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15.12.2014 - MUSIKTHEATER

von Josef Tutsch

 
 


Es war am 17. Dezember 1864, vor 150 Jahren. In dem Theater am Boulevard Montmartre war Jacques Offenbachs „Schöne Helena“ uraufgeführt worden. Sechs Jahre lang hatte Offenbach davon geträumt, den Erfolg von „Orpheus in der Unterwelt“ wiederholen und übertrumpfen zu können. „Orpheus in der Unterwelt“ - der „opéra-bouffe“, mit der er 1858 die Gattung der großen, abendfüllenden Operette begründet hatte. Schließlich einigte er sich mit seinen Librettisten Ludovic Halévy und Henri Meilhac darauf, erneut einen Stoff aus der griechischen Mythologie auf die Bühne zu bringen.

Die Geschichte vom Prinzen Paris aus Troja, der die spartanische Königin Helena ihrem Mann abspenstig macht und dadurch den Trojanischen Krieg auslöst, eignete sich für Frivolitäten mindestens ebenso gut wie der Orpheusstoff. Vielleicht sogar besser. Bei „Orpheus“ hatten Offenbachs Liberettisten sich einfallen lassen, die Geschichte ins genaue Gegenteil zu verkehren: Nicht die Trauer eines liebenden Ehemannes bringt den Sänger Orpheus dazu, vom Gott der Unterwelt seine verstorbene Gattin zurückzufordern; es ist die „öffentliche Meinung“, die ihn dazu zwingt. Bei der „Schönen Helena“ erübrigten sich solche Kunstgriffe – die Verknüpfung zwischen einer Ehebruchsgeschichte und einem Krieg war bereits von sich aus frivol.

So hatten es bereits viele Homerexegeten in der Antike gesehen; sie waren auf die Idee verfallen, womöglich sei es gar nicht Helena selbst, sondern bloß ihr Phantom gewesen, das Paris nach Troja entführte. Mag sein, dass Offenbach, Halévy und Meilhac von Anfang an darauf spekulierten, die Homerverehrer ihrer Gegenwart würden sich, wie schon bei „Orpheus in der Unterwelt“, über die Schändung der Antike erregen und gerade dadurch dem Stück zum Erfolg verhelfen. Und so kam es dann auch. Der Schriftsteller Jules Janin erregte sich über „diesen perfiden Meilhac, diesen Verräter Halévy, diesen elenden Offenbach“; der Kritiker Timothée Trimm alias Léo Lespès erzählte den Lesern seines Blattes „Le Petit Journal“, nach der Premiere habe er sich gleich in den Originaltext vertieft, um den unangenehmen Nachgeschmack los zu werden. Irgendwie kam dann heraus, dass Lespès kein Wort Griechisch verstand.

Nachdem die ersten Vorstellungen nur mäßiges Interesse geweckt hatten, strömte das Publikum nun in Offenbachs Theater; diese „Schändung“ wollte niemand versäumen. Die Musik der „Schönen Helena“ versetze Götter und Menschen in Taumel, schrieb Léon Halévy, der Vater eines der beiden Librettisten. Jung und Alt trällerte Offenbachs Melodien; auf den Straßen wie in den Salons erklang das „Evohé!“, der Jubelruf von Offenbachs Bühnenprinzen und Theaterkönigen.

Ganz Paris lag Offenbach zu Füßen,  diesem Mozart der „Champs-Élysées“, wie Gioacchino Rossini ihn einmal nannte,
mehr noch freilich der schönen Primadonna, Hortense Schneider. Offenbachs Komponistenkollege Daniel-Francois-Esprit Auber schwärmte, es sei köstlich, sich mit ihrem Gesang die Ohren zu spülen. In der großen Liebesszene mit Paris stand sie nackt auf der Bühne – oder beinahe nackt, nach den Maßstäben, die damals auf der Bühne galten. Die Schneider war, lange vor der Erfindung des Fernsehens, eine Diva ganz nach dem Geschmack moderner Massenmedien: Mit den Nachrichten über ihre theatralischen Zornesausbrüche und ihre Affären hielt sie das Publikum in Atem, weit über den Kreis der Theaterbesucher hinaus.

Kostüm der Helena, Entwurf von
Draner, 1876
Bild: Gallica/Wikipedia

Bereits im März 1865 fand im Theater an der Wien die deutsche Erstaufführung statt, „unter des Kompositeurs persönlicher Leitung“, wie die Presse stolz verkündete; im Mai folgte eine Aufführung in Berlin. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte der Komponist, der 1819 in Köln als Sohn einer jüdischen Familie geboren war, sich in Paris noch recht mühsam als Cellist durchschlagen müssen.

Ein unbeschwerter Triumph? Dass die Operette in den Trojanischen Krieg mündet, war natürlich der antiken Fabel geschuldet. In merkwürdigem Widerspruch zu Offenbachs von Fröhlichkeit überschäumender Musik ist jedoch der gesamte Text von Ankündigungen der kommenden Katastrophe durchzogen. Das Bacchanal könne nicht ewig dauern, singt König Agamemnon – zur Begründung, dass man sich in der Gegenwart der Festfreude hingeben müsse. Prinz Paris predigt das Amüsement als allgemeine Bürgerpflicht – aber in seinen Worten scheint eine gewisse Zwanghaftigkeit durch: „Es muss sein, ich will es!“ Und Helena gebraucht kein anderes Wort so häufig wie „Verhängnis“ - womit sie eigentlich bloß sagen will, sie selbst sei für den Ehebruch nicht verantwortlich, das Schicksal wolle es eben so.

