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Kultur

25.10.2015 - MITTLERE GESCHICHTE

"We few, we happy few, we band of brothers"

Vor 600 Jahren triumphierte England in der Schlacht bei Azincourt

von Josef Tutsch

 
 

Heinrich V. von England, um
1600 - Bild: National Portrait
Gallery, London

Außerhalb Englands gehört sie zu den weniger beachteten Stücken William Shakespeares, die „Geschichtschronik Heinrichs V., mit seiner Schlacht bei Azincourt in Frankreich“, doch in England selbst ist sie eines der populärsten Stücke des Dichters, jedenfalls in Zeiten nationaler Bedrohung. Kein Wunder, in diesem Drama findet sich viel an patriotischer Stimmung. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Regisseur und Schauspieler Laurence Olivier vom Kriegsdienst freigestellt, damit er eine Filmfassung realisieren konnte. Churchill erhoffte davon, unmittelbar vor der Landung der Alliierten in der Normandie, eine moralische Aufrüstung.

Am 25. Oktober 1415, vor nunmehr 600 Jahren, traf bei dem Ort Azincourt oder Agincourt in der Nähe von Calais ein englisches Heer auf französische Truppen. Traut man den zeitgenössischen Quellen, dann waren die Franzosen weit überlegen, womöglich im Verhältnis von 4:1. Modernen Historikern sind da allerdings Zweifel gekommen. Es könnte sein, dass die englischen Berichterstatter die Stärke des Gegners übertrieben haben, um den eigenen Sieg noch strahlender hervortreten zu lassen.

Sicher ist, dass die französischen Truppen noch zahlreicher hätten sein können, wenn es nicht interne Streitigkeiten gegeben hätte. Charles d'Albret, der als Connétable von Frankreich den geisteskranken König Karl VI. vertrat, wird es jedoch nicht einmal unrecht gewesen sein, dass der Herzog von Burgund, Johann Ohnefurcht, seine Soldaten zurückhielt. Die Gefahr, dass sie sich auf die englische Seite geschlagen hätte, schien gar nicht so abwegig. Die Rivalität zwischen den verschiedenen Zweigen des Hauses Valois war blutig. 1407 hatte Johann seinen Vetter Herzog Ludwig von Orléans ermorden lassen.

Nach mittelalterlichen Begriffen waren die Franzosen deutlich besser ausgerüstet. Nicht nur die Berittenen, sondern auch viele Soldaten zu Fuß trugen schwere Panzer; sie hatten sich auf einen Kampf mit Schwert und Schild eingestellt. Ein Großteil des englischen Heeres dagegen bestand aus Langbogenschützen; sie trugen leichtere Kettenhemden. Das bedeutete eine größere Verwundbarkeit; einem Angriff des französischen Reiterheeres hätten sie kaum standhalten können.

Aber dieser Angriff blieb zunächst einmal aus; warum wird aus den Quellen nicht deutlich. Die englischen Schützen konnten ungehindert die französischen Fußsoldaten attackieren. Und ihre Pfeile - mehr als zehn in der Minute, schätzen die Historiker - hatten eine tödliche Durchschlagskraft; die Plattenharnische waren dem nicht gewachsen. Um überhaupt weiterkämpfen zu können, mussten die schwer bewaffneten, darum auch schwer beweglichen Franzosen über die Körper der Gefallenen hinweg steigen.

Schlacht bei Azincourt, Miniatur des 15. Jh.
Bild: Wikipedia

In den Quellen heißt es, die Toten hätten sich zu Mauern empor getürmt. Das wird eine der Übertreibungen sein, von denen mittelalterliche Chroniken so voll sind. Aber richtig dürfte sein: Die meisten der gefallenen Franzosen kamen nicht durch die Pfeile um, auch nicht durch die Streitäxte und Streitkolben, mit denen die Engländer dann im Nahkampf agierten, sondern weil sie totgetreten wurden oder erstickten. In dieser Hinsicht wirkt die Überlieferung glaubwürdig: Die Zahl der französischen Toten überstieg jene der englischen bei weitem.

Bis heute unaufgeklärt ist die Nachricht, König Heinrich habe noch während der Schlacht den Befehl gegeben, den Großteil der gefangenen Franzosen zu töten. Ein Vorgang, der nach damaligem, wenngleich ungeschriebenem „Völkerrecht“, ungeheuerlich war. Die Quellen berichten, Heinrichs Befehlshaber hätten sich geweigert, diese Order weiterzugeben; darauf hätte der König eigens eine Gruppe von Bogenschützen abkommandiert, um die Exekution vollstrecken zu lassen.

Einen Aufschrei der Empörung hat es auf französischer Seite nicht gegeben. Vielleicht, weil die Getöteten geringeren Standes waren und die Angehörigen des hohen Adels, bei denen man am meisten Lösegeld erwarten durfte, geschont wurden? Heinrich selbst mag es so eingeschätzt haben, dass die Bewachung der Gefangenen, während der Kampf doch noch andauerte, unnötig Kräfte band.

In den Jahren nach seinem großen Sieg gelang es Heinrich V., die Normandie vollständig unter englische Kontrolle zu bringen. Die burgundischen Valois, die mit Eifer daran arbeiteten, sich zwischen Frankreich und Deutschland ein unabhängiges Reich aufzubauen, waren offen auf die englische Seite eingeschwenkt. 1420 zwangen die Engländer Karl VI. den Vertrag von Troyes auf. Heinrich heiratete Karls Tochter Katharina von Valois und wurde in aller Form als Nachfolger seines Schwiegervaters eingesetzt. Karls Sohn, der Dauphin, wurde enterbt. Die Stellung eines Regenten für den kranken französischen König konnte Heinrich sofort einnehmen.

England hatte sein Ziel erreicht: Die englische und die französische Krone waren unter dem Hause Lancaster vereinigt. Ins Gedächtnis der englischen Nation hat sich die Schlacht von Azincourt als Triumph eingeprägt, seit nunmehr vier Jahrhunderten auch mit der Sprachgewalt eines William Shakespeare. Die beiden großen Kampfesreden, die der Dichter 1599 Heinrich in den Mund legte, wurden zum Standardrepertoire britischer und dann auch angloamerikanischer Kriegsrhetorik, sowohl in den Kriegen gegen Napoleon als auch in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts.

Dass Shakespeare seinen Helden in dem vorangehenden Historiendrama „Heinrich IV.“ mit allerlei menschlichen Schwächen gezeichnet hatte, machte ihn nur desto sympathischer – und gab dem Pathos nationaler Verbrüderung im gemeinsamen Ziel den Schein von Glaubwürdigkeit. Von heute bis zum Schluss der Welt, sagt der König zu seinen Soldaten, werde der Tag der Heiligen Crispin und Crispian (der 25. Oktober) niemals vorübergehen, „dass man uns dabei nicht erwähnen sollte, uns wen'ge, uns beglücktes Häuflein Brüder. Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt, der wird mein Bruder sein!“

Karl VI. von Frankreich, um 1412
Bild: Universität Genf/Wikipedia

„We few, we happy few, we band of brothers“: Die Worte finden sich in einem Fenster von Westminster Abbey, das die Rolle der Royal Air Force in der „Battle of Britain“ würdigt. Zum Glück für die patriotische Shakespeare-Rezeption ist der Dramentext zu lang, um ihn an einem einzigen Abend vortragen zu können. Es muss also gekürzt werden. Dem fielen bei Laurence Olivier alle Passagen zum Opfer, die man als Kritik an Heinrichs Projekt hätte deuten können. Gleich zu Beginn des Dramas macht sich der Erzbischof von Canterbury sorgenvoll Gedanken, wie man den König davon abhalten könne, sich am Eigentum der Kirche zu vergreifen – und verfällt auf die Idee, seinen Ehrgeiz auf den französischen Thron zu lenken.

Gerade umgekehrt verfuhr 1986 (es war einige Jahre nach dem Falklandkrieg, die Regierung von Margaret Thatcher war unter britischen Intellektuellen höchst unpopulär) die „English Shakespeare Company“: Die Kriegskritik in Shakespeares Stück wurde einseitig hervorgehoben. In der Inszenierung, berichtet die Anglistin Ina Schabert, benahmen sich Heinrichs Soldaten wie Hooligans, brüllten gern „Fuck the Frogs!“ und „Gotcha!“, übersetzt „gekriegt“.

„Spätere 'Henry V'-Versionen finden zur Shakespeareschen Balance zurück“, schreibt Schabert in ihrer Shakespeare-Studie zum 450. Geburtstag des Dichters. Zum Beispiel der Film von Kenneth Branagh, 1989: „Er heroisiert den König, doch er verurteilt mit der drastischen Darstellung der Kriegsgreuel seinen Krieg.“ Aber selbst, wenn man nur auf den politischen Ertrag für England schaut: Die letzten Verse von Shakespeares Stück sind voll von tragischer Ironie. „In Windeln schon ernannt zu Frankreichs Herrn und Englands“ heißt es dort über Heinrichs Sohn und Nachfolger, Heinrich VI. Unter ihm ging die Union mit Frankreich gleich wieder verloren.

„Nur kleine Zeit, doch groß in seiner Kraft schien Englands Stern.“ Shakespeare lässt seinen Helden dieses Ende von Anfang an voraus ahnen – und dann doch den Einflüsterungen des Erzbischofs erliegen, der behauptet, er habe als Ururenkel einer französischen Prinzessin einen legitimen Anspruch auf den Thron von Frankreich. Die Geschichte hat es bekanntlich anders entschieden. 1429, während in England der schwache Heinrich VI. regierte, konnte sich in der Kathedrale von Reims der Sohn Karls VI., Karl VII., die Krone aufsetzen lassen – jener Dauphin, den der Vertrag von Troyes hatte enterben sollen. Das Charisma der Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orléans, hatte ihm den Weg geebnet.


Mehr im Internet:
Schlacht bei Azincourt - Wikipedia
scienzz artikel Spätes Mittelalter

 

 

 

 

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