Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Medien
Kontakt
archiv
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
Wissenschaft

03.03.2016 - KUNST

Eine Geschichte des Kunstsammelns

von Josef Tutsch

 
 

Joseph-Noel Sylvestre: Sammler
Bild: Wikipedia

Der „Schwabinger Kunstfund“ 2012 in der Wohnung des Cornelius Gurlitt hat es wieder einmal ins öffentliche Bewusstsein gehoben: Die Judenverfolgung im Dritten Reich und der Zweite Weltkrieg waren der größte Kunstraub in der Geschichte der Menschheit. Zu Hitlers Träumen vom Tausendjährigen Reich gehörte das „Führermuseum“ im oberösterreichischen Linz, der Plan einer großen Kunstsammlung, die seinen Namen tragen sollte. Im Juni 1938 formulierte die Reichskanzlei den sogenannten „Führervorbehalt“, mit dem sich Hitler den vorrangigen Zugriff auf geraubte Kunstwerke zunächst in Österreich und Tschechien, später in allen besetzten Ländern Europas sicherte.

Der „Führer“ wollte eben auch als Kunstsammler und Kunstförderer ewigen Ruhm gewinnen. Eine Kompensation für sein Scheitern als Maler, das offenbar ein lebenslanges Trauma hinterlassen hatte? Oder war seine Selbstinszenierung als Kunstfreund bloße Propaganda? In den 1920er Jahren, als Hitlers finanzielle Mittel noch beschränkt waren, berichtet der Historiker Hans-Ulrich Thamer von der Universität Münster, sammelte er Landschafts- und Genrebildern von Münchner Malern des 19. Jahrhunderts; diese Stilrichtung entsprach seinem persönlichen Geschmack, den er damals im Kontakt mit seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann weiter ausbildete. Später durfte Hoffmann das Bild vom Kunstfreund Hitler in Bildbänden publikumswirksam vermarkten.

„Eine Geschichte von Leidenschaft und Macht“ hat Thamer seine Kulturgeschichte des Kunstsammelns überschrieben. Ja, Kunstsammeln kann eine Leidenschaft sein, wehe, wenn der Sammler die Macht hat, ihr ungehemmt nachzugehen. Nicht erst im Nationalsozialismus wurde die Grenze zum unrechtmäßigen Erwerb gern überschritten. Im März 1416, vor gerade 500 Jahren, starb der französische Herzog Jean de Berry. In die Kunstgeschichte ist er eingegangen, weil er sich ein Stundenbuch von den Brüdern Limburg illustrieren ließ – die berühmteste Buchmalerei des späten Mittelalters. Aber er bereicherte seine Sammlung auch mit anderen Mitteln, etwa indem er durchblicken ließ, das eine oder andere „Geschenk“ könne ihn wohlwollend stimmen. Und vor allem „vergaß“ er immer wieder, entliehene Bücher zurückzugeben; irgendwann tauchten sie dann in seinem Inventarverzeichnis auf. Erst auf dem Totenbett konnte ihn sein Beichtvater bewegen, auf das eine oder andere Stück zu verzichten.

Jean de Berry scheint es tatsächlich um Kunst gegangen zu sein. Aber die Grenzen zur Naturalien- und Kuriositätensammlung blieben bis in die Zeit der Aufklärung fließend. Die Schatzkammern der weltlichen Herren wurden bis ins 18. Jahrhundert gern als „Kunst- und Wunderkammern“ bezeichnet. Auch in so manchem Kirchenschatz wurden neben Kunstwerken etwa Elefanten- und Narwalzähne aufbewahrt; wie die Raritäten aus der Natur diente die Kunst dazu, den kostbarsten Besitz hervorzuheben: die Reliquien der Heiligen. Unnötig zu sagen, dass auch das Reliquiensammeln eine Leidenschaft war, die zu befriedigen manche Umwege eingeschlagen wurden. Im 9. Jahrhundert sollen venezianische Kaufleute die Gebeine des Hl. Markus, unter gepökeltem Schweinefleisch versteckt, aus Alexandria entführt haben. Viele Reliquiensammlungen im westlichen Europa bezogen ihre Schätze aus der Beute des 4. Kreuzugs 1204 in Konstantinopel.

