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kultur

01.01.2015 - KULTURGESCHICHTE

Vom Diebstahl des Prometheus zur Elektrobeleuchtung

2015 - "Jahr des Lichts"

von Josef Tutsch

 
 

Prometheus bringt den Menschen das Feu-
er Heinrich Friedrich Fueger, um 1817
Bild: Wikipedia

„Messer, Schere, Feuer, Licht sind für kleine Kinder nicht.“ Ein Kinderreim, der sich ein bisschen überholt hat; bei modernen Lichtschaltern ist schließlich keine besondere Vorsicht zu beachten. Dabei liegt es erst wenige Generationen zurück, dass offenes Feuer vom Herd die einzige Möglichkeit war, künstliches Licht zu gewinnen, wenn von Sonne, Mond und Sternen nicht hinreichend natürliches Licht zur Verfügung stand. Die Warnung, die der Reim aussprach, hatte ihren guten Sinn.

Können wir uns heute überhaupt noch vorstellen, wie das Leben ablief, als man sich mit Öllampen oder Kerzen behelfen musste? Oder noch früher, als das Herdfeuer der einzige Ort war, an dem man des Nachts etwas sehen konnte? Wann die Menschen lernten, das Feuer zu beherrschen, ist eines der großen Rätsel der prähistorischen Forschung. Als einer der ältesten Belege gilt eine Fundstätte im nördlichen Israel, vor etwa 700.000 Jahren. Wahrscheinlich diente das Feuer zunächst dem Schutz vor Raubtieren, erst später dann auch dazu, Nahrung zuzubereiten, ein wenig Wärme zu bewerkstelligen, die Nacht zu erhellen. Irgendwann gewöhnten sich Gruppen und Familien daran, um das Feuer herum zusammenzusitzen – es entstand eine neue Form der Geselligkeit, wie sie den tierischen Primaten fremd ist. Aus dem Bedürfnis, bei dieser Gelegenheit seine Erfahrungen auszutauschen, mag menschliche Sprache entstanden sein.

Die Geschichte der menschlichen Zivilisation ist nicht zuletzt eine Geschichte der zunehmenden Beherrschung des Feuers und des Lichts. „Licht und Wärme ist das höchste Ideal der Menschheit“, schrieb Friedrich Schiller an seinen Freund Christian Gottfried Körner. Die griechische Sage von Prometheus lässt vermuten, dass der Mensch sich selbst mit dieser Fähigkeit unheimlich wurde; vielleicht lag darin auch ein Ursprung der Herrschaft des Menschen über Menschen. In der Furcht, die Menschen könnten den Himmel erobern, versagte Göttervater Zeus ihnen den Gebrauch des Feuers, erzählt der Mythos. Darauf nahm der Titan Prometheus einen trockenen Pflanzenstengel, entzündete ihn am funkensprühenden Sonnenwagen und setzte mit der lodernden Fackel einen Holzstoß in Flammen.

Feuer und Licht, will die Geschichte sagen, sind Güter, die dem Menschen von Natur aus eigentlich nicht zukommen; dass wir sie dennoch besitzen, über sie verfügen können, geht auf einen Diebstahl zurück. In der Bibel spricht Gott am ersten Schöpfungstag sein „Es werde Licht!“ Dass dann nach Erfindung der Glühbirne anstelle des „Und es ward Licht“ der Reim hinzugesetzt wurde „doch es funktionierte nicht“, war mehr als bloß ein alberner Kalauer; man ahnt, wie gottähnlich sich der Mensch fühlen musste, als er plötzlich in der Lage war, sich durch einfachen Druck auf einen Schalter vom Tag-Nacht-Rhythmus unabhängig zu machen.

„Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Wenigstens in dieser Wertung waren sich griechisch-römisches Heidentum und biblische Tradition einig. Der alttestamentliche Prophet Jesaja im 6. Jahrhundert v. Chr. drückte seine Hoffnungen auf eine Erlösung des Volkes Israel in Lichtmetaphern aus: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wandeln im finstern Land, scheint es hell.“ „Ich bin das Licht der Welt“, sagt Christus im Johannesevangelium. Die Kirchenlieddichter haben dieses Motiv immer und immer wieder variiert, zum Beispiel Johannes Franck im 17. Jahrhundert: „Es glänzet deiner Krippe Strahl, ein Licht leucht' durch dies finstre Tal, es gibt die Nacht so hellen Schein, der da wird unverlöschlich sein.“

Auferstehung Christi, von
Matthias Grünwald, Isen-
heimer Altar, um 1510
(Colmar, Museum Unter-
linden) - Bild: Wikipedia

Eine Tradition, die in den Kerzen unserer Weihnachtsbäume und Adventskränze, ob nun aus Wachs oder elektrisch, lebendig geblieben ist. Und wer sich lieber auf weltliche Literatur beziehen möchte – Karl May in „Ardistan und Dschinnistan“, 1907/09: „Wir befanden uns in einem Ozeane des Lichtes, welches so rein und so klar war, dass mein Blick in die fernste aller Fernen schauen konnte.“ Mit solchen Sätzen stand der große Trivialschriftsteller in einer uralten Tradition. Mittelalterliche Theologen lehrten, der Himmel müsse aus einem edleren Element bestehen als Erde, Wasser, Luft und Feuer, eben dem reinen Licht.

In der späten Antike hatten die Philosophen des Neuplatonismus aus dem Begriff des Lichts ein ganzes metaphysisches System entwickelt, das bald auch in die christliche Theologie Eingang fand: Das göttliche, ungeschaffene, vollkommene Licht, das alles erleuchtet, gibt sich selbst an die Schöpfung weiter, unser irdisches Licht ist sozusagen ein unvollkommenes Abbild. Das Dunkel war in dieser Perspektive nur Abwesenheit des Lichts, das Böse nur Abwesenheit des Guten. Dante lehnte sich in seiner „Göttlichen Komödie“ an diese Tradition an; er bezeichnete die Hölle als einen „Ort, wo jedes Licht verglommen“.

Viele Kunsthistoriker vermuten, dass die Erbauer der gotischen Kathedralen, indem sie immer größere Fenster in die Kirchenwände brachen, sich dem Ideal einer Architektur ganz aus Licht zu nähern versuchten, einer „Lichterstadt Gottes“, dem himmlischen Jerusalem. Der Goldgrund mittelalterlicher Gemälde war als Durchblick in eine himmlische Welt des Lichts gedacht. Etwa um 1400 entwickelten die Maler jedoch den Ehrgeiz, dieses Licht zugleich als ein irdisches Phänomen darzustellen. Da werden die von Gott ausgehenden Strahlen auf die Heiligen und ihre Wunder schon mal in einem dunklen Wolkenband gebrochen – man kann sich vorstellen, dass das unter den Betrachtern damals heftige Diskussionen hervorrufen musste.

Ähnlich in der Abhandlung „Kunst des Lichts und des Schattens“ von dem Jesuitengelehrten Athanasius Kircher, 1645/46: Von der Gestalt Christi gehen Strahlen aus, die sich in den damals gebräuchlichen optischen Geräten wie Spiegel und Linse brechen. Wenige Jahre zuvor hatte der französische Philosoph René Descartes in seinen „Meditationen“ die Lichtmetapher polemisch gegen die Systeme früherer Philosophen gewendet. Die Beweisführung müsse „klar und deutlich“ sein, forderte Descartes - einsichtig im hellen Licht einer zählenden und messenden Vernunft. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Wörter wie „to enlighten“ im Englischen, „Les Lumieres“ im Französischen und „Aufklärung“ im Deutschen zu Kampfbegriffen gegen all das, was an der herrschenden Weltanschauung nun als Aberglaube erschien. „Was ist Aufklärung?“ fragte Immanuel Kant 1784 und antwortete: „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Zum „Verstand“ gehörte natürlich auch eine verständige Nutzung der Sinnesorgane. Das flackernde Licht von Kerzen und Öllampen muss den Aufklärern damals sehr unbefriedigend vorgekommen sein. Auf elektrisches Licht, wie es uns heute selbstverständlich ist, musste man aber noch bis ins späte 19. Jahrhundert warten. Die neue Beleuchtungstechnik führte zu einer Revolution des Alltags: In den Fabriken wurde Nachtarbeit möglich, in den privaten Haushalten löste sich die Familienrunde um Herd oder Kerze mehr und mehr auf, in den Innenstädten wurden die Straßen und Plätze auch des Nachts zu belebten Räumen.

Broadway und Times Square in New
York bei Nacht - Bild: Willem van
Bergen/Wikipedia

Und nicht zuletzt wurde die Feuergefahr reduziert. Freilich, es gab auch Gegenbewegungen. Die „Neonbeleuchtung“, die in den 1920er und 1930er Jahren in den Metropolen Europas und Nordamerikas in Mode kam, bezog ihre Faszination gerade aus dem im Grunde dysfunktionalen doch Flackern. Inzwischen sehen wir auch die Kehrseiten der allgemeinen Beleuchtung, etwa dass der Himmel über unseren Metropolen niemals mehr wirklich dunkel wird. „Lichtverschmutzung“, wie man so sagt. Es ist sehr fraglich, ob Kant seinen berühmten Satz von den zwei Dingen, die „das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllen - „der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ - heute noch so schreiben würde.

Inwieweit hat die moderne Technik unseren Blick auf die Welt verändert, womöglich weltanschauliche Traditionen erschüttert? Im 19. Jahrhundert ging in esoterischen Kreisen der Ehrgeiz dahin, Gespenster fotografisch festzuhalten – das eigentlich Unsichtbare sollte mit der neu erfundenen „Lichtkunst“ sichtbar gemacht werden. 1941 schrieb der Theologe Rudolf Bultmann, wohl nicht ohne den Willen zur Provokation seiner Fachkollegen, moderne Menschen könnten nicht elektrisches Licht benutzen und gleichzeitig „an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ glauben. Bultmann meinte das gar nicht antichristlich; er hoffte auf eine neue, in seinem Sinn „entmythologisierte“ Form des christlichen Glaubens – eine Intention, über die der Streit bis heute anhält.

Weiterungen des Themas, über denen man vergessen könnte, dass Licht und Beleuchtung für uns zunächst einmal ganz alltagsweltliche Phänomene sind. Da hilft uns ein Spruch von Konfuzius auf den Boden zurück: „Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu schimpfen.“ Solcher Realitätssinn hat die Menschen jedoch niemals davon abgehalten, im Licht ein beinahe überweltliches Gut zu sehen. In kürzestmöglicher Form gab Johann Gottfried Herder diesem Glauben Ausdruck, als er die Aufschrift für seinen Grabstein auswählte: „Licht! Liebe! Leben!“


Mehr im Internet:

Licht - Wikipedia 
scienzz artikel Umwelt

 

 

 

 

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