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24.07.2015 - KULTURGESCHICHTE

von Josef Tutsch

 
 

Als die australische Speiseeisfirma Streets im Jahr 2002 sieben neue Eissorten auf den Markt brachte, gab sie der Serie den Titel „Magnum 7 Deadly Sins“. Die Firma konnte darauf vertrauen, dass der Ausdruck „Todsünden“ beim breiten Publikum verkaufsfördernde Assoziationen wecken würde – nicht gerade an ewige Höllenstrafen, eher an Lüste mit unwiderstehlicher Verführungskraft. Und natürlich in der Siebenerzahl, wie sie seit dem späten Mittelalter sprichwörtlich geworden ist. Der Unilever-Konzern, der die neuen Sorten im folgenden Jahr hierzulande vermarktete, wählte die abgemilderte Übersetzung „Magnum 7 Sünden“; vermutlich gingen die Werbemanager davon aus, das Wort „Tod“ könne die Konsumenten abschrecken.

Die „Sieben Todsünden“ faszinieren auch heute noch, stellen die Mitarbeiter des „Internationalen Kollegs Morphomata“ an der Universität Köln in dem Sammelband fest, den das Kolleg jetzt zu diesem scheinbar veralteten Denkschema herausgebracht hat. Scheinbar veraltet -  der theologische Kontext mit der Lehre vom Tod der Seele hat seine Allgemeinverbindlichkeit längst eingebüßt, manche der „Todsünden“ wie Völlerei und Wollust erscheinen in unserer Zeit der Konsumgesellschaft und der sexuellen Revolution schon ein wenig anachronistisch erscheinen; doch da treten dann ironische Umdeutungen oder Umwertungen ein.

„Morphomata“ - das griechische Wort, mit dem sich das Kolleg benannt hat, bedeutet so viel wie Erscheinungsformen; gemeint sind Denk- und Vorstellungsfiguren, in denen sich im Wandel der Jahrhunderte das menschliche Wissen manifestiert – Figuren des Schöpferischen und des Todes, des Wissens und der Herrschaft. Und eben auch Figuren des Menschlichen, all zu Menschlichen. Die australische Eisfirma war nicht die einzige, die in unserer Gegenwart das alte Sieben-Todsünden-Schema für die Werbung zu nutzen versuchte; es gibt, wie die Herausgeber des Sammelbandes gleich in der Einleitung berichten, Kaugummis und Umhängetaschen, T-Shirts und Karnevalskostüme mit diesem Titel, sogar eine Möbelserie.

1926 schuf Marc Chagall eine Illustration, in der aus dem Kopf eines Malers die Todsünden  wie eine Imagination entsteigen. 1927 ließ Fritz Lang für seinen Film „Metropolis“ eine Figurengruppe mit dem Tod als Spielmann und den sieben Todsünden in seinem Gefolge anfertigen. 1933, angesichts der nationalsozialistischen Machtergreifung, malte Otto Dix sein allegorisches Bild „Die sieben Todsünden“, mit einem tanzenden Tod im Mittelpunkt. Auch Sachbuchautoren nutzen das Motiv, um Aufmerksamkeit für ihr Anliegen hervorzurufen, zum Beispiel „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ von Konrad Lorenz, 1973.

Saligia, aus dem Krumauer Bildercodex
um 1370 - Bild: Wikipedia

Acht Todsünden statt der gewohnten sieben zählte Lorenz vermutlich auch, um das Sündenregister der modernen Zeit gegenüber dem Mittelalter um so wirkungsvoller herauszuarbeiten. Die Zahl 7 hat sich ohnehin erst allmählich durchgesetzt. Bei dem Mönch Euagrios Pontikos im 4. Jahrhundert, der als Begründer des Schemas gilt, waren es noch acht, und zwar nicht eigentlich Sünden, eher schädliche Gedanken oder Gelegenheiten zur Versuchung. Zwei Jahrhunderte später stellte Papst Gregor der Große eine Liste von sieben „Hauptlastern“ zusammen, vom Hochmut bis zum Neid; war man einem von ihnen verfallen, stand man tatsächlich in der Gefahr, als Sünder in der Hölle zu enden.

Die Zahl 7 wurde kanonisch; im 13. Jahrhundert die Merkformel „SALIGIA“ auf: Superbia (Hochmut), Avaritia (Geiz), Luxuria (Wollust), Ira (Zorn), Gula (Völlerei), Invidia (Neid) und Acedia (Trägheit des Herzens). In der bildenden Kunst wurde Saligia allegorisch als eine Art heidnische Göttin ausgestaltet. „Die Sieben wurde zum Symbol einer Systematik des Weltlichen nach dem Sündenfall“, erläutern die Forscher.

Nur dass die Reformation damit nichts anfangen konnte: Die  Liste der Sieben Todsünden beruhte nicht auf der Bibel, ließ sich auch nicht mit den Zehn Geboten in Bezug setzen. Selbst mit dem Begriff „Todsünden“ hatte Martin Luther seine Schwierigkeiten. Eigentlich, so schrieb er, mache doch die lässliche Sünde ebenso die Seele unrein und behindere den Zugang zum Himmelreich. Ein Beispiel, wie gründlich das alte Konzept auch im katholischen Milieu umgedeutet wurde, hat der Kölner Germanist Rudolf Drux im Werk des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen gefunden. Im 6. Buch der „Simplicianischen Schriften“, erschienen 1669, berichtet der Erzähler, er habe davon geträumt, wie Luzifer die Nachricht vom Friedensschluss nach dem Dreißigjährigen Krieg erhielt. Luzifer versammelt seinen Hofstaat aus Teufeln, heidnischen Göttern und Lastern und wirft ihnen ihre  Nachlässigkeit vor: Durch ihre Schuld drohe ihm Europa als Revier für die Seelenjagd verloren zu gehen .

Die großen Sünden kommen nicht einfach durch Nichtstun zustande, sie bedürfen einer „genuin bürgerlichen Tugend“, fasst Drux die Intention des Autors zusammen: des Fleißes, in diesem Fall des Fleißes der höllischen Mächte. Und damit wurde die orthodoxe Trennung von Tugenden und Lastern vielleicht nicht gänzlich aufgehoben, das Verdammungsurteil aber doch aufgeweicht. Ein halbes Jahrhundert später stellte der niederländische Autor Bernard de Mandeville die provozierende These auf, alle Annehmlichkeiten des menschlichen Lebens wären nicht durch unsere Tugenden hervorgerufen, sondern vielmehr durch unsere Laster.

Konsequent ins Gegenteil verkehrt wurde der mittelalterliche Todsündenkatalog in dem satirischen Ballett „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Offenbar, zeigt der Kölner Germanist Wilhelm Vosskamp anhand von Brechts Notizen, wollte der Autor ursprünglich allerlei Verhaltensweisen und Befindlichkeiten auflisten, die den Menschen unfähig machen, sich in der bürgerlichen Gesellschaft zu behaupten“, von der Armut bis zur Gerechtigkeitsliebe. Erst im Nachhinein wurde diesen Befindlichkeiten und Verhaltensweisen jeweils eine der Todsünden zugeordnet. Die „Sünden“ wurden in diesem Schaffensprozess satirisch umgedeutet, so die Unzucht zur „selbstlosen Liebe“, der Stolz zum Beharren auf der eigenen „Unkäuflichkeit“ im kapitalistischen Prozess. Das moraltheologische Schema dient der „Travestie bürgerlichen Glücksstrebens“, resümiert Vosskamp. Am Ende steht dann nicht die himmlische Erlösung, sondern der Bau des eigenen Hauses, er ist „durch die Vermeidung der sieben Todsünden verdient“.

Hieronymus Bosch: Die sieben Todsünden,
um 1480 (Prado, Madrid)
Bild:lili.butterfly.free.fr/Wikipedia

Anders als Brecht arbeiteten die Künstler in der Regel jedoch nicht alle sieben Todsünden ab, sondern stellten eine einzelne in den Vordergrund. Zum Beispiel im Film „Wall Street“ von Oliver Stone, 1987. Der „Held“ Gordon Gekko stimmt ein Preislied auf die Gier an, die „avaritia“, weil das vermeintliche Laster doch den Wohlstand fördert. Stone, meint die Kölner Germanistin Claudia Liebrand, hatte seinen Finanzhai denunziatorisch konzipiert. Die Aufnahme des Films beim Publikum entsprach dieser Intention nicht so ganz: „Das selbstgefällig-souveräne Auftreten und die aggressiv-manipulative Rhetorik des Gekko fanden Bewunderer unter den Yuppies jener Jahre, die die Figur nicht als Bösewicht, sondern als nachzuahmende Leitfigur rezipierten.“

Ja, die Todsünden haben viel Verführungskraft, wie ja auch jene australische Speiseeisfirma wusste. 1993, berichtet der Kölner Anglist Hanjo Berressem, wurde der amerikanische Romancier Thomas Pynchon von der New York Times eingeladen, einen Essay über die „acedia“, die Trägheit oder auch Faulheit (englisch „sloth“) zu verfassen. Bereits im Titel lieferte Pynchon eine Kulturkritik in Kurzform: „Nearer, my Couch, to Thee“ - die bekannte protestantische Hymne „Nearer, my God, to Thee“ wurde auf die Fernsehcouch projiziert. Drei Jahre zuvor war sein Roman „Vineland“ herausgekommen: das Portrait einer „scheintoten“ Gesellschaft, in der politische Diskussion durch mediale Berieselung ersetzt ist.

Und um noch ein Beispiel aus der populären Kultur unserer Gegenwart zu nennen: Dass Homer Simpson eine Verkörperung der Trägheit ist, liegt auf der Hand. In der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit stand eine andere der sieben Todsünden im Vordergrund, berichtet der Kölner Germanist Ingo Breuer: die Trunksucht. Hier, so Breuer, „eröffnet sich ein Darstellungsspektrum von der strafenden bis zur lachenden Satire“, vor der Warnung vor den – bereits irdischen – Folgen bis zur Feier des Exzesses. In der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, zum Beispiel bei Jan Vermeer, war es ein stehendes Motiv, dass der Alkohol zu einer weiteren der sieben Todsünden verführt, der Wollust. Andererseits – selbst Prediger, lutherische wie katholische, empfahlen ihren Schäflein, gelegentlich „des Weins Kraft und Stärkung“ zu suchen.

Wollust … Bereits Euagrios Pontikos warnte in seinem Lehrgedicht vor den Gefahren, die bereits durch wollüstige Gedanken, ohne die leibhaftige Gegenwart einer verführerischen Frau, hervorgerufen werden könnten. In den bildenden Künsten wurde die Wollust mit Abstand die am meisten dargestellte Todsünde. Betrachtet man die Art ihrer Darstellung, meint der Trierer Germanist Ulrich Port, würde man „eine zunehmende Explizitheit“ feststellen: „An die Stelle symbolisch codierter oder allein angedeuteter Wollust ist eine Darstellung von menschlichen Körpern und Sexualpraktiken getreten, die sich motivisch nicht von Hardcore-Pornographie unterscheiden lässt“.

Aber es geht auch ganz anders. In seinem Buch „Elementargeister“, 1837, schreibt Sebastian Groth, Köln, ließ Heinrich Heine den Helden Tannhäuser vor dem Papst in Rom von seinen Lüsten bei Frau Venus schwärmen - und dennoch um Erlösung von der „Macht des Bösen“ bitten. Ohne Hoffnung muss Tannhäuser in den Venusberg zurückkehren. Doch der Sündenpfuhl entpuppt sich als bürgerliches Familienidyll: „Frau Venus in die Küche ging, um ihm eine Suppe zu kochen. Sie gab ihm Suppe, sie gab ihm Brot, sie wusch seine wunden Füße.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Die sieben Todsünden, herausgegeben von Ingo Breuer, Sebastian Goth, Björn Moll und Martin Roussel, Wilhelm Fink, Paderborn 2015, ISBN 978-3-7705-5816-2, 54,- €


Mehr im Internet:
Todsünden - Wikipedia
scienzz artikel Religion und Kunst
scienzz artikel Religion und Literatur

 

 

 

 

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