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02.03.2015 - PHILOSOPHIE

Vor 1.600 Jahren wurde in Alexandria die Philosohin Hypatia ermordet

von Josef Tutsch

 
 

Hypatia vor ihrer Ermor-
dung, Charles William
Mitchell, 1885 (Laing Art
Gallery, Newcastle)
Bild: Wikipedia


Die Berichte von ihrem Tod lesen sich mit ihren Grausamkeiten wie eine Märtyrerlegende aus der Zeit der Christenverfolgung. Sie wurde von ihrem Karren heruntergezerrt, nackt ausgezogen und in den Straßen Alexandrias zu Tode geschleift. Oder sie wurde mit Scherben getötet; angeblich schabte man das Fleisch mit Austerschalen von den Knochen und übergab ihren zuckenden Körper dann den Flammen.

Doch am Ende fehlt die himmlische Glorie, die Aufnahme in die Schar der Heiligen, die mit ihrem Martyrium für die Wahrheit des christlichen Glaubens zeugen. Hypatia, die im März 415, vor 1.600 Jahren, von einer aufgebrachten Menge ermordet wurde, war „Heidin“, wie man so sagt. Die damals etwa 60jährige Gelehrte gehörte zum Beraterkreis um den oströmischen Präfekten Orestes. Und der hatte sich, obwohl er selbst Christ war, bei vielen Christen unbeliebt gemacht, weil er die jüdische Gemeinde vor christlichen Fanatikern schützte. Bei einem Volksauflauf wurde Hypatia als Repräsentantin eines weltlichen Regimes getötet, das sich den geistlichen Forderungen nicht bedingungslos unterordnen wollte.

Als Anführer nennen die Quellen einen gewissen Petros, der in der Kirche den Rang eines Lektors innehatte. Hinter ihm jedoch stand die Autorität des Patriarchen Kyrillos, der die Konflikte zwischen den religiösen Gruppen in der Stadt systematisch schürte. Im Mord an Hyptia fand der Machtkampf des Patriarchen mit dem Präfekten seinen Höhepunkt. Zur Verstärkung seiner Anhänger hatte Kyrillos fünfhundert gewaltbereite Mönche aus der ägyptischen Wüste in die Stadt gerufen, die ihm als eine Art Bürgerkriegsarmee dienten.

Ob der Tod Hypatias geplant war oder sich im Lauf der Ereignisse eher zufällig ergab, ist nicht mehr zu klären. In bloß drei Generationen hatte sich die Stellung der Christen im Römischen Reich völlig umgekehrt. 311 hatte Kaiser Galerius die Christenverfolgungen für beendet erklärt und das Bekenntnis zum christlichen Glauben ausdrücklich erlaubt; zwei Jahre später waren ihm Konstantin und Licinius gefolgt. Unter Konstantins Nachfolgern wurde die christliche Kirche immer mehr privilegiert;  354 versuchte Constantius II. erstmals, die heidnische Kulte zu unterbinden; 390 erklärte Theodosius das Christentum zur einzig zugelassenen Religion.

Eine systematische Verfolgung des Heidentums wurde zunächst jedoch vermieden; nur die blutigen Tieropfer in den Tempeln wurden unterbunden. So ließ auch Orestes als Präfekt von Alexandria die heidnischen Philosophenschulen in seinem Zuständigkeitsbereich gewähren; in seiner Umgebung verkehrten nicht nur Christen, sondern auch Vertreter der heidnischen Philosophenschulen wie eben Hypatia.

Kyrill von Alexandria
Bild: Wikipedia

Eine offizielle Dozentenstelle hatte sie anscheinend nicht; sie unterrichtete wohl auf der Straße, ähnlich wie Sokrates acht Jahrhunderte zuvor. Eine Frau, die auf der Straße die Philosophin gab – das scheint auch mancher heidnische Philosophenkollege mit Unbehagen gesehen zu haben. Ein Jahrhundert nach ihrem Tod bedachte sie der Philosophiehistoriker Damaskios, einer der letzten Denker der Antike, der es wagte, sich offen als Heiden zu bekennen, recht geringschätzig.

Deutlich wird in den spärlichen Quellen immerhin: Hypatia gehörte der „neuplatonischen“ Schule an, so wie Julian, der letzte heidnische Kaiser, der 363 verstorben war. Dass sie eine Frau war, wird die Mönche aus der ägyptischen Wüste zusätzlich gegen sie aufgebracht haben. Dabei scheint ihre Philosophie der asketischen Haltung jener Mönche gar nicht so unähnlich gewesen zu sein. Eine Anekdote erzählt, sie habe einem verliebten Schüler ihr Menstruationsblut gezeigt, um ihn von solchen Wünschen abzubringen. Und daran wird historisch sein, dass sie den Körper und seine Bedürfnisse in der Tat gering schätzte.

