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24.01.2016 - KUNSTGESCHICHTE

Purpur, Ultramarinblau und Co.

Aus der Kulturgeschichte der Farben

von Josef Tutsch

 
 

Madonna, vom Maitre de
Jacques de Besancon, En-
de 15. Jh. - Bild: Wikipedia

Als Mitte des 18. Jahrhunderts das vom Vesuv verschüttete Pompeji ausgegraben wurde, war die Öffentlichkeit von der Dekoration der Wandflächen entzückt. Vor allem die rote Ockerfarbe faszinierte – in Europa wie in Nordamerika wetteiferte alle Welt darum, die Esszimmer in „Pompejanisch Rot“ zu gestalten, ganz in dem Ambiente, wie einst die alten Römer getafelt hatten. Leider fanden die Technikhistoriker heraus, dass roter Ocker ursprünglich gar nicht rot gewesen sein muss; er kann entstanden sein, indem gelber Ocker durch extreme Hitze dehydriert wurde – etwa durch den Vulkanausbruch im Jahr 79 n. Chr. Viele Forscher, berichtet die britische Journalistin Victoria Finlay in ihrem neuen Buch über Farben, vermuten heute, dass ein Großteil der Fresken in Pompeji gar nicht rot gehalten war, sondern gelb.

Wenige Phänomene erschüttern unseren Glauben, die äußere Welt sei „wirklich“ so, wie wir sie wahrnehmen, derart nachhaltig wie die Farben. Finlay bietet einen turbulenten Streifzug durch dieses Feld auf der Schnittstelle zwischen Physik und Geschmacksgeschichte, Technik und künstlerischem Ausdruck. Nicht zu vergessen, dass die Farben oft auch eine Frage der Gesundheit sind. Im 18. Jahrhundert verlangte die Mode von jungen Frauen ein elfenhaft helles Gesicht. Die Damen trugen ein Make-up aus Bleiweiß auf. Das brachte für einige Jahre den gewünschen Effekt, führte dann jedoch zu bläulichen Hautveränderungen, zu Verstopfungen und Wahnvorstellungen und am Ende zu einem frühen Tod.

Niemand kann sagen, wie viele Menschen die Herstellung und Verwendung von Bleiweiß mit Krankheit und frühem Tod bezahlen mussten. In der Malerei nimmt man heute ersatzweise Titanoxid, ein gutes und beständiges Weiß, schreibt Finlay, das allerdings nicht so verführerisch glitzert. Um des schönen, farbigen Scheins willen haben Menschen von jeher sowohl sich selbst als auch ihren Mitmenschen die größten Opfer abverlangt. In den Minen von Almadén in Kastilien wurde bereits in der Antike Quecksilber abgebaut. Die Sklavenarbeiter waren einem schleichenden und schmerzvollen Tod geweiht. Man benötigte Quecksilber, um daraus Zinnober herzustellen, mit dem sich die Gladiatoren gern bemalten; das gab ihnen ein kriegerisches Aussehen. In den 1770er Jahren wurden smaragdgrüne Tapeten der letzte Schrei. Wahrscheinlich, meint Finlay, liegt in dieser Mode auch der Grund für die Gerüchte, Napoleon sei auf Sankt Helena vergiftet worden: Sein Zimmer hatte grüne Tapeten, und dieses Grün war aus Arsen gewonnen. 

Oft ist der Aufwand, den die Künstler treiben mussten, erst bei chemischer Analyse zu erkennen. Im Schwarz der Wandmalereien von Lascaux in der Dordogne wurden Spuren eines seltenen Manganoxids, Hausmannit, gefunden. Sie ergaben ein intensiveres Schwarz als Ruß oder Holzkohle. Ein Effekt, der sich heute kaum noch nachvollziehen lässt; die Ausdünstungen vieler hunderttausend Besucher haben die Farben verblassen lassen. Aber wie kamen die Künstler an diesen Farbstoff? Natürliche Vorkommen in der Nähe von Lascaux sind nicht bekannt. Womöglich wurde das Hausmannit aus den etwa 240 Kilometer entfernten Pyrenäen herbeigeschafft.

