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24.09.2015 - KUNSTGESCHICHTE

Venus und immer wieder die Venus

von Josef Tutsch

 
 

Bis zum Januar nächsten Jahres ist vor dem Eingang zur Berliner Gemäldegalerie eine Muschel aufgebaut. Besucher(innen) können hineinsteigen und sich in der Pose der Göttin aus dem weltberühmten Gemälde „Geburt der Venus“, das Sandro Botticelli um 1486 schuf, fotografieren lassen.

Ob alle der Versuchung widerstehen werden, sich – den herbstlich und winterlich sinkenden Temperaturen zum Trotz – auch in Sachen Bekleidung oder vielmehr Entkleidung dem Original anzupassen? Es müssen nicht einmal nur Frauen sein. Im Katalog zur großen Botticelli-Ausstellung, die jetzt in Berlin eröffnet wurde, ist eine Aktion des spanischen Künstlers Adrián Pino Olivera dokumentiert. In den Florentiner Uffizien ist er, nackt wie Gott ihn schuf, vor Botticellis Gemälde niedergekniet, faltet die Hände und blickt zur Venus auf.

„Während Leonardo da Vinci und Michelangelo, Raffael und Dürer“, stellen der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eisenhauer, und der Direktor des Victoria and Albert Museum in London, Martin Roth, im Katalog fest, „schon zu ihren Lebzeiten kanonischen Status erwarben und nie verloren, war Botticelli der Nachwelt lange kein Begriff.“ Erst im 19. Jahrhundert wurde er als einer der Großen der abendländischen Malerei wiederentdeckt.

Die Ausstellung, die im kommenden Frühjahr nach London ins Victoria and Albert Museum weiterziehen wird, konfrontiert Bilder des Meistes mit Zeugnissen seines Nachlebens, seiner Faszination auf spätere Kollegen – bekanntes Beispiel: Andy Warhols Siebdrucke des Venuskopfes von 1984. Neben der „Geburt der Venus“ ist auch „Der Frühling“, etwa 1486 entstanden, zum festen Bestandteil der modernen Populärkultur geworden. Diese beiden Spitzenwerke der Kunstgeschichte durften ihren Platz in den Uffizien natürlich nicht verlassen. Aber ein halbes Hundert Botticelli-Bilder ist in der Ausstellung zu sehen. Aus eigenen Beständen konnte die Berliner Nationalgalerie unter anderem den sogenannten „Bardi-Altar“ von 1485 beisteuern: eine thronende Maria mit dem Kind, flankiert von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten. Das Bild, das 1485 gemalt wurde, gilt als Botticellis religiöses Hauptwerk in seiner frühen Periode.

Oder das wunderbar zarte Rundbild „Maria mit dem Kind und singenden Engeln“, 1477. Oder den „Hl. Sebastian“, 1474. Dichter wie Gabriele d'Annunzio und Rainer Maria Rilke ließen sich von ihm inspirieren. In der Schwulenbewegung hat es auch dieser Sebastian zu einer Art Ikone gebracht. Der Märtyrer steht da von Pfeilen durchbohrt, die seiner Schönheit dennoch nichts anhaben können. Vor einigen Jahren kam der Würzburger Kunsthistoriker Damian Dombrowski zu dem Schluss, es handle sich um die malerische Wiedergabe der neuplatonischen Philosophie des Marsilio Ficino: Die unsterbliche Seele bleibe, da einer höheren Sphäre angehörend, von den Leiden des Körpers unbefleckt.

Evelyn de Morgan: Flora
1894 (De Morgan Foun-
dation, London)
Bild: Wikipedia

Aber es gibt keinerlei Dokumente, die belegen würden, inwieweit der Maler sich mit solchen Gedanken befasst hat. Aus dem Berliner Kupferstichkabinett sind einige Blätter aus Botticellis Illustrationen zu Dantes „Göttlicher Komödie“ ausgestellt. Skizzen für einen Freskenzyklus, der dann nicht ausgeführt wurde? Auf dem spätesten dieser Blätter, die Kunsthistoriker datieren es auf etwa 1494, hat Botticelli seine Signatur angebracht; ein Engel empfiehlt ihn der göttlichen Gnade.

Mit der Biographie des Malers im Gedächtnis, die zwei Generationen später sein Kollege Giorgio Vasari schrieb, neigen wir, vielleicht etwas vorschnell, dazu, hierin das Zeugnis einer religiöse Bekehrung zu sehen. Botticelli, schrieb Vasari, sei von den Mahnungen des Bußpredigers Girolamo Savonarola in den frühen 1490er Jahren derart beeindruckt gewesen, dass er das Malen aufgab. Bis heute ist in populären Darstellungen zur italienischen Renaissance zu lesen, er habe mit eigener Hand einige seiner schönsten Bilder in Flammen aufgehen lassen.

Der Stoff, aus dem Künstlerromane geschrieben werden. Aber wie für Botticellis Neuplatonismus fehlt auch für seine „Bekehrung“ jeder dokumentarische Beleg. Der Kunsthistoriker Uwe Rehm erklärt in seinem Katalogbeitrag Vasaris Darstellung denn auch rundweg zu einem „Zerrbild“. Gesichert ist, dass Botticelli auch in seinen letzten Lebensjahren noch Aufträge erhielt. Ein Wandel ist dennoch festzustellen: weg von der Schönlinigkeit, hin zu einem stark expressiven Stil. Aus der National Gallery, London, ist die sogenannte „Mystische Geburt“, eine Darstellung des Stalls von Bethlehem, nach Berlin gekommen, gemalt im Jahr 1501. Im Vergleich mit früheren Bildern des Malers wirkt sie beinahe mittelalterlich. Savonarola war bereits 1498 hingerichtet worden. Es könnte sein, dass Botticelli, wie immer er selbst gedacht haben mag, das Bild für einen Anhänger des Dominikanermönchs schuf.

Dem Gedächtnis der Nachwelt und unserer Gegenwart freilich hat sich der frühe Botticelli eingeprägt, also der vor der vermeintlichen Bekehrung.  Ein frühes Beispiel der Botticelli-Rezeption im 19. Jahrhundert bietet das Gemälde „Die Quelle“ von dem französischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres. Es wurde 1820, gleich nach Ingres Rückkehr von einer Florenz-Reise konzipiert. Der Frauenakt lehnt sich unverkennbar an die „Venus“ an.

Seit den 1860er Jahren breitete sich in England ein wahrer Botticelli-Kult aus. Maler wie Edward Burne-Jones und Dante Gabriel Rossetti ahnten in ihrem Kollegen aus dem Florenz der Frührenaissance einen Seelenverwandten; seine religiösen und mythologischen Bilder dienten als Vorbilder für ihren eigenen, symbolisch und mystisch verrätselten Stil. Aber es ging auch ganz anders. 1939 wollte Salvador Dalí über dem Eingang eines Pavillons auf der New Yorker Weltausstellung eine fünf Meter hohe Reproduktion von Botticellis „Venus“ anbringen; das Gesicht allerdings war durch einen wenig appetitlichen Fischkopf ersetzt. Das Ausstellungskomitee stellte sich dagegen; Dalí veröffentlichte seine Kreation auf dem Deckblatt eines Pamphlets, in dem er sich über so viel Phantasiearmut beklagte: „Hätten ähnliche Komitees im unsterblichen Griechenland existiert, hätten die Griechen niemals ihre sensationelle und herausfordernde Mythologie entwickelt.“