Aber zwischen jenem Christentum, das Kyrillos und seine Anhänger vertraten, und dem Neuplatonismus stand eine Differenz, die im Grunde tiefer reichte als alles Inhaltliche: Die neuplatonischen Philosophen verstanden sich als Teil der antiken Kultur, die sie vielleicht uminterpretieren, keinesfalls jedoch aufgeben wollten. Mit Hypatias Tod gewann der Patriarch eine Schlacht im Kampf gegen den verhassten Präfekten; Orestes ' Versuche, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen, scheiterten, dabei soll Bestechung im Spiel gewesen sein. Beide Seiten schickten Gesandtschaften an den kaiserlichen Hof in Konstantinopel; Folge war, dass Kyrillos die Befehlsgewalt über seine Privatmiliz entzogen wurde, aber nur vorübergehend.

529, mehr als ein Jahrhundert nach Hypatias Tod, konnten die Anhänger des Patriarchen ihren Triumph feiern: Kaiser Justinian ließ die platonische Akademie in Athen, die Mutter aller heidnischen Philosophenschulen, schließen. Blickt man auf die Inhalte, sieht die Entwicklung jedoch keineswegs so geradlinig aus; anders als Kyrillios das beabsichtigt hatte, vollzog sich die Geschichte des Christentums in immer wieder neuen Anläufen, die Botschaft des Neuen Testaments mit der antiken Geisteswelt zu versöhnen. Bereits Kyrillos' Zeitgenosse Synesios, Bischof von Ptolemais, der selbst bei Hypatia studiert hatte, machte in seinen Schriften klar, dass Bildung für ihn wichtiger war als der Gegensatz zwischen Heiden und Christen.

Es gelang Kyrillos' Anhängern auch niemals, die Geschichtsschreibung über Hypatia in strikt anti-philosophischem Sinn zu vereinheitlichen. Um 340 lobte Sokrates Scholastikos in seiner „Kirchengeschichte“ die tugendhafte Persönlichkeit der Philosophin und verurteilte ihre Ermordung als unchristlich. Aber beherrschend wurde eben doch die Sicht des ägyptischen Bischofs Johannes von Nikiu, der im 7. Jahrhundert Hypatia als bösartige Zauberin beschrieb.

Titelblatt von JohnTolands "Hypatia",
Ausgabe von  1753 - Bild: Wikipedia

Die Neuzeit hat diese Perspektive umgekehrt. 1720 brachte der irische Religionsphilosoph John Toland seine Schrift „Hypatia“ heraus, Untertitel: „Die Geschichte einer wunderschönen, höchst tugendhaften, hochgelehrten und vollkommen gebildeten Dame, die durch die Geistlichkeit von  Alexandria in Stücke gerissen wurde“. 1781 beschrieb der Historiker Edward Gibbon ihre Ermordung als einen Paradefall der „Heidenverfolgung“ in der christlichen Spätantike.

Und natürlich wurde ihr Schicksal in jüngster Zeit durch die feministische Geschichtsschreibung wiederentdeckt. Ein Beispiel dafür, „wie man mit der weiblichen Intellektualität und  mit weiblicher Autorenschaft umzugehen pflegte“, schrieb die österreichische Philologin Henriette Harich-Schwarzbauer 1997. Ob die historische Hypatia tatsächlich eine bedeutende Denkerin war oder ob sie ihren Nachruhm vielleicht doch ihrem Tod verdankt, muss freilich offen bleiben; die Quellen erlauben  keine Antwort. Von Hypatias philosophischen, mathematischen und astronomischen Schriften ist keine einzige Zeile erhalten geblieben; da haben ihre Feinde ganze Arbeit geleistet. So muss offen bleiben, inwieweit ihr Portrait in dem  Film „Agora“ von dem spanischen Regisseur Alejandro Amenábar die historische Wahrheit widerspiegelt: Die von Kyrillos als „Hexe“ diffamierte Hypatia, dargestellt von Rachel Weisz, stirbt als Märtyrerin eines aufgeklärten, kritischen Denkens.


Mehr im Internet:

Hypatia - Wikipedia 
scienzz artikel Philosophie der Antike

 

 

 

 

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