Ein derartiger Aufwand ist nicht so unwahrscheinlich, wie es vielleicht klingt. In Australien wurden im 19. Jahrhundert junge Männer auf monatelange Reisen geschickt, damit sie „heiligen“ roten Ocker holen konnten. Im europäischen Mittelalter war es das Gold, das unter allen Farben den höchsten Rang einnahm. Andere Farben waren jedoch kaum weniger kostbar. „Ultramarinblau“ -  der Name bedeutet so viel wie „Blau von jenseits des Meeres“, aus Übersee. Bereits die Ägypter importierten Lapislazuli aus Afghanistan. Es dauerte aber noch Jahrtausende, bis es möglich war, daraus eine reine blaue Farbe zu gewinnen. Im Mittelalter wurde es für die Künstler Pflicht, das Gewand der Gottesmutter Maria in Blau zu malen.

Philippe de Champaigne: Kardinal
Richelieu, 1640 (National Gallery,
London) - Bild: Wikiedia
Dass die Maler heute nicht mehr auf den afghanischen Lapislazuli angewiesen sind, verdanken sie indirekt der Konkurrenz der beiden Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich im frühen 19. Jahrhundert. Die Briten kontrollierten die Handelswege auf den Weltmeeren; in Frankreich fand ein Chemiker den Weg zur synthetischen Herstellung von „Französisch Ultramarin“. Eine andere Variante von Blau hat Weltgeschichte gemacht: Die Ausbeutung der Arbeiter auf den Indigoplantagen im nordindischen Bihar gab Mahatma Gandhi 1917 den Anstoß für seine Kampagne des zivilen Ungehorsams.

In wie vielen Bildern des 18. und 19. Jahrhunderts mag jener Farbstoff enthalten sein, der damals unter dem Namen „Mumienbraun“ gebräuchlich war? Um 1712 hatte in Paris ein Geschäft für Künstlerbedarf „À la Momie“ eröffnet. Zerriebenes Mumienfleisch eignete sich angeblich besonders gut für Schattierungen. 1964, berichtet Finlay, meldete das „Time“-Magazin, einem Londoner Farbenhersteller sei einige Jahre zuvor das „Material“ für diese Farbe ausgegangen.

Finlay weist darauf hin, dass bis ins 18. Jahrhundert hinein alle Maler ihre eigenen Pigmente mischten. Erst im Zuge der Industrialisierung wurde es üblich, sie in vom Farbenhändler zu kaufen – das erklärt mindestens zum Teil, warum die Künstler des Historismus oft so verzweifelt-sehnsüchtig nach dem „Geheimnis“ ihrer Vorbilder in Renaissance und Barock suchten. Wenn es darum geht, den Fälschern alter Kunst auf die Spur zu kommen, ist der Wandel der Farbentechnik wiederum ein großes Glück. 1947 wurde nachgewiesen, dass in Han van Meegerens angeblich echten Vermeer-Bildern Farben enthalten waren, die es im 17. Jahrhundert nicht gegeben hatte. Meegeren war ein betrogener Betrüger – sein Farbenverkäufer hatte das kostbare Ultramarin aus Afghanistan mit billigem Kobaltblau versetzt.

Der eine oder andere moderne Künstler wusste die Möglichkeiten der Chemie produktiv zu nutzen. William Turner war geradezu berüchtigt dafür, dass er neue Farben sofort ausprobierte, sobald sie erhältlich waren. Ende der 1950er Jahre erprobte Yves Klein eine Mischung von ganz gewöhnlichem Ultramarinblau mit einem neu erfundenen Bindemittel namens Rhodopas M60A und gab dem Verfahren seinen eigenen Namen: „IKB“, „International Klein Blue“. Es wurde ein Welterfolg, der bis heute andauert. Die Farbe, umschreibt Finlay das Ergebnis, erscheint „wie eine samtig matte Fläche“, der Betrachter gewinnt den Eindruck, in diesem reinen, ungesättigten Blau baden zu können. Und Klein war ein Genie der theatralischen Präsentation. Auf Photographien von seinen Kunstaktionen ist zu sehen, wie er seine nackten Modelle anweist, sich mit IKB einzustreichen und sich dann auf Papier zu wälzen.

