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07.01.2016 - GESCHICHTE

Gewalt im Namen des Christentums und des "Westens"

von Josef Tutsch

 
 

Seinen Ursprung hatte das Buch im Irakkrieg des George W. Bush. Als Mediävist, also Spezialist für das abendländische Mittelalter, schreibt der französische Historiker Philippe Buc, der zur Zeit an der Universität Wien arbeitet, habe er sich für dieses Thema eigentlich nicht zuständig gefühlt. Aber als politisch interessiertem Zeitgenossen war ihm aufgefallen, dass es in Bushs Reden zu diesem Krieg verblüffende Parallelen etwa mit den Briefen Papst Gregors VII. im 11. Jahrhundert gab. Und zwar unter einem Stichwort, das westlichen Lesern zunächst einmal völlig unverfänglich vorkommen wird: „Freiheit“. Im Jahr 1081, noch bevor die Kreuzzüge eröffnet wurden, schrieb Gregor, die „Glieder Christi“ müssten kämpfen, „um die Elenden (die Glieder des Teufels) zur christlichen Freiheit zurückzuführen“. 2002 sagte Präsident Bush in einer Rede: „In diesem großen Konflikt [mit dem Terrorismus] werden wir den Sieg der Freiheit erleben.“

Bloß eine Gemeinsamkeit der Worte? Oder eine Kontinuität des Begriffs? Buc hat einen über 400 Seiten dicken Band zum Thema „Gewalt im Namen des Christentums“ vorgelegt. So lautet der deutsche Untertitel; aber dieser Ausdruck führt ein wenig in die Irre. Der Verfasser hat auch moderne politische Strömungen, die man eher „post-christlich“ nennen müsste, einbezogen. 1794 propagierte der Ideologe der Französischen Revolution, Louis-Antoine de Saint-Just: „Man muss einen langen Krieg gegen alle Anmaßungen führen, und da das Eigeninteresse in den Menschen unbesiegbar ist, kann die Freiheit eines Volkes nur auf das Schwert gegründet werden.“

Das Thema Irakkrieg hätte natürlich nahegelegt, neben dem Christentum zum Vergleich auch die konkurrierende große Weltreligion, den Islam, zu behandeln. Schließlich hat das Machtvakuum, das durch den Irakkrieg hervorgerufen wurde, dem „Islamischen Staat“ seine Basis geschaffen und damit einen in dieser Radikalität bislang unbekannten Ausbruch von Gewalt „im Namen des Islams“ ermöglicht. Aber ausgerechnet da bleibt Buc zurückhaltend: „Da der Autor auf diesem Gebiet kein Experte ist, wird er sich zum Thema muslimische Gewalt nur sehr zurückhaltend äußern.“

Eine Auslassung, die im spezialisierten Wissenschaftsbetrieb von heute wohl unvermeidlich war und die man dennoch bedauern muss. Das Thema der religiös – allgemeiner gesagt: im Lichte höchster Werte - gerechtfertigten und geforderten Gewalt betrifft alle drei „abrahamitischen“ Religionen gleichermaßen; das zeigt schon ein Blick ins Alte Testament, nämlich auf die Auseinandersetzungen der Israeliten mit Kanaanäern, Babyloniern und Griechen. Ihren Höhepunkt fand diese Argumentationslinie im 1. Jahrhundert n. Chr.: Die Unterdrückung durch das Römische Reich erweckte bei jüdischen Rebellen den Eindruck, „das Zeitenende sei gekommen und ein Kampf werde beginnen, den der Messias beenden werde.“

Eine derartige „apokalyptisch-millenaristische Atmosphäre“, stellt Buc fest, „hat in allen Jahrhunderten bis in unsere Gegenwart massenhafte religiöse Gewalt in sich geborgen.“ Für die Rebellen war es ein Kampf um die Freiheit, für die Römer der Ausstieg aus den Segnungen einer weltumspannenden Zivilisation. Vielleicht ein Deutungsmuster, fragt der Leser unwillkürlich, das sich auch für den Terror radikaler Teile des Islams gegen den „Westen“ heute eignet?

Eroberung Jerusalems 1099, mittelaltterliche
Darstellung - Bild: Wikipedia

Doch diese Frage sprengt den Rahmen, den sich Buc gesetzt hat. Die christliche Kirche der folgenden Jahrhunderte jedenfalls hat den Standpunkt eines „heiligen“ Endkampfes übernommen, indem sie sich selbst an die Stelle des Volkes Israel setzte. Buc hält sogar für möglich, dass es bereits im Frühchristentum Strömungen gegeben hat, wie sie zur gleichen Zeit in den Schriftrollen vom Toten Meer zu Worte kommen: „Dann wird das Schwert Gottes zum endgültigen Urteil herbeieilen, und alle Kinder Seiner Wahrheit werden erwachen, um den Kindern der Bosheit ein Ende zu bereiten […] Sie werden restlos bis zur Vernichtung niedergestampft.“

Buc bringt eine lange Reihe von Beispielen, wie in den folgenden Jahrhunderten Kriegswillen und Friedensneigung, radikaler Pazifismus und apokalyptisches Kämpfertum immer wieder Hand in Hand gingen. Nicht nur in den Kreuzzügen, sondern auch bei manchen verfolgten Minderheitengruppen im Christentum, etwa bei den Hussiten, die doch eigentlich ein ewiges Reich des Friedens verkündeten – und auf ihren Kriegszügen im Namen dieses Ideals Teile Mitteleuropas verwüsteten.

Die Kirche des Mittelalters hatte das Problem, dass Frieden und Gewalt eigentlich nicht zusammengehen wollten, durchaus gesehen. Sie suchte ihren Ausweg, indem sie die Gewaltausübung an den „weltlichen Arm“ delegierte, sowohl für den Krieg gegen die Ungläubigen als auch für die Ketzerverfolgung, während der eigene Klerus auf Gewaltlosigkeit verpflichtet wurde. Buc zitiert ein Gebet aus der Zeit der Kreuzzüge, das die Aufgaben dieses weltlichen Arms verdeutlicht. Darin wird Gottes Beistand und Hilfe angefleht, damit „alle Nöte und Irrtümer vernichtet werden und Deine Kirche Dir in sicherer Freiheit diene“.

Offenbar konnte man sich die eigene „Freiheit“ nur dann als gesichert vorstellen, wenn die Umwelt zur eigenen Religion bekehrt war. „Man kämpfte für die eigene Freiheit“, schreibt Buc, „und dafür, andere zur Freiheit zu zwingen.“ Die theologische Begründung lieferte in der Mitte des 4. Jahrhunderts der christliche Schriftsteller Firmicus Maternus: Es sei besser, „Menschen gegen ihren Willen zu befreien, als denen Vernichtung [gemeint ist: ewige Verdammnis] zu Teil werden zu lassen, die sie begehren“.

Buc verschweigt nicht, dass es in der christlichen Kirche immer wieder auch andere Stimmen gegeben hat. So forderte ein kirchliches Gesetz im 13. Jahrhundert: „Es steht im Gegensatz zur christlichen Religion, irgendjemanden, der immer die Bekehrung verweigert hat, zu zwingen, ein Christ zu werden und zu bleiben.“ Zum Gesamtbild gehört ebenso, dass die politische Ethik des Abendlandes nicht nur den „heiligen“, sondern auch den „gerechten“ Krieg kennt – einen nach irdischen, menschlichen Maßstäben gerechtfertigten Krieg. Aber zweifellos war die Versuchung groß, aus der eigenen Heilserkenntnis auch eine Pflicht für andere zu folgern. Eine inner-theologische Diskussion, die heute als abgetan gelten darf? Nicht doch. In seiner Abhandlung „Über den Gesellschaftsvertrag“ schrieb Jean-Jacques Rousseau 1762: „Jeder, der sich weigert, sich dem allgemeinen Willen zu fügen, wird vom ganzen politischen Körper dazu gezwungen […] Das heißt nichts anderes, als dass man ihn zwingen wird, frei zu sein.“

Ruine des World Trade Center in
New York, 2001 - Bild: Jim Wat-
son/US Navy/Wikipedia

Eine Logik, die George Orwell zweifellos gefallen hätte: Freiheit ist Zwang. „Eine bestimmte Art, Krieg zu führen, ist für den Westen typisch“, schreibt Buc – genauer gesagt: eine bestimmte Art, Krieg (und Gewalt ganz allgemein) moralisch zu begründen und zu rechtfertigen. Da steht Bushs Rhetorik in einer langen Tradition, auch dann, wenn man nur die amerikanische Politik berücksichtigt. 1941 meinte Präsident Franklin D. Roosevelt, seinen Bürgern den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg am ehesten akzeptabel zu machen, indem er ihnen die Aussicht eröffnete, die Freiheiten der amerikanischen Verfassung würden bald universale Gültigkeit erlangen.

Den religiösen Ursprung dieses Gedankens hatte bereits hundert Jahre zuvor Alexis de Tocqueville festgestellt: „Die Amerikaner denken Christentum und Freiheit als so miteinander verschmolzen, dass es fast unmöglich ist, von ihnen zu verlangen, sich das eine ohne das andere vorzustellen.“ Der deutsche Leser wird bedauerlich finden, dass der Verfasser etwa die Konzepte eines Heinrich von Kleist und eines Johann Gottlieb Fichte und eines Ernst Moritz Arndt zur Heiligung des „Befreiungskrieges“ gegen Napoleon nicht in seine Darstellung einbezogen hat. Aber es finden sich Passagen über die „Rote Armee Fraktion“ in dem Buch: Sie interpretierte ihren Terror als eine Art von Heiligem Krieg.

 Gewalt im Namen höchster Werte … „O Freiheit, welche Verbrechen werden in deinem Namen begangen“, sagte die französische Schriftstellerin Madame Roland, als sie 1793 aufs Schafott geführt wurde. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war die Parole „Freiheit“ weltweit so populär geworden, dass auch die Ideologen des islamischen Fundamentalismus sich dem nicht verschließen konnten. Buc führt den 1966 hingerichteten Hauptvertreter der ägyptischen Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb, an, der von einer „universellen Proklamation der Freiheit des Menschen von der Knechtung durch andere Menschen“ träumte. Zwei Zeilen später machte Qutb klar, was er darunter verstand: die „Durchsetzung der göttlichen Scharia“.

Für diesen Vater des politischen Islams, resümiert Buc, „war die Unterwerfung unter Gott die wahre Freiheit des Menschen“. Und fügt hinzu: „wie für seine christlichen Vettern“. Damit mag George W. Bush gemeint sein. Nach den islamistischen Terrorattacken der letzten Jahre fragt sich der Leser, wo Buc eigentlich die Trennlinie zwischen (legitimer) Verteidigung westlicher Freiheit einerseits, einem (illegitimen) Zwang gegen andere Länder, sich zum westlichen Way of Life zu bekehren, andererseits ziehen würde. Aber der Verfasser hält sich in den Grenzen seines historischen Metiers.


Neu auf dem Büchermarkt:
Heiliger Krieg. Gewalt im Namen des Christentums, aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Philipp von Zabern, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8053-4927-7, 39,95 €


Mehr im Internet:

Kreuzzüge - Wikipedia
scienzz artikel Geschichte Europas

 

 

 

 

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