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22.09.2015 - RELIGION

von Josef Tutsch

 
 

Die beiden Festkalender machen es möglich: Regelmäßig kommt es vor, dass die höchsten Feste der beiden Weltreligionen Judentum und Islam auf ein und denselben Tag fallen, so war es 2014, so ist es dieses Jahr wieder, nämlich am 23. September, das nächste Mal dann aber erst in 33 Jahren.

Der Grund: Zwar basieren beide Termine auf einem Mondkalender mit zwölf Monaten; aber das jüdische Mondjahr wird immer wieder durch Schaltmonate an das Sonnenjahr angeglichen, das Versöhnungsfest Jom Kippur liegt deshalb immer im September oder Oktober. Einen solchen Ausgleich hat das islamische Mondjahr nicht, es ist jedes Mal elf Tage kürzer als unser Sonnenjahr; deshalb „wandert“ das Opferfest sozusagen durch die Jahreszeiten, dreimal in einem Jahrhundert.

Gemeinsame Feststimmung ist allerdings nicht zu erwarten. Im Heiligen Land, nämlich in Orten, wo Muslime und Juden dicht in unmittelbarer Nachbarschaft leben, kann das Zusammentreffen der beiden Termine sogar zum Problem werden. Das jüdische Jom Kippur wird mit Fasten begangen, gemäß der Anweisung im 3. Buch Mose: „Am zehnten Tage des siebenten Monats sollt ihr fasten und keine Arbeit tun, weder ein Einheimischer noch ein Fremdling unter euch. Denn an diesem Tage geschieht eure Entsühnung, dass ihr gereinigt werdet; von allen euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn.“ 

Ein stiller Feiertag; in Israel sind die Restaurants und Cafés geschlossen, auf den Straßen fahren kaum Autos, Radio- und Fernsehsender habe ihre Programme ausgesetzt. Früher war sogar das israelische Militär an diesem Tag sozusagen „außer Dienst“; im Oktober 1973 nutzten die Nachbarn diese Situation für den überraschenden Jom-Kippur-Krieg. Das muslimische Opferfest dagegen gibt Anlass zu lauter und ausgelassener Freude, mit gemeinsamem Essen im Verwandten- und Freundeskreis.

Zum Glück ist der Staat Israel da weniger rigoros als zum Beispiel Saudi-Arabien, wo im islamischen Fastenmonat Ramadan auch Nicht-Muslime mit Strafen rechnen müssen, wenn sie in der Öffentlichkeit essen, trinken oder rauchen. Für Muslime, die sich das finanziell leisten können, ist es Pflicht, zum Opferfest ein Tier zu opfern. Uraltem Brauch zufolge muss es sich um Paarhufer handeln – in Europa Rinder oder Ziegen, im Nahen Osten auch Kamele, in Indonesien zum Beispiel kommen auch Wasserbüffel in Frage.

Rembrandt: Opferung Isaaks, 1635
(Ermitage, St. Petersburg)
Bild: Wikipedia

Schweine dagegen sind verpönt, sie gelten im Islam ebenso wie im Judentum als unrein. Und noch eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Religionen: Tiere, die für den Verzehr bestimmt sind, müssen „geschächtet“ werden, also mit einem einzigen Schnitt durch die Blutgefäße am Hals getötet, damit sie rückstandslos ausbluten; vorher dürfen sie nicht einmal betäubt werden – eine Vorschrift, die im Westen zu Konflikten mit dem Tierschutz führt.

Kultische Tieropfer sind im Judentum heute allerdings selten geworden. Manche orthodoxe Juden schächten am Tag vor dem Versöhnungsfest ein Huhn. Dabei handelt es sich um einen kleineren, bescheideneren Ersatz für das große Opfer, das bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. ausgeübt wurde. Wie im 3. Buch Mose vorgeschrieben, wurde zum Versöhnungsfest über zwei Ziegenböcke das Los geworfen. Der eine wurde rituell geopfert, der andere in die Wüste gejagt, nachdem ihm der Hohepriester die Sünden des Volkes auferlegt hatte – als „Sündenbock“. Ähnlich werden die Hühner heutzutage vor der Opferung durch ein Gebet zu „Stellvertretern“ geweiht.

Der eine Bock sei ein „Los für den Herrn“, heißt es im Bibeltext, der andere „ein Los für Asasel“. Asasel - ein Name, der ansonsten nicht belegt ist; offenbar bezeichnet er einen Wüstendämon, ein Gegenbild zu dem gütigen Gott, der seinem Volk das fruchtbare Land verheißen hat. Solche Besänftigungszeremonien waren im Alten Orient weit verbreitet.

In der Erzählung von Abraham und Isaak taucht sogar die Möglichkeit auf, dass Gott ein Menschenopfer verlangen könnte: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst … und bring ihn als Brandopfer dar.“ Der Fortgang der Geschichte zeigt jedoch einen gütigen und gnädigen Gott, dem der Gehorsam des Menschen genügt: „Jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.“ Statt seines Sohnes bringt Abraham einen Widder dar.

Und damit schließt sich der Kreis zur anderen Weltreligion, dem Islam: Das Opferfest erinnert an dieses Opfer Abrahams. Die Geschichte aus dem Alten Testament wird im Koran nacherzählt; allerdings wird dort der Sohn nicht mit Namen genannt. Muslimische Exegeten unterstellen, dass nicht Isaak gemeint sei, als Stammvater des Volkes Israel, sondern Abrahams anderer Sohn Ismael; er gilt als Stammvater der Araber.

In der Bibel beredet Abrahams Frau Sara ihren Mann, die Sklavin Hagar mit dem Sohn Ismael zu verstoßen; sie will vermeiden, dass der Sohn der Magd gemeinsam mit ihrem eigenen Sohn Isaak später einmal das Erbe antreten kann. Gott beschwichtigt Abrahams Verdruss: „Auch den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volk machen, weil auch er dein Nachkomme ist.“

Ismaels Opferung, Shiraz, 18. Jh.
Bild: Evgenia Kononova/Wikipedia

Islamischer Überlieferung zufolge fand die Verstoßung an dem Ort statt, wo heute Mekka steht. Zur Erinnerung wird dort Jahr für Jahr am Opferfest ein siebenmaliger Lauf zwischen den benachbarten Hügeln Safa und Marwa absolviert. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen sind jedes Mal dabei; denn wenn irgend möglich, sollte die „Haddsch“, die Wallfahrt nach Mekka, zu der jeder Muslim mindestens einmal in seinem Leben verpflichtet ist, zum Opferfest stattfinden.

Dem Lauf zwischen den Hügeln geht ein siebenmaliges Umschreiten der Kaaba voraus, des quaderförmigen Gebäudes im Innenhof der Moschee von Mekka, das dem Koran zufolge von Abraham und Ismael errichtet wurde. Ihm folgen die symbolische „Steinigung“ des Teufels, das Werfen von Steinen gegen Pfeiler, die den Unglauben repräsentieren – eine Ensprechung zum christlichen Taufgebet „Widersagst du dem Satan? Ich widersage.“ Den Unglauben oder den „falschen“ Glauben – es ist eine paradoxe Gemeinsamkeit vieler Religionen, dass der Teufel nicht zuletzt durch die verwandten, aber in bestimmten Punkten eben doch abweichenden Religionen repräsentiert wird.

Abschluss der Zeremonien, die das größte religiöse Fest der Menschheit bilden, ist das Opfer selbst, ein Tieropfer mit dem Gedanken im Hintergrund, dass es beinahe ein Menschenopfer hätte werden können, wenn Gott seinen Engel nicht im letzten Augenblick hätte eingreifen lassen. Im Islam hat sich dieses blutige Tieropfer gehalten. Das Judentum dagegen hat sich, von ultraorthodoxen Kreisen abgesehen, nach der Zerstörung seines Tempels davon abgewandt. Ein Midrasch, ein interpretierender Text zur Tora, lieferte um 200 n. Chr. die theologische Rechtfertigung für dieses Abgehen vom Wortlaut des geheiligten Textes: „Auch ohne dargebrachte Opfer bewirkt der Tag an sich Versöhnung.“ Parallel hatte das Christentum bereits in den ersten Jahren nach Jesu Tod seine Trennung vom jüdischen Tempelkult eingeleitet, indem es sich der Heidenmission zuwandte. Zwar waren in den heidnischen Religionen der Zeit Tieropfer noch viel mehr gebräuchlich; aber gerade deshalb wurde den neu bekehrten Heidenchristen auferlegt, sich von Opferfleisch und Opferblut fernzuhalten.

Eine Verinnerlichung der Religion, wenn man so will. Und eine Wendung ins Moralische. Ein Talmudtext mahnt, Jom Kippur nicht als Automatismus misszuverstehen: „Der Versöhnungstag befreit von Sünden gegen Gott, jedoch von Sünden gegen den Nächsten erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten worden ist.“ Das Morgengebet zum Versöhnungstag zitiert eine Stelle aus dem Propheten Jesaja, in dem das Gebot der Nächstenliebe ausgeführt wird. „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke der Unterdrückung zu lösen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen.“

Indirekt ist dieser Gedanke auch im Brauchtum des islamischen Opferfestes enthalten, als Almosengebot: Oft wird Armen und Bedürftigen vom Fleisch der Opfertiere abgegeben. „Durch Almosen kauft man den Armen etwas vom Paradies ab“, hat der Schriftsteller Elias Canetti, nicht ganz ohne distanzierenden Unterton, einen Gedanken auf den Punkt gebracht, der allen Weltreligionen gemeinsam ist. Almosen und Nächstenliebe, die Hoffnung auf das Paradies, die Erinnerung an Abraham – die drei „abrahamitischen“ Religionen Judentum, Christentum und Islam haben viel gemeinsam.

Aber gerade in der Gemeinsamkeit auch manches Trennende. Judentum und Islam sind Brüder, will die Erzählung von Isaak und Ismael aus dem Koran sagen, aber feindliche Brüder. Dass in der Bibel der Sohn, den Abraham opfern will, den Namen Isaak trägt, gilt islamischen Theologen als einer der Punkte, in denen Juden und Christen den Text der Heiligen Schrift böswillig verfälscht hätten.


Mehr im Internet:

Jom Kippur - Wikipedia
Opferfest - Wikipedia
scienzz artikel Judentum
scienzz artikel Islam

 

 

 

 

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