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13.12.2014 - KULTURGESCHICHTE

Vollbart, Schnauzer & Co.

Zur Geschichte der Gesichtsbehaarung

von Josef Tutsch

 
 

Andreas Eberhard Rauber
Bild: Wikipedia

Den Rekord hält mit 5,33 Meter der 1927 verstorbene Amerikaner Hans Langseth. Seinen Bart trug er um den Körper geschlungen unter der Weste. Eine Zeitlang reiste er mit einem Zirkus durch die USA und präsentierte sich einem zahlenden Publikum, wurde es dann aber leid, dass die Leute immer daran zupften, weil sie prüfen wollten, ob er auch echt sei.

Barttracht kann Geld einbringen. Und Prestige. Im 16. Jahrhundert wurde der österreichische Hofkriegsrat Andreas Eberhard Rauber als „Wunder seines Zeitalters“ bestaunt. Mit seinem Bart, den er, in zwei Zöpfen geflochten, bis zum Boden trug, dann wieder hinauf bis zum Gürtel und mit dem Ende um einen Stock gewickelt, konnte er angeblich die größten Lasten heben. Manchmal bringt ein langer Bart auch den Tod. Als 1567 der Stadthauptmann Hans Staininger in Braunau am Inn des Nachts zu einem Feuerwehreinsatz gerufen wurde, stolperte er, so will es jedenfalls die Sage, über seinen mehr als zwei Meter langen Bart und brach sich das Genick. Wer's nicht glauben will – sein Grabstein an der Pfarrkirche, das ihn mit herabwallendem Gesichtshaar zeigt, ist die große Touristenattraktion der Stadt.

Der Bart – der Berner Kunstwissenschaftler Jörg Scheller und der Weimarer Kulturanthropologe Alexander Schwinghammer haben eine Essaysammlung zu Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes zusammengetragen. Das Thema ist aktuell. Seit einigen Jahren ist der Bart wieder in Mode, zunächst als Drei-Tage-Bart, inzwischen in allen möglichen Varianten, vom Vollbart über den Schnauzer und den Goatee (früher auch „Ziegenbart“ genannt) bis zu ausufernden Koteletten. „Anything goes“, lautet das Motto, erlaubt ist, was gefällt, oder: Mach was du willst. „Attraktiv ist, was auffällt, ohne anstößig zu wirken“, schreibt der Frankfurter Studienrat Dirk Krautwig. Aktueller Fall, der auf manche dann eben doch anstößig wirkte: Der Vollbart der österreichischen Drag Queen Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014.

Bart oder Nicht-Bart, das ist in solchen Fällen eine Frage des individuellen Ausdruckwillens. Aber oft auch sozialer Zwänge und praktischer Notwendigkeiten. Im Zweiten Weltkrieg hatten amerikanische Soldaten glattrasiert zu sein; man befürchtete, nach einem Flugzeugabsturz über dem Meer könnte sich Dieselöl im Gesichtshaar ansammeln und zum Erstickungstod führen. Im Dreißigjährigen Krieg hatten die Heerführer einen noch viel näherliegenden Grund, ihren Soldaten den Bart zu verbieten: Den Läusen sollte nach Möglichkeit kein Nistplatz geboten werden. Umgekehrt: Im Sommer 1862 riet einem englischen Biologen seine Frau, sich ab sofort nicht mehr zu rasieren. Er litt unter einem Ausschlag im Gesicht, der sich mit jeder Rasur verschlimmerte. Charles Darwin folgte dem Rat. Heute können wir uns den Vater der modernen Evolutionslehre ohne Vollbart überhaupt nicht mehr vorstellen.

Im österreichischen „Dienst-Reglement für die kaiserliche königliche Infanterie“ von 1807, ist in dem Beitrag des Berliner Kunsthistorikers Joseph Imorde zu lesen, war vorgesehen, dass die Soldaten sich täglich zu rasieren hatten. Das Vorbild des französischen Hofes unter Ludwig XIV. hatte Europa anderthalb Jahrhunderte der Bartlosigkeit beschert. Diese Mode wird manche Beschwernisse mit sich gebracht haben; immerhin brachte King Camp Gillette seinen Hobelrasierer erst 1903 auf den Markt, vom elektrischen Rasierapparat zu schweigen.

Conchita Wurst alias
Tom Neuwirth
Bild: Ailura/Wikipedia

1820 mussten sich die gemeinen Soldaten nur noch so oft Haare und Bart scheren, wie es nötig schien. 1873 wurden sie nur mehr aufgefordert, sich zu kämmen. Der Offiziersstand war in diesem Geschmackswandel vorangegangen, auch in Preußen. 1850 brachte die „Deutsche Wehr-Zeitung“ die Meldung, nunmehr sei es jedem preußischen Offizier freigestellt, den Bart wachsen zu lassen, wie er wolle. Allerdings folgte dem noch die dringliche Mahnung, sich „keine Urwälder“ im Gesicht zu erlauben.

Was den Offizieren recht war, das musste den Monarchen billig sein. Sowohl Franz Joseph I. als auch Wilhelm I. präsentierten sich mit Backenbart und Schnauzer. Imorde:  „Ein üppiger Bart sollte den Gesichtern den Ausdruck viriler Kraft und martialischer Fortune geben.“ Der Forscher zitiert ein Hygienehandbuch von 1868: „Sittenreine, männliche Völker ehren den Bart; feige, wollüstige, verderbte Völker scheren ihn ab.“ Sicherlich dachte der Verfasser dabei an den Sonnenkönig mit seinem rasierten Gesicht. Bereits 1837 hatte sich im „Augsburger Tagblatt“ ein Autor über das sittenlose Ancien régime entrüstet: „Die weise Natur gab uns einen Bart, und wir scheren ihn weg. Und weshalb? Weil ein französischer König durch eigene frühzeitige Wollust wie durch die Wollüste seiner Vorfahren so entnervt war, dass er jener Zierde entbehrte.“

Ob den Skribenten bewusst war, in welch uralte Tradition sie sich da stellten? Der Kirchenvater Clemens von Alexandrien um 200 n. Chr.: Gott habe gewollt, „dass das Weib eine glatte Haut habe“, „den Mann dagegen hat Gott wie die Löwen mit dem Bart geschmückt“. Anders ausgedrückt: Bartlosigkeit lasse beim Mann auf einen „weibischen“ Charakter schließen. Allgemein durchgesetzt hat sich diese Haltung nicht. Im Mittelalter, berichtet der Karlsruher Kunstwissenschaftler Beat Wyss, schrieb die lateinische Kirche ihrem Klerus sogar Bartlosigkeit vor. Das trug ganz wesentlich zur Trennung von Byzanz bei. Die Byzantiner beriefen sich auf das Vorbild des Apostels Paulus, den man sich nach Art der griechischen Philosophen mit Vollbart vorstellte. Das wurde im Westen auch gar nicht bezweifelt, aber man hielt dieses Vorbild nicht für verpflichtend und behauptete, der Apostel Petrus als Begründer des Papsttums habe keinen Bart getragen. Die Bartlosigkeit wurde zum Zeichen der Priester in Abgrenzung zu den barttragenden Laien.

Zurück in die Neuzeit. Bei der Bartlosigkeit an den Königshöfen vor der Revolution war es nur konsequent, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Vollbart als Zeichen revolutionärer Gesinnung galt. Noch 1846 verbot Preußen seinen Beamten im Zivildienst kurzerhand das Tragen von Bärten. Dass eine Generation später selbst die Monarchen wieder Vollbart trugen, meint der Münchner Journalist Benedikt Sarreiter, könnte man auch so interpretieren, dass sie sich der Volksmode anpassen wollten. Eine Generation später musste sich das Publikum in Deutschland schon wieder umstellen. Der Berliner Hoffriseur Francois Haby kreierte den „Es-ist-erreicht“-Schnurrbart, den Zwirbelbart in „W“-Form, der durch Wilhelm II. zum Symbol des preußischen und deutschen Militarismus wurde.

In den Jahren um 1910, 1920 wiederum verbreitete sich mit rasantem Tempo die  Mode der Bartlosigkeit. Das hängt zweifellos mit Gillettes Hobelrasierer zusammen, auch mit dem Umstand, dass in immer mehr Haushalten fließendes Wasser und helles Licht zur Verfügung stand. Aber eine Generation später, schreibt der kanadische Mediziner Allan Peterkin, dann doch wieder auch mit Politik. Haare im Gesicht wurden mit Marx und Engels und Lenin und Stalin assoziiert; für einige Jahrzehnte, wurde der Bart zum „Todesstoß jedes westlichen Politikers“. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Wyss, verbreitete Hollywood „ein Männerbild von glattrasierten Wangen“ rund um die Welt.

Sowjetisches Plakat von 1933
Bild: Gustav Klucis/Wikipedia

Natürlich nur bis zur nächsten Wendung der Geschmacksgeschichte. Die 1960er Jahre wurden „haarig“, lange Haare und Bärte gehörten verpflichtend zur „Uniform“ der Protestgeneration. Jörg Scheller hat bei den Beatles eine verblüffend parallele Entwicklung zwischen Musik und Gesichtsbehaarung entdeckt: Präzise mit dem Erscheinen von „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ 1967 begannen die vier, die zuvor alle mit glattrasiertem Gesicht aufgetreten waren, mit Bartformen zu experimentieren.

Die 1980er brachten die Mode der Bartlosigkeit zurück (abgesehen natürlich von jenen Stars, die sich selbst mit ihrem Bart bereits zur Ikone gemacht hatten, Beispiel: Frank Zappa), heute ist er wieder da, in endlosen Variationen. Jünglinge versuchen sich mit einem Bart ein wenig älter zu machen, alternde Männer um vieles jünger. Inwieweit da bewusst und gewollt zitiert wird, lässt sich kaum sagen. Geistliche können wie Lenin aussehen, junge Unternehmer wie Talibans – immer vorausgesetzt, dass es dem Vorgesetzten oder den Geschäftspartnern nicht missfällt.

Und wenn der Bart nicht von selbst sprießen will – Schönheitschirurgen, schreibt Mahret Kupka, Kuratorin am Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main, verlangen für einen üppigen Vollbart 7.000 Euro. Wer soviel Geld nicht übrig hat, kann es mit Tinkturen und Pomaden versuchen, ähnlich jenen, die vor hundert Jahren Haby und seine Kollegen für den „Es ist erreicht“ anbot.

Ja, solche Modewellen haben auch etwas Zwanghaftes. Manchmal auch ist die „Bedeutung“ einer Bartform durch die Geschichte ein für allemal festgelegt. Als der Zweifingerbart im frühen 20. Jahrhundert populär wurde, hatte er mit Politik zunächst gar nichts zu tun. Dass Adolf Hitler ihn trug, machte ihn zum Symbol des Bösen. „Es gibt kaum so ein effektive Mittel der Verunglimpfung wie ein schwarzes Filzstiftbärtchen, auf ein Portrait oder Wahlplakat geschmiert“, schreibt Sarreiter. Und Beat Wyss ergänzt: „Wer heute Rotzbremse trägt, steht wohl zu Recht unter Verdacht, ein politisches Zitat über der Lippe zu tragen.“ In diesem Fall ist auch von dem aktuellen „Anything goes“, über einzelne Provokationen hinaus, keine Renaissance zu erwarten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Anything Grows. 15 Essays zur Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes, herausgegeben von Jörg Scheller und Alexander Schwinghammer, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-515-09708-6, 29,90 € [D], 30,80 € [A], 41,90 CHF


Mehr im Internet:
Bart - Wikipedia 
scienzz artikel Rituale

 

 

 

 

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