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10.11.2014 - SOZIALGESCHCHTE

Auf dem Weg zu einer geschlechterlosen Gesellschaft?

von Josef Tutsch

 
 

Protest gegen die gleichgeschlecht-
liche Ehe in Spanien 2007
Bild: Raystorm/Wikipedia

Befinden wir uns auf dem Weg in eine „geschlechterlose Gesellschaft“? Nicht in dem Sinn, dass die biologisch vorgegebenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen abgeschafft würden, wohl aber, dass die Bedeutung dieser Unterschiede in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur zurückgeht? Auf lange Sicht vielleicht sogar bis nahe Null? Etwa die Fortschritte der „Reproduktionstechnik“ zeigen doch, dass zur Erzeugung von Nachwuchs der Geschlechtsverkehr nicht unbedingt mehr von Nöten ist, wie sich umgekehrt dank der „Pille“ die „Gefahr“, dass Geschlechtsverkehr zu Nachwuchs führt, minimieren lässt. Und auch auf dem Arbeitsmarkt gleichen sich Positionen und Einkommen allmählich an – langsam freilich, vielen zu langsam.

Vor etwa zehn Jahren konzipierte die Wiener Historikerin Edith Saurer eine umfangreiche Studie zur Geschichte der traditionellen Geschlechterordnung im 19. und 20. Jahrhundert, sozusagen als Vorgeschichte zu ihrer Auflösung, die sich seit einigen Jahrzehnten abzuzeichnen scheint. Als Saurer 2011 starb, war das Manuskript unvollendet; ausgerechnet das Kapitel zur Gegenwart hatte die Forscherin nicht mehr schreiben können. Ihre Kollegin Margarethe Lanzinger hat das Fragment jetzt aus dem Nachlass herausgegeben.

Welche Entwicklung die europäische Gesellschaft in diesen letzten zwei Jahrhunderten durchlaufen hat, zeigt sich vielleicht am besten, wenn man in die Märchenwelt eintaucht. „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten zueinander nicht kommen, denn das Wasser war viel zu tief.“ Die Metapher des Wassers meinte gesellschaftliche Schranken; für die Zeit des ancien régime, schreibt Saurer, war es selbstverständlich, dass die Ehe von Mann und Frau als Basis der gesamten Gesellschaft nicht der „Gefühlswelt“ der Liebenden überlassen sein durfte, ebenso wenig wie die „Arbeitsteilung“ in der Ehe selbst.

Um 1800 protestierten immer mehr Literaten gegen diese Bindung der Individualität, die nun als Fessel empfunden wurde. Zum Beispiel Madame de Staël in ihrem Roman „Corinna“. Die beiden Liebenden werden unglücklich, weil der Held sich der väterlichen Autorität beugt und eine andere heiratet. Liebesbeziehungen, so interpretiert Saurer die „Botschaft“ des Romans, müssten sich von solchen Vorgaben befreien; ebenso müssten die Männer ihre Ansprüche auf sozialen und kulturellen Vorrang vor der Frau verabschieden.

In den Gesetzbüchern, berichtet Saurer, hat sich die Kommandogewalt des Vaters über die Eheschließung seiner Kinder – und vor allem eben der Töchter – lange gehalten. Berühmt wurde der Fall der Clara Wieck, die als Pianistin europaweit Ruhm genoss, ihren Willen, Robert Schumann zu heiraten, jedoch erst in einem langwierigen Prozess gegen ihren Vater durchsetzen konnte. Sie war damals bereits 20 Jahre alt. Das wahre Bedürfnis der Frauen, argumentierte 1855 der französische Ingenieur Fréderic Le Play, sei nicht die Unabhängigkeit, sondern geliebt und beschützt zu werden, zunächst vom Vater und von den Brüdern, dann vom Ehemann.

Clara Wieck, von Julius Giere, 1835
Bild: Wikipedia

„Küche, Kinder, Kirche“ fasste der deutsche Volksmund früher die Rolle der Frau so salopp wie präzise zusammen. Die Ungleichheit der Geschlechter, resümiert Saurer (präzise gesagt: die Ungleichheit der Geschlechter vor dem Recht) wurde „nicht als ein Übel, sondern als eine Wohltat für die Frauen“ erachtet. Im gleichen Jahr 1855 formulierte das Privatrechtliche Gesetzbuch für den Kanton Zürich eine scheinbar abgewogene Gegenüberstellung von Rechten und Pflichten in der Ehe: „Das Recht des Mannes auf den Erwerb der Frau und den Ertrag ihres Vermögens ist an die Voraussetzung geknüpft, dass derselbe für den Unterhalt der Frau und Kinder und ihre laufenden Verpflichtungen gehörig sorge.“ Die Ansicht, auch für Frauen stelle eigene Erwerbsarbeit die Voraussetzung eines selbständigen und freien Lebens dar, hat sich erst ganz allmählich durchgesetzt.

Dementsprechend wurde auch der Ehebruch völlig unterschiedlich behandelt. Berühmt-berüchtigt war eine Bestimmung im französischen Code pénal: Die Tötung einer in flagranti ertappten Ehefrau und ihres Geliebten durch den betrogenen Ehemann sei entschuldbar. Das Bestreben, weibliche Sexualität zu kontrollieren, führte gelegentlich sogar zu der Forderung, die Geschlechter am Arbeitsplatz zu trennen. Die Mischung führe zu Promiskuität, meinte 1840 der französische Arzt Louis-René Villermé. Realisiert wurde diese Forderung allerdings nur selten. 1867 verbot die englische Regierung die „mixed gangs“ von Landarbeitern und Landarbeiterinnen, die von Farm zu Farm zogen; in den 1850er Jahren untersagte die Bezirksregierung von Minden in Westfalen das Zusammensein von männlichen und weiblichen Zigarettenarbeitern in einem Raum.

Saurer weist darauf hin, dass die allgemeine Wehrpflicht und das Wahlrecht für Männer, die im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert in den meisten europäischen Staaten eingeführt wurde, ebenso in diesen Kontext gehört. „Der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht wurde auch mit dem Militärdienst der Männer gerechtfertigt.“ Die bürgerlichen Revolutionen hatten die hergebrachte Geschlechterordnung mit ihrer Verschiedenheit von Rechten und Pflichten zunächst keineswegs in Frage gestellt, sondern vielmehr zementiert.

Die Russische Revolution dagegen wollte die ehemännliche Vorherrschaft konsequent abschaffen. Die Hoffnungen, die dahinter standen, formulierte die Schriftstellerin Alexandra Kollontai: In der bürgerlichen Gesellschaft hätten die Menschen (Kollontai meinte vor allem die Frauen) eine „krankhafte Gier“ entwickelt, „sich an die Illusion einer verwandten Seele zu klammern“; in der Sowjetunion werde es weniger Egoismus, mehr Beziehungen zwischen vielen Menschen geben. Kollontai dachte dabei vielleicht an den utopischen Sozialisten Charles Fourier, der 1841 die Vision entwickelt hatte, die traditionelle Paarfigur, den „Zwangsverband“ Ehe, aufzubrechen. „Die Liebe soll bis ins Unendliche die sozialen Bindungen vermehren.“ Kollontai geriet allerdings bald unter Kritik, berichtet Saurer: Die junge Sowjetunion, argumentierten die „Realpolitiker“,  habe dringendere Probleme als Sexualität und Familie.

Und in der Praxis zeigte die ersatzlose Streichung der alten Vorschriften auch ihre Schattenseiten, gerade für die Frauen. Saurer: „Jene Frauen, die in faktischer, nicht registierter Ehe lebten, wurden häufig nach der Geburt eines Kindes von ihren Männern verlassen, die die Anerkennung der Lebensgemeinschaft als Ehe verweigerten, die Vaterschaft bestritten und keine Alimente zahlten.“ Das sowjetische Eherecht dieser Jahre unmittelbar nach der Revolution setzte „ökonomisch gleich starke Individuen voraus, die bereit waren, die gleichen Belastungen auf sich zu nehmen“. Aber real waren diese Bedingungen weder in der Ökonomie noch in der Mentalität gegeben.

Eheschließung in Montréal 2004
Bild: Montrealais/Wikipedia

Diesen realistischen Blick holte 1949 Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ nach: Arbeit allein vermöge der Frau „eine konkrete Freiheit zu garantieren“. Beauvoir räumte allerdings auch ein, gegenüber niedrig entlohnter Erwerbstätigkeit habe das Lebensmuster Ehe, trotz eines oft unbefriedigenden Alltags, doch etwas Positives: „Die Ehe ist eine vorteilhaftere Laufbahn als viele andere.“ Saurer zitiert Oral-history-Studien, die nahelegen, dass Frauen ohne Ehemann zumindest in Deutschland noch in den 1950er und frühen 60er Jahren irgendwie nicht als vollwertig anerkannt wurden. 

Die „sexuelle Revolution“ hat den Blick von der Arbeitswelt eher wieder abgewendet. Bereits 1976 wunderte sich der Philosoph Michel Foucault, mit welcher „lyrischen Begeisterung“, mit welcher „Religiosität“ beinahe über Sex, genauer: über die Befreiung von der sexuellen Repression gesprochen wurde. Natürlich wurde diese Begeisterung dadurch gefördert, dass der Sex den romantischen Namen der „Liebe“ annahm. Zehn Jahre später provozierte der deutsche Sexualwissenschaftler Ernest Bornemann seine Leser, indem er die Geschlechterliebe, die „sogenannte Liebe“, für pure Heuchelei erklärte. Beleg: „Die putzige Situation, dass eine Frau die Werbung eines Mannes ablehnt, weil er 'nur' mit ihr schlafen will, ihn aber sofort erhört, sobald er die magischen Worte 'Ich liebe dich' intoniert.“

Der Gedanke scheint paradox: Stellt auch oder gerade die romantische Liebe, die in den Romanen und Traktaten des 19. Jahrhunderts doch immer wieder die vorgegebenen ehelichen Bindungen außer Kraft setzte, eine Fessel der Individualität dar, ein Instrument der Geschlechter- und Herrschaftsordnung? Saurers Buch endet offen, vielleicht nicht nur deshalb, weil es Fragment bleiben musste. Entgegen Bornemanns Vermutung wird die Romantik der Liebe heutzutage gerade von „Progressiven“ gern vertreten. Saurer zitiert einen sozialistischen Parlamentsabgeordneten in Frankreich, der den „Pacte civil de solidarité“ als Quasi-Ehe für homosexuelle Paare mit den Worten verteidigte,  die „Bindungen der Liebe“ seien doch universal.

Konservative Kräfte dagegen, auch das zeigen die jüngsten Auseinandersetzungen in Frankreich um eine Öffnung der Ehe, verteidigen geradezu wütend die festgefügte Geschlechterordnung der Vergangenheit mit ihrer Verschiedenheit der Rechte und Pflichten; von „Liebe“ ist dabei nicht einmal unbedingt die Rede – man denkt an die Mahnung des Priesters in Franz Grillparzers Trauerspiel „Des Meeres und der Liebe Wellen“: „Die Bräuche muss man halten, sie sind gut.“ Vielleicht, erwägt Saurer nachdenklich in einer hinterlassenen Notiz, liegt darin ja auch die „Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies“, nach der – vermeintlichen – Idylle alter Schutz- und Abhängigkeitsverhältnisse.


Neu auf dem Büchermarkt:
Edith Sauer: Liebe und Arbeit. Geschlechterbeziehungen im 19. und 20. Jahrhundert,
herausgegeben von Margareth Lanzinger,
Böhlau Verlag, Wien – Köln – Weimar 2014, ISBN 978-3-205-79535-3, 35,- € [D], 35,- € [A]



Mehr im Internet:

Gender - Wikipedia

scienzz artikel Der kleine Unterschied

 

 

 

 

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