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05.12.2014 - WISSENSGESCHICHTE

Von Gutenbeg bis zu Wikipedia

Eine Geschichte der neuzeitlichen Wissensgesellschaft

von Josef Tutsch

 
 

Peter Burke
Bild: Seighean/Wikipedia

Wie praktisch doch, dass Spielkarten auf der Rückseite früher unbedruckt waren …1790 kam in der französischen Nationalversammlung das Projekt eines Bibliothekskatalogs für das gesamte Land auf. Dazu mussten aber zunächst einmal die Inventare der örtlichen Bibliotheken auf einen einheitlichen Standard gebracht werden. Irgendjemand kam auf die Idee, dafür gäben Spielkarten doch eine ganz geeignete Schreibgrundlage her.

Tempi passati, im Zeichen des Computers ist die Zeit der großen Bibliothekskataloge, die von Hand oder mit der Schreibmaschine auf Papier oder Pappe geschrieben wurden, auch schon wieder vorbei. Vor einigen Jahren, erzählt der Kulturhistoriker Peter Burke vom Emmanuel College in Cambridge im zweiten Band seiner „Social History of Knowledge“, der soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, veranstaltete eine nordamerikanische Universität eine „feierliche“ Verbrennung der Karteikarten in ihrer Universitätsbibliothek, eine andere arrangierte eine Art „Begräbnis“.

Und auch die Bücher selbst gibt es immer mehr digital oder „online“. Die großen Lexika voran: 2012 kündigte die „Encyclopedia Britannica“ an, in Zukunft werde sie ausschließlich digital erscheinen. Wollte man den aktuellen Bestand des online-Magazins Wikipedia auf Papier drucken, hat irgendjemand ausgerechnet, wäre damit ein ganzes Ein-Familien-Haus gefüllt. Bereits die französische „Encyclopédie“, das „durchdachte Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“, umfasste, als sie 1780 abgeschlossen wurde, 35 Bände. 

Buchwerke, die den Umfang eines Möbels haben … Burke zitiert den Philosophen Bernhard Groethuysen, der in dieser Anhäufung von Wissen den Ausdruck eines bürgerlichen, nicht mehr auf Grundbesitz beruhenden Selbstbewusstseins sah: „Da habt ihr, was gelehrte Männer für euch zusammengetragen haben … Betrachtet es von nun an als euer Eigentum!“ Der britische Kulturhistoriker hat eine mehr als 500 Seiten starke Geschichte der neuzeitlichen „Wissensgesellschaft“ vorgelegt, von Gutenbergs Erfindung der Buchdruckerkunst um 1450 bis zu den Suchmaschinen im Internet, mit denen wir -  mehr oder weniger erfolgreich – versuchen, die explosionsartige Vermehrung des Wissens zu bewältigen und die begrenzte Kapazität unseres Gehirns zu überspielen.

Der Weg von Gutenbergs Druckkunst zu Computer und Internet ist nur einer von vielen Strängen in Burkes Buch, daneben stehen zum Beispiel die Nationalisierung des Wissens im Gefolge der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege - und im Gegenzug Tendenzen der Vermiscshung von Wissenskulturen, etwa durch die Emigration vieler Wissenschaftler aus Deutschland während des Dritten Reiches. Oder die Spezialisierung in immer speziellere Disziplinen, die einem bekannten Bonmot zufolge dazu geführt hat, dass Wissenschaftler heute über fast nichts fast alles wissen. Noch im frühen 19. Jahrhundert forschte einer der letzten großen Universalgelehrten, der englische Augenarzt Thomas Young, über alle Gebiete von der Wellenlänge des Lichts bis zu den ägyptischen Hieroglyphen, ahnte aber auch, man würde ihn als Arzt womöglich nicht mehr ernst nehmen, und publizierte deshalb viele seiner Artikel für die „Encyclopedia Britannica“ anonym.

Usw. usf. Eine „Geschichte der Wissensgesellschaft“. Und wenn man so will, auch eine Geschichte des Wissens selbst, womöglich eine Geschichte der Wahrheit, jedenfalls unseres Umgangs mit der Wahrheit. Oder mit dem, was wir gerade für Wahrheit halten. Burke verweist auf den deutschen Soziologen Karl Mannheim, der in den 1920er Jahren eine Theorie der sozialen Gebundenheit von Erkenntnis entwickelte. In aphoristischer Form hatte bereits der französische Schriftsteller Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert dieses Problem formuliert: „Was ist das für eine Wahrheit, die nur bis zum Gebirge gilt und die für die Menschen auf der anderen Seite zur Lüge wird!“

Blick in die British Library
Bild: Mike Peel/Wikipedia

Aber Burke ist Historiker; die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Probleme, die sich da auftun, werden in seiner Darstellung mehr angedeutet als ausgeführt. Was dem Leser auf den ersten Blick ganz paradox vorkommt: Über weite Strecken befasst sich diese Geschichte der Wissensgesellschaft gar nicht mit dem Fortschreiten der Erkenntnis, sondern im Gegenteil mit dem Vergessen und Verdrängen. Dahinter steht zunächst einmal ein Kapazitätsproblem. Um bei den großen Lexika zu bleiben: Goethe, der in der Ausgabe der „Encyclopedia Britannica“ von 1911 zwölf Spalten hatte, musste 1974 mit sechs auskommen, Luther wurde von vierzehn auf eine einzige reduziert, Platon von vierunddreißig auf weniger als eine volle Spalte. Der freiwerdende Raum wurde für Erkenntnisse etwa in Physik oder Biologie benötigt.

Natürlich hätte man diese Prioritäten auch anders setzen können. Ein „Niedergang des Interesses sowohl am Christentum als auch an der klassischen Kultur“, schreibt Burke. Man kann sich leicht vorstellen, dass eine Enzyklopädie aus dem islamischen Kulturkreis völlig anders aussehen würde als dieses englisch-amerikanische Unternehmen. Wieder anders verfuhr die „Große Sowjetische Enzyklopädie“ unter Stalin: Der Name von Stalins Widersacher Leo Trotzki wurde aus allen Artikeln konsequent entfernt, er sollte aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden.

Burke kann sich eine ironische Anmerkung nicht verkneifen: Jahre zuvor hatte Trotzki selbst noch gesagt, die Verlierer würden auf den „Müllhaufen der Geschichte“ gehören. Aber in aller Regel ist die Müllabfuhr der Geschichte, um bei dieser Metapher zu bleiben, wohl doch nicht gründlich genug, um alle Erinnerung zu tilgen. Ein Beispiel aus der Entwicklung der Medizin: Seit dem 18. Jahrhundert gerieten volkstümliche Heilmethoden immer mehr in Verruf, sie entsprachen nicht dem neu erreichten wissenschaftlichen Standard und wurden ausgeschieden – bis zu ihrer Wiederentdeckung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert.

Die Geschichte der Wissenschaft ist eben auch eine Geschichte der Eliminierung dessen, was gerade als unwissenschaftlich gilt. Und eine Geschichte des Kampfes um öffentliche Aufmerksamkeit, somit auch um Finanzen. Seit dem späten Mittelalter nahm diese Konkurrenz an Schärfe zu, weltanschaulich begründet durch ein wachsendes Vertrauen in das Prinzip des Marktes, also durch die Zuversicht, in freier, öffentlicher Auseinandersetzung werde sich am Ende das „Beste“ durchsetzen, womöglich die „Wahrheit“. Ökonomisch wurde diese Entwicklung begünstigt, indem Druck auf Papier erheblich billiger war als Handschrift auf Pergament und sich viel eher für massenhafte Verbreitung eignete. Der deutsche Übersetzer des ersten Bandes von Burkes Darstellung hat diesen Zusammenhang in den Titel gesetzt: „Papier und Marktgeschrei“. 

Den Gelehrten der frühen Neuzeit selbst ging es natürlich nicht um ein diffuses „Geschrei“, sondern um eine geordnete, wenngleich herrschaftsfreie Diskussion. Im 18. Jahrhundert bürgerte sich eine Metapher ein, die aus der antiken Geschichte entlehnt war und den Abstand zu den politischen Mechanismen in der frühen Neuzeit betonte: die „Gelehrtenrepublik“ oder das „Gemeinwesen der Gelehrsamkeit“. Die Differenzen, die etwa Weltanschauungen oder Berufsgruppen sonst trennten, wurden darin aufgehoben. Bei der Erforschung der römischen Architektur in der Renaissance taten sich Bauhandwerker und Altphilologen zusammen; unter den Subskribenten der „Encyclopédie“ im 18. Jahrhundert, die bis heute gemeinhin als antiklerikales Unternehmen gilt, waren zahlreiche Kleriker anzutreffen.

Stiftsbibliothek von Sankt Gallen
Bild: Chippeee/Wikipedia

Als die „Encyclopédie“ herauskam, wurde sie in Europa allgemein als Vehikel der politischen, ökonomischen und sozialen Reform, der Aufklärung, der Erziehung, aufgefasst. Gerade damals häuften sich Wortprägungen wie „nützliches Wissen“ oder „gemeinnützige Wissenschaften“. Auch nicht selbstverständlich: Dem griechischen Philosophen Aristoteles gut zwei Jahrtausende zuvor wäre es kaum eingefallen, in der Nützlichkeit eine Adelung der Erkenntnis zu sehen. Ob einer der Aufklärer, die hinter der „Encyclopédie“ standen, ahnte, dass gerade in diesem zunehmenden Interesse für den Nutzen die Auflösung der idealen Gelehrtenrepublik angelegt war? Nach der Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen wurde das Wissen immer mehr „nationalisiert“, nämlich den Interessen der Nationen dienstbar gemacht. Kleines Beispiel: Auf die Niederlage gegen Napoleon reagierte Preußen unter anderem mit der Ausweitung des Geographieunterrichts in den Schulen.

Von der Nützlichkeit des Wissens oder der Wissenschaften lässt sich eben nur sprechen, wenn man die Frage anschließt: nützlich für wen? 1875 wurde an der Universität Oxford ein Lehrstuhl für Sinologie eingerichtet – dahinter stand finanziell eine Gruppe von Kaufleuten, die im Fernen Osten Handel betrieben.  In der Bundesrepublik Deutschland wurde vor einigen Jahrzehnten ernsthaft diskutiert, ob man nicht den Geschichtsunterricht in den Schulen von allem „Ballast“ aus der Zeit vor der Französischen Revolution „entrümpeln“ sollte.

Aber manchmal kommt es zwischen den Erfordernissen der Tagespolitik und der gegenwartsfernen Forschung zu sehr merkwürdigen Synergieeffekten. In den 1920er Jahren gelang es dem Deutschen Hans Bauer und dem Franzose Edouard Dhorme, die im Ersten Weltkrieg, auf verschiedenen Seiten der Front, damit befasst waren, die gegnerischen Verschlüsselungs-Codes zu knacken, das Ugaritische aus dem alten Syrien zu entziffern; eine Generation später konnte der  Brite John Chadwick seine Erfahrung als Kryptograph im Zweiten Weltkrieg bei der Enträtselung der kretischen Schrift „Linear B“ nutzen.

À propos Sprache und Schrift: Die alphabetische Anordnung der Stichwörter, die uns heute bei Lexika so „natürlich“ vorkommt, wurde zwar bereit im 11 Jahrhundert in Byzanz erfunden; aber üblich wurde sie erst im 18. Jahrhundert, vor allem durch die „Encyclopédie“. Als 1771 die erste Ausgabe der „Encyclopedia Britannica“ herauskam, wurde im Vorwort das französische Konkurrenzunternehmen wegen des „törichten Versuchs, Wissenschaft in alphabetischer Reihenfolge zu vermitteln“, heftig kritisiert. Burke zieht ein nachdenkliches Fazit: Die alphabetische Anordnung sei „zeitsparend“, aber sie habe auch die „Fragmentierung“ des Wissens gefördert. Wer weiß, vielleicht verfolgten Diderot und d'Alembert, die beiden Herausgeber der „Encyclopédie“, ja mit diesem Ordnungsprinzip von vornherein subversive Ziele: Ihre Kritik an Staat und Kirche konnten sie in den vielen Querverweisen viel besser verstecken, als das in einer systematisch geordneten Abfolge möglich gewesen wäre.


Neu auf dem Büchermarkt:

Peter Burke: Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia, aus dem Englischen von Matthias Wolf unter Mitarbeit von Sebastian Wohlfeil, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 29,90 €

Peter Burke: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft, aus dem Englischen von Matthias Wolf, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2001/2014, ISBN 3 8031 3652 7 (Klappenbroschur), 19,90 €



Mehr im Internet:

Wissensgesellschaft - Wikipedia 
Peter Burke - Wikipedia 
scienzz artikel Aus der Gescichte der Wissenschaften

 

 

 

 

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