Dabei ist es doch der Oberpriester Calchas mit seinem künstlichen Donner, der da Schicksal spielt. Ein Punkt, bei dem der Zensor besonders energisch auf Änderungen drängte. Aber der Herzog von Morny, ein Halbbruder von Kaiser Napoleon III., stellte sich schützend vor das Werk. Er hatte vielen Proben beigewohnt, um sich von seinen Pflichten als Präsident der Abgeordnetenkammer zu erholen, wo er ansonsten dafür sorgte, dass die Verbindungen zur Opposition nicht ganz und gar abrissen. Sicherlich hatte er auch selbst den einen oder anderen witzigen Einfall beigesteuert. Und in einem Spottgedicht machte sich Léon Halévy  über die wohlmeinenden Ehrenretter der Antike lustig. Was der alte Spötter Lukian im 2. Jahrhundert nach Christus, meinte er mokant, wohl dazu gesagt hätte, dass moderne Christen einen heidnischen Oberpriester zu verteidigen versuchten!

In der Umgebung des Kaisers wusste man genau: Das Amüsement durch Offenbachs Operetten konnte durchaus dazu dienen, die Popularität der Diktatur aufrecht zu erhalten. Musste das „Evohé!“ nicht ein wenig auch dem Regime gelten, das sich ansonsten weder auf eine Jahrhunderte währende Tradition noch auf militärische Großtaten stützen konnte? In „Orpheus in der Unterwelt“ hatten die Librettisten dieses Betriebsgeheimnis des Zweiten Kaiserreichs offen ausgesprochen: „Das Regime ist langweilig!“, singen die Götter und zetteln aus purer Langeweile eine kleine Revolution gegen Göttervater Zeus an. Unter den Klängen der Marseillaise, versteht sich – es war die Melodie, mit der Napoleons Oheim einst halb Europa erobert hatte.

Aber die neue Operette war noch deutlicher, noch zynischer. „Lasst uns den Schein wahren!“ hatte Zeus im „Orpheus“ noch als Parole ausgegeben. In der „Schönen Helena" scheren weder die Priesterschaft noch die griechischen Könige sich groß um den Schein oder um die öffentliche Meinung. Helena fragt die Liebesgöttin, warum es ihr eigentlich solches Vergnügen bereite, die menschlichen Tugenden unter dem Druck der Leidenschaften in sich zusammenstürzen zu lassen; Prinz Orest plappert, während er mit seinen teuren Damen durch Sparta stolziert, ganz unbefangen, Papas Geld mache all das möglich, schließlich werde Griechenland ja bezahlen.

Aufführung der Matelots de la Dendre,
Ath/Belgien, 2008
Bild: Daniel71953/Wikipedia

Und mit „Griechenland“ war eben nicht nur Griechenland gemeint. „Gänzlich unkitschig, amoralisch, unsentimental, ohne alle kleinbürgerliche Melodramatik, vielmehr von einer rasanten Skepsis“, hat der Feuilletonist Egon Friedell die Operette des Zweiten Französischen Kaiserreichs später gerühmt. In dem Zynismus, mit dem diese Amoralität und Skepsis kundgetan wurde – unter den Augen höchster Repräsentanten des Kaiserreichs –, konnte der Soziologe Siegfried Kracauer freilich auch eine Vorahnung vom kommenden Ende des Kaiserreichs sehen, immerhin sechs Jahre vor dem Deutsch-Französischen Krieg. Es dauert nicht ewig, bringt einer der Könige, Agamemnon, die „Moral“ des Stücks auf den Punkt, also – amüsieren wir uns!

Offenbachs Popularität bewähre sich auch in diesem Krieg. Auf beiden Seiten der Front spielten die Militärkapellen seine Melodien. Nach 1871 jedoch, als Frankreich seine Niederlage zu verarbeiten hatte, geriet Offenbachs Operette unter Verdacht. Hatte sie womöglich die Nation moralisch geschwächt, so dass sie dem Ansturm des preußischen Militärs nicht gewachsen war?

Schlimmer erging es Offenbachs Ruhm in Deutschland. Dort hatte ein Rezensent bereits den „Orpheus“ als „Bordellmusik“ beschimpft. Das böse Wort wurde bis in die Nazizeit immer wieder aufgelegt, nun durch das Adjektiv „jüdisch“ ergänzt. Im Krieg von 1870/71 kam in Deutschland das Gerücht auf,  Offenbach habe deutschfeindliche Kriegslieder komponiert. Die „Leipziger Allgemeine“ druckte seine Zuschrift, in der er diese Meldung dementierte, mit der giftigen Bemerkung ab, Offenbachs eigentliches Attentat gegen sein Geburtsland bestehe in der Produktion seiner Opern.


Immer noch lesenswert:

Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit, Amsterdam 1937, neu erschienen bei: Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 978-3-518-58338-8, 72,00 € [D], 74,10 € [A], 95,00 CHF
als Taschenbuch (edition suhrkamp) zur Zeit vergriffen



Mehr im Internet:

"Die schöne Helena" - Wikipedia 
scienzz artikel Stationen des Musiktheaters

 

 

 

 

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