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19.11.2014 - RELIGION HEUTE

Aggressive Militanz, aber auch apolitische Introvertiertheit

Das breite Spektrum des Islamismus heute

von Josef Tutsch

 
 

Emblem des "Islamischen Staates"
Bild: Monotheist/Wikipedia

So schnell verändern sich manchmal die Realitäten; die Wissenschaftler mit ihren gedruckten Publikationen können da nur mühsam Schritt halten. Vor wenigen Wochen brachte der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker von der Universität Jena ein Handbüchlein über den islamischen Fundamentalismus, den sogenannten „Islamismus“, heraus. Über jene islamistische Organisation, die inzwischen im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht, den „Islamischen Staat“, finden sich in dem Band kaum anderthalb Seiten. Als der Anführer Abu Bakr al-Baghdadi am 29. Juni 2014 sein „Kalifat“ ausrief, war das Buch längst abgeschlossen.

Seidensticker lässt bei aller Sachlichkeit, mit der sein Text abgefasst ist, keinen Zweifel daran, dass der rasante Aufstieg islamistischer Organisationen gerade im Irak vor allem auf eine große Dummheit der amerikanischen Politik zurückzuführen ist. Der Irak-Krieg 2003 sei für die radikalen Organisationen in der islamischen Welt, also vor allem al-Qaida, „wie ein Geschenk des Himmels“ gekommen; dass dieser Angriff mit dem offenkundig unrichtigen Argument begründet wurde, der irakische Diktator Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen und kooperiere mit al-Qaida, habe den Eindruck von einem „systematischen westlichen Vorgehen gegen die islamische Welt“ bekräftigt.

Islamismus als politische Frontstellung gegen „den Westen“ ... Seidenstickers Abriss der Geschichte islamistischer Organisationen seit den 1920er Jahren stellt klar, dass sich unter diesem ideologischen Dach heftige Kämpfe zwischen den verschiedenen islamischen Richtungen abspielen. Vor allem natürlich zwischen den beiden Hauptrichtungen des Islams, die einander bereits seit dem Tod des Propheten Mohammed bekriegen. Als die irakischen Schiiten von der Diktatur Saddam Husseins befreit waren, arbeiteten sie partiell mit den Amerikanern zusammen; unter den Sunniten dagegen, die nun von der Macht vertrieben waren, konnte der Jordanier Abu Musab az-Zarqawi seine Tauhid-Gruppe sammeln, die sich mit al-Qaida zusammenschloss.

Aber nicht ohne auch in sunnitischen Kreisen selbst auf Widerstand zu treffen: Einige Stammesführer stellten sich ihm entgegen und ließen sich ebenfalls von den USA unterstützen. Und selbst im Umkreis von al-Qaida konkurrierten 2013 auf dem irakischen Territorium zwei Organisationen miteinander, die al-Nusra-Front und der „Islamische Staat im Irak und in der Levante“. Ein verwirrendes Miteinander und Gegeneinander von Organisationen, die jedoch in einem Punkt einig sind: eben in ihrer Gegnerschaft zum „Westen“, vor allem zu den USA und Israel. Eine Gegnerschaft, die freilich aus taktischen Gründen auch schon mal hintangestellt werden kann.

Hinter dieser Frontstellung steht ein Trauma: Nach einer Phase der rasanten Ausbreitung in den ersten Jahrhunderten geriet der Islam seit der frühen Neuzeit gegenüber Europa ins Hintertreffen. Dieser Befund des Niedergangs werde von einer großen Zahl heutiger Muslime als „Kränkung“ empfunden, schreibt Seidensticker. Im Gegenzug versuchten seit den 1920er Jahren Theoretiker wie zum Beispiel Hasan al-Banna, der Gründer der ägyptischen Muslimbuderschaft, aus dem Koran und dem Leben des Propheten Maßstäbe für die Politik der Gegenwart zu gewinnen. Der Autor scheut sich nicht, eine Parallele zur gleichzeitigen Blüte totalitärer Ideen in Europa zu ziehen: Der Islam (oder vielmehr das, was die Theoretiker als Essenz des Islams glaubten, herausarbeiten zu können) wurde verabsolutiert, mit dem Ziel, die gesamte Gesellschaft und das Leben des einzelnen danach auszurichten, ähnlich wie das auch faschistische und stalinistische Politiker in Angriff nahmen.

Demonstration für Präsident Mohamed Morsi,
Kairo, Juli 2013
Bild VOA/Sharon Behn/Wikipedia

Die ägpytische Muslimbruderschaft konnte 2012 durch Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vorübergehend die Regierung übernehmen. Zur Frage, ob darin letztlich eine islamistische Diktatur angelegt war, äußert sich Seidensticker zurückhaltend. In der Tat war im Dezember 2012 eine Verfassungsänderung beschlossen worden, die das ägyptische Rechtssystem im Sinne des klassischen islamischen Rechts, der Scharia, hätte umbilden können. Können – aber vielleicht nicht müssen.

Wie groß mögen die Bevölkerungsteile sein, die solche islamistische Bewegungen hinter sich bringen können? Und vorausgesetzt, dass es Mehrheiten sind: Wie ausgeprägt ist die Bereitschaft, Minderheitenrechte gelten zu lassen und womöglich einen Verlust der eigenen Mehrheit in Kauf zu nehmen? „Nachvollziehbar“, schreibt Seidensticker, „erscheinen Befürchtungen, dass Parlamente Beschlüsse auch gegen die ethischen Grundlagen 'des Islams' fassen könnten.“ Rein formell betrachtet, gibt es dazu ja sogar eine Parallele im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: Das Postulat der Menschenwürde kann durch keine noch so große Mehrheit gestrichen werden.

Offenbar kommt es am Ende darauf an, wie solche religiösen oder ethischen Absoluta ausgelegt werden. So beklagte Rashid al-Ghannushi von der Ennahda-Partei an der westlichen Demokratie immer wieder das „Fehlen eines universellen ethischen Fundaments“; das könne nur der Islam bieten. Tunesien wurde durch die neue Verfassung vom Januar 2014 als „islamischer Staat“ definiert; andererseits ist die Scharia als Rechtsquelle nicht genannt. Seidensticker verzichtet auf eine Voraussage, was sich da entwickeln wird.

Ein radikales Gegenbild bietet Saudi-Arabien, das eine erstaunliche Balance zwischen einer mittelalterlich anmutenden inneren Verfassung und einer amerikafreundlichen Außenpolitik vollführt. Oder, von der westlichen Öffentlichkeit wenig beachtet, der Sudan, wo das islamische, nach westlichen Maßstäben barbarische Strafrecht in aller Form eingeführt wurde. Im Iran proklamierte 1979 Ayatollah Khomeini die „Herrschaft des Rechtsgelehrten“, im Singular, wohlgemerkt – sein Ideal war, dass ein einziger, unstrittiger Rechtsgelehrter die Souveränität Gottes auf Erden vertreten solle; nur ersatzweise war er bereit, ein Gremium zu akzeptieren, in dem es schlimmstenfalls auch zu Meinungsverschiedenheiten kommen könnte.

Aber in erstaunlichem Maße gelang es Khomeini zugleich, demokratische und parlamentarische Elemente in sein System einzubauen. Vermutlich hatte die Herrschaft des Schahs ihn zu dem Schluss gebracht, seine theologischen Vorstellungen seien auf plebiszitärem Weg eher politisch umzusetzen, als über eine Monarchie.  Dabei wird die „demokratische“ Stütze des Regimes durch eine rigide Informationskontrolle und eine brutale Tyrannei der Revolutionsgarden gesichert.

Seidensticker hat einen Führer durch diese islamistische Organisationslandschaft geliefert, die dem Außenstehenden leicht wie ein Dschungel vorkommt, geeint nur durch ein einziges Moment: die Gegnerschaft zum Westen. In den europäischen Ländern ist in den letzten Jahren der „Salafismus“ bekannt geworden. Von den ideologischen Grundlagen her, schreibt Seidensticker, sei diese Richtung dem in Saudi-Arabien herrschenden Wahhabismus verwandt: Beide erheben den Anspruch, nur den Wortlaut des Korans und die Überlieferung vom Leben des Propheten als normative Maßstäbe gelten zu lassen.

Sayyid Qutb
Bild: Wikipedia

Die Historiker haben lange Ahnenreihen zum heutigen Salafismus rekonstruiert, bis hin zu mittelalterlichen Theologen, die manchen ihrer Kollegen vorwarfen, sich durch die griechische Philosophie zu unislamischen „Neuerungen“ inspirieren zu lassen. Der Versuch, den heute in Europa verbreiteten Salafismus auf einen Nenner zu bringen, dürfte aussichtslos sein; das Spektrum, erklärt Seidensticker, reiche „von apolitischer Introvertiertheit und Kritik an revolutionärer Gewalt über Aktivsmus und politisches Engagement bis zu Militanz“.

Das ideologische Dach „Islamismus“ gibt für sich allein offenbar noch keine hinreichende Grundlage für die gewaltsamen Aktionen, die in der westlichen Öffentlichkeit unvermeidlich am stärksten beachtet werden. Wie werden solche Aktionen islamisch-theologisch legitimiert, fragt Seidensticker. Zentral in der Diskussion unter muslimischen Theologen ist ein Vers aus Sure 9: „Kämpft gegen die, die nicht an Gott glauben und auch nicht an den Jüngsten Tag, die das, was Gott und seine Gesandten verboten haben, nicht verbieten und die nicht der Religion der Wahrheit angehören.“

Das klingt, modern gesprochen, in der Tat nach einem totalitären Staat, in dem nur eine einzige Ideologie oder Religion zugelassen wäre. Aber in der Praxis islamischer Herrschaft, betont Seidensticker, wurden insbesondere Juden und Christen in aller Regel geduldet – vorausgesetzt, dass sie eine Kopfsteuer zahlten und die islamische Herrschaft akzeptierten. Und zum Beispiel in Indien wusste man sich auch mit den Hindus, also einer nicht-monotheistischen Religion, zu arrangieren.

Andererseits haben die islamischen Theoretiker – in bemerkenswerter Analogie zu christlich-abendländischen Theorien vom „gerechten Krieg“ - Argumentationen entwickelt, die notfalls auch eine Tötung von Zivilisten rechtfertigen. Zulässig, referiert Seidensticker, seien nach klassischem islamischem Recht solche Tötungen entweder als „Vergeltung für Massaker an der muslimischen Zivilbevölkerung durch den Feind“ oder in „Situationen, in denen ein wichtiges militärisches Ziel ohne die Tötung von Zivilisten nicht einzunehmen sei“. Osama Bin Laden stellte sich in die Tradition dieser Gedankengänge, als er seine Attentate unter anderem mit den Opfern jener Sanktionen begründete, die der UNO-Sicherheitsrat 1990 nach der Besetzung Kuwaits gegen den Irak verhängt hatte.

„Gezielte Angriffe auf israelische Zivilisten werden heute mit dem Argument gerechtfertigt, dass der ganze Staat Israel eine Kaserne sei.“ „US-Bürger werden als potentielle Wähler ihrer kriegführenden Regierungen für vogelfrei erklärt.“ Als ein „Klassiker“ der Gewaltrechtfertigung gilt heute der Ägypter Sayyid Qutb, der 1966 wegen einer angeblichen Verschwörung gegen Gamal Abdel Nasser hingerichtet wurde. Qutb entwickelte die Theorie, angesichts der heutigen Weltlage sei die Pflicht zum „offensiven militärischen Jihad“ nicht mehr, wie in der klassischen islamischen Rechtslehre, an einen konkreten Verteidigungsfall gebunden, sondern von vornherein und universal gegeben. Qutb sah die islamische Gemeinschaft sozusagen im permanenten Ausnahmezustand: „Nur die Erringung der weltweiten Herrschaft durch den wahren Islam“, referiert Seidensticker seine Position, könne „die Menschheit von der Versklavung des Menschen durch den Menschen erlösen“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Tilman Seidensticker: Islamismus. Geschichte – Vordenker – Organisationen, Verlag C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66069-6, 8,95 € [D], 13,50 CHF, 9,20 € [A]


Mehr im Internet:

Islamismus - Wikipedia
scienzz artikel Islam

 

 

 

 

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