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09.12.2014 - KIRCHENGESCHICHTE

Das Martyrium im Wandel der Jahrhunderte

von Josef Tutsch

 
 

Antonello da Messina:
Hl. Sebastian, 1482
(Dresden)
Bild: Wikipedia

Sören Kierkegaard meinte einmal, Martin Luther habe der reformatorischen Bewegung einigen Schaden dadurch zugefügt, dass er nicht als Märtyrer gestorben sei. Bloß ein schrulliger Einfall des Philosophen? Offenbar haben es Luthers Zeitgenossen nicht viel anders gesehen. In den Würdigungen von protestantischer Seite, die unmittelbar nach seinem Tod erschienen, war das Thema allgegenwärtig: Selbstverständlich wäre Luther bereit gewesen, das Martyrium auf sich zu nehmen – wenn er dazu die Gelegenheit gehabt hätte.

Werte, die es wert sind, dafür sein Leben hinzugeben … Ein Gedanke, der in unserer postheroisch gestimmten Zeit eher befremden muss. Heute sei jegliche Selbstaufopferung „in Misskredit geraten“, schreibt der Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt in einem jetzt erschienen Sammelband über „Formen und Vorstellungen des christlichen Martyriums im Wandel“, es werde „als Aneiferung zu sinnloser Selbstzerstörung denunziert“.

Das Martyrium – ein Thema von gestern und vorgestern? Die anglikanische Kirche hat einige christliche Märtyrer der Gegenwart, von Dietrich Bonhoeffer bis zu Martin Luther King, als Statuen am Westportal von Westminster Abbey aufgestellt. Für die katholische Kirche hat Papst Johannes Paul II. mehr Märtyrer heilig gesprochen als alle seine Vorgänger zusammen; die meisten von ihnen lebten im 20. Jahrhundert. In den letzten Jahren wurde uns der Märtyrerbegriff noch von ganz anderer Seite aus nahe gebracht: Attentäter, die viele Menschen mit in den Tod gerissen haben, werden in der Propaganda ihrer Gruppen gern als „Märtyrer“ verklärt.

Aber was ist das, ein „Martyrium“? „Schweres Leiden“, erläutert der Duden und fügt in Klammern hinzu: „um des Glaubens oder der Überzeugung willen“. Für das frühe Christentum lag der Akzent gerade auf diesem Zusatz. Wenn die Christen sich vor Gericht für ihren Glauben rechtfertigen mussten, waren sie „Zeugen“ - das Wort „Märtyrer“ kommt von griechisch „martys“, Zeuge. Das Vorbild gab der Bericht der Evangelien vom Verhör Jesu vor dem Statthalter Pontius Pilatus. 

Durch die Zufälle der Überlieferung ist ein außerchristliches Dokument zu solchen Gerichtsverfahren im frühen 2. Jahrhundert erhalten geblieben. Der kaiserliche Gesandte Plinius der Ältere fragte bei Kaiser Trajan nach, welcher Umgang mit dem Christentum juristisch angemessen sei. Trajan  erklärte das Bekenntnis zum Christentum für strafwürdig, auf eine Fahndung von Staats wegen solle jedoch verzichtet werden. Den Richtern legte der Kaiser nahe, bei ehemaligen Christen, die vor Gericht ihren Abfall bekundeten, auf eine Strafe zu verzichten.

Das spätere Bild von den Märtyrern in diesen ersten Jahrhunderten des Christentums ist jedoch mehr von den systematischen Verfolgungen unter Kaiser Diokletian, um 300, geprägt. Unter den Christen selbst muss es jedoch schon lange vor Diokletian heftige Diskussionen gegeben haben, ob und inwieweit es dem zukünftigen Heil zuträglich sei, eine Verfolgung durch Selbstanzeige zu provozieren. Der christliche Schriftsteller Tertullian erzählt von einem drastischen Fall. In Kleinasien habe sich eine ganze Gemeinde dem Statthalter ausgeliefert, bis der sie fortschickte: „Ihr Bastarde, wenn ihr unbedingt sterben wollt, gibt es genügend Klippen zum Herunterspringen und hinreichend Seile, um sich aufzuhängen!“

Filippino Lippi: Kreuzigung des Simon
Petrus, 1481/82 (Florenz, Sta. Maria
del Carmine) - Bild: Wikipedia

Durchgesetzt haben sich solche extremen Haltungen nicht. Der Theologe Clemens von Alexandria erklärte bereits um 200 kategorisch, wer sein Martyrium selbst herbeiführe, sei in Wirklichkeit kein Märtyrer. Nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert zu einer erlaubten Religion geworden war, trat das Ideal eines christlichen Lebens mehr und mehr an die Stelle des Märtyrertodes. Die Theologen nahmen, wenn man so will, eine Aussage von Jürgen Habermas vorweg: Auch in unserer friedlichen Gesellschaft seien „für allgemeine Interessen Opfer in Kauf zu nehmen“, aber doch eher „in kleiner Münze“.

Das hinderte spätere Christengenerationen freilich nicht daran, sich auf die Märtyrer der ersten Jahrhunderte als die sozusagen „eigentlichen“ Heiligen zu beziehen. Übrigens daneben auch auf den heidnischen Philosophen Sokrates, der 399 v. Chr. den Schierlingsbecher trinken musste – ein Aspekt, den die Herausgeber des Sammelbandes völlig ausgeklammert haben. „Ungeheuer ist das Martyrium, kein Märtyrer sein zu können“, schrieb der deutsche Jesuit Philipp Jeningen 1686 an seinen Ordensgeneral. Der Mainzer Kirchenhistoriker Christoph Nebgen hat eine Fülle von Beispielen ausgegraben, dass Jesuitennovizen damals ihre Sehnsucht nach einem Märtyrertod ausdrückten, wie es viele ihrer Mitbrüder in Asien oder Lateinamerika tatsächlich erleiden mussten. Nebgen vermutet, dass die Ordensleitung solche Novizen eher nicht nach Übersee schickte: Sie wollte mit ihrem „Humankapital“ vorsichtig und verantwortungsvoll umgehen.

Aber gerade der Ruf seiner Märtyrer in Übersee verhalf dem Jesuitenorden zu seinem Prestige im Abendland. Dabei ist es weniger das Leiden selbst als vielmehr die postume Verehrung, die den Märtyrer macht, und zwar die Verehrung einer ganz bestimmten Gemeinschaft in Abgrenzung gegen andere Gemeinschaften. Christofer Zwanzig nennt als Beispiel die „Märtyrer von Córdoba“, 49 Christen, die in den 850er Jahren hingerichtet wurden, nachdem sie den Islam und den Propheten Mohammed demonstrativ geschmäht hatten. Ihr Vorgehen wurde auch innerhalb der Kirche als unnötige Provokation kritisiert; aber vom 16. Jahrhundert an, die christliche Reconquista Spaniens war bereits abgeschlossen, verklärte man diese Märtyrer zu Repräsentanten des Widerstands gegen die Muslime.

Das Vorbild für solche Prozesse der Identitätsbildung gaben die Makkabäerbücher des Alten Testaments, die Erzählung vom Aufstand der Israeliten gegen den Seleukidenkönig Antiochos IV. Epiphanes. Etwa im Kommentar des Hrabanus Maurus aus dem 9. Jahrhundert, schreibt der Pariser Historiker Gordon Blennemann, wurden die standhaften Israeliten zum “Handlungsmodell“ für das Christenvolk der Gegenwart ausgedeutet.  Bereits die Prediger auf dem Ersten Kreuzzug, 1096, so der Mainzer Historiker Ernst-Dieter Hehl, beschworen das biblische Vorbild der Makkabäer und bezeichneten die gefallenen Kreuzritter als „Märtyrer“. Der altkirchliche Märtyrerbegriff des Dulders, stellt Hehl fest, hatte sich zu dem eines christlichen Kämpfers gewandelt. Aber es blieb ein wesentlicher Unterschied: „Die 'neuen' Märtyrer genossen keine liturgische Verehrung.“

Die Herausgeber des Sammelbands haben darauf verzichtet, das Thema über den Rahmen des Christentums hinaus auszuweiten. Dabei wäre doch vor allem ein Vergleich mit dem Islam aufschlussreich gewesen. Ein Unterschied in der historischen Entwicklung zwischen Christentum und Islam springt ins Auge: Der Islam konnte in seinen ersten Jahrhunderten militärische Erfolge von Spanien bis nach Indien erzielen; das Christentum war von einer herrschenden Stellung weit entfernt und wurde im Römischen Reich blutig unterdrückt. Andererseits: Die shiitische Richtung des Islams kann sich aufgrund ihrer zeitweiligen Unterdrückung durch die sunnitische Mehrheit auf eine umfangreiche Märtyrertradition berufen. Und ganz aktuell werden die sogenannten Selbstmordattentäter, die auf Lohn im Paradies hoffen und dafür ihr eigenes Leben „opfern“, aber eben auch das vieler anderer Menschen, als „Märtyrer“ bezeichnet.

Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Fries am
Westportal von Westminster Abbey
Bild: Montrealais

Aber diese Diskussion hätte den kirchenhistorisch angelegten Sammelband wohl doch gesprengt. Der Theologe Hubertus Lutterbach von der Universität Duisburg-Essen bringt einen anderen Fall, der die säkular denkende Öffentlichkeit unserer Tage ebenso verwirrt hat: die „Santo subito!“-Rufe bei den Trauerfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. Von einem Martyrium im Sinn der Märtyrer im römischen Kaiserreich konnte in diesem Fall nicht die Rede sein. Aber Anknüpfungspunkte fanden sich im Leben des Papstes genug: seine Zeit im Krakauer Priesterseminar, das unter der deutschen Besatzung im Untergrund geführt werden musste, seine Arbeit gegen die kommunistische Herrschaft in Polen und natürlich das Attentat auf dem Petersplatz 1981.

Ein Ausnahmefall in der westlichen, in aller Regel doch friedlichen Gesellschaft von heute, gewiss. Arnold Angenendet hat die Entwicklung hin zu dem, was heute als „geistiges Opfer“, als „zwischenmenschliches Ethos“ geschätzt wird , nachgezeichnet; am Anfang stand die Kritik blutiger Opfer sowohl bei den israelitischen Propheten als auch bei den griechischen Philosophen. Die Terror-Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben uns jedoch ins Gedächtnis gerufen, dass der Abschied vom Blutopfer vielleicht doch keine Selbstverständlichkeit sein muss. Ohne die Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben, hebt Angenendt hervor, wäre der Widerstand gegen den Totalitarismus nicht möglich gewesen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Vom Blutzeugen zum Glaubenszeugen? Formen und Vorstellungen des christlichen Martyriums im Wandel,
herausgegeben von Gordon Blennemann und Klaus Herbers,
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-515-10715-0, 54,- € [D], 55,60 € [A], 75,60 CHF



Mehr im Internet:

Martyrium - Wikipedia 
scienzz artikel Heilige Menschen

 

 

 

 

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