„Wie der Klerus“, schreibt Thamer, „war auch der weltliche Fürst allein schon aus seinem Amtsverständnis heraus zum Sammeln von Kostbarkeiten und Objekten des herrschaftlichen Prunks gleichsam verpflichtet.“ Indem weltliche und kirchliche Schatzkammern Objekte von Wert horteten, demonstrierten sie vor Besuchern das Vermögen und die soziale Stellung eines Herrscherhauses, eines Klosters, eines Domkapitels. Die Figur des modernen Kunstsammlers entwickelte sich im späten Mittelalter erst ganz allmählich aus dieser Legitimations- und Repräsentationsaufgabe. Ein früher Vertreter dieses Sozialtypus, der Kunst sammelt, weil es sich eben um Kunst handelt, war jener „vergessliche“ Jean de Berry.

Johann Zoffyny: Die Tribuna der Uffizien
(Royal Collecktion, Windsor Castle)
Bild: Wikipedia


Thamer führt den Leser auf einen turbulenten Streifzug durch die Geschichte des Kunstsammelns und der Kunstsammler. Und streng ökonomisch betrachtet, handelt es sich weitgehend um eine Geschichte der Unvernunft. „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“, stöhnte in den 1920er Jahren der Kunsthändler Alfred Flechtheim, nachdem er sein Vermögen (und das seiner Frau) wieder einmal in den Erwerb von Gemälden von Picasso und Bracque umgesetzt und seine Galerie in Turbulenzen gestürzt hatte. Daneben freilich gibt es seit jeher einen anderen Sammlertypus, der Kunst in der Hauptsache als Kapitalanlage betrachtet. Immer wieder wurden die Schätze in den Kunstkammern, ganz wörtlich, „versilbert“, wenn die Fürsten dringenden Finanzbedarf hatten. Für Investoren heute kann es ein lohnendes Geschäft sein, die Werke aufstrebender junger Künstler zu kaufen, solange die noch einigermaßen günstig zu haben sind; später kann man sie vielleicht sehr teuer wiederverkaufen.

Soziales Ansehen allerdings lässt sich mit dem Kunstsammeln als bloßer Kapitalanlage auch nicht gewinnen. Thamer zitiert den Schweizer Historiker Jacob Burckhardt, der Ende des 19. Jahrhunderts schrieb: „Der Sammler kann sich erheben zum allmählichen Mitleben mit der neueren sowohl als der antiken Kunst, und endlich kann er die höchste Stufe erreichen, wenn er von verschiedenen Meistern Vorzügliches oder auch das Beste erwirbt.“ Und, eine Generation später, den Kunsthistoriker Max Friedländer, der zeitweise als Direktor der Berliner Gemäldegalerie amtierte: „Der Kunstbesitz ist so ziemlich die einzige anständige und vom guten Geschmack erlaubte Art, Reichtum zu präsentieren. Den Anschein plumper Protzigkeit verjagend, verbreitet er einen Hauch ererbter Kultur. Die Schöpfungen der großen Meister geben dem Besitzer von ihrer Würde ab, zuerst nur scheinbar, schließlich aber auch wirklich.“

Es fällt leicht, diesen „guten Geschmack“ als bildungsbürgerliche Ideologie zu verdächtigen. Aber was wären Paris, Madrid, Wien, München, Sankt Petersburg und Florenz ohne ihre großen Museen, die ihren Ursprung der Sammelwut der Bourbonen, der Habsburger, der Wittelsbacher, der Romanows und der Medici verdanken? Um 1610 organisierte Rudolf II. um seine Sammlung auf der Prager Burg ein ganzes Forschungszentrum. Thamer erzählt, dass Rudolf von dem Nürnberger Kaufmann Paulus Praun unbedingt einige Werke italienischer Meister erwerben wollte; zum Tausch bot er ihm einige kostbare Edelsteine. Praun fand einen eleganten Ausweg: Er schrieb nach Prag, seine Bilder seien künstlerisch unbedeutend und eines Kaisers nicht würdig.

Anders als vielfach geglaubt, betont Thamer, war es nicht erst die Französische Revolution, die das Kunstsammeln zur nationalen Aufgabe, jenseits der persönlichen Vorliebe der Regierenden erklärte. Seit den 1760er Jahren wuchs in Frankreich die patriotische Begeisterung, „in der öffentlichen Debatte konstruierte man einen engen Zusammenhang zwischen dem Sammeln französischer Kunst und dem Allgemeinwohl des Vaterlands“. 1774 spielte Johann Wolfgang von Goethe als Minister des Herzogtums Sachsen-Weimar mit dem Gedanken, die Wartburg in Eisenach als Museum zur Erinnerung an die deutsche Vergangenheit zu nutzen. Als die Kölner Klöster und Kirchen 1802/1803 unter französischer Herrschaft säkularisiert wurden, nutzte der Kanonikus Ferdinand Franz Wallraf die Gelegenheit, eine riesige Sammlung von Gemälden, Handzeichnungen, Glasfenstern, Kupferstichen, Holzschnitten, Büchern, Landkarten, Bronzen und geschnittenen Steinen zusammenzutragen. Oder vielmehr: Er fühlte sich verpflichtet, das zu erwerben, was verschleudert oder zerstört zu werden drohte.

Wallraf muss ein sehr unsystematischer Sammler gewesen sein, aber die Stadt Köln verdankt ihm den Grundstock ihres Museumsbesitzes. Auf den größten „Kunstsammler“ - oder sollte man sagen: „Kunsträuber“? - der romantischen Epoche geht Thamer übrigens nur am Rande ein. Napoleon ließ Tausende von Kunstwerken aus ganz Europa in die Hauptstadt seines Imperiums, nach Paris, bringen. Wahrscheinlich, meint Thamer, hat gerade dieser Raub und die Zurückführung der meisten Schätze nach dem Wiener Kongress in Deutschland das Bewusstsein für den Wert von Kunstwerken gefördert – und damit auch für die soziale Funktion von Kunstsammlern.

Museum Ludwig in Köln
Bild: Josef Tutsch


Was die außereuropäischen Kulturen angeht, haben sich sowohl öffentliche Museen als auch private Sammler bis in die jüngere Vergangenheit nicht anders verhalten als der große Napoleon; in den Kolonien gab es ja auch keine Instanzen, die dem Kunstraub Widerstand entgegengesetzt hätten. Hundert Jahre nach Napoleon, so will es jedenfalls die Anekdote, bereicherte Kaiser Wilhelm II. die Museen seiner Hauptstadt gelegentlich aber auch mit diplomatischeren Mitteln. Der Generaldirektor des Kaiser-Friedrich-Museums, Wilhelm von Bode, als „Bismarck der Berliner Museen“ bekannt, instruierte ihn, bei seinen Besuchen in den Wohnhäusern des reichen Bürgertums diesem oder jenem Kunstwerk seine Bewunderung zu zollen – niemand hätte es gewagt, solch zarten Winken Seiner Majestät nicht zu folgen.

Auch eine Art, sich als Mäzen zu gerieren. Vielleicht bekam der eine oder andere Sammler jedoch ebenso den Unwillen des Kaisers zu spüren – wenn er manche seiner Neuerwerbungen nicht rechtzeitig abgehängt hatte. Seit den 1880er Jahren wurden die französischen Impressionisten auch in Deutschland „modern“. Nicht allerdings beim Kaiser, der bei einem Besuch in der Nationalgalerie die Bilder Auguste Renoirs als „rosarote Schweinchen“ bezeichnete.

Das Sammeln moderner Kunst, schreibt Thamer, „symbolisierte das Bedürfnis, sich über ästhetische Konventionen hinwegzusetzen“, „ein Gespür für das Neue und Moderne, aber auch für das andere und Fremde sichtbar zu machen“. Anders als Wilhelm II. vielleicht argwöhnte, war damit keine politische Opposition verbunden. „Zu einem nationalen Kulturdeutschtum und zur Hohenzollernmonarchie bekannten sich auch die vermögenden Wirtschaftsbürger und Galeristen, die nun Impressionisten sammelten.“ Zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Sammlern damals hat Thamer keine Unterschiede gefunden. Wahrscheinlich erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde in der Öffentlichkeit eine „vermeintliche Vorliebe der jüdischen Minderheit für Avantgardekunst“ hervorgehoben, paradoxerweise sowohl von antisemitischer als auch von zionistischer Seite. Das Judentum, hieß es 1924 in einer Schrift über „Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart“, trage „den Prozess der Umkehr in sich symbolisch aus. Das Judentum stand immer in Zeiten der Wende vorne an, aber noch nie in Ausmaßen wie gerade heute.“

Das Dritte Reich verwandelte den persönlichen Widerwillen Wilhelms II. gegen die Avantgarde in eine brutale „Geschmacksdiktatur“. Unter dem Stichwort „Entartete Kunst“ wurden „modern“ und „jüdisch“ für beinahe synonym erklärt. Wie wenig konsistent das nationalsozialistische Konzept einer „deutschen Kunst“ war, macht Thamer an einem Beispiel klar. 1930 wetterte Alfred Rosenberg, es sei eine „innere Unmöglichkeit“, sich „heute noch“ Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ an die Wand zu hängen. Offenbar wusste er nicht, dass Hitler auch Bilder von Böcklin sammelte.

Im Verborgenen, berichtet Thamer, sozusagen im „Hinterstübchen“, ging das Sammeln auch moderner Kunst unter der nationalsozialistischen Diktatur jedoch weiter. Im Nachhinein berühmt wurde der Kölner Rechtsanwalt Josef Haubrich. Als das Wallraf-Richartz-Museum sich von seinen verfemten Bildern trennen musste, gelang es Haubrich, das eine oder andere Stück zu erwerben; nach dem Krieg schenkte er seine Sammlung wieder der Stadt Köln. Ein Engagement, das allerdings auch seinen „Preis“ hatte, und Haubrich wurde nach 1945 vorgeworfen, der sei unter moralischen Gesichtspunkten zu hoch gewesen. Aber eine solche Betrachtungsweise, meint Thamer, wäre unhistorisch: Für seine Ankäufe „entarteter Kunst“ im Dritten Reich habe Haubrich sicherlich „deutliche Preinachlässe“ erhalten; „aber es wäre verfehlt, ihm zu unterstellen, er habe mit der Kunst lediglich spekuliert oder rein ökonomische, auf Gewinnmaximierung gerichtete Absichten verfolgt“.

Kunstsammeln in der Gegenwart? Es gibt sie auch heute noch, die individuellen Mäzene, die zu Reichtum gekommen sind, mit ihrem Vermögen Kunst um der Kunst willen sammeln und ihre Schätze manchmal bereits zu Lebzeiten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das prägnanteste Beispiel bieten vielleicht der 1996 verstorbene Kölner Schokoladenfabrikant Peter Ludwig und seine Frau Irene, die einen immensen Bestand zusammengetragen haben, von präkolumbianischer Kunst bis zur Pop-Art. Inzwischen gibt es, über die Welt verstreut, gut ein Dutzend „Museen Ludwig“, die den Namen der Stifter in die Zukunft tragen.

Die Leidenschaft war in diesem Fall gewiss gegeben. Die „Macht“ allerdings, die öffentliche Stellung, die sich Ludwig durch seine Stiftungen verschaffte, wurde von Beobachtern immer wieder kritisch beargwöhnt. Dass dieser Sammler seine eigenen Prioritäten setzte, wurde der Öffentlichkeit schmerzlich bewusst, als Ludwig seine bedeutende Sammlung illuminierter mittelalterlicher Handschriften, auf die sich das Kölner Schnütgen-Museum Hoffnungen gemacht hatte, nach Amerika verkaufte. Der Streit erreichte seinen Höhepunkt, als 1982 Ludwigs Angebot bekannt wurde, den wesentlichen Teil seiner Kunstschätze in eine nationale Stiftung einzubringen – das Wort vom ungewählten „Bundeskunstminister“ machte die Runde. Die Frage, ob darin mehr eine Chance für die Kultur oder mehr eine Gefährdung der Demokratie liege, wurde niemals ausgetragen. Am Ende zog Ludwig sein Angebot zurück.


Neu auf dem Büchermarkt:
Hans-Ulrich Thamer: Kunst sammeln. Eine Geschichte von Leidenschaft und Macht, Philipp von Zabern, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8053-4915-4, 260 S., 29,95 €


Mehr im Internet:
Sammeln - Wikipedia
scienzz artikel Kunstpflege

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie nach Fachgebieten aufgeschlüsselt eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.
Beispiel: Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr


Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr


Dossiersammlung
Religion
> mehr


Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr


Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr


Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr


Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr


Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet