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19.12.2014 - KUNSTWISSENSCHAFT

"Wie ein Pfeil, um mich zu durchbohren"

Zweieinhalb Jahrtausende Theorie des Bildes

von Josef Tutsch

 
 

Wenn die Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. bereits 3D-Simulationen gekannt  hätten … Der Maler Zeuxis, erzählt die Anekdote, soll auf einem Wandbild Weintrauben so täuschend echt gemalt haben, dass die Vögel herbeiflogen und sie anpicken wollten. Sein Kollege Parrhasios behauptete, so etwas könne er besser, er könne ihm da ein Gemälde mit Früchten zeigen ... Als Zeuxis den Schleier vor dem Bild beiseite schieben wollte, musste er feststellen: Der Schleier war gemalt.

Möglichst perfekte Nachahmung der real existierenden Außenwelt, bis hin zur vollkommenen Illusion – eine der Aufgaben, die der bildenden Kunst seit jeher zugemutet und zugetraut werden. Schon bei Zeuxis' und Parrhasios' Zeitgenossen Platon brachte diese Nachahmungsfunktion die Kunst aber auch in Verruf: Sie sei „der Wahrheit nicht kundig“, ihre Bilder seien bloß „Scheingebilde, nicht wirkliche Gegenstände“, unvollkommene Nachahmungen der irdischen Gegenstände, die ihrerseits die göttlichen Ideen sehr unvollkommen nachahmen würden.

Nur eine der vielen Kontroversen in der Geschichte der Bildtheorie in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden. Der Medientheoretiker Stephan Günzel von der Berliner Technischen Kunsthochschule und der Ästhetikprofessor Dieter Mersch von der Zürcher Hochschule der Künste haben mehr als sechzig Philosophen, Theologen, Kunst-,  Musik- und Medienwissenschaftler zu einem interdisziplinären Handbuch „Bild“ zusammengebracht. Das Spektrum der Themen reicht vom gewohnten Wand- oder Tafelbild – eben dem, was man im engeren Sinn unter „Bild“ versteht – bis zu Film und Computerspiel, von den theologischen Diskussionen in Judentum, Christentum und Islam über die Legitimität oder Illegitimität religiöser Bilder bis zur Amateurfotografie von heute.

Der Mensch sei ein sprachbegabtes Wesen, lautet ein allgemein anerkannter Grundsatz des anthropologischen Denkens. 1961 wagte es der Philosoph Hans Jonas, ein anderes Diktum neben und gegen diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zu setzen: Der Mensch sei primär „homo pictor“, ein bildfähiges Wesen; zwar könnten auch Tiere „Ähnlichkeitsbezüge“ herstellen, aber nur der Mensch sei in der Lage, Abbild und Wirklichkeit zu trennen, ein real abwesendes Objekt im Bild als anwesend zu setzen. Im Englischen, das zwischen „picture“ (einem materiell vorhandenen Bildträger) und „image“ (der Vorstellung eines real abwesenden Objekts) unterscheidet, lässt sich dieser Doppelaspekt von Präsenz und Absenz besser ausdrücken als mit dem deutschen Wort „Bild“, das beides meinen kann.

Vielleicht ein Denkanstoß, die alte Frage „Was ist der Mensch?“ treffender zu bearbeiten, als das bislang mit Begriffen wie „Sprache“ oder „Denken“ geschehen ist. Leider habe Jonas seine Idee kaum ausgeführt, bedauert der Philosoph Mark A. Halawa in seinem Beitrag zum Sammelband. Der Kunsthistoriker Hans Belting verknüpfte den Doppelaspekt von Absenz und Präsenz im Bild mit einem Punkt, der in der anthropologischen Diskussion immer schon zentral gewesen ist: „Der Widerspruch zwischen Anwesenheit und Abwesenheit besitzt seine Wurzel in der Erfahrung des Todes.“ Über die Auseinandersetzung mit dem Tod habe der Mensch zum Bild gefunden. Von ähnlichen Voraussetzungen her kam der französische Philosoph Régis Debray zu dem Schluss, die enorme Bilderflut unserer Gegenwart sei bloß die Kehrseite einer „Körperflucht“, als Verschwinden des Todes aus dem sozialen Leben.

Wettstreit zwischen Zeuxis und Parr-
hasios, Radierung von J. J. Sandrart, 1675
Bild: Projekte-Kunstgeschichte-Uni-
Muenchen

Bilderflut … In den „sozialen Netzwerken“ des Internets erleben Amateurfotografien zur Zeit einen ungeheuren Boom. „Von allem und jedem werden Bilder gemacht“, schreibt der Lüneburger Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen, diese Bilder werden im Netz „für alle und jeden sichtbar gemacht“, daraus resultieren einerseits endlose Wiederholungen der immerselben Motive, andererseits eine unaufhörliche Überschreibung von Bildern durch Bilder, in den Bildspeichern und natürlich erst recht in unserem Gedächtnis. 1936 meinte der Literaturkritiker Walter Benjamin,  durch die technische Reproduzierbarkeit von bewegten und unbewegten Bildern werde sich die „Aura“, also das quasi Kultische oder Magische an der Kunst, historisch überholen. Benjamin dachte dabei, so die Braunschweiger Philosophin Claudia Wirsch, etwa an die Techniken der Vergrößerung und Verkleinerung, Unterbrechung und Isolierung, Dehnung und Raffung, die durch Fotografie und Film möglich geworden waren und nun eine „neue Sicht auf die Dinge“ ermöglichten.

Würde sich Benjamin in seiner These vom „Verfall“, von der „Zertrümmerung der Aura“ heute bestätigt sehen? Die modernen Reproduktionstechniken stellen alles, was es damals gab, weit in den Schatten, und in der Tat mag die Einmaligkeit des Originals verloren gehen, wenn wir vor einer perfekten, möglicherweise auch bloß virtuellen Kopie im Maßstab 1:1 stehen. Aber es bleibt die Möglichkeit eines Ergriffenseins, wie der französische Philosoph Roland Barthes es 1989 in seiner „Bemerkung zur Photographie“ beschrieben hat: „Das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich  zu durchbohren.“

Besonders scharf stellt sich die Frage, was das eigentlich ist, ein „Bild“, bei den Kultbildern vieler Religionen. Oft werden sie, stellt die Zürcher Kunsthistorikerin Sophie Schweinfurth fest, nicht nur angebetet, ihnen wird auch geopfert, sie werden bekleidet und entkleidet, gefüttert, gewaschen, ausgefahren, herumgetragen, geschlagen und geküsst. Ein Abwesendes, das Göttliche, wird als real anwesend vorgestellt. Im 6. Jahrhundert v. Chr. nahm das Judentum da eine Kehrtwende vor: Der eine und einzige Gott galt nunmehr als „visuell unverfügbar“. Die göttliche Offenbarung war nicht durch das Auge aufzunehmen, sondern durch das Ohr; das Auge kam nur insoweit ins Spiel, falls der heilige Text schriftlich niedergelegt war.

Zwei gänzlich andere Formen der Distanzierung vom Gedanken einer Anwesenheit der Götter in den Bildern, eine theoretische und eine ästhetische, vollzog etwa gleichzeitig das Griechentum. Während Philosophen wie Heraklit spotteten, zu Bildern zu beten, sei etwa dasselbe wie an Häuser Volksreden zu halten, fanden die Künstler, die solche Kultbilder herstellten, immer größere Bewunderung. In dieser Ästhetisierung war auch der Weg angelegt, dass Platons Nachfolger die moralisch-pädagogischen Vorbehalte, die Platon gegenüber der Kunst und den Bildern gelehrt hatte, überwinden, ja geradezu umwerten konnten: Es sind nicht die irdischen Gegenstände, sondern die Ideen selbst, die der Künstler darstellt.

Während der Islam später die Verdammung des Götzenbildes durch die Bibel voll übernommen hat, bemühte sich das Christentum, die verschiedenen Traditionen aus Antike und Judentum miteinander zu verbinden. Der Streit zwischen Bilderverehrern und Bilderstürmern konzentrierte sich auf die Darstellbarkeit des Gottmenschen Jesus Christus. Die Potsdamer Kunsthistorikerin Janine Luge-Winter bringt die Frage auf den Punkt: „Wie kann es eine Ikone Christi geben, wenn im Gottessohn beide Naturen, die menschliche und die göttliche, untrennbar vereint sind, das göttliche Wesen aber undarstellbar ist? Was also zeigt sich in der Ikone?“

Zerstörte Heiligenköpfe: an der St. Stevens-
kerk, Nijmegen - Bild: Ziko/Wikipedia

Die Wirkungsmacht von Bildern – Barthes sprach von einem Pfeil, der den Betrachter durchbohrt, Benjamin abwehrend von der „Aura“ - zeigt sich,  wie der Rostocker Theologe Philipp Stoellger ausführt, paradox gerade in den bilderstürmerischen Aktionen, die es in den monotheistischen Religionen immer wieder gegeben hat; radikale Strömungen im Islam kennen sie bis in die Gegenwart Gegenwart. Stoellger zitiert den Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp: Der Bilderstürmer „hält die Bilder für leblos, aber indem er sie vernichtet, als wären sie lebendige Verbrecher, Hochverräter oder Ketzer, vermittelt er ihnen das zunächst abgesprochene Leben.“

Museumsbesucher werden sich in aller Regel weder als Bilderverehrer noch als Bilderstürmer verstehen. Aber gerade in den Museen werden die Bilder oft durch einen „Rahmen“ aus ihrer „profanen“ Umgebung herausgehoben, als „Löcher ins Ideale“, wie der spanische Philosoph José Ortega y Gasset einmal gesagt hat, „durchgebrochen durch die stumme Realität der Mauer“. Der Rahmen – ein ziemlich vernachlässigtes Thema der Kunstwissenschaft und Kunstphilosophie, stellt der Jenaer Philosoph Nico Brömßer fest. Heute kommen vor allem Drucke und Graphiken immer häufiger ohne materiellen Rahmen aus. Das hängt sicherlich mit der „Reproduzierbarkeit“ zusammen. Entfällt damit, wie Benjamin erwartete, die „Aura“?

Es bleibt, wie der Potsdamer Kunsthistoriker Fabian Goppelsröder nüchtern feststellt, der Umstand, dass ein Gemälde von Paul Cézanne etwas anderes ist als ein Straßenverkehrsschild. Das Schild lässt sich in eine Anweisung an die Verkehrsteilnehmer übersetzen, das Gemälde nicht; es weist ein ästhetisches „Plus“ auf, das rational zu erklären den Kunsttheoretikern bis heute nicht gelungen ist - eben das, was Barthes zu seiner Metapher vom Pfeilschuss veranlasste. Freilich, es kann auch Fälle geben, in denen wir uns nicht sicher sind. Handelt es sich, fragt der Pforzheimer Kunstwissenschaftler Thomas Hensel, bei Leonardo da Vincis anatomischen Zeichnungen um wissenschaftliche oder um künstlerische Bilder?


Neu auf dem Büchermarkt:

Bild. Ein interdisziplinäres Handbuch, herausgegeben von Stephan Günzel und Dieter Mersch unter Mitarbeit von Franziska Kümmerling, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart – Weimar 2014, ISBN 978-3-476-02416-9, 64,95 €


Mehr im Internet:

Bild - Wikipedia
scienzz artikel Kunst- und Bildttheorie

 

 

 

 

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