Berlin, den 28.11.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
Kultur

02.09.2015 - RELIGION HEUTE

Philosoph und Theologe, Arzt und Organist

Vor 50 Jahren starb Albert Schweitzer

von Josef Tutsch

 
 

Albert Schweitzer 1875-1965
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia

Für Albert Schweitzers Freunde und Bekannte muss es eine große Überraschung gewesen sein. Im Herbst 1905 teilte ihnen der 28-jährige mit, er werde nun ein Studium der Medizin aufnehmen. Der Spross einer elsässischen Pfarrersfamilie konnte bereits zwei Doktortitel in Philosophie und Theologie vorweisen, er war auch ein anerkannter Orgelspieler. Und nun nochmals ein Neuanfang?

Die Überraschung wurde noch größer, weil der junge Wissenschaftler auch gleich seine Zukunftspläne offenlegte. Er wolle eine vielversprechende akademische Laufbahn aufgeben, um später einmal, so seine eigenen Worte, „den Eingeborenen der Gegend von Lambaréné im westlichen Äquatorialafrika als Arzt  zu dienen“. Und Schweitzer machte ernst. Das Urwaldhospital im heutigen Gabun wurde bis zu seinem Tod am 4. September 1965, vor 50 Jahren, seine Hauptaufgabe. 1953 wurde ihm für seine Tätigkeit dort der Friedensnobelpreis verliehen.

Das erste Semester im neuen Fach war gerade abgeschlossen, als der frischgebackene Medizinstudent eine theologische Arbeit herausbrachte, mit der er auf einen Schlag zur wissenschaftlichen Kapazität avancierte: die „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Ein Beitrag zur Weltliteratur, hat der amerikanische Neutestamentler James M. Robinson das Buch gerühmt. Und tatsächlich, der Wissenschaftler und Organist, der sich gerade daran machte, Arzt zu werden, zeigte, dass er vielleicht auch ein großer Schriftsteller hätte werden können; die Studie mit dem streng historischen Thema wurde auch außerhalb theologischer Fachkreise zum Erfolg.

Und für manche Leser zum Ärgernis, bis heute. Schweitzers Abriss von zwei Jahrhunderten historischer und philologischer Arbeit am Neuen Testament mündete in einer radikalen Destruktion des Bildes, das sich die christliche Welt um 1900 vom „historischen Jesus“ machte: „Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert.“ Mit dieser negativen Aussage wollte sich Schweitzer natürlich nicht zufrieden geben; er hatte ein neues Jesusbild zu bieten: Jesus habe eine unmittelbar bevorstehende, wunderbare Verwandlung der Welt zum „Reich Gottes“ erwartet, ja, er habe sie durch sein Leiden und Sterben selbst mit heraufführen wollen.

Hundert Jahre danach muss man sagen, dass auch dieses Jesusbild in vielen Einzelheiten dem Fortschritt der historischen Forschung nicht standgehalten hat. Für Schweitzer waren die Einzelheiten aber auch gar nicht entscheidend; in seiner Sicht kam es darauf an, dass diese „Naherwartung“ des Gottesreiches uns fremd geworden sei. Und er zog daraus die Folgerung, Jesu‘ „natürliche und tiefe Sittlichkeit“ aus dem „Vorstellungsmaterial jener Zeit“ herauszulösen. „Im letzten Grund ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art.“ Seine Ethik „lehrt uns, dass, wer am Reich Gottes mit Hand anlegen will, nur etwas ausrichten kann, wenn er sich fort und fort läutert und von der Welt frei macht“.

Orgel in der Straßburger Thomaskirche, ge-
baut 1905 nach Plänen Albert Schweitzers
Bild: DidierB/Sam67fr/Wikipedia

Dieses Evangelium nahm Schweitzer ernst, er wollte „am Reich Gottes mit Hand anlegen“, und war während der historischen Arbeit für sich selbst zu dem Schluss gekommen, eine akademische Laufbahn würde ihn zu sehr an die „Welt“ binden. Ganz aufgegeben hat er die Wissenschaft freilich nicht. 1913 verfasste er im Fach Medizin seine dritte Doktorarbeit, die im Grunde eher eine Ergänzung seiner Leben-Jesu-Studie war: Er zeigte auf, dass alle modernen Versuche einer psychologischen Deutung Jesu in den Quellen keine Stütze finden.

1930 brachte er „Die Mystik des Apostels Paulus“ heraus. Der Text war großenteils bereits von 1906 an parallel zu seinem Medizinstudium entstanden. Wie Schweitzer zu dem Thema kam, ist nicht weiter zweifelhaft: Paulus diente als Paradebeispiel, wie die in der „Leben-Jesu-Forschung“ bereits geforderte „Christusmystik“ möglich sein könnte. Auch für Menschen von heute, denen die eschatologischen Voraussetzungen im Denken sowohl Jesu als auch des Apostels Paulus fremd geworden sind.

