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04.05.2015 - RELIGIONSGESCHICHTE

Die verfolgte Familie des Propheten

Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten im Islam

von Josef Tutsch

 
 

Imam-Husain-Moschee in Ker-
bela - Bild: Larry E. Johns/
Wikipedia

Gleich nach dem Tod des Propheten Mohammed 632 kam es zum Streit in seiner Gemeinde. Sowohl sein Schwiegervater Abu Bakr als auch sein Schwiegersohn Ali beanspruchten die Nachfolge. Abu Bakr setzte sich durch; auch bei der zweiten und der dritten Wahl eines Kalifen hatte Ali das Nachsehen. Erst als 656 ein vierter Kalif gewählt werden musste, wurde Alis Anspruch wenigstens in einem Großteil der islamischen Gemeinde anerkannt. Sein Glück hielt nicht lange: 661 wurde er ermordet.

Seine Anhänger wurden als die „Partei Alis“ bezeichnet, arabisch „schiat Ali“; daher heißt die zweitgrößte Konfession des Islams, ca. 15 Prozent, bis heute „Schiiten“. Ihr Glaube beruht auf der Voraussetzung, dass Mohammed selbst Ali zu seinem Nachfolger bestimmt habe. Und in der weiteren Folge dessen Söhne aus der Ehe mit Mohammeds Tochter Fatima, Hasan und Husain, sowie deren Nachkommen.

Politische und religiöse Nachfolge kraft eines Familiencharismas also, während Abu Bakrs Position eher in seinen Predigerfähigkeiten begründet war; als Mohammed im Sterben lag, führte Abu Bakr der Überlieferung zufolge das Gebet der Gemeinde an. Anscheinend hatten Ali und seine Söhne auch gar nicht den unbedingten Willen zur politischen Führung. Immer wieder wurden die konkurrierenden Kalifen von ihnen, wenngleich zögerlich, anerkannt; Hasan ließ sich seinen Anspruch sogar gegen eine große Geldsumme abkaufen, was ihm heftige Kritik seitens seiner Anhänger einbrachte.

Gut möglich, dass diese Spaltung der islamischen Gemeinde längst Vergangenheit wäre, wenn nicht Husain, der jüngere Prophetenenkel, 680 doch den Kampf um das Kalifenamt gegen die herrschende Umayyadendynastie aufgenommen hätte. Kalif Muawiya, mit dem sein Bruder den Vertrag abgeschlossen hatte, war gestorben; gegenüber seinem Nachfolger Yazid fühlte sich Husain nicht gebunden.

Im September 680 brach Husain mit einer kleinen Heerschar von Mekka aus auf, um in Mesopotamien die umayyadischen Truppen zu einer Entscheidungsschlacht herauszufordern. Inwieweit er sich ernsthaft Chancen ausrechnete, ist nicht ganz klar; vielleicht ließ er sich durch optimistische Berichte von Anhängern täuschen, vielleicht war es ja auch die Tat eines Verzweifelten. Als die beiden Heere Anfang Oktober vor der Stadt Kerbela einander gegenüberstanden, soll Husain seinen Soldaten gesagt haben, sie seien frei, ihn zu verlassen. In der Schlacht würden sie alle sterben.

Mohammed gibt Ali seine
Tochter Fatima zur Frau

Und so kam es dann auch. Die Schlacht von Kerbela am 10. Oktober 680, in der Husain und seine sämtlichen Mitstreiter im Kampf gegen einen übermächtigen Gegner ums Leben kamen, gilt unter den Schiiten bis heute als das Urbild des religiösen Martyriums. Und der Revolte gegen islamische Herrscher, die als illegitim angesehen werden: Als 1979 Schah Reza Pahlavi aus dem Iran verjagt wurde, erschollen „Yazid“-Rufe durch das Land – Yazid, der Kalif, der den Tod des Prophetenenkels zu verantworten hatte.

Einerseits die „Sunniten“, die sich in der Tradition des Kalifats von Abu Bakr sehen, andererseits die Schiiten, die „Partei Alis“ - die Schlacht von Kerbela machte diese Spaltung unumkehrbar. Husains Sohn Ali Zain al-Abidin hatte wegen Krankheit nicht an dem Kampf teilnehmen können; über ihn führen die Schiiten heute die Linie ihrer eigenen Kalifen, der „Imame“, fort. Dass dieser Ali über seine Mutter von der Dynastie der Sassaniden abstammen soll, sich also „Prinz von Persien“ hätte nennen dürfen, gibt den Imamen zusätzlich einen Anspruch auf weltliche Herrschaft.

In Iran und Irak stellen die Schiiten die Mehrheit der Bevölkerung, im Iran bilden sie die Staatsreligion. Die schiitische Richtung dort zählt zwölf solcher Imame; der letzte, Muhammad al-Mahdi, ist eine der geheimnisvollsten Gestalten der gesamten Religionsgeschichte. Von Sunniten wird bestritten, dass er jemals gelebt hat; sein Vater Hasan wäre 874 gestorben, ohne einen Sohn zu hinterlassen.   Die Anhänger der „Zwölfer-Schia“ dagegen glauben, dass er eine historische Figur ist, bereits als Kind jedoch von Gott in die „Verborgenheit“ entrückt wurde und am Ende der Zeiten unter dem Titel „al-Mahdi“ als Erlöser der Menschheit zurückkehren wird, um das Werk des Propheten zu vollenden.

