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16.02.2016 - KULTURGESCHICHTE

Der Umgang mit dem Wasser in Antike und Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Tunnel des Eupalinos auf Samos
Bild: Moumouza/Wikipedia

Als Gaius Iulius Caesar im Jahr 48 v. Chr. die ägyptische Residenz Alexandria belagerte, bemerkte er, wie ungünstig die Wasserversorgung und das Abwassersystem der Stadt für die große Bevölkerungsmehrheit geregelt waren. Nur die Häuser reicher Privatleute, schrieb er in seinem Buch über die „Bürgerkriege“, seien an die Kanäle vom Nil her angeschlossen, in denen sich der Schmutz langsam absetzen könne. Die meisten Einwohner müssten ihr Wasser direkt aus dem Nil nehmen, „derart verschmutzt und schlammig, dass es viele Krankheiten verursacht“.

Caesar brauchte es gar nicht ausdrücklich zu schreiben, seine Leser wussten es aus eigener Erfahrung: Das war in Rom, der jungen Hauptstadt der Mittelmeerwelt, besser organisiert – bei aller Unterlegenheit ansonsten gegenüber der uralten Zivilisation am Nil. „In der überlegenen Hydraulik der Römer manifestierte sich zugleich ihr politischer Führungsanspruch über den gesamten Mittelmeerraum“, schreiben die Freiburger Historiker Sitta von Reden und Christian Wieland in ihrem Sammelband, dem sie den lapidaren Titel „Wasser“ gegeben haben. Wer weiß, vielleicht hätte die germanische und keltische Bevölkerung an Rhein und Donau die römische Herrschaft viel weniger leicht angenommen, wenn die römische Ingenieurskunst etwa durch die Wasserleitung von der Eifel nach Köln das Leben nicht spürbar angenehmer gemacht hätte.

Der Band geht auf Arbeiten zurück, die eine Forschergruppe um die Historiker der Universität Freiburg im Breisgau zu der Frage erstellt hat, wie die Politik in Antike und Neuzeit den lebensnotwendigen Umgang mit Wasser zu organisieren versuchte. Vom archaischen Griechenland bis zu den Großstädten des 19. Jahrhunderts; die aktuellen Diskussionen etwa zum Thema „öffentlich vs. privat“ sind ausgeklammert, ebenso die Entwicklungen außerhalb Europas. Gerade im Orient liegt jedoch der wissenschaftshistorische Bezugspunkt der Aufsatzsammlung, wie von Reden und Wieland in der Einführung erläutern. Ende der 1950er Jahre gab es hitzige Diskussionen um das Buch des deutsch-amerikanischen Soziologen Karl August Wittfogel über die „hydraulische Gesellschaft“. Wittfogel hatte in China, Indien, Mesopotamien und Ägypten den Umstand gefunden, dass die Notwendigkeit einer zentralen Organisation des Wasserwesens die Ausbildung despotischer Herrschaftsformen begünstigte. Und er setzte dem die kleinteilige Geographie Europas entgegen, wo die Vielzahl der Städte Gegengewichte zur zentralisierten Staatsgewalt schuf.

Ein allzu deterministisches Modell, kommentieren von Reden und Wieland: Es gibt in der Weltgeschichte keine eindeutige Korrelation zwischen der Bedeutung des Wasserbaus für eine Gesellschaft und ihrer politischen Verfassung; zumindest in Europa haben sich große hydraulische Bauprojekte mit den verschiedensten Verfassungen vertragen. Zwei frühe Beispiele bringt die Freiburger Historikerin Astrid Möller in ihrem Artikel über das archaische Griechenland. Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde auf Samos der sogenannte „Eupalinos-Tunnel“ angelegt, ein mehr als 1.200 Meter langer Stollen durch einen Berg, der die Hauptstadt mit Wasser versorgen sollte. Wahrscheinlich, meint Möller, entstand das Bauwerk im Rahmen der Konkurrenz aristokratischer Familien um die Alleinherrschaft. Einem einzelnen Bauherrn, etwa dem berühmten Tyrannen Polykrates, sei es jedenfalls nicht zuzuschreiben; sonst wäre es kaum unter dem Namen des von auswärts herbeigeholten Architekten Eupalinos bekannt geworden.

Zweites Beispiel: die Wasserleitung, die von den Bergen Attikas zum Brunnenhaus am Rand der Athener Agora führte, angelegt wenige Jahrzehnte später. In diesem Fall dürfte tatsächlich ein Tyrann dahinter gestanden haben, Peisistratos, der damals in Athen herrschte. Dass Projekt dürfte zu jenen Maßnahmen gehört haben, mit denen er sich das Wohlwollen der Bürger erkaufen wollte. Bau und Unterhaltung der Anlage waren jedoch von der Mitarbeit vieler abhängig. In aller Vorsicht spricht Möller die Vermutung aus, solche Projekte könnten die „kollektive Identität“ der griechischen Städte intensiviert haben, in diesem Fall: zu dem, was wir die „athenische Demokratie“ nennen.

Brücke über die Cesse (Languedoc)
Bild: Holdi Sigg/Wikipedia

Das führt natürlich auf die Frage zurück, warum es zum Beispiel im alten Ägypten eine solche Entwicklung nicht gegeben hat. Sitta von Reden befasst sich in ihrem Beitrag mit den Wasserbauprojekten in der Spätzeit der ägyptischen Kultur, nach der Eroberung durch Alexander den Großen. Anders als Caesar das am Ende dieser Epoche wahrnehmen konnte, leitete sich der Herrschaftsanspruch der Ptolemäer-Dynastie, schreibt Reden, nicht zuletzt von den technischen Leistungen her, die unter ihr vollbracht wurden. Der Pithom-Kanal vom Nil zum Roten Meer diente als Bewässerungsanlage, aber auch als Durchfahrtsweg für Kriegssschiffe; im Fajum-Becken wurde durch ein Kanalsystem eine riesige Menge von Ackerland neu erschlossen.

Politisch hatte die Anlage sicherlich auch den Zweck, die ägyptische Bevölkerung mit der griechischen Herrschaft zu versöhnen. Aber natürlich wurden die Leistungen der Ingenieure ebenso für den Luxus am Ptolemäerhof in Anspruch genommen; wenn man den literarischen Quellen glauben will, muss der Palastgarten in Alexandria mit seinen Brunnen ein wahres Wunderwerk gewesen sein. Diese Doppelheit von Ökonomie und Repräsentation hat sich in der Geschichte als Konstante gehalten. Im 17. Jahrhundert, stellt Christian Wieland dar, wollten sich die Päpste in die Tradition der römischen Caesaren stellen, indem sie sich um einen sauberen, schnellen und für die Anwohner ungefährlichen Tiberlauf bemühten. Zugleich wurden die Endpunkte der Wasserversorgung in der Ewigen Stadt mit prächtigen Brunnen geschmückt, in den Gärten der Kardinäle entstanden kunstvolle Wasserspiele.

Die „Wassergemeinwesen“ par excellence in der Frühen Neuzeit waren jedoch Venedig und die Niederlande. Ihre Existenz, schreibt Wieland, „hing von der Fähigkeit ihrer Eliten ab, das zerstörerische Potential des Wassers zu zähmen und zu transformieren“.  Beide Gemeinwesen waren Republiken, „Sonderfälle inmitten einer vom Prinzip der Erbmonarchie dominierten politischen Kultur“. Im Kampf gegen die permanente Gefahr der Überflutungen sieht Wieland geradezu einen „niederländischen Gründungsmythos“, gleichrangig neben dem Widerstand gegen Spanien um die republikanische Freiheit.

Das lässt sich wohl in Parallele setzen zum antiken „Mythos“ von Ägypten als einem Geschenk des Nils – nur dass die beiden Mythen mit sehr unterschiedlichen politischen Verfassungen einhergingen. Aber auch in der frühen Neuzeit lässt sich das, wenn man so will, „despotische“ Modell finden. Zwischen 1663 und 1684 ließ König Ludwig XIV. nördlich der Pyrenäen den 240 Kilometer langen Canal du Midi graben. Bei der Nachwelt sind es Schloss und Garten von Versailles, die den Ruhm des Sonnenkönigs bewahren; viele Zeitgenossen dagegen bezeichneten diesen Kanal als neues Weltwunder. Er war, so schreibt die kalifornische Kultursoziologin Chandra Mukerji, das ehrgeizigste und teuerste technische Projekt seiner Regierungszeit. Zweck war es, eine Wasserstraße zwischen Mittelmeer und Atlantik zu bauen – aber eben auch, die notorisch aufsässigen Provinzen im Südwesten Frankreichs an die Bourbonenmonarchie zu binden. Die Rechnung ging auf, meint Mukerji: Sowohl der Kanalbau selbst als auch die Möglichkeiten, die er eröffnete, trugen dazu bei, die lokalen Eliten mit der zentralen Staatsverwaltung zu verflechten.

Nicht nur durch seine Kriege und seine Bauten, ebenso durch diese technische Großleistung wollte sich der König als legitimer Nachfolger der römischen Kaiser beweisen. Mukerji: „Die Franzosen waren in der Lage, die Art von beeindruckender Ingenieursleistung zu vollbringen, die Rom so mächtig gemacht hatte.“ Aber anders als es sich der König vielleicht gedacht hatte, vermerkt die Kultursoziologin, trat er selbst dabei kaum in Erscheinung. In dem technischen Wunderwerk und seinen Wirkungen war die Macht quasi „entpersonalisiert“, der Kanal war ein Beispiel unpersönlicher Herrschaft.

Kronleuchtersaal in der Kölner Kanalisation
Bild: A. Savin/Wikipedia

Eine etwas andere „Wasserkultur“ hat Wieland im England des 17. Jahrhunderts gefunden. „Anstatt die Natur mit allen Kräften des Verstands weiterzuentwickeln und damit zu vervollkommnen, musste es dem Menschen darum zu tun sein, sie möglichst so zu bewahren, wie man sie vorgefunden hatte.“ Darin darf man wohl eine Vorbereitung jener Geschmacksrevolution sehen, die wenig später zum „Englischen Landschaftsgarten“ führte, in Abkehr vom geometrischen Garten des französischen Barocks. Zwei verschiedene Vorstellungen, wenn man so will, von den Möglichkeiten des modernen Menschen, sich den Weg ins Paradies zu ebnen: durch „massive Veränderung“ der Natur oder durch „Konservierung“.

Unnötig zu sagen, dass die Zeit seit der Industriellen Revolution mehr durch die massiven Eingriffe geprägt war. Der Historiker Franz-Josef Brüggemeier hat sich die Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung in den Großstädten in der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts vorgenommen. Anfang des Jahrhunderts, berichtet Brüggemeier, war der englische Sozialreformer Edwin Chadwick noch ganz selbstverständlich davon ausgegangen, es bedürfe eines diktatorischen Herrschers wie Napoleon, um diese Probleme, die sich durch das Wachstum der Städte noch weiter verschärft hatten, endlich anzupacken. Zwei Generationen später setzten Teile des Bürgertums ihren Stolz darein, jeweils für ihre Stadt entsprechende Anlagen zu schaffen.

Oft, schreibt Brüggemeier, wurden die neuen Pumpwerke und Kanalisationen vornehmen Besuchern als neue Attraktionen vorgeführt. 1890 durfte Kaiser Wilhelm II. in Köln die Kanalisation einweihen; die Stadtväter empfingen ihn in einem Nebenraum, den sie eigens mit zwei Kronleuchtern geschmückt hatten. In der Sicht der Zeitgenossen hatte sich die Wertschätzung solcher technischen Anlagen drastisch verändert. Die früheren „Kloaken“, die nun abgelöst wurden, galten als Symbole der politischen Unordnung und des moralischen Zerfalls. Und wohl auch eines Untergrunds, in dem sich Bedrohungen für die etablierte Gesellschaft sammeln könnten. 1862 veröffentlichte der britische Schriftsteller John Hollinshead sein Buch „Underground London“. In den unkontrollierten alten Kanälen, behauptete Hollingshead, seien Kinderleichen zu finden; dort existierten „wilde Stämme“, die er als „city Arabs“ bezeichnete. Die Warnung war deutlich: Würden die Städte die Sanierung nicht endlich anpacken, könnten sie an die Oberfläche durchbrechen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Wasser. Alltagsbedarf, Ingenieurskunst und Repräsentation zwischen Antike und Neuzeit, herausgegeben von Sitta von Reden und Christian Wieland, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, 170 S., ISBN 978-3-525-31718-1, 34,99 €


Mehr im Internet:
Wasserbau - Wikipedia
scienzz artikel Umwelt

 

 

 

 

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