Den Begriff der „Mystik“ scheint Schweitzer selbst als Notbehelf empfunden zu haben. Mystik, definierte er gleich zu Anfang des Buches, „liegt überall vor, wo ein Menschenwesen die Trennung zwischen irdisch und überirdisch, zeitlich und ewig als überwunden ansieht und sich selber als zum Überirdischen und Ewigen eingegangen erlebt“. Schweitzer persönlich erlebte diesen „Eingang“ wohl am ehesten, wenn er Orgel spielte – Johann Sebastian Bach, vor allem die Choräle. „Durch die Wahl der Stücke und die Art der Wiedergabe suche ich den Konzertsaal zur Kirche zu machen“, meinte er einmal. „Durch ihren gleichmäßigen und dauernd aushaltbaren Ton hat die Orgel etwas von der Art des Ewigen an sich.“

Nun, gegen solche Verbindungen von Konzertsaal und Kirche haben uns die religiösen Weihen, mit denen Richard Wagner und seine Erben die Festspiele in Bayreuth „heiligen“ wollten, misstrauisch gemacht. Ganz davon abgesehen, dass die Musik eines Johann Sebastian Bach heute nicht mehr unbedingt auf gläubige Hörer trifft, nicht einmal unbedingt auf ein Publikum, dem die christlichen Inhalte noch geläufig wären. Aber Schweitzers Orgelspiel mit seinen recht langsamen, bedächtigen Tempi hat das moderne Publikum hellhörig gemacht: für die musikalischen Motive, in denen der Komponist Bewegungen und Affekte so bildkräftig ausgedrückt hat. Und die große Bachmonographie von 1908 lenkte die Aufmerksamkeit auf die Choraltexte, die man bei dieser Musik so gern vergisst.

Profan betrachtet, dienten die Orgelkonzerte Schweitzer vor allem dazu, Geld für Lambaréné einzunehmen. Das Finanzielle war nicht die einzige Schwierigkeit, mit der Schweitzer zu kämpfen hatte. Bereits 1914, ein Jahr nach der Gründung, war er wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit von der französischen Kolonialverwaltung unter Hausarrest gestellt worden. 1917 ließen ihn die Behörden nach Frankreich bringen und bis Kriegsende internieren.

Schweitzer nutzte die Pause, um die Ethik, zu der ihn sein christlicher Glaube geführt hatte, philosophisch näher zu reflektieren. „Ich bin dazu gekommen, das große Gebot der Liebe, das im Mittelpunkt der Verkündigung Jesu steht, als etwas Denknotwendiges zu begreifen.“ Dabei deutete er die Nächstenliebe in einem Maße, wie es für einen protestantischen Theologen erstaunlich ist, mit Kategorien aus den nichtchristlichen Religionen Asiens, aus Hinduismus und Buddhismus. Vor allem in Mahatma Gandhi, dem „heiligen Gandhi“, wie er sagte, „dem christlichsten Hindu unseres Jahrhunderts“, fand er einen Geistesverwandten. Im indischen Gebot der Gewaltlosigkeit sah er eine genaue Entsprechung zu Jesu Worten „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstehen sollt dem Übel“ und „Liebet eure Feinde“.

Briefmarke der Deutschen Bundespost
Bild: Deutsche Bundespost/Wikipedia

1924 konnte er, nun als französischer Staatsbürger, nach Afrika zurückkehren. Ganz unumstritten blieb sein ärztliches Wirken dort nicht. Offenbar hatte Schweitzer einige Probleme damit, sich in die fremde Kultur mit ihren anderen Arbeitsgewohnheiten hineinzufinden, und er reagierte darauf mit einem im Grunde sehr europäischen Paternalismus. Dem nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe zufolge sagte Schweitzer einmal, die Afrikaner seien seine Brüder, aber seine „jüngeren Brüder“.

Dem entspricht die Kritik, die der französische Militärarzt André Audoynaud, der in den 1960er Jahren im Regierungshospital von Lambaréné arbeitete, später anbrachte: Sein Kollege habe einen ganz und gar „kolonialen“ Führungsstil gepflegt. 2009 bezeichnete der Theologe Nils Ole Oermann in einer Biographie Albert Schweitzer, ohne doch dessen Leistungen grundsätzlich in Abrede zu stellen, als einen genialen „Meister der Selbstinszenierung“.

Ein Mensch mit seinem Widerspruch, viel weiter werden wir ein halbes Jahrhundert nach Schweitzers Tod wohl nicht kommen. Auch mit seinen politischen Appellen im letzten Lebensjahrzehnt zog Schweitzer viel Widerspruch auf sich. Das Prinzip der Gewaltlosigkeit, der „Ehrfurcht vor dem Leben“, hatte ihn zu einem konsequenten, seine Kritiker sagten: naiven, Pazifismus geführt. 1958, Schweitzer hatte sich einer Unterschriftensammlung gegen die Atombombenversuche angeschlossen, kommentierte die „Neue Zürcher Zeitung“:  „Das Wagnis, das er dem Westen zumutet, ist ungeheuerlich.“

Und auch zum Vegetarismus. Brüderlichkeit und Nächstenliebe reichten für Schweitzer über die Menschenwelt hinaus: „Die Tiere sind unsere Brüder, die großen wie die kleinen.“ „Meine Ansicht ist, dass wir, die wir für die Schonung der Tiere eintraten, ganz dem Fleischgenuss entsagen und auch gegen ihn reden.“ Dabei war ihm schmerzlich bewusst, dass diese Radikalität ins Dilemma führen musste, weil „Leben inmitten von Leben“ nun einmal nicht ohne Verletzungen möglich ist. Einmal nahm Schweitzer einen verletzten Pelikan auf. Und kommentierte gegenüber einer Mitarbeiterin: „Wie leid tut es mir, so viele arme Fische opfern zu müssen!“


Mehr im Internet:

Albert Schweitzer - Wikipedia
scienzz artikel Christentum in der Moderne

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet