugier als eine von Neid und Bösartigkeit getriebene Geisteskrankheit beschrieb, die sich auf die „schmutzige Wäsche“ anderer Leute richte. Der christliche Kirchenvater Augustinus führte diese Linie mit seiner Polemik gegen die klassische antike Bildung fort: Sie putze sich mit den Namen Erkenntnis oder Wissenschaft heraus, diene im Grunde jedoch bloß der „Befriedigung eitlen Vorwitzes“.

Ein Blick in die Boulevardpresse von heute scheint den Verächtern der Neugier recht zu geben. Aber, hebt Schummer hervor: „Wissenschaftliche Neugier unterscheidet sich wesentlich vom eitlen Vorwitz, weil sie nicht durch einzelne Tatsachen, sondern durch abstrakte, Zusammenhänge bildende Erkenntnis und durch den Prozess des Forschens selbst befriedigt wird.“ Dass Prinzessin X mit Popstar Y verbandelt ist, kann also durchaus von wissenschaftlichem Interesse sein, etwa unter dem Gesichtspunkt: Prominenz in den Massenmedien schafft ein gemeinsames Milieu, das heutzutage vielleicht wichtiger ist als ein Adelsprädikat.

Schummer bringt noch ein zweites Argument zur Rehabilitation der wissenschaftlichen Neugier: Sie sei verträglich mit gesellschaftlichen Nützlichkeitserwägungen, lasse sich „zum Wohle der Gesellschaft insgesamt“ kultivieren. Ein Gedanke, der freilich die Schwäche hat, dass es über die Frage, was  das „Wohl der Gesellschaft insgesamt“ ist, Meinungsstreitigkeiten gibt und wahrscheinlich immer geben wird. Schummer fragt, „ob die Militärforschung, die einseitigen Industriesubventionierungen, die Förderung nationaler Prestigeprojekte und der rasche Wechsel von Technologiemoden“ „den gesellschaftlichen Mehrheitserwartungen an die Wissenschaft entsprechen“. Mehrheiten und Minderheiten wechseln aber schon mal.

Was meint Schummer eigentlich, wenn er im Schlusskapitel seines Buches eine „Demokratisierung der Wissenschaftspolitik“ vorschlägt? Das Wort „Demokratisierung“ legt nahe, dass mit Mehrheit und Minderheit abgestimmt werden soll. Vielleicht durch die Gesamtheit der Steuerzahler, die dann – anstelle von Parlamenten und Regierungen - über die Frage zu befinden hätten, welche wissenschaftlichen Projekte finanziert werden sollen und welche nicht? An jene Projekte, die von privaten Geldgebern in Auftrag gegeben werden, kann ja offenbar nicht gedacht sein.

Stiftsbibliothek von Sankt Gallen
Bild: Chippeee/Wikipedia

Zwei Absätze später dagegen fordert Schummer „Freiräume für die Entwicklung von Neugier, Kreativität und unkonventionellen Ansätzen sowie Respekt gegenüber den Besonderheiten und Werten einer wissenschaftlichen Lebensform“, „absolute Autonomie“, „ohne jegliche politische oder sonstige Einflussnahme durch Interessengruppen“. Offenbar ist gar nicht Demokratisierung gemeint, sondern vielmehr Entscheidungsfreiheit des einzelnen Forschers. Aber wirklich des einzelnen? In vielen Bereichen ist Wissenschaft heute Teamarbeit. Nach welchen Modalitäten soll dann in solchen Teams entschieden werden? „Demokratisch“ oder nach der Autorität eines Projektleiters?

Selbst wenn man berücksichtigt, dass Forschung im Auftrag privater Unternehmen in dieser Perspektive außen vor bleiben muss, wirkt Schummers Entwurf einer zukünftigen Wissenschaftspolitik vage, das unbefriedigende Schlusskapitel eines sonst doch so gedankenreichen wie anregenden Streifzugs durch zweieinhalb Jahrtausende Refleionen über den Sinn von Wissenschaft.

Worauf es Schummer bei seinem Essay ganz persönlich ankam, lässt eines der historischen Kapitel ahnen: „Erfüllung in einer Lebensform“. Die wissenschaftliche Lebensform biete die größte Zufriedenheit und das größte Glück, lehrte einst Aristoteles. Schummersieht dieses „Glück“ vor allem in dem moralischen Gesetz, unter das sich der Wissenschaftler stellt: „Wer eine wissenschaftliche Lebensform wählt, entscheidet sich bewusst für eine Allgemeinwohlorientierung“, also, wie Schummer ausführt, „gegen die von Wissenschaftspolitikern und Hochschulpräsidenten zunehmend geforderte Privatisierung und Vermarktung von Wissen“.

'Aber darf man wirklich annehmen, dass die Forschungsinteressen eines Wissenschaftlers, wenn ihm kein Geldgeber hineinredet, allemal mit dem Gemeinwohl, was immer das sein mag, identisch wären? Swift teilte diese Voraussetzung offenbar nicht. Seine satirische Karikatur macht auch dem Leser heute eine Gefahr bewusst, die Schummer ausgeblendet hat: dass die selbstbestimmte wissenschaftliche Lebensform sich in Schrullen ergeht. Der „verrückte Professor“ - auch dieser Aspekt hätte in eine „runde“ Betrachtung des Themas „Wozu Wissenschaft?“ gehört.


Neu auf dem Büchermarkt:

Joachim Schummer: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage, Kulturverlag Kadmos, Berlin 2014, ISBN 978-3-86599-225-3, 19,- €


Mehr im Internet:

Wissenschaftstheorie - Wikipedia 
scienzz artikel Wissenschaftstheorie 

 

 

 

 

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