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14.07.2015 - KUNSTGESCHICHTE

"Eine andere Art des Denkens"

von Josef Tutsch

 
 

Kunsthistoriker Gottfried Boehm
Bild: Kunsthistorisches Seminar Basel

„Im Anfang war das Wort“, übersetzte Martin Luther den Beginn des Johannesevangeliums. Eine Wiedergabe, mit der sich Goethes Faust nicht zufrieden geben wollte. Seinem unruhigen Geist genügte das Wort nicht, er schrieb den Bibeltext kurzerhand um: „Im Anfang war die Tat!“ Das war, so setzt Goethes Dichtung es voraus, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Spätestens seit dem Siegeszug des Fernsehens in den 1950er Jahren drängt sich der Eindruck auf, dass wir wiederum Zeitgenossen eines Paradigmenwechsels sind: Statt der Worte bestimmen immer mehr Bilder, auch bewegte Bilder, unsere Welt.

Dabei dachte der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm gar nicht so sehr an diese Umwälzung in unserem Alltag, als er in den 1990er Jahren das Wort vom „Iconic turn“, von der „Wendung zum Bild“, prägte. Sein Ausgangspunkt waren sprachphilosophische Reflexionen, wie sie seit dem 19. Jahrhundert die alten metaphysischen Systeme mehr und mehr unterminiert haben. 1967 stellte der amerikanische Philosoph Richard Rorty eine Anthologie von Texten zur „sprachanalytischen“ Philosophie zusammen und gab ihr den Titel „Linguistic turn“. Boehm konzipierte sein eigenes Forschungsprogramm als Fortführung dieser Reflexion auf Sprache, des „linguistic turn“:  „Der linguistic turn führt konsequenterweise in den iconic turn.“

Die Medien- und Literaturwissenschaftler Marius Rimmele von der Universität Zürich, Klaus Sachs-Hombach, UniversitätTübingen, und Bernd Stiegler, Universität Konstanz,  haben jetzt einen Sammelband mit Aufsätzen herausgebracht, die einen Rückblick auf das Vierteljahrhundert Diskussionen über diesen „turn“ bieten. Streng genommen müsste man von „turns“ im Plural reden; denn etwa gleichzeitig mit Boehm und unabhängig von ihm rief in den USA sein Kollege W. J. T. Mitchell von der University of Chicago einen „pictorial turn“ aus.

Die Intentionen der beiden Forscher sind durchaus verschieden. Boehm geht davon aus, dass Bilder – im Prinzip sprachlich formulierten Texten ähnlich – Sinn erzeugen, und er fragt, inwiefern sie das anders tun als Texte, eben auf ihre eigene Weise. Das richtet sich im Ergebnis gegen die Interpretationsmethode in der Schule des Kunsthistorikers Erwin Panofsky seit den 1920er Jahren, die (in Boehms Sicht) immer in der Gefahr steht, das Kunstwerk auf seinen außerkünstlerischen Inhalt zu reduzieren, also das, was der Künstler oder seine Auftraggeber „sagen“ wollten. 

Mitchell dagegen denkt in den Kategorien der angelsächsischen Anthropologie und Kulturtheorie. Sein Interesse richtet sich weniger auf die Urheber, die hinter dem Werk stehen, sondern auf dieses Werk selbst und seine – auch ideologiekritisch betrachteten - Funktionen in der Gesellschaft. Aber gemeinsam ist beiden Ansätzen, so die Herausgeber, „eine Frontstellung gegenüber allen Auffassungen, die der Sprache eine primäre oder dominante Funktion zuweisen und die Unvergleichbarkeit der bildlichen Bedeutungskonstitution damit zu vernachlässigen scheinen“.

Jan Vermeer: Allegorie der Malerei um
1670, (Kunsthist. Museum, Wien)
Bild: Wikipedia


Die Meinung vom Primat der Sprache lässt sich bis in die griechische Antike und den Alten Orient zurückverfolgen. Das biblische Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen!“ konnte zwar nicht verhindern, dass sich im christlichen Abendland eine religiöse Kunst ausbildete; aber streng religiös betrachtet, blieb diese Kunst gegenüber der theologischen Lehre doch etwas Uneigentliches; der christliche Gläubige im idealen Sinn, bringt Boehm diese Tradition auf den Punkt, ist der Hörer des Wortes, nicht der Betrachter von Bildern. Und die Philosophie blieb zweieinhalb Jahrtausende lang von Platons Misstrauen beherrscht, dass Bilder eben bloß Scheingebilde sind, dass sich mit ihnen kein Staat machen lässt und erst recht keine Erkenntnis des Wahren; im Gegenzug wurde der sprachlich formulierten Begrifflichkeit – im Ergebnis: der Sprache selbst - die Möglichkeit zu „echter“ Erkenntnis zugetraut.