Bei den Eiszeitkünstlern vor 14.000 oder 18.000 Jahren kam Blau dagegen gar nicht vor; ihre Farbskala bestand aus Rot, Gelb, Schwarz, Braun und Weiß. Bereits im Alten Orient begnügte man sich jedoch nicht mehr mit rotem Ocker, wie er in der Natur zu finden ist. Als Caesar Ägypten eroberte, war er von der „purpurfarbenen“ Kleidung am Pharaonenhof hingerissen. Gut möglich, dass Caesars neuer Kleidungsstil mehr als alles andere die traditionsbewussten Republikaner in Rom gegen den Diktator aufbrachte.

Yves Klein: Schwammreliefs für das Musikthea-
ter im Revier, Gelsenkirchen - Bild: Pedro
Malinowski/Musikthater im Revier/Wikipedia

Finlay hat ausgerechnet, dass mehr als 250.000 Purpurschnecken gebraucht wurden, um eine einzige Toga rot zu färben. Kein Wunder, dass Purpur zum Kennzeichen der Mächtigen wurde. Kehrseite allerdings: Während des Herstellungsprozesses stanken die Wannen mit den fauligen Schnecken ganz entsetzlich. Selbst die eingefärbten Stoffe behielten einen eigentümlichen Geruch nach Fisch und Meer. Es war eine Sensation, als nach der Entdeckung Amerikas die Koschenilleschildlaus als neuer „Lieferant“ von roter Farbe entdeckt wurde. Die Läuse sind bis heute sowohl in Lippenstiften als auch in industriell verarbeitetem Schinken enthalten. 

Nichts prägt heute unsere Vorstellung vom höfischen Rokoko in den letzten Jahrzehnten vor der Französischen Revolution so sehr wie das bemalte Porzellan. Madame de Pompadour, die Maitresse Ludwigs XV., trieb ihre Kunsthandwerker zu immer neuen Farbkreationen an. Europaweit berühmt wurde ein zauberhaftes Rosa, in England wurde es als „Pompadour pink“ bekannt. Es war eine Reaktion auf das „bunte“ Rokoko, dass im späten 18. Jahrhundert Weiß in Mode kam., nach dem Vorbild der alten Griechen und Römer.

Der Glaube, die antike Welt wäre rein weiß gewesen, war so fest gebaut, schreibt Finlay, dass Farbreste auf Funden manchmal abgekratzt wurden – das konnte unmöglich original sein. In den 1880er Jahren wurden in Paris Gipsabgüsse ausgestellt, die von Forschern versuchsweise farbig bemalt worden waren. Der Bildhauer Auguste Rodin reagierte empört. „Ich spüre hier drinnen“, klopfte er mit der Faust auf seine Brust, „dass sie niemals bemalt waren.“ Heute sind sich die Archäologen einig: Antike Bauten und Standbilder waren – vielleicht nicht immer, aber doch sehr oft - farbig. Finlay vermutet, dass die Künstler durch Farbauftrag auf Marmor oder Bronze sogar einen „realistischen“ Hautton erzeugen konnten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Victoria Finley: Colours. Die Geschichte der Farben, aus dem Englischen von Gina Beitscher, Theiss Verlag, Darmstadt 2015, 120 S., ISBN 978-3-8062-3164-9, 24,95 €


Mehr im Internet:

Farben - Wikipedia
scienzz artikel Kunstpraxis

 

 

 

 

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