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02.12.2014 - KULTURGESCHICHTE

Ein Mittelmeer en miniature

von Josef Tutsch

 
 

Campanile des Mar-
kusdoms in Venedig
Bild: janericloebe/
Wikipedia

Heute gilt Apulien als eine der Problemregionen Italiens. Vor beinahe 800 Jahren jedoch schickte es sich an, das Zentrum europäischer Politik zu werden. 1222 errichtete Kaiser Friedrich II., zugleich König von Sizilien, in Foggia seine Residenz; von hier aus meinte er wohl, die italienische und deutsche Politik effektiver beeinflussen zu können als vom fernen Palermo aus. Nach dem Ende der Stauferherrschaft geriet Apulien aber sozusagen auf die Rückseite des sizilisch-unteritalienischen Staates, der von Neapel aus regiert wurde. Die Könige und Vizekönige richteten ihren Blick auf das westliche Mittelmeer; im vereinigten Nationalstaat Italien wurde die südliche Adriaküste erst recht „vergessen“.

„Zu Friedrichs Zeiten war Apulien Zentrum, heute ist es Peripherie, Italiens Armenhaus“, schreibt der Berliner Journalist Uwe Rada in seiner jetzt erschienenen Kulturgeschichte der Adria. Mit Venedig  ein paar hundert Kilometer weiter nördlich ging es nicht ganz so dramatisch bergab. Die Republik des heiligen Markus konnte ihre zentrale Stellung in der Politik der Mittelmeerwelt drei Jahrhunderte lang behaupten und ihren langsamen Niedergang immerhin durch eine Blüte der Kunst und Malerei und als Hauptstadt des europäischen Karnevals kaschieren. „Venedig liegt nur noch im Land der Träume“, dichtete August von Platen 1824, ein Vierteljahrhundert, nachdem die Republik unter den Schlägen Napoleons endgültig dahin gesunken war, „und wirft nur Schatten her aus alten Tagen.“

Rada drückt es drastischer aus: eine Stadt, die „sich schamlos den Touristen darbot“ - ein Klischee, das durch Thomas Manns Erzählung „Der Tod in Venedig“ deutsche Literaturgeschichte gemacht hat. Für Bewohner, die vom Fremdenverkehr leben, hat sich, wie nüchterne Beobachter feststellen, inzwischen ein neuer Geschäftszweig aufgetan: der Verkauf von Gummistiefeln gegen die immer häufigeren Hochwasser. Goethe irrte, als er 1790 meinte, diese Probleme seien durch einen Damm, den er vor der Stadt bewundern konnte, gelöst.

Rada zitiert den kroatischen Schriftsteller Predrag Matvejevic: Venedig wurde, wahrscheinlich mehr als jede andere Stadt, unzählige Male mit der Feder oder dem Pinsel beschrieben, und dennoch fühlt sich jeder Dichter oder Maler, der in der Stadt weilt, verpflichtet, sein eigenes, vermeintlich neues Venedig-Bild zu entwerfen. Auch Matvejevic selbst: Er befasste sich mit dem „unfreiwilligen Kosmopolitismus“ mancher Bewohner in der Geschichte dieser Stadt, nämlich der „schiavoni“, der Slawen aus dem Hinterland der östlichen Adriaküste, die als Ruderer auf den Galeeren Venedigs Dienst tun mussten.

Mit diesen Ressourcen konnte die Serenissima einst große Politik machen. Ein Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen den Vormarsch der Türken, wie frühere Generationen wohl ganz unbefangen gesagt hätten? Wie gefährlich sich in unserem historischen Gedächtnis Fakten und Legenden und Wertungen miteinander vermischen, macht Rada an einer Geschichte aus Otranto deutlich. 1480 eroberte ein osmanischer Feldherr die kleine Stadt im Süden Apuliens. Von den Besiegten forderte er nicht nur die Unterwerfung, sondern auch den Übertritt zum Islam. Als sie sich weigerten, ließ er sie samt und sonders hinrichten. 1771 wurden die Opfer vom Papst selig-, 2013 heiliggesprochen.

Burg auf dem Trsat, Rijeka
Bild: Eberhard von Nellenburg/Wikpedia
„Der Kulturkampf um die Straße von Otranto und mit ihm um die westliche und die östliche Adriaküste hält sich bis in unsere Tage“, schreibt Rada. Im Sinn einer Historie der Daten und Fakten ist durchaus ungeklärt, ob es dieses Massaker wirklich gegeben hat. In der Geschichte des Islams wechselten Epochen der religiösen Repression mit solchen einer relativen Toleranz. Wenn in Gebieten wie Albanien oder Bosnien heute weite Teile der Bevölkerung muslimisch sind, dann eher, weil die christlichen Untertanen bei der Steuererhebung und bei Aushebungen für den Militärdienst benachteiligt wurden. Das war über die Generationen hinweg sogar wirksamer als offene Gewalt.

Eine Stadt wie Bari, schreibt Rada mit etwas gewagter Metapher, habe „schon immer mit einem Bein auf dem anderen Meeresufer gestanden“. In Apulien, wird geschätzt, sprechen bis heute etwa 200.000 Italiener das Albanische als Muttersprache – es sind Nachfahren von Flüchtlingen, die im 15. Jahrhundert den Türken unterlegen waren. Die Geschichte drohte sich zu wiederholen, als 1991 in Albanien eine Hungersnot ausbrach. Italien wollte die „Boat-People“ über die Adria nicht aufnehmen; einige hundert Menschen starben bei der Flucht übers Meer.

Das 18. und 19. Jahrhundert hatte eine ganz andere Art der „Migration“ gesehen: jene der Bildungsbeflissenen aus dem Norden Europas, welche die „klassischen“ Stätten der Antike und der Renaissance lebendig erleben wollten. Abgesehen von Venedig wurde die Adria in aller Regel „links liegen gelassen“. Und vom Italien der Gegenwart waren viele enttäuscht. Der Berliner Schiftsteller Gustav Nicolai wagte es sogar offen auszusprechen: „Passtorturen an den Grenzen, Schmutz und Unflat auf den Straßen, elende Speisen in den Herbergen, unverschämte Bettler, betrügerische Gastwirte, Ungeziefer in den Betten“, jammerte er 1834 in seinem Buch „Italien, wie es wirklich ist“.

Die Zeit des Massentourismus an der Adria, des „Teutonengrills“, kam jedoch erst mit dem Wirtschaftswunder, seit den 1950er Jahren – mehr eine Suche nach Sonne und Strand als nach der „Klassik“. Mit der Zeit wurden die „Massen“ sich selbst hinderlich, viele Touristen wechselten auf die andere Meeresseite, an die jugoslawische Küste. Rimini, schreibt Rada, gehört heute vor allem den Russen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die italienische Riviere neu entdeckt haben. Und auch wieder den „Riminesi“. Schade, dass Federico Fellini, der berühmteste Sohn der Stadt, das nicht mehr mitbekommt. Vor einem halben Jahrhundert beklagte er wortreich den „Verlust“ seiner Heimatstadt durch die „invasione tedesca“.

Ein „Mittelmeer en miniature“ nannte der französische Historiker Fernand Braudel einst die Adria. Seinen Namen hat das Meer übrigens von einem kleinen Ort „Adria“ im Mündungsgebiet des Po. Das staufische Apulien im hohen und die Republik Venedig im späten Mittelalter waren auch nicht die einzigen Fälle, dass die Weltgeschichte hier wenigstens vorübergehend eines ihrer Zentren hatte. 402 verlegte der Kaiser des Weströmischen Reiches seine Residenz nach Ravenna, vermutlich in der Hoffnung, von dort aus den Kontakt mit seinem kaiserlichen Kollegen in Konstantinopel eher halten zu können als von Rom oder Mailand aus.

Diokletianspalast in Split
Bild: silverije/Wikipedia
Ein Rettungsversuch für das untergehende Reich, der bekanntlich fehlschlug. Bereits 295 hatte sich Kaiser Diokletian in Spalato oder Split einen Palast bauen lassen – jedoch nicht als Residenz, sondern als Alterssitz. Vielleicht war der Ort nicht einmal langfristig geplant. Rada führt neuere Forschungen an, dass dieser „Palast“ ursprünglich als Textilmanufaktur angelegt war. Erst als der Kaiser plötzlich krank und amtsmüde war, habe er die Umwidmung in die Wege geleitet. Heute wohnen Einheimische und Touristen in dem Riesengebäude – ein lebendig genutztes Denkmal, zum Ärger von Denkmalschützern, die lieber auf „Originaltreue“ hinauswollen.

In den 1950er Jahren ließ sich der britische Gelehrte Harry Hodgkinson zu einem Gedankenspiel „Was wäre, wenn?“ verführen. Hätte ein „Rom“, das seine Mitte viel früher an die Adria verlegt hätte, von dort aus die Mittelmeerwelt womöglich zusammenhalten können – wie es den Kaisern in Konstantinopel für den östlichen Teil des Reiches ja tatsächlich noch zwei Jahrhunderte lang glückte?

Träume sind Schäume … Nach Rom sind auch die späteren Großstaaten, die an der Adria herrschten, zerfallen, das Osmanische Reich oder Österreich-Ungarn. Bereits im 18, Jahrhundert begannen die Habsburger damit, Triest zu ihrem Seehafen auszubauen, im 19. Jahrhundert wurde die Adria dann vollends von Wien aus regiert; in der Nachfolge Venedigs war der Binnenstaat der Habsburger zur veritablen Seemacht geworden. 1894 empfing Franz Joseph, Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn, seinen ungeliebten Kollegen Wilhelm II. im Seebad Abbazia auf der Halbinsel Istrien, heute Opatija. Die Menge skandierte „Živio!“, kroatisch für „Vivat!“

Ob Wilhelm das sprachlich überhaupt zuordnen konnte? Besuchern, die protokollarisch weniger eingespannt waren, entgingen die allseitigen Animositäten nicht. Spreche man einen kroatischen Bauern auf Italienisch an, ernte man einen hasserfüllten Blick, vermerkte kurz vor jenem Staatsbesuch der britische Adlige Richard Francis Burton. Am Ende gelang es den Habsburger nicht, das volle Dutzend auseinanderstrebender Völker und Sprachen in ihrem Reich zusammenzuhalten, so wenig, wie es zwei Generationen später den Herren Jugoslawiens gelang.

Unweit von Abbazia oder Opatija wurde am 12. September 1919 quasi der italienische Faschismus „erfunden“. Mit einem Gewaltstreich machte Gabriele D'Annunzio aus dem kroatischen Rijeka ein italienisches Fiume. Fünfzehn Monate lang konnte der Dichter eine halb anarchistische, halb offen totalitäre Alleinherrschaft inszenieren, in einem „Dauerzustand der Mobilmachung“, wie Rada es ausdrückt. Von Fiume aus sandte D'Annunzio Manifeste zur Befreiung der unterdrückten Minderheiten in alle Welt; so wollte er in den USA die Befreiung der Schwarzen, der Indianer und der chinesischen Einwanderer in die Wege leiten.

1920 einigten sich Italien und Jugoslawien darauf, dem „Dichter-Staat“ ein Ende zu bereiten. Rijeka wurde wieder kroatisch, wenigstens vorübergehend, bis Mussolini es 1924 dann doch seinem Staat einverleiben konnte. Heute gehen die Adria-Anrainerstaaten unter dem Druck der Europäischen Union anders mit ihren territorialen Konflikten um, resümiert Rada. Ein Stück nördlich von Dubrovnik wird das Städtchen Neum zu einem Meereshafen für Bosnien-Herzegovina ausgebaut. Damit Dubrovnik nicht durch diesen Zipfel vom Rest des kroatischen Territoriums abgeschnitten wird, baut die EU eine fünf Kilometer lange Schnellstraße auf Stelzen; eine Abfahrt ist nicht vorgesehen.

Wenn man bedenkt, dass noch 1991 in Dubrovnik der Krieg zwischen den Nachfolgestaaten Jugoslawiens tobte … Freilich, Dubrovnik oder, wie es als unabhängige Republik früher hieß, Ragusa hat viel Erfahrung damit, Pragmatismus und Unabhängigkeitswillen zu vereinbaren. „Die Freiheit wird um alle Reichtümer der Welt nicht verkauft“, verkündet eine Inschrift, die im 16. Jahrhundert über dem Eingang zur Festung eingemeißelt wurde. Aber verlassen wollten sich die Regenten der Republik auf diese Befestigungen doch nicht. Vom Sultan erkauften sie sich gegen einen Tribut von 10.000 Dukaten jährlich ihre innenpolitische Autonomie und die Sicherung ihrer Handelsprivilegien.


Neu auf dem Büchermarkt:

Uwe Rada: Die Adria. Die Wiederentdeckung eins Sehnsuchtsortes,
Pantheon Verlag, München 2014, ISBN 978-3-570-55222-3, 14,99 € [D], 15,50 € [A], 21,90 CHF



Mehr im Internet:

Adria - Wikipedia

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