Weniger aufgeregt gab sich René Magritte in seinem Gemälde „Das fertige Bouquet“, 1956. Wir sehen von hinten auf einen Mann mit Melone, der vor Bäumen steht; auf den Rücken seines Jacketts ist Botticellis „Frühling“ projiziert. Wie es seine Art war, hat Magritte niemals Hinweise zur Auflösung des Bildrätsels gegeben. An die Grenzen dessen, was sich „Kunst“ nennen lässt, führt die Aktion mit dem Bild „Frühling“, die der Ägypter Youssef Nabil 2009 in den Uffizien durchführte. Der Einfachheit halber gibt die Ausstellung Nabils eigenen Bericht an die Besucher weiter: Es „war das erste Kunstwerk, das ich als Kind in Kairo kennenlernte. Mitte der 1970er Jahre hing eine großformatige, gerahmte Reproduktion in meinem Zimmer. Ich hatte dieses Bild immer vor Augen, als letztes, bevor ich einschlief, und als erstes, wenn ich morgens aufwachte.“ Die Direktion der Uffizien erteilte ihm die Erlaubnis, eine Nacht vor dem Bild zu schlafen. „Ich durchlebte einen sehr persönlichen Moment und erinnerte mich an meine Kindheit in Ägypten.“

Botticelli: Hl. Sebastian
1474 (Gemäldegalerie
Berlin)
Bild: Wikipedia

Auch die Mode hat sich bei Botticelli bedient. 1993 kreierte Dolce & Gabbana ein Flatterkleid und einen Hosenanzug, die mit Gesicht und Körper der Venus bedruckt waren. Durch Lady Gaga kam die „Geburt der Venus“ auf diesem Wege 2013 zu Ehren in der Popkultur. Die Pose der Göttin ist offenbar so tief ins kollektive Bewusstsein eingedrungen, dass wir es selbst kaum noch merken. 1992 brachte die niederländische Fotografin Rineke Dijkstra eine Reihe von „Beach Portraits“ heraus. Als  man sie darauf aufmerksam machte, eines ihrer Modelle stehe genauso da wie Botticellis Venus, war sie überrascht, diesen Bezug habe sie gar nicht beabsichtigt. Das Modell Erin Kinney selbst bestätigte: „Es war sehr windig, mir flogen immer wieder die Haare ins Gesicht, bis ich sie festgehalten habe. Die Pose von Botticellis Venus, die heute viele in dem Bild sehen, ist also zufällig entstanden.“

Venus und immer wieder die Venus … 2009 schuf der Amerikaner David Lachapelle seine fotografische Arbeit „Rebirth of Venus“. Da steht ein blondes Model zwischen zwei muskulösen Männern; der linke bedeckt ihre Scham mit einer Muschel. Es geht um Sex, da lässt Lachapelle keinen Zweifel. Und in dieser Eindeutigkeit sind die modernen Anverwandlungen vom Original eben doch ein gutes Stück entfernt, auch wenn man unterstellt, dass Botticelli von den philosophischen Spekulationen über himmlische und irdische Liebe, die am Hof der Medici gepflegt wurden, vielleicht gar nicht so viel aufgenommen hat. Offenbar wusste schon das 19. Jahrhundert mit diesen weltanschaulichen Voraussetzungen der Renaissance nicht mehr viel anzufangen. Aus dem Musée d'Orsay in Paris ist die „Geburt der Venus“ von dem französischen Maler William Bouguerau, 1879, in Berlin zu sehen. Seine Nackte präsentiert sich dem Betrachter in unverhüllter Sinnlichkeit. Dahinter wird niemand eine Philosophie vermuten.


Neu auf dem Büchermarkt:
The Botticelli Renaissance, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Hirmer Verlag, München 2015, 978-3-7774-2370-8, 45,- € (D], 46,30 € [A], 54,90 CHF, 55,- USD


Ausstellung:

The Botticelli Renaissance, Gemäldegalerie, Berlin (24.9.2015 -24.1.2016)

Victoria and Albert Museum, London (5.3. - 3.7.2016)



Mehr im Intenet:

Botticelli - Wikipedia
Ausstellung The Botticelli Renaissance
scienzz artikel Renaissance

 

 

 

 

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