Zusammen mit Mohammed und dessen Tochter Fatima, Alis Ehefrau und Mutter von Hasan und Hussain, gelten die zwölf Imame als die „Vierzehn Unfehlbaren“. Aus sunnitischer Sicht sind solche Dogmen, von der herausgehobenen Stellung Alis bis zum „verborgenen Imam“, der frappant an die christliche Erwartung der Wiederkunft Christi erinnert, natürlich eine Aufweichung des Monotheismus. Ganz praktisch hat vor allem die Erinnerung an den Tod Husains in die Schia Frömmigkeitsformen hineingetragen, die dem Islam ansonsten fremd sind. Jahr für Jahr wird im Iran das Leiden des Prophetenenkels in zehntägigen Passionsspielen nachgestellt; die Gläubigen geißeln sich mit Ketten blutig, verwunden sich selbst mit Dolchen.

Unter dem Schah galten diese Veranstaltung als derart massenwirksam, dass sie verboten wurden. In Kerbela, das heute im Irak liegt, hat sich sogar ein Kult um die Gräber der Gefallenen ausgebildet; fromme Schiiten aus aller Welt lassen sich dort beerdigen, um im Tod ihren Heiligen nahe zu sein. Um die Gräber aller Imame und vieler ihrer Nachkommen haben sich Wallfahrtsorte ausgebildet – in der Wahrnehmung von Sunniten eine gotteslästerliche Konkurrenz zu Mekka.

Schlacht von Kerbela - Bilder: Mohammad
Moddaber/Wikipedia

Die Zwölfer-Schiiten sind jedoch nicht die einzige schiitische Gruppe. Daneben gibt es die Ismailiten, die nur die ersten sieben der Imame anerkennen, und die Zaiditen, deren Imame-Reihe nur fünf Namen umfasst; die Zaiditen haben in den letzten Monaten durch ihren Bürgerkrieg gegen die sunnitische Bevölkerungsmehrheit im Jemen international Aufmerksamkeit erregt. Und, ein wenig am Rande der Schia und nach Meinung vieler des gesamten Islams, die Aleviten in der Türkei und – nicht zu verwechseln damit - die Alawiten in Syrien, die das islamische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes“ auf diese oder jene Weise durch eine Mystik von Ali als dem „Freund Gottes“ ergänzen.

Ganz so „ketzerisch“, immer aus sunnitischer Sicht, sind die übrigen schiitischen Richtungen nicht; aber es sind eben gerade solche theologischen Unterschiede, aus denen heraus zum Beispiel die Bevölkerungsgruppen im Irak ihr Selbstverständnis, ihr „Wir-Gefühl“, ziehen. Der „Islamische Staat in Irak und Syrien“ definiert sich selbst als rigoros sunnitische Organisation; Schiiten gelten als Abweichler und Ungläubige, die mit dem Tod zu bestrafen sind. Unvermeidlich, dass sich mit solchen Gruppenbildungen dann auch der Streit um handfeste Interessen verknüpft – Einnahmen aus dem Ölgeschäft etwa. Manchmal jedoch vergessen gerade die Radikalen aus beiden „Konfessionen“ ihre Differenzen, vor allem, wenn es um die gemeinsame Gegnerschaft gegen die USA oder „den Westen“ geht.

Es hat in der Vergangenheit sogar Anläufe gegeben, die Spaltung zu überwinden. 817 bestimmte der Kalif al-Mamun aus der Abbasidendynastie den achten Imam, Ali ibn Musa, zu seinem Nachfolger; aber Ali starb bereits im Jahr darauf. Mag sein, dass al-Mamun sich den Schiiten verpflichtet fühlte; ihre Opposition gegen die Umayyaden hatte es seiner eigenen Familie erleichtert, die Macht zu übernehmen. Jedenfalls beteuerten die sunnitischen Chronisten, al-Mamun habe den Plan der Versöhnung sehr ernsthaft verfolgt; die Schiiten dagegen verdächtigen den Kalifen bis heute, er habe von vornherein geheuchelt und seinen „Kronprinzen“ vergiften lassen.
 
Trotz aller Verfolgugen – im Iran konnten sich die Schiiten als Staatsreligion durchsetzen, 1979 übernahmen die schiitischen Kleriker sogar selbst die Macht. In der Verfassung wurde der 12. und letzte Imam zum Staatsoberhaupt erklärt. „Während der Abwesenheit des entrückten 12. Imams – möge Gott, das er baldigst komme – steht die Führungsbefugnis dem gerechten, gottesfürchtigen, über die Erfordernisse der Zeit informierten, tapferen, zur Führung befähigten Rechtsgelehrten zu“ - also dem jeweils höchsten Geistlichen.

Stellvertretend für die Familie Alis und der Prophetentochter Fatima nehmen die „Rechtsgelehrten“ die höchste Position in der Theokratie ein. Das ist in der Geschichte der islamischen Länder aber eher die Ausnahme. In aller Regel wurde die schiitische Konfession in der Untergrund gedrängt; es bildete sich eine eigene Theologie der „Vorsicht“ heraus, arabisch „taqiya“. Bereits im frühen 8. Jahrhundert hatte der Dichter Kumait in einem Gedicht beklagt, er könne nur heimlich auf der Bahn der Aliden wandeln und müsse öffentlich eine andere Gesinnung vortäuschen; der sechste Imam, Dschafar, empfahl seinen Anhängern offiziell diese Strategie, um einer Verfolgung zu entgehen. Auch darin liegt ein Moment, das die Aggressivität in der Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten erklärt: Ausgerechnet die Familienangehörigen des Propheten und ihre Anhänger mussten von Seiten der islamischen Mehrheit immer wieder Verfolgungen erdulden.


Mehr im Internet:
Schiiten - Wikipedia
Sunniten - Wikipedia
scienzz artikel Islam

 

 

 

 

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