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25.11.2015 - NEUERE GESCHICHTE

Das Jahr ohne Sommer und das Jahr des Hungers

Die weltweiten Auswirkungen des Tamboraausbruchs 1815

von Josef Tutsch

 
 

Krater des Tambora
Bild: NASA/Wikipedia

In Mittelfranken war es im Juni so kalt, dass der Ofen angeschürt werden musste. In Unterfranken regnete es von Ende Mai bis Ende Juni fünf Wochen lang ununterbrochen; nach drei trockenen Tagen regnete es wochenlang weiter. In Regensburg hatte der Juni keinen einzigen Sonnentag. Goethe, der in der Hoffnung auf angenehmeres Wetter aus Weimar ins thüringische Schwefelbad Tennstedt umgesiedelt war, klagte über das „fürchterliche“ Wetter. Ende Juli, Anfang August durfte er sich über ein paar freundliche Tage freuen; aber die Wege waren so „kotig“, dass er selbst auf kleinste Wanderungen verzichten musste.

1816 ist als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingegangen, das folgende Jahr 1817 aufgrund der Missernten als ein „Jahr des Hungers“. Wie es zum „fürchterlichen“ Wetter gekommen war, konnte niemand sagen, obwohl die Katastrophe im fernen Indonesien dem naturwissenschaftlich interessierten Publikum in Europa Anfang 1817 durch eine Zeitungsmeldung bekannt wurde. „Morgenblatt gelesen“, notierte Goethe am 20. Februar 1817 in sein Tagebuch: „Geschichte eines neuentstandenen Vulkans auf Sumbawa.“

Nun, neu entstanden war der Tambora auf der kleinen Insel Sumbawa östlich von Java und Bali nicht; aber im April 1815 war er mit fürchterlicher Gewalt ausgebrochen. „Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“, hat Wolfgang Behringer, Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes, sein Buch überschrieben, in dem er die Geschichte dieser Katastrophe zum 200. Jahrestag neu erzählt. Vor Ort fielen diesem größten und verheerendsten Vulkanausbruch der letzten Jahrtausende zwischen 70.000 und 120.000 Menschen zum Opfer; die Zahl der indirekten Opfer weltweit lässt sich gar nicht schätzen.

Von diesen weltweiten Auswirkungen ahnte aber nicht einmal der britische Gouverneur Sir Thomas Stamford Raffles etwas, der zur Zeit des Ausbruchs die Insel Java verwaltete und bereits in den Wochen nach dem Ereignis Augenzeugenberichte einholen ließ. Im Sommer 1817 bereiste Raffles Europa; der nasse und kalte Sommer kann ihm nicht entgangen sein; doch er verfiel nicht auf die Idee, da einen Zusammenhang zu vermuten. Darauf kam erst 1913 der amerikanische Physiker William Jackson Humphreys.

Heute ist in der Naturwissenschaft allgemein anerkannt, dass heftige Vulkanausbrüche durch den Ausstoß von Asche, Gasen und Schwebeteilchen die Zusammensetzung der Atmosphäre -  und damit das Klima der folgenden Jahre – weltweit verändern können. Nur das Klima im meteorologischen Sinne, nicht auch das soziale, kulturelle, politische Geschehen? Vor einigen Jahren erregte Behringer mit seine Studie über die Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit Aufsehen: Jene Klimaveränderung seit dem 14. Jahrhundert, die als „Kleine Eiszeit“ bekannt geworden ist, habe Schuldzuweisungen herausgefordert und damit am Ende die Hexenprozesse herbeigeführt. Oder jedenfalls mit herbeigeführt. Behringer: „In solchen Krisenzeiten suchte man Sündenböcke, verfolgte und ermordete Außenseiter.“

Hunger in der Schweiz 1817, Illustration von
Anna Barbara Giezendanner - Bild: Wikipedia

Nun also der Tamboraausbruch von 1815 und seine weltweiten Folgen. Dabei trifft das Wort vom „Jahr ohne Sommer“, stellt Behringer fest, das Phänomen nicht so ganz: In den meisten Weltregionen war das Jahr in der Tat zu kalt; zu allem Unglück hatte es seit 1812 ohnehin eine Abkühlung gegeben, der Vulkanausbruch traf auf eine Art „Mini-Eiszeit“ und verstärkte sie noch. Aber zum Beispiel in Russland war der Sommer 1816 eher zu warm. In Westeuropa und China war er zu feucht, in Nordamerika, Indien und Südafrika dagegen zu trocken. Je nach ihrem Zusammenspiel mit anderen Faktoren können sich die vulkanischen Teilchen in der Atmosphäre eben sehr verschieden auswirken.

Doch allgemein kam es zu Missernten, zu Getreideknappheit, zu Lebensmittelteuerung, und in der Folge dann auch zu einem Anstieg der Kriminalität. Auf Flugblättern wurde der „Kornwucherer“ ein beliebtes Motiv, die Figur eines gierigen Spekulanten, der vom Teufel angetrieben wird, das Getreide zu horten. Manchmal ist er als „Kornjude“ etikettiert; in anderen Fällen fehlt diese Beschriftung – Behringer vermutet, aus Furcht vor Strafen, weil die Obrigkeiten damals dem populären Antijudaismus zu steuern versuchten.

In England wurde in diesem Hungerjahr 1817 die „Society for the Prevention of Pauperism“ gegründet. Die kommende Epoche hatte ihr Schlagwort: „Pauperismus“, eine „neue Form der Armut, wie man sie während der Zeit des Ancien Régime nicht gekannt hatte“. Der erzählende Ton, in dem Behringer über diese Jahre nach dem Tamboraausbruch berichtet, könnte beinahe den Ehrgeiz seines Forschungsprogramms verschleiern. Mit der Beobachtung, dass die neue Armut aus einer Klimakrise resultierte, will er nicht mehr und nicht weniger als die gängigen Erklärungsansätze zur Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts „korrigieren“, vor allem die Vorstellung, der Pauperismus sei eine Folge der Industrialisierung.

„Korrigieren“, sagt der Autor. Sollte es nicht, ein Stück bescheidener, heißen: ergänzen? In dem Buch finden sich reichlich auch andere Stellen, die klarmachen, dass da ein ganzes Bündel von Faktoren zusammenkommt: „Viele dieser Prozesse hätten zweifellos auch ohne die Tamborakrise stattgefunden, sie diente lediglich als Katalysator.“ Behringer nennt einige Faktoren an, die mit dem Tambora gar nichts zu tun haben können: die Erschöpfung der Lebensmittelvorräte durch die napoleonischen Kriege; die Überfüllung des Arbeitsmarktes durch die vielen Soldaten, die aus den Kriegen heimkehrten; die Überflutung der europäischen Märkte mit Baumwollprodukten aus den englischen Fabriken nach dem Ende der Kontinentalsperre, die zu Arbeitslosigkeit führte.

Man könnte die Liste noch lange fortsetzen, bis hin zur Erschütterung des Denkens durch die Revolution, die im Gegenzug zu Restaurationsbemühungen führte. Aus Bayern ist belegt, dass im Volk das Verbot der Wallfahrten, das der allmächtige Minister Maximilian von Montgelas im Geiste der Aufklärung durchzusetzen versuchte, für die Hungerkrise verantwortlich gemacht wurde. Für den 30. März 1817 kündigte in Oberösterreich ein Sektierer den Weltuntergang an; um ihn doch noch abzuwenden, kam es vor Ostern sogar zu einem Menschenopfer.

William Turner: Chichester Canal, 1828 (Tate
Gallery, London) - Bild: Wikipedai

Nein, als universale Erklärung des Geschichtsprozesses taugt die Klimageschichte ebenso wenig wie andere monokausale Determinismen auch. Man spürt die Begeisterung, mit der Behringer seinen neuartigen Ansatz verfolgt; in dieser Begeisterung wurde er vermutlich auch zu der einen oder anderen etwas unvorsichtigen Formulierung gedrängt. Und seine Kritik an der Blindheit der bisherigen Geschichtsschreibung für den Aspekt „Klima“ ist durchaus nachzuvollziehen: Bislang „fehlt die Tamborakrise in allen Standardwerken zur Wirtschafts- und Sozial- und sogar zur Armutsgeschichte“. Dabei gibt der Vulkanausbruch im April 1815 sehr plausibel einen gemeinsamen Nenner für viele Entwicklungen der folgenden Jahre.

 Vielleicht auch in der Kunst- und Literaturgeschichte? Der Gedanke, die düster leuchtenden Sonnenuntergänge auf vielen Gemälden von William Turner und John Constable und Caspar David Friedrich, die bis heute das Entzücken der Kunstfreunde bilden, könnten auf den Tambora zurückgehen, wurde in den letzten Jahren bereits gelegentlich geäußert. Ausgerechnet in diesem Punkt bleibt Behringer zurückhaltend: „Beweisen kann man es nicht, widerlegen auch nicht.“ „Kunststile und Kunstformen folgen ihrer eigenen Logik und sind nicht unbedingt von äußeren Ereignissen abhängig.“ Bei anderen sozialen Sektoren dürfte das allerdings ganz ähnlich sein.

Durchaus wahrscheinlich ist, dass die Literaturgeschichte dem „Jahr ohne Sommer“ einen Anstoß verdankt. Im Mai 1816 waren die Schriftsteller Percy Shelley, Mary Wollstonecraft und George Byron vor dem nasskalten Wetter aus England an den Genfer See geflohen. „Ein fast ständig andauernder Regen beschränkt uns vor allem auf das Haus.“ Man unterhielt sich mit Schauergeschichten. Neu zu erfinden, brauchte man die „gothic novel“ nicht, es gab sie bereits seit einm halben Jahrhundert. Aber in Wollstonecrafts Phantasie wurde in diesen Tagen die Horrorstory aller Horrorstorys geboren: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte, Verlag C. H. Beck, München 2015, ISBN 978 3 406 67615 4, 398 S., 24,95 € [D], 25,70 € [A], eBook 19.99 €


Mehr im Internet:

Jahr ohne Sommer - Wikipedia
scienzz artikel 19. Jahrhundert
scienzz artikel Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften

 

 

 

 

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