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14.01.2015 - RELIGION

oder Euro-Islam gegen Scharia-Islam

von Josef Tutsch

 
 

Bassam Tibi - Bild: Uni Graz

Ein Großteil aller Deutschen, ergaben in den letzten Jahren die Umfragen immer wieder, steht dem Islam mit Unbehagen gegenüber; was Ex-Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel gern gesagt haben und sagen - „Der Islam gehört zu Deutschland“ - wird ihnen von vielen Bürgern nicht so ohne weiteres abgenommen.

1991 brachte der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi, gebürtiger Syrer und selbst Muslim, das Stichwort „Euro-Islam“ auf. Tibis Forderung an seine Glaubensgenossen: die hergebrachten Denkschemata von Dschihad und Scharia aufzugeben und die Trennung von Religion und Staat in den westlichen Staaten vorbehaltlos zu akzeptieren. Sonst, warnte Tibi, müsste der islamischen Gemeinde die Ghettoisierung drohen – und der Mehrheitsgesellschaft ein ungeheures Gewaltpotential. Die islamische Minderheit würde sich langfristig nicht mit ihrem Ghetto begnügen, sondern auf Expansion hinarbeiten. „Erweist sich eine Vereinbarkeit von Islam und Laizismus als unmöglich, dann sieht es schwarz für das Europa des 21. Jahrhunderts aus.“

Tibi hat seine Prognose in den folgenden Jahren mehrfach wiederholt und vertieft. 1992 analysierte er den islamischen Fundamentalismus als Antwort von Teilen der islamischen Welt auf die Konfrontation mit dem technischen und ökonomischen Fortschritt im Westen: Das fundamentalistische Projekt sei der Versuch, die technischen Errungenschaften der Moderne zu übernehmen, zugleich jedoch jede Verunreinigung der islamischen Lebenswelt durch westliche Werte abzuwehren. 1998 forderte er, die Muslime in Europa müssten die Rechts- und Verfassungsordnungen ihrer neuen Heimatländer akzeptieren – eine „europäische Leitkultur“. Zugleich kritisierte Tibi jedoch ebenso eine deutsche Politik und Gesellschaft, die den Migranten die Position ewiger Ausländer zuweisen würde.

Vorläufig repräsentiert Tibi eine kleine Minderheit unter den Muslimen im Westen, ebenso wie andererseits etwa der Konvertit Pierre Vogel, der bei öffentlichen Auftritten gern vorschlägt, für muslimische Jugendliche in Neukölln, wenigstens probehalber, für ein Jahr lang, das alte islamische Strafrecht, mit Kopf- oder Gliederabhacken, einzuführen. Die muslimischen Organisationen in Deutschland sind eher bemüht, eine schroffe Entgegensetzung von „Euro-Islam“ und „Scharia-Islam“ zu vermeiden. Zum Beispiel der „Zentralrat der Muslime in Deutschland“, ein Zusammenschluss vieler nicht-türkischer Muslime, der im Januar 2015 auch die Mahnwache am Brandenburger Tor nach den Terroranschlägen in Paris mitinittiierte. 2002 veröffentlichte er eine „Islamische Charta“, zentrale Aussage: „Es besteht kein Widerspruch zwischen der islamischen Lehre und dem Kernbestand der Menschenrechte.“

Was „Kernbestand“ bedeuten soll, welche Menschenrechte womöglich also nicht zu diesem Kern gehören, bleibt offen. Das Kirchenamt der EKD hat diese Charta denn auch scharf kritisiert: „Der Zentralrat scheint in seiner Auffassung der Position islamischer Menschenrechtserklärungen zu folgen, in denen Menschenrechte als Geschenk und Gnade Gottes verstanden und an die Erfüllung religiöser Pflichten gebunden werden.“ Redlichkeitshalber wäre freilich hinzuzufügen, dass es in der Vergangenheit auch den christlichen Kirchen nicht leichtgefallen ist, die „säkulare“ Konzeption von Demokratie und Menschenrechten, ihre Legitimität unabhängig von aller Religion anzunehmen.

Tariq Ramadan
Bild: Joshua Sherurcij/Wikipedia

Andererseits wurde der Zentralrat wegen dieser Charta von manchen Muslimen als opportunistisch gescholten. Ahmad von Denffer, Referent am Islamischen Zentrum München: „Natürlich erkennt jeder Mensch, der in Deutschland lebt, die Tatsache als Realität an, dass er hier in einer säkularen Demokratie lebt. Aber das bedeutet doch nicht, dass damit diese Tatsache und Realität als begrüßenswert oder gar erstrebenswert anerkannt wird. Im Gegenteil ist diese Einsicht für die Muslime ein Ansporn, sich nach besten Kräften dafür einzusetzen, diese Gesellschaft in eine islamgemäße umzuwandeln.“

Einen anderen Versuch, Normen für ein „Muslim-Sein im Westen“, also ohne Identitätsverlust, zu formulieren, präsentierte 2001 der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan. Auch Ramadans Konzeption lief in der Öffentlichkeit zeitweise unter dem Begriff „Euro-Islam“; allerdings ging es darin gerade nicht um das Akzeptieren der Moderne, sondern um deren Überwindung, als Unterwerfung unter den göttlichen Willen. Vom Begriff des Dschihads, im Sinn eines heiligen Krieges gegen die Ungläubigen, wollte Ramadan sich verabschieden, die Scharia dagegen beibehalten, wenigstens im Prinzip. 2003 kam es im französischen Fernsehen zum Eklat, als Ramadan in einem Streitgespräch mit Innenminister Nicolas Sarkozy bei Steinigung als Strafe für Ehebruch ein „Moratorium“ vorschlug.

Äußerungen, die begreiflicherweise beim nicht-islamischen Publikum das Bild vom Islam nicht gerade ins Positive verkehrten. Bereits 1973 brachte die britische Autorin Gisèle Littmann alias Bat Ye'or in Reaktion gegen solche Konzepte die pessimistische Zukunftsvision „Eurabien“ auf. Die europäischen Staaten, prognostizierte Littmann, würden sich in naher Zukunft dem Islam unterwerfen; in diesem Eurabien wären Christen, entsprechend der „klassischen“ islamischen Rechtslehre, dann Bürger zweiter Klasse. 2011 begründete Anders Behring Breivik seine Morde in Oslo mit dem Motiv, Eurabien aufhalten zu wollen.

Wenn man mit Bassam Tibi einen „clash of cultures“ vermeiden will, scheint die Konzeption eines „europäischen“, will sagen: den Normen einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft entsprechenden Islams ein dringendes Desiderat. Entschieden für eine „liberale“ Auslegung des Korans setzt sich der „Liberal-Islamische Bund“ ein, der 2010 gegründet wurde. Man müsse die islamische Tradition „entmythologisieren“, um zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite. Manche der Positionen dürften auch bei konservativen Nicht-Muslimen auf Bedenken stoßen. So spricht sich der Bund für eine „freie und selbstbestimmte Lebensgestaltung in Verantwortung vor dem Schöpfer“ aus. Gemeint ist: einschließlich der Möglichkeit nicht-ehelicher und homosexueller Partnerschaften.

Aber gibt es so etwas überhaupt, eine „liberale“ islamische Theologie, vergleichbar den modernen Strömungen in Protestantismus und Katholizismus? Als die Islamwissenschaftler Werner Ende und Udo Steinbach 2005 ihr Handbuch „Der Islam in der Gegenwart“ in 5. Auflage herausbrachten, mussten sie passen: Ausgerechnet für einen Artikel über dieses zentrale Thema hatten sie keinen Bearbeiter gefunden. Der Wiener Politikwissenschaftler Christoph Gassner kam 2010 ausdrücklich zu dem Schluss, ein „säkularer, liberaler Islam“ lasse sich in Europa zur Zeit „kaum finden“.

Mouhanad Khorchide
Bild: Blu-news/Wikipedia

Dabei wird in zwei Bundesländern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, bereits seit einigen Jahren unter staatlicher Schulaufsicht islamischer Religionsunterricht erteilt. Eine Quadratur des Kreises – nicht nur weil auf islamischer Seite repräsentative und bevollmächtigte Ansprechpartner nach Art der christlichen Kirchen fehlen und einzelne Gemeinden oder Verbände mehr notdürftig in diese Stelle eintreten. Ziel, erklärt die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann, sei es, die Kinder zu einer kritischen, reflektierten Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Religion und mit anderen Religionen zu erziehen. Ähnlich Mouhanad Khorchide, Professor für Religionspädagogik in Münster, der seit 2010 islamische Religionslehrer ausbildet: „Wir müssen die Kinder vor menschenfeindlichen und radikalen Angeboten schützen, das geht mit dem Schulunterricht am besten.“

Khorchide arbeitet im Sinn einer historisch-kritischen Koranexegese, orientiert sich also an den Verfahren, die christliche Theologen seit der Aufklärung an der Bibel ausgebildet haben: Es sei unangebracht, die Heilige Schrift Wort für Wort auf das heutige Leben anwenden zu wollen; dennoch würde die Botschaft des Propheten Mohammed in ihrem Kern dabei erhalten bleiben. Aber einige muslimische Verbände haben gegen Khorchides wissenschaftliche Methode protestiert; sie sehen den Anspruch einer islamischen Theologie, die eben Theologie sein will und nicht bloß Religionswissenschaft oder Religionsgeschichte, als Betrachtung von außen, nicht als erfüllt an.

Und das bedeutet im Ergebnis: Von Teilen der islamischen Gemeinde wird die Legitimität des islamischen Religionsunterrichts, den Khorchides Schüler erteilen, in Frage gestellt. Außer in Münster/Osnabrück gibt es islamisch-theologische Institute inzwischen auch in Tübingen, Frankfurt am Main/Gießen und Erlangen/Nürnberg; neben Lehrern sollen auch Imame ausgebildet werden. Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan rühmte solche Zentren als einen „Meilenstein für die Integration“. „Ich bin als Politikerin nicht befugt, einer Religion zu sagen, welcher Glaube gelehrt werden soll. Ich kann nur die Möglichkeit schaffen, in der Universität, also in der Wissenschaftsgesellschaft, Raum für die Entwicklung von Theologie zu geben. Die Erfahrung in Deutschland zeigt, dass Theologie einer Religion gut tut, dass sie klärend wirkt, aufklärend.“

Weniger verklausuliert: Die Einbindung in den Universitätsbetrieb würde der islamischen Religion und der Koranexegese zum Anschluss an die westliche Wissenschaft verhelfen – indirekt damit auch zum Anschluss an die demokratische Gesellschaft. Ob diese Rechnung aufgeht? Die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“, die in Deutschland die Arbeit der türkischen Moscheen koordiniert, will ihre Nachwuchsgeistlichen wohl doch besser in der Türkei ausbilden lassen, so heißt es. Auf die historisch-geisteswissenschaftlich orientierte Arbeit an deutschen Universitäten hat die türkische Religionsbehörde nämlich keinen Zugriff.


Mehr im Internet:

Euro-Islam - Wikipedia
scienzz artikel Die Welt des Islams
scienzz artikel Religion heute

 

 

 

 

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