Da haben sich die philosophischen Fragestellungen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründlich verkehrt. Philosophen wie der heute weitgehend vergessene Fritz Mauthner oder eine Generation später Ludwig Wittgenstein stellten die skeptische Frage, was die Sprache als Medium der Erkenntnis eigentlich taugt – also ob uns die Wirklichkeit, durch diese „Brille“ betrachtet, nicht doch irgendwie verfremdet oder verfälscht erscheint.
„Jenseits der Sprache“ hat Boehm einen Aufsatz von 2007 programmatisch überschrieben; seine Fragestellung zielt auf eine „Logik der Bilder“. „Bilder werden als eine andere Art des Denkens aufgefasst, die sich dezidiert von der Hegemonie der verbalen Sprache absetzt“, resümieren die Herausgeber Boehms Ansatz. Im Rückblick reiht sich dieser „iconic turn“ freilich stärker in die kunsttheoretische Tradition ein, als das Boehm selbst wohl bewusst war. 1961 veröffentlichte der Philosoph Hans Jonas seinen kleinen Aufsatz „Homo Pictor“. Der gängigen Auffassung vom Menschen als einem sprachbegabten Wesen stellte er eine Theorie der „Bildfähigkeit“ entgegen. 

Ein Essay des Karlsruher Kunsthistorikers Hans Belting greift diese anthropologische Pespektive im dem jetzt erschienenen Sammelband wieder auf. „Wir kommunizieren in Bildern mit einer Welt, die unseren Sinnesorganen nicht unmittelbar zugänglich ist“, schreibt Belting. Das gilt ganz banal für das Fernsehen, über das wir uns die ferne Welt ins Wohnzimmer holen, aber auch für die sogenannten „bildgebenden Verfahren“ in den Naturwissenschaften: „Wir bewaffnen uns mit Sehprothesen.“ Es galt im Grunde bereits für die Götter- und die Heiligenstatuen, die ja auch – Belting paraphrasiert ein Wort von Paul Klee – nicht etwas abbilden, wohl aber etwas sichtbar machen wollten.

„Sichtbar“ jedoch nur für den, der bereits weiß. „Man sieht und erlebt im Bild, was man schon kennt“, schreibt der Bochumer Philosoph Bernhard Waldenfels – zum Beispiel aus den Bibeltexten, die man gehört oder gelesen hat. „Es gibt kein unschuldiges Auge“, zitiert der amerikanische Philosoph Nelson Goodman den Kunsthistoriker Ernst Gombrich und führt den Gedanken fort: „Das Auge beginnt immer schon erfahren seine Arbeit, es wird von seiner eigenen Vergangenheit und von alten und neuen Einflüsterungen des Ohrs, der Nase, der Zunge, der Finger, des Herzens und des Gehirns beherrscht.“

Einflüsterungen, die natürlich nicht bloß individuell sind, sie werden gesellschaftlich und geschichtlich hervorgebracht. Da hat Michells ideologiekritischer Ansatz zweifellos seine Berechtigung – freilich mit dem Problem, das sich bei Ideologiekritik immer stellt: nämlich ob der Kritiker selbst nicht ebenso ideologisch denkt, wie er es den Objekten seiner Kritik unterstellt. Nicht ganz unproblematisch scheint auch, dass Mitchell gelegentlich zu Formulierung greift, die dem Bild so etwas wie einen eigenen Willen unterstellen. „What do Pictures Want?“ ist ein Aufsatz von 2006 überschrieben. Metaphorik, gewiss; aber da liegt jene Gefahr nahe, auf welche die sprachkritische Philosophie seit dem 19. Jahrhundert hingewiesen hat: sich durch die Sprache verführen zu lassen.

W.J.T. Mitchell - Bild: University of Chicago

In einer Hinsicht hat es in den letzten Jahrzehnten in der Kunstgeschichte oder Kunstwissenschaft tatsächlich eine „Wende“ gegeben: Der Blick hat sich geweitet über jenen Bereich hinaus, den wir traditionell als „Kunst“ (oder gar „Hochkunst“) umschreiben, hin zu Objekten, die traditionell nicht als „museumswürdig“ gelten. Schüler und Anhänger von Boehm und Mitchell sprechen statt von „Kunstgeschichte“ denn auch gern von „Bildwissenschaft“ oder „Visual culture“. Analog ging in der Literaturwissenschaft – und nicht zuletzt im Literaturunterricht der Schulen – bereits in den 1960er Jahren die Tendenz in Richtung auf eine allgemeine Textwissenschaft.

Ganz ohne Tradition ist diese Wendung nicht, das stellt der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp klar. Als im 17. Jahrhundert die „Christliche Archäologie“ begründet wurde, richtete sich die Wertschätzung auch auf „ästhetisch zunächst unwürdig erscheinende Objekte“; bei der Erkundung des christlichen Altertums schien „jedes Partikel“ von Bedeutung. Oder, um den religiösen Ausdruck zu nehmen, jede „Reliquie“. In der Reliquienverehrung hat sich eine uralte Tradition des Objektbezugs „jenseits der Sprache“ erhalten. Ob Boehm solche Zusammenhänge im Sinn hatte, als er seinen „iconic turn“ in die Worte fasste „Das Weisen oder Zeigen wird als Basis des Sagbaren wiederentdeckt“?


Neu auf dem Büchermarkt:
Bildwissenschaft und Visual Culture, herausgegeben von Marius Rimmele, Klaus Sachs-Hombach und Bernd Stiegler, transcript Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-2274-4, 24,99 €


Mehr im Internet:

Iconic turn - Wikipedia 
scienzz artikel Theorie der Kunst und der Kunstwissenschaft

 

 

 

 

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