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kultur

14.04.2015 - AMERIKANISCHE GESCHICHTE

Phantasien vom Tyrannenmord in einer demokratischen Gesellschaft

von Josef Tutsch

 
 

Abraham Lincoln - Bild: Wikipedia

14. April 1865. Wenige Tage zuvor hatten die Truppen der „Konföderation“, der sklavenhaltenden amerikanischen „Südstaaten“, kapituliert. Gemeinsam mit seiner Frau Mary besuchte Präsident Abraham Lincoln an diesem Abend das Ford's Theatre in Washington. Nachdem die prominenten Gäste in der Loge Platz genommen hatten, verabschiedete sich der Leibwächter, um selbst im Parkett seinen Zuschauerplatz zu finden. Besondere Sicherheitsmaßnahmen galten als unnötig; die USA hatten keinerlei Erfahrungen mit Attentaten auf ihre Präsidenten. Politischer Mord sei ganz und gar „unamerikanisch“, meinte Lincolns Staatssekretär William H. Seward einmal; man werde diese Form des Personalwechsels dem politischen System der USA auch nicht aufpfropfen können.

Und dann war plötzlich alles anders. Gegen 22 Uhr betrat der Schauspieler John Wilkes Booth das Theater, stürmte die Loge und schoss dem Präsidenten mit seiner Vorderladerpistole aus unmittelbarer Nähe in den Kopf. Über das Geländer sprang er ins Parkett und rief laut die Devise von Virginia, einem der Südstaaten, die im Bürgerkrieg unterlegen waren: „Sic semper tyrannis!“, „übersetzt etwa: „Tod den Tyrannen!“ Marcus Iunius Brutus soll den Satz geprägt haben, als er 44 v. Chr. an dem Attentat auf Caesar beteiligt war. In der allgemeinen Verwirrung konnte Booth entkommen.

Das Attentat auf Abraham Lincoln als „Tyrannenmord“, als vielleicht nicht legale, aber doch legitime Verteidigung einer verfassungsmäßigen Ordnung gegen den Umstürzler, der die entscheidende Machtposition an der Spitze des Apparates doch bereits erobert hat? Die Nachwelt hat dem Attentäter Unrecht gegeben. Wenige Monate nach Lincolns Tod wurde die Sklaverei in den USA verboten. Und wer wollte bestreiten, dass wir darin einen welthistorischen Fortschriftt zu sehen haben?

Als Lincoln 1860 sein Amt angetreten hatte, gab es auf dem Gebiet der USA etwa 3,5 Millionen schwarze Sklaven. Sklaverei war eine gesellschaftliche und juristisch anerkannte Institution, die auch von den meisten Predigern der amerikanischen Kirchen theologisch und moralisch gerechtfertigt wurde. „Einige Menschen“, schrieb 1864 der Jurist George Fitzbough aus Virginia, „sind mit einem Sattel auf dem Rücken geboren, und andere sind gestiefelt und gespornt, um sie zu reiten. Und beiden tut es gut!“

Und zwar deshalb, weil der weise und gütige Schöpfergott es so gewollt hatte. „Als niedrigster Sklave soll er seinen Brüdern dienen“, sagt der Patriarch Noah in der Bibel über seinen Sohn Ham, den Ahnvater der Schwarzen. Da vermischten sich die Erzählungen des Alten Testamens mit den naturrrechtlichen Argumentation griechischer Philosophen. Die einen Menschen, hatte bereits Aristoteles gelehrt, seien „durch die Natur selbst zu freien Leuten und ein anderer zu Sklaven bestimmt". Und für die letzteren sei es "gerecht und zuträglich, auch wirklich Sklaven zu sein".

Zeitgenössische Lithographie vom Attentat
auf Abraham Lincoln - Bild: Wikipedia

Freilich, es gab starke Gegenströmungen, vor allem im Umkreis der Quäker und der Methodisten; sie fanden bereits im Text der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 ihren Ausdruck: „dass alle Menschen gleich erschaffen werden“ und „dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden“. Pathetische Worte, die nicht nur als Forderungen der Kolonisten an Krone und Parlament im fernen London wirkten. Die Frage war unvermeidlich, was es mit diesen „unveräußerlichen Rechten“ schwarzer Menschen denn in Amerika selbst auf sich habe; schließlich konnte man schlecht sagen, im Ausdruck „alle Menschen“ seien die Schwarzen nicht mit gemeint.

Und das war keine bloß rechtsphilosophische, sondern in eminentem Maß auch eine rechtspraktische Frage; im Laufe des 19. Jahrhunderts drängte vor allem die wachsende Mobilität zwischen den Nord- und den Südstaaten auf eine Entscheidung hin. Wenn ein Sklave aus dem Süden in einen der „sklavenfreien“ Staates des Nordens wechselte: musste dieser Staat dann ihn und seine Freiheit vor dem ehemaligen „Halter“ schützen? Oder musste dieser Staat, in dem es ansonsten keine Sklavenhaltung gab, gerade umgekehrt den Halter vor einer „Enteignung“ schützen?

Lincoln gehörte jenem Flügel der alten Republikanischen Partei an, der die Sklaverei ablehnte. Als er 1860 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, hatte er sich vorgenommen, in einem geordneten parlamentarischen Verfahren auf die endgültige Abschaffung des Sklaverei hinzuarbeiten, gegen Entschädigung der Sklavenhalter, wie sich das für ihn von selbst verstand. Enteignung – das wäre für ihn in der Tat ein Akt der Tyrannei gewesen. Keinesfalls war er gewillt, im Streit über die Sklaverei den Fortbestand der Union aufs Spiel zu setzen.

Doch Lincolns Wahl wurde von einigen Staaten als Signal verstanden, innerhalb der Union lasse sich der gesellschaftliche Umsturz nicht mehr verhindern; sie traten aus und gründeten die „Konföderation“. Es war dann aber gerade diese „Notbremse“, durch die Lincoln und die Organe der Union sich ermächtigt sahen, mit dem „Eigentum“ der Sklavenhalter in den „feindlichen“ Staaten nach Kriegsbrauch zu verfahren. 1863, mitten im Krieg, wurde eine Proklamation verkündete, die alle Sklaven auf dem Gebiet der abgefallenen Südstaaten befreite. Nur auf dem Gebiet dieser Südstaaten: In jenen sklavenhaltenden Staaten, die nicht aus der Union ausgetreten waren, blieben die alten Verhältnisse noch für einige Jahre unangetastet.

„Du wirst eines Tages Lincoln zum König von Amerika gemacht sehen“, soll Booth in diesem Jahr 1863, kurz nach dem militärischen Sieg der Union bei Gettysburg, einem Freund prophezeit haben. „König von Amerika“ - das war der Titel, den er in seinen Schreckensphantasien dem „Tyrannen“ gab. Der Berliner Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorf hat nachgewiesen, wie intensiv das politische Denken Amerikas damals von den Kämpfen um die Römische Republik der Antike und vom Pathos der Römertragödien William Shakespeares geprägt war.. Caesar hatte jeden Verdacht abweisen wollen, er strebe nach der Königs- oder Tyrannenkrone. Ebenso beteuerte Lincoln während des Bürgerkrieges immer und immer wieder: „Mein oberstes Ziel in diesem Krieg ist es, die Union zu retten; es ist nicht, die Sklaverei zu retten oder zu zerstören.“

John Wilkes Booth
Bild: Wikipedia

Aber genau das nahmen die Attentäter um Booth ihm nicht ab, so wenig wie es die Attentäter um Brutus einst bei Caesar getan hatten. Ob Booth eine Ahnung davon gekommen ist, dass die Nachwelt ausgerechnet in diesem moralischen Impetus, den Lincoln selbst so demonstrativ hintanstellte, den großen Fortschritt dieser Geschichtsepoche sehen würde? Und zwar unabhängig von dem, was die Beteiligten damals „eigentlich gewollt“ haben? Der amerikanische Bürgerkrieg ist bis heute ein Streitfeld auch der Wirtschaftshistoriker. Lange stand die Lehre im Vordergrund, die Erfindung des Rübenzuckers habe in den Südstaaten der USA zu einem Überschuss von Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen geführt, die ihre Produkte nicht mehr absetzen konnten; die Migration von Sklaven in die nördlichen Staaten habe die gesamte Union in Probleme gestürzt, der Konflikt sei in den Bürgerkrieg gemündet. Kurzum: Die Sklavenbefreiung habe sich als Nebenprodukt eines Fortschritts auf dem Gebiet der Zuckerherstellung ergeben.

Daran dürfte so viel richtig sein, dass die politische Bereitschaft, gegen die Sklaverei vorzugehen, durch solche ökonomischen Umstände entscheidend gefördert wurde - und so viel falsch, dass die ersten formellen Verbote der Sklaverei mindestens bis auf die 1780er Jahr zurückgehen; zu dieser Zeit konnte der Rübenzucker dem Rohrzucker noch längst nicht Konkurrenz machen. Natürlich werden umgekehrt die Nachweisprobleme nicht geringer. 2009 erklärte der Rostocker Historiker Egon Flaig in seiner „Weltgeschichte der Sklaverei“ frank und frei, der amerikanische Bürgerkrieg sei „nicht um ökonomische oder sonstige Interessen geführt worden“, sondern es ging „um eine einzige fundamentale Angelegenheit: ob die Sklaverei siegte oder nicht“.

Und natürlich wurde das Geschehen, so oder so durch Poesie und Populärkultur verklärt. Noch im Jahr von Lincolns Tod machte Walt Whitman den Politiker zur Hauptfigur einer Helden- und Heiligenlegende: „O Captain! My Captain!“ Ein Schiff kehrt nach siegreicher Schlacht zurück, auf den Planken des Oberdecks liegt der im Kampf gefallene Kapitän. Das Gedicht entkleidete den Tod aller historischen Umstände und erhob ihn in die zeitlose Idealität des Mythos.

Umgekehrt sparte die Selbstvergewisserung, die der unterlegene Süden in den folgenden Jahrzehnten in Angriff nahm, die Person des siegreichen Gegners und all jene Skrupel, die er sich selbst mit diesem Konflikt gemacht hatte, konseqeunt aus. Der Krieg mitsamt Sklavenbefreiung wurde zur Verschwörung dunkler Mächte, die dem „southern way of life“ den Garaus hatten machen wollen. Moderner Materialismus siegt über eine noble, technisch jedoch unterlegene Kultur - in Margaret Mitchells Roman "Vom Winde verweht" lebt die Legende vom "alten Süden" fort.

„Ich bin verzweifelt“, notiert Booth auf der Flucht in sein Tagebuch. „Und warum? Weil ich das getan habe, wofür Brutus geehrt wurde und was Wilhelm Tell zu einem Helden machte. Aber ich, der ich einen größeren Tyrannen getötet habe, als sie je einen kennengelernt haben, werde als gemeiner Mörder betrachtet.“ War ihm inzwischen eine Ahnung gekommen, wie wenig dieses Shakespearsche Tyrannenstück, das er da in die Politik seiner Gegenwart hinein imagimiert hatte, mit Lincoln als Caesar, sich selbst als Brutus, den realhistorischen Gegebenheiten entsprach?


Mehr im Internet:

Attentat auf Abraham Lincoln - Wikipedia
scienzz artikel Amerikanische Geschichte

 

